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Ächtung in Cannes Lars von Triers Höllensturz

19.05.2011 ·  Lange Zeit war er - allen Skandalen und Provokationen zum Trotz - ein gerngesehener Gast des Filmfestivals in Cannes. Jetzt ist er nicht mehr willkommen: Der tiefe Fall des Lars von Trier.

Von Andreas Kilb
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Fünfundzwanzig Jahre lang war Lars von Trier ein Hätschelkind des Filmfestivals von Cannes. Hier lief schon sein Regiedebüt „Element of Crime“, hier gewann er den Großen Preis der Jury für „Breaking the Waves“ und die Goldene Palme für „Dancer in the Dark“, und hierhin reiste er, dem das Fliegen zuwider ist, mal per Wohnmobil und mal mit dem Zug, wann immer ein neuer Trier-Film für die Premiere an der Croisette fertig war. Und das Festival gewährte ihm jene Gunst, die es nur den ganz Großen des Weltkinos schenkt, zeigte alles, was er mitbrachte, im Hauptprogramm und ließ ihn dazu verkünden, was ihm gerade in den Sinn kam.

Damit ist es vorbei: Die Festivalleitung hat von Trier, der gerade seinen Beitrag „Melancholia“ im Wettbewerb vorgestellt hat (siehe Die Erde geht unter, wozu strengt ihr euch noch an?), offiziell zur Persona non grata erklärt und damit für alle Zeiten aus Cannes verbannt. Der Grund ist ein Auftritt von Triers während der Pressekonferenz zu seinem Film. (siehe Cannes: Lars von Trier geächtet)

Keine Narrenfreiheit mehr

Die Suada, die er dort aus heiterem Himmel hielt, ist im Wortlaut kaum verständlich, aber ihr Sinn geht ungefähr so: Er, Lars von Trier, sei ein Jude gewesen, bis er seine dänische Regiekollegin Susanne Bier – die in diesem Jahr den Auslandsoscar gewonnen hat – getroffen habe. Dann habe er zu seiner Befriedigung entdeckt, dass er ein Nazi sei. Er verstehe Hitler und sympathisiere mit ihm, auch wenn er nicht gegen Juden sei, selbst nicht gegen Susanne Bier. Nur Israel gehe ihm auf die Nerven.

Inzwischen hat sich von Trier, Sohn eines dänisch-jüdischen Vaters, für diesen Schwachsinn entschuldigt, doch es ist zu spät. Mit derselben Entschiedenheit, mit der das Festival bisher alle seine Mätzchen geduldet hat, setzt es ihn jetzt vor die Tür. Vor fünfundzwanzig Jahren, in einer Zeit, in der es weder Youtube noch Twitter, weder Smartphones noch Liveblogs gab, wäre von Triers verbale Stinkbombe vielleicht erst mit Verzögerung oder gar nicht explodiert. Aber in einer Welt, in der alles, was vor irgendeiner Kamera passiert, in Sekundenbruchteilen um den Globus geht, genießt auch ein Regisseur, der sich gern zum poète maudit des Kinos stilisiert, keine Narrenfreiheit mehr.

Den Umstand, dass es gerade ein Filmemacher ist, der diesem neuen Gesetz der Bilder und Töne zum Opfer fällt, könnte man für einen Treppenwitz der Geschichte halten, wenn die Sache nicht so ernst wäre. Wo immer Lars von Trier in Zukunft seine Mätzchen reißen will, in Cannes wird es jedenfalls nicht mehr sein. Der Liebling des Festivals ist denselben roten Teppich hinuntergestürzt, den er einst so rasant erklommen hat. Vorgestern war er ein Künstler. Heute ist er ein Fall.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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