Home
http://www.faz.net/-gqz-7gryr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Ägypten und die Revolution „Al thaura“ - wenn der Vulkan ausbricht

Wir sagen „Revolution“, sie reden von Erregung, Aufruhr, Wut. Die Sprache der Arabellion lässt sich nur schwer mit Europas politischen Begriffen erfassen: Anmerkungen aus Anlass Ägyptens.

Die blutigen Ereignisse in Ägypten geben den Europäern Rätsel auf. Aus der Arabellion, die zunächst das eindeutige Ziel hatte, Machthaber wie Ben Ali in Tunesien, Mubarak in Ägypten oder Gaddafi in Libyen zu stürzen, ist ein Zustand geworden, der immer wieder als chaotisch bezeichnet wird. Kommentatoren versuchen nun, aus westlicher Sicht eine gewisse Ordnung in die Dinge zu bringen: So tobt jetzt in Syrien ein „Bürger- und Religionskrieg“, und aus der Arabellion ist längst auch eine „Arabische Revolution“ geworden, deren „zweiten Akt“ man in Ägypten und Tunesien gerade erlebe.

Es ist verständlich, wenn Europäer und Amerikaner die Ereignisse am Nil nach dem Vorbild der eigenen Revolutionen beurteilen und auf diese Weise deuten wollen. Vor allem die Französische Revolution, die man aus der historisierend-zusammenschauenden Sicht unserer Zeit wahrnimmt, dient als Vorbild der Analyse. Sie stürzte die Monarchie, um im Ensemble der von Philosophen vorgedachten Menschenrechte „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ zu verwirklichen.

Eine andere Vorstellung von „Revolution“

So sehen wir es heute - ungeachtet der Tatsache, dass der historische Prozess jener Jahre für die daran Beteiligten nicht weniger chaotisch gewesen ist. Und am Ende stand zunächst Bonaparte, dann der Kaiser Napoleon, schließlich die Restauration der Bourbonen. In Kopernikus’ berühmter Schrift „De revolutionibus orbium coelestium“ von 1543 hatte „Revolution“ noch nichts anderes bedeutet als das Kreisen der Himmelskörper um die Sonne.

Revolution heißt auf Arabisch „al thaura“. Damit ist keineswegs das gemeint, was man in Europa heute als „Revolution“ versteht, oder doch nur mit gewissen Einschränkungen: ein Umsturz despotischer Herrschaft zugunsten der Freiheit. Schon Freiheit, „al hurriya“, wird bis heute noch stärker in einem theologischen Kontext verstanden - etwa als das Freiwerden des Weisen und Mystikers von den Verlockungen der Welt - als auf politische Weise.

Erst allmählich vollzieht sich unter dem Einfluss der Globalisierung und westlicher Wertvorstellungen ein Bedeutungswandel hin zum europäischen Begriff der individuellen Freiheit der Person als Bestandteil der Menschenrechte. Der marokkanische Philosoph Mohammed Aziz Lahbabi hat so etwas wie einen „islamischen Personalismus“ in Begriffe zu fassen gesucht. Die Muslimbrüder hingegen verstehen unter Freiheit vor allem, die schariaförmige Form des Islam ungehindert leben zu dürfen. Wer dies nicht erlaubt, ist ein Unterdrücker, der nicht herrschen darf.

Ein Zustand der Erregung

Das Wort „thaura“ meint zunächst nichts anderes als „Erregung“ oder „Aufwallung“, etwa von Zorn oder Verzweiflung. Auch der Ausbruch eines Vulkans kann als „thaura“ bezeichnet werden. Sogar die Bedeutung „Staub aufwirbeln“ kommt vor. Eine angemessenere Übersetzung als „Revolution“ wäre eigentlich „Aufruhr“, „Aufstand“, „Revolte“. Kurz: ein Erregungszustand. In anderen Ableitungen des Stammes „thara“ (sich regen, erregt werden), von dem „thaura“ abgeleitet wird, etwa „tha’ira“, spielt auch das Wort „Wut“ mit hinein, erst im nachgeordneten Sinne ist die Übersetzung mit „Revolution“ angebracht. Selbst die Bedeutung „Agitation“ oder „Hetze“ ist dem Wortstamm nicht fremd, so in dem Wort „ithara“.

Vor allem der arabische Nationalismus des vorigen Jahrhunderts beschwor allenthalben die Revolution - al thaura. Zu Zeiten Gamal Abdel Nassers, des damaligen Idols der Ägypter und großer Teile der arabischen Welt, skandierten die demonstrierenden Massen den Slogan „thaura, thaura hatta al nasr“ - Revolution, Revolution bis zum Sieg! Gemeint war damit aber eher ein Fortdauern des Aufruhrs, bis der starke Mann im Staat seine Ziele durchgesetzt hatte. Mit Demokratie hatte dies nur am Rande zu tun. Oft waren die „Revolutionäre“ bestellt und bezahlt, und dies nicht nur in Ägypten. Die Muslimbrüder wollen ihren „Aufruhr“ fortsetzen, bis der abgesetzte Präsident Muhammad Mursi rehabilitiert ist. Sie werden es wohl kaum erreichen.

Mehr zum Thema

So findet im Arabischen mehr und mehr das Wort „al inqilab“ für „Revolution“ Verwendung. Anders als „thaura“ enthält es neben der Bedeutung „Umsturz, Umwälzung“ auch ein Element der „Veränderung“ und des „Wechsels“. Es kommt dem, was man im Westen unter „Revolution“ verstehen mag, etwas näher.

Freilich: Auch die Umwälzung des Ajatollah Chomeini in Iran im Jahre 1979 firmierte unter der Bezeichnung „inqilab-i islami“, Islamische Revolution. Bis heute findet dort dieser Begriff Verwendung, ohne dass die individuelle Freiheit und die Menschenrechte, wie man sie in Europa und Amerika definiert, sich dort durchgesetzt hätten. Wie das einmal heißen wird, was sich gegenwärtig in großen Teilen der arabischen Welt ereignet - dafür werden künftige Historiker einen Namen finden müssen.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Von der Leyen in Tunesien Der Terror fordert uns heraus

Nach den Terroranschlägen auf das Nationalmuseum und Touristen sichert die deutsche Verteidigungsministerin bei ihrem Besuch in Tunesien den Gastgebern militärische Ausrüstung zu. Auch will Berlin helfen, die 500 Kilometer lange Grenze zu Libyen zu sichern. Mehr Von Johannes Leithäuser, Tunis

29.07.2015, 16:41 Uhr | Aktuell
Polizistenmorde in Ägypten 183 Muslimbrüder zum Tode verurteilt

Die ägyptische Justiz greift weiterhin hart gegen die verbotene Muslimbruderschaft durch. Nach Überzeugung des Gerichts waren die Verurteilten an der Tötung von 16 Polizisten in der Stadt Kardasa im August 2013 beteiligt. Mehr

02.02.2015, 17:50 Uhr | Politik
Kulturelle Bildung in Tunesien Woraus wird morgen denn bestehen?

Die neue Ministerin hat es vorgemacht, als sie noch ihre Bücher gegen einen totalitären Islam schrieb: Tunesien sucht nach dem jüngsten Attentat nach einer anderen gemeinsamen Basis als der Religion. Mehr Von Joseph Croitoru

15.07.2015, 21:10 Uhr | Feuilleton
Islamischer Staat Extremisten bei Luftangriff in Libyen getötet

Bei Luftangriffen auf die extremistische Miliz Islamischer Staat in Libyen sind Dutzende Extremisten getötet worden. Zuvor hatte der IS ein Video veröffentlicht, das die Enthauptung von 21 Christen aus Ägypten zeigen soll. Mehr

16.02.2015, 13:11 Uhr | Politik
Flüchtlinge in Nordfrankreich Letzte Station Neuer Dschungel

Auf dem Weg nach Großbritannien stranden Flüchtlinge oft im französischen Calais. Dort fordern Politiker Hilfe aus London ein. Zur Not will man es auf eine diplomatische Krise ankommen lassen. Mehr Von Michaela Wiegel, Calais

16.07.2015, 10:49 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 20.08.2013, 17:30 Uhr

Glosse

Alles für den Muskeldaddy

Von Ursula Scheer

Die Männerzeitschrift „Men’s Health“ plant einen Ableger für Väter. Und gleich in der ersten Ausgabe eine Kreißsaal-Reportage. Für echte Kerle. Mehr 2 0