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Älter werden : Verfehlt

Mitstreiter machen den Lebensweg mit der Gehilfe leichter. Bild: Wonge Bergmann

Am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig: Älter werden ist nicht leicht. Wird man auf seinem Lebensweg von vielen begleitet, so ändern sich die Mitstreiter. Manche bleiben auf der Strecke.

          Man soll sich über das Altern nicht beklagen. So vieles daran ist einzigartig schön. Man sieht, wie der Lebensentwurf sich rundet, die Leistung der vergangenen Jahrzehnte bekommt erkennbare Kontur; die Kinder, vielleicht sogar die Enkel, die lange Sorgen gemacht haben, steuern in sicherere Bahnen. Man kann sich selbst anders verstehen, die eigene Jugend wird langsam historisch.

          Was früher im Denken getrennte Massen waren, fügt sich jetzt zueinander, verschmilzt vielleicht. Aber zu den Misslichkeiten des Alterns gehört eine Erfahrung, von der selten gesprochen wird. Der Blick auf Altersgenossen zeigt zuweilen etwas ganz Schreckliches, und das ist die Verfehlung. Nicht im alten Sinn der Sünde, des Fehltritts. Sondern in dem innerweltlich Furchtbareren einer Verfehlung dessen, was einmal möglich gewesen wäre.

          Das Scheitern, das Verkümmern gerade solcher, die man einmal für Genies oder jedenfalls für genialisch gehalten hatte, ist der größte Schmerz. Dann kam aus dem romantischen Blütenstaub keine Frucht. War nicht der pensionierte Studienrat, der seit seiner Doktorarbeit nichts mehr zustande gebracht hat, damals der geistvollste Mensch, den wir kannten, konnte er nicht spontan nach jedem Kinobesuch eine philosophische These zu dem Film formulieren – so, dass wir glaubten, erst in ihm einem Philosophen der richtigen Art begegnet zu sein? War es nicht jener Lyriker, der Ende der sechziger Jahre eine Prosadichtung als Künstlerbuch in einer Auflage von fünf Exemplaren veröffentlichte – wie staunten wir! –, den wir später nur noch als Herausgeber von Weihnachts-Anthologien wiederfanden, versauert und verbauert? Ist die Schöne von damals nicht seit Jahr und Tag in einem inneren Verlies verstummt?

          Und der Künstler, der die Offenheit des Raums zu seinem Projekt machte: Er wiederholt sich seit langem, nur die Formate wechseln noch – denn sein Gedanke, ausschließlich genommen, lässt andere Gehalte des Kunstwerks gar nicht mehr zu; was einmal eine Befreiungsidee war, mündete in die Monotonie. Man erkennt, wie grausam Lebenserfahrung sein kann, wenn sie einem solche Schicksale zeigt. Aber leise meldet sich am Ende der Gedanke: Tauschst du gerade die Trübung der anderen gegen die eigene Hochmutsverblendung ein?

          Quelle: F.A.Z.

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