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Ägyptens Protestbewegung So bitter schmeckt die Hoffnung

29.12.2011 ·  Die Revolution in Ägypten verblasst immer mehr zur Erinnerung. Doch der Kampf um Demokratie hat bei den Menschen einen Wandel im Denken bewirkt, der nicht zu unterschätzen ist.

Von Karen Krüger
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© AFP Wird in Ägypten künftig ein religiöser Führer oder ein Präsident das Sagen haben? „Das Volk ist die rote Linie“, steht jedenfalls auf diesem aktuellen Wahlplakat, das auf dem Tahrir-Platz abgerissen wurde

Alaa Abdel Fattahs Haare sind jetzt kurz geschnitten. Und er trägt neuerdings einen Bart. Ob die Haft, aus der er vor wenigen Tagen entlassen wurde, auch das Wesen des jungen Bloggers verändert hat, ob sie ihm den Mut rauben konnte, weiterzukämpfen für die Ziele der Revolution, werden die kommenden Wochen zeigen. Auf seinem Weg nach Hause legte der Aktivist jedenfalls - noch gekleidet in Häftlingsuniform - einen Stop auf dem Tahrir-Platz ein. Im Oktober war er ins Gefängnis gekommen, weil er dem Militär die Schuld an der Eskalation bei einer Demonstration gegeben hatte, bei der überwiegend koptische Christen getötet worden waren. Viel los war nicht auf dem Platz, als Abdel Fattah ihn erreichte. Man begrüßte ihn wie einen Held.

Das ägyptische Volk braucht junge Menschen wie ihn: Menschen, die politische Führungsqualitäten haben; die nicht nur im virtuellen Raum für Demokratie eintreten, sondern ganz real; die nicht nur mit Wut im Bauch kämpfen, sondern politische Visionen entwickeln könnten; die jetzt, da das Land in eine Schockstarre gefallen zu sein scheint, der Revolutionsbewegung neuen Mut einflößen. Vor zehn Monaten wurde Hosni Mubarak abgesetzt, seit gestern steht er wieder vor Gericht. Doch die derzeit laufenden Parlamentswahlen werden wohl mit einem Sieg der Islamisten und der alten Eliten enden. Alaa Abdel Fattah gilt als Symbolfigur der Proteste gegen diese Herrschaft.

Das Zeitalter der arabischen Aufklärung

Über Facebook, Twitter und Blog hatten er und seine Frau Anfang des Jahres dazu aufgerufen, sich zu erheben gegen das System Mubarak, gegen Willkür und Repression. Wochenlang demonstrierten sie auf dem Tahrir-Platz, machten ihn zusammen mit Tausenden von anderen jungen Ägyptern zu einem Spiegel, der das ägyptische Volk in seinem besten Zustand zeigte: mutig, durchsetzungsstark und hungrig nach Demokratie; entschlossen, für Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit einzustehen. Es sei ein Bild gewesen, das die Menschen ihren Kindern bewahren wollen, mit dem sie vor Gott treten möchten und das sie an die Wand ihrer persönlichen Erinnerungen hängen, schreibt der ägyptische Journalist Yasser Abd el-azsiz in der Zeitung „Egypt Independent“. Es klingt wie ein Abgesang auf die Revolution.

Auch im westlichen Ausland, in dem die Ereignisse am Nil als Jahrhundertchance begrüßt wurden, macht sich Enttäuschung breit. Mit den aktuellen politischen Entwicklung und den abermaligen Übergriffen ägyptischer Sicherheitskräfte gegen Demonstranten scheint das Land sich in die Zeit vor der Revolution zurückzukatapultieren. Über Jahrzehnte hatte sich das Vorurteil gehalten, dass es in Ägypten nur Israelhasser und verblendete Ideologen gebe. Doch die Bilder vom Tahrir-Platz im Februar zeigten auf einmal Frauen und Männer, die in Freiheit und Wohlstand leben wollen. Von einem Zeitalter der arabischen Aufklärung aus eigener Kraft war in internationalen Medien die Rede, von einem neuen im Nahen Osten, in dem nicht länger Despoten regieren. Der Mythos, arabische Gesellschaften neigten zu Dekadenz und Demut, sollte nicht mehr haltbar sein. Und auch die These, dass Islam und Demokratie unvereinbar sind, schien nicht länger tragfähig. War der Jubel etwa voreilig?

Jetzt wehen auch andere Fahnen im Wind

Tatsächlich setzt sich unter den Aktivisten immer mehr die bittere Erkenntnis durch, dass die Absetzung von Mubarak nicht den Sieg der Revolution bedeutete. Die alten Ideen sind geblieben, der Oberste Militärrat hat die Macht im Land. Keiner der jungen Männer und Frauen, die im Februar die Revolution vorangetrieben haben und ihr Leben riskierten, finden sich im Parlament, in der Regierung oder in einem der beratenden Gremien. Die Medien werden noch immer von Köpfen des alten Systems geleitet. Viel Schlimmer aber ist, dass den Werten und Forderungen der Revolution offenbar immer mehr das Wasser abgegraben wird. Ungeheuerlich modern war nicht nur deren Organisation über Internet, sondern auch das Denken ihrer Aktivisten, ihre Sicht auf die Welt. Die Zukunft sollte endlich Einzug halten in Ägypten. Doch zehn Monate später wird nicht um soziale Gerechtigkeit, und um Selbstbestimmung, sondern um solche Fragen diskutiert: Soll das Land von einem Präsidenten oder religiösen Führer geleitet werden? Ist Frauen das Recht zuzustehen, politisch aktiv zu sein? Lässt sich der Strand-Tourismus religiös legitimieren und wenn ja, sollten Touristen dann Bikinis tragen dürfen?

Auf dem Tahrir-Platz hatten Christen neben Muslimen demonstriert. Die meisten Parteien betonen jetzt jedoch die Konfession ihrer Kandidaten. Kirchen mobilisieren ihre Gemeinden, Christen zu wählen. Scheichs rufen Muslime dazu auf, ihre Stimme praktizierenden Muslimen und nicht Säkularen zu geben. Die Idee des im Patriotismus geeinten Volkes, ist vergessen. Während den Tagen der Revolution sah man nur die ägyptische Flagge - als Zeichen der nationalen Einheit, des Stolzes und als Sinnbild des Selbstverständnisses der Menschen bezüglich ihrer Rolle im globalen und regionalen Kontext. Jetzt hisst man auch andere Fahnen.

Es wird neu verhandelt werden

Es scheint, als habe sich die Decke zur politischen Teilhabe, die von den Aktivisten durchbrochen worden war, wieder geschlossen. Nach Jahrzehnten der geistigen Bevormundung verstehen die jungen Ägypter nicht viel von Politik, und die öffentliche Unterstützung für ihre Revolution schwindet. Auf dem Tahrir-Platz demonstrieren mal mehr, mal weniger Menschen, die große Masse aber schweigt. Der Kampf ums tägliche Überleben in dem Land, in dem sich die miserable Wirtschaftlage in den vergangenen Monaten noch verschlechtert hat, kostet Energie. Revolution ist ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. Viele Ägypter wollen das Leben wieder in seinen normalen Bahnen sehen.

Doch es wäre es falsch, die Revolution als gescheitert zu betrachten. Das Land ist noch mittendrin, auch wenn ihm schon einige Erfolge gestohlen wurden. Die Ägypter haben bei dem Kampf für ihre Rechte ein neues Gefühl der Würde und Ehre entdeckt, und das ist eine Veränderung in der Mentalität, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Die Folgen mögen derzeit noch nicht an Wahlergebnissen ablesbar sein, entscheidend aber ist der Denkwandel, der sich vollzieht. Vor einigen Wochen hatte die ägyptische Studentin Alia Al-Mahdi aus politischem Protest ein Tabu gebrochen und nackt im Netz posiert. Nun ruft sie Frauen, die früher einmal ein Kopftuch getragen haben, dazu auf, Fotos von sich in ihrem Blog zu posten und ihre Geschichten der Ver- und Entschleierung zu erzählen. Zahlreiche haben schon reagiert, nicht nur Ägypterinnen, sondern Frauen aus der gesamten arabischen Welt.

„Was uns nun bevorsteht, wird härter und schwieriger werden als alles bisherige. Aber ich glaube nicht, dass diese Revolution enden wird, ohne dass die Macht in Ägypten und in der gesamten arabischen Welt tatsächlich neu verhandelt wird“, sagte Abdel Fattah nach seiner Entlassung in einem Interview mit „Democracy now!“ Noch ist auf seinem Blog unter der Rubrik „Upcoming events“ kein Eintrag zu lesen. Aber er twittert wieder: über den Militärrat und die Notwendigkeit der Revolution.

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Jahrgang 1975, Redakteurin im Feuilleton.

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