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Veröffentlicht: 20.08.2013, 17:30 Uhr

Ägypten und die Revolution „Al thaura“ - wenn der Vulkan ausbricht

Wir sagen „Revolution“, sie reden von Erregung, Aufruhr, Wut. Die Sprache der Arabellion lässt sich nur schwer mit Europas politischen Begriffen erfassen: Anmerkungen aus Anlass Ägyptens.

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Die blutigen Ereignisse in Ägypten geben den Europäern Rätsel auf. Aus der Arabellion, die zunächst das eindeutige Ziel hatte, Machthaber wie Ben Ali in Tunesien, Mubarak in Ägypten oder Gaddafi in Libyen zu stürzen, ist ein Zustand geworden, der immer wieder als chaotisch bezeichnet wird. Kommentatoren versuchen nun, aus westlicher Sicht eine gewisse Ordnung in die Dinge zu bringen: So tobt jetzt in Syrien ein „Bürger- und Religionskrieg“, und aus der Arabellion ist längst auch eine „Arabische Revolution“ geworden, deren „zweiten Akt“ man in Ägypten und Tunesien gerade erlebe.

Es ist verständlich, wenn Europäer und Amerikaner die Ereignisse am Nil nach dem Vorbild der eigenen Revolutionen beurteilen und auf diese Weise deuten wollen. Vor allem die Französische Revolution, die man aus der historisierend-zusammenschauenden Sicht unserer Zeit wahrnimmt, dient als Vorbild der Analyse. Sie stürzte die Monarchie, um im Ensemble der von Philosophen vorgedachten Menschenrechte „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ zu verwirklichen.

Eine andere Vorstellung von „Revolution“

So sehen wir es heute - ungeachtet der Tatsache, dass der historische Prozess jener Jahre für die daran Beteiligten nicht weniger chaotisch gewesen ist. Und am Ende stand zunächst Bonaparte, dann der Kaiser Napoleon, schließlich die Restauration der Bourbonen. In Kopernikus’ berühmter Schrift „De revolutionibus orbium coelestium“ von 1543 hatte „Revolution“ noch nichts anderes bedeutet als das Kreisen der Himmelskörper um die Sonne.

Revolution heißt auf Arabisch „al thaura“. Damit ist keineswegs das gemeint, was man in Europa heute als „Revolution“ versteht, oder doch nur mit gewissen Einschränkungen: ein Umsturz despotischer Herrschaft zugunsten der Freiheit. Schon Freiheit, „al hurriya“, wird bis heute noch stärker in einem theologischen Kontext verstanden - etwa als das Freiwerden des Weisen und Mystikers von den Verlockungen der Welt - als auf politische Weise.

Erst allmählich vollzieht sich unter dem Einfluss der Globalisierung und westlicher Wertvorstellungen ein Bedeutungswandel hin zum europäischen Begriff der individuellen Freiheit der Person als Bestandteil der Menschenrechte. Der marokkanische Philosoph Mohammed Aziz Lahbabi hat so etwas wie einen „islamischen Personalismus“ in Begriffe zu fassen gesucht. Die Muslimbrüder hingegen verstehen unter Freiheit vor allem, die schariaförmige Form des Islam ungehindert leben zu dürfen. Wer dies nicht erlaubt, ist ein Unterdrücker, der nicht herrschen darf.

Ein Zustand der Erregung

Das Wort „thaura“ meint zunächst nichts anderes als „Erregung“ oder „Aufwallung“, etwa von Zorn oder Verzweiflung. Auch der Ausbruch eines Vulkans kann als „thaura“ bezeichnet werden. Sogar die Bedeutung „Staub aufwirbeln“ kommt vor. Eine angemessenere Übersetzung als „Revolution“ wäre eigentlich „Aufruhr“, „Aufstand“, „Revolte“. Kurz: ein Erregungszustand. In anderen Ableitungen des Stammes „thara“ (sich regen, erregt werden), von dem „thaura“ abgeleitet wird, etwa „tha’ira“, spielt auch das Wort „Wut“ mit hinein, erst im nachgeordneten Sinne ist die Übersetzung mit „Revolution“ angebracht. Selbst die Bedeutung „Agitation“ oder „Hetze“ ist dem Wortstamm nicht fremd, so in dem Wort „ithara“.

Vor allem der arabische Nationalismus des vorigen Jahrhunderts beschwor allenthalben die Revolution - al thaura. Zu Zeiten Gamal Abdel Nassers, des damaligen Idols der Ägypter und großer Teile der arabischen Welt, skandierten die demonstrierenden Massen den Slogan „thaura, thaura hatta al nasr“ - Revolution, Revolution bis zum Sieg! Gemeint war damit aber eher ein Fortdauern des Aufruhrs, bis der starke Mann im Staat seine Ziele durchgesetzt hatte. Mit Demokratie hatte dies nur am Rande zu tun. Oft waren die „Revolutionäre“ bestellt und bezahlt, und dies nicht nur in Ägypten. Die Muslimbrüder wollen ihren „Aufruhr“ fortsetzen, bis der abgesetzte Präsident Muhammad Mursi rehabilitiert ist. Sie werden es wohl kaum erreichen.

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So findet im Arabischen mehr und mehr das Wort „al inqilab“ für „Revolution“ Verwendung. Anders als „thaura“ enthält es neben der Bedeutung „Umsturz, Umwälzung“ auch ein Element der „Veränderung“ und des „Wechsels“. Es kommt dem, was man im Westen unter „Revolution“ verstehen mag, etwas näher.

Freilich: Auch die Umwälzung des Ajatollah Chomeini in Iran im Jahre 1979 firmierte unter der Bezeichnung „inqilab-i islami“, Islamische Revolution. Bis heute findet dort dieser Begriff Verwendung, ohne dass die individuelle Freiheit und die Menschenrechte, wie man sie in Europa und Amerika definiert, sich dort durchgesetzt hätten. Wie das einmal heißen wird, was sich gegenwärtig in großen Teilen der arabischen Welt ereignet - dafür werden künftige Historiker einen Namen finden müssen.

Quelle: F.A.Z.

 

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