08.06.2010 · Ob Tiki-Taka, One-Touch oder van Gaals Mondrian-Adaption: Welche Mannschaft repräsentiert das Stilideal unserer Zeit? Eine ästhetische Betrachtung des Fußballs kurz vor der Weltmeisterschaft.
Von Peter KörteFünf Tage noch, dann ist die Welt mal wieder alles, was der Ball ist. Am Freitag wird im südafrikanischen Johannesburg die 19. Fußballweltmeisterschaft eröffnet. 32 Mannschaften, 64 Spiele, ein Ziel. Ein deutscher Bezahlsender verspricht 24 Stunden Fußball am Tag, auf anderen Kanälen wird es auch mehr Sendeminuten als Pässe pro Spiel geben, und es wird so viel über die Stimmung, die Stadien, die Sicherheit, die Folklore, das ganze Drumherum geredet werden, dass das Spiel fast zur größten Nebensache der Welt wird.
Das ist der Normalfall; so wie es normal ist, von einer WM nicht den schönsten Fußball zu erwarten, weil eine nationale Auswahl eben nie jenen Grad von blindem Verständnis erreicht wie eine Vereinsmannschaft. Aber eine WM ist nun mal die Fußball-Expo, ein Ort, an dem die Erwartungen zusammenschießen, eine große Projektionsfläche. Und da das Renommee des Weltmeistertitels nicht zu übertreffen ist, kann man auch schon mal fragen, wie sich denn der Erfolg zur Schönheit des Spiels verhält, weil diese an der Theke, auf der Tribüne und an der Taktiktafel der Maßstab ist, nach dem man schmutzige Siege, gerechte Unentschieden oder tragische Niederlagen beurteilt.
Dramatischer und visuell abwechslungsreicher
Was ein schönes Spiel ist, scheint sich von selbst zu verstehen. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, klar, und wenn das auch eher wie eine Flucht in die Beliebigkeit klingt, dann versteckt sich darin doch zumindest die Frage: Wo muss sich der Betrachter eigentlich aufhalten, um die Schönheit des Spiels wahrzunehmen? Vorm Fernsehschirm oder im Stadion? Auf Höhe des Spielfelds, also gewissermaßen auf der Trainerbank, oder oben, unterm Tribünendach?
Es gibt keine einzelne, privilegierte Perspektive auf das Spiel, die mehr Einsicht garantierte; es gibt allerdings längst zwei Spiele, wenn man von der Ästhetik des Fußballs redet: die Fernsehsportart und das Spiel im Stadion; die Wahrnehmung mit bloßem Auge und die Wahrnehmung durch das Auge der Kamera. Fußball im Fernsehen ist eine besondere Spielart von Reality TV: eine Inszenierung, bei der die Weltregie im Sendezentrum die Bilder von bis zu dreißig Kameras live montiert. Im Stadion dagegen bleibt die Perspektive des Zuschauers auf das Feld neunzig Minuten lang nahezu gleich. Das menschliche Gesichtsfeld erfasst jeweils einen Winkel von etwa 120 Grad, ohne Schnitt, ohne wechselnde Bildgrößen.
Das Fernsehen kann ein Spiel dramatischer und visuell abwechslungsreicher erscheinen lassen. Wie etwa 2006, im Finale, als Zinédine Zidane nach seinem Platzverweis in die Kabine ging, vorbei am Pokal, den er mit einem kurzen Blick streifte. Im Stadion war das nur von wenigen Plätzen aus zu sehen. Vorm Fernsehschirm war es ein klassischer Spielfilmmoment, eine Emotionalisierung, die nur peripher zum Spiel gehört, aber die Wahrnehmung des Spiels durch den Zuschauer zusätzlich auflädt. So dass, wer darüber ein ästhetisches Urteil fällt, Inszenierung und realen Spielverlauf überblendet.
Jogo bonito dagegen, das schöne Spiel, was aus dem Portugiesischen längst als Imperativ zu uns gekommen ist: „Joga bonito!“, spiel schön!, das hat zuerst mit der Bewegung im umgrenzten Raum, mit seiner Aufteilung und Beherrschung zu tun – und es ist wohl kaum ein Zufall, dass der Fotograf Andreas Gursky für sein „EM, Arena, Amsterdam I und II“ die Kamera unterm Stadiondach aufbaute. Es gibt allerdings in diesem Raum auch keine Schönheit ohne Erfolg, und dieser Zusammenhang von Effizienz und Ästhetik ist grundlegend. Das hat sogar der Stammtisch begriffen, der zwar Spieler „Gras fressen“ sehen will und hämisch von „brotloser Kunst“ redet, weil ihm Kunst all das ist, was er nicht recht versteht, zugleich aber diffus verlangt, seine Mannschaft solle gefälligst schön spielen.
Eine Antwort auf das Spiel des Gegners
Als der FC Barcelona, derzeit beliebtester Exponent des schönen Fußballs, sich Ende April die Zähne an Inter Mailands Deckungsriegel ausbiss, da löste sich der schöne Fußball einfach auf; er scheiterte an seiner Selbstgenügsamkeit, weil ästhetische Qualität im Fußball ein Relationsbegriff ist: Schön kann allein das Spiel sein, welches eine Antwort auf das Spiel des Gegners findet.
Diese Relation gilt, seit es Fußball gibt, auch wenn die Schönheitsideale fast so häufig gewechselt haben wie in der Mode, zusammen mit den Spielsystemen; und natürlich finden sich in der jeweiligen Ära eines Stilideals immer unterschiedliche Auffassungen darüber, was schön ist. Nur eines existiert in der Ästhetik des Fußballs nicht: Kants interesseloses Wohlgefallen, weil Willen, Leidenschaft und Physis, die investiert werden, nichts Äußerliches sind, sondern sich unauflöslich verbinden mit den technischen, taktischen und spielerischen Fertigkeiten. Insofern lässt sich auch gar nicht entscheiden, ob nun das Robben-Solo über siebzig Meter schöner ist als Messis Dribbling, welches wie eine Kopie von Maradonas Alleingang wirkte; ob die Abspiele eines Xavi Hernandez kreativer sind als die in einer Computeranalyse sichtbare, makellose Verschiebung einer Viererkette, die antizipiert, wo sich Räume öffnen; ob der niederländische „Totaalvoetbal“ der siebziger Jahre eher auf der Höhe seiner Zeit war als der „Schalker Kreisel“ der dreißiger Jahre; ob das „Tiki-Taki“ genannte Kurzpassspiel der spanischen Nationalmannschaft ansehnlicher ist oder Kompaktheit und Vertikalspiel von Manchester United in der vorletzten Champions-League-Saison.
Man kann auch ein eher geometrisches Ideal pflegen, wie es Louis van Gaal tut, unter dem die Bayern so schön spielen wie seit ewigen Zeiten nicht mehr, trotz ihrer Chancenlosigkeit im Finale von Madrid. Der Niederländer gibt sich als später Erbe seines Landsmanns Piet Mondrian, wenn er das Spielfeld in 18 Rechtecke einteilt, in denen jeder Spieler seine Aufgabe zu erfüllen hat, und wenn er die Rechtecke mit der Bildung immer neuer Spieler-Dreiecke kombiniert, weil sich so die Zahl der Abspielmöglichkeiten erhöht. Für van Gaal sind Freiheit, Überraschung und Erfolg das Ergebnis von Ordnung – einem seiner Lieblingsbegriffe – und nur innerhalb ihrer möglich. Schön ist, was die Ordnung erhält, Ballbesitz sichert und Wege öffnet, die zum Abschluss führen.
Zweck oder Funktion ist allein der Sieg
José Mourinho ist nur scheinbar der große Antipode. Bei Chelsea wie bei Inter folgte er der Formel FFF, dem Designer-Leitsatz „form follows function“. Zweck oder Funktion ist allein der Sieg, und wenn es zu seinem Erreichen wichtiger ist, das Spiel des Gegners zu zerstören, als es selbst zu gestalten, dann ist die Formation der Defensive entscheidend. Das mag im alltäglichen Sinne nicht so schön aussehen, genügt jedoch in Präzision und dem Grad an Perfektion, wie Inter sie gegen Chelsea, Barcelona und gegen den FC Bayern demonstrierte, durchaus den Ansprüchen der Ästhetik. Das „schönere“ Spiel des Gegners lief ins Leere, und in dieser Leere begann die Geschichte des eigenen Erfolges, mit ihrer spezifischen Proportion von Aufwand und Ertrag.
Was diese beiden verschiedenen Stile und Taktiken miteinander gemein haben; was sie auch verbindet mit Arsène Wengers One-Touch-Football bei Arsenal London oder mit Barcas Ballstafetten; was einen vom ästhetischen Mehrwert eines Spiels sprechen lässt – das ist: der Flow, der je eigene Spielfluss, die Kontinuität, welche sich gerade im Versuch, sie zu unterbrechen, behaupten muss. Der Flow ist die zentrale Kategorie, wenn es um Schönheit geht im Fußball. Im Flow wird die Schönheit konkret, wobei man das im Sinne Hegels verstehen muss, bei dem konkret eben nicht anschaulich oder gegenständlich bedeutet, sondern sich herleitet vom lateinischen Verb concrescere, zusammenwachsen. Und das beschreibt exakt, was man von einem großen Spiel erwartet: die Vernetzung, die Verzahnung, das nahtlose Ineinandergreifen der Mannschaftsteile, die Präzision der Spielzüge in Angriff und Abwehr.
Die Erfüllung des Traums
Allerdings gilt auch: „Fußball ohne Fehler gibt es nicht“, wie der sonst nicht unbedingt philosophisch gestimmte Jupp Heynckes mal gesagt hat. Daraus ergibt sich, ästhetisch betrachtet, auch wieder ein Programm, weil das Gelingen meist den Fehler des Gegners voraussetzt und zugleich bei eigenen Fehlern ein Aktionsmuster vorhanden sein muss, welches die Auswirkungen des Fehlers kompensiert – was natürlich wieder mit der Anordnung der Spieler im Raum zu tun hat. Die mittlerweile im Fernsehen omnipräsenten „Analyse Tools“ sind ja nichts weiter als Fehlerdetektoren. Sie erlauben es, im Nachhinein durchzuspielen, wer wie zu Ball und Gegner stand und welche Eingriffsmöglichkeiten bestanden hätten. Wobei dann auch schon mal herauskommen kann, dass eine verteidigende Mannschaft im Positionsspiel zwar alles richtig gemacht, die individuelle Klasse des Gegners jedoch diese Bemühungen einfach ausgehebelt hat.
Und wenn man sich das alles anschaut, dann ist womöglich der Fußball, das Jogo bonito, die letzte Bastion von Hegels Ästhetik, welche das Schöne als das „sinnliche Scheinen der Idee“ bestimmte. Diese Idee zeigt sich, ganz unscheinbar, auch noch im letzten Grottenkick auf der Wiese; selbst er hat teil an dem Flow, weil die Akteure ja wissen, was sie gern tun würden, wenn sie es denn könnten. Auch sie gehören zu einem System mit Schatten, zu einer ständig gefährdeten Schönheit, welche sich eben nicht durch sich selbst definiert, sondern nur im Gegeneinander. Es ist eine agonale Ästhetik, dem Rhythmus einer komplizierten Choreographie vergleichbar, in der Schmerz und Scheitern, Triumph und Genie immer wieder neu ausbalanciert werden müssen; und in der aus einem schlichten Regelwerk und einem Minimum an Material eine immense Fülle von Möglichkeiten entsteht. Und genau deshalb freut man sich schon jetzt auf den kommenden Freitag, auch wenn die Partie Südafrika gegen Mexiko nicht gerade die Erfüllung des Traums vom schönen Spiel verspricht.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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