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Adolf Muschg über Europa : Gier und Geiz

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Der Schweizer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg bei seiner gestrigen Rede in Bonn. Bild: Schoepal, Edgar

Die Krise bietet Europa die Chance, noch einmal zu zeigen, dass Lebensrecht auf diesem Planeten nicht mit Wachstum begründet wird. Denn der Preis unserer europäischen Erbschaft lässt sich nicht verhandeln - und zwar auf keinem Börsenparkett dieser Welt.

          Zuerst möchte ich danken, dass ich als Schweizer zum Tag der Deutschen Einheit reden darf - in diesem Raum, aus dem in meinen jüngeren Jahren auch zu diesem Thema große Debatten übertragen wurden; das Bild war anfangs noch schwarz-weiß, die Welt war klar in Freund und Feind geteilt und ließ die Wiedervereinigung als illusorisch erscheinen und für viele Freunde der Bundesrepublik nicht einmal als wünschbar. Diese hatte der doppelten Einbindung in Nato und EG jedes Pochen auf den Vorrang nationaler Interessen geopfert. Dieser Verzicht wurde nicht nur von verdientem Wohlstand honoriert, sondern aufgewogen durch soliden Gewinn an internationalem Respekt; auch durch eine diskret behandelte Zunahme an politischem Gewicht.

          1989 war nicht einmal der israelische Geheimdienst auf die epochale Wende gefasst gewesen. Kohl zeigte sich als geistesgegenwärtiger Staatsmann, als er mit den Machthabern der Gegenseite in kürzester Frist die deutsche Einheit aushandelte, ohne dabei die Säulen des bisherigen Bündnisses zu beschädigen. Dieses Wunder besiegelte damals nicht nur das Ende der DDR, sondern auch der alten Bundesrepublik. Die Wende erwies sich auch als Glücksfall für die Europäische Union.

          Schwierigkeiten auf dem „Vorgebirge Asiens“

          Eigentlich ist es noch immer kaum zu fassen, dass wir heute ein in Freiheit zusammengekommenes Bündnis von 25 europäischen Staaten haben. Noch viel weniger ist zu fassen, dass sich dieses Bündnis auf der Höhe seiner Errungenschaft in einer Existenzkrise befinden soll und dass sich ausgerechnet die gemeinsame Währung als Sprengstoff erweist; selbst das Schwergewicht der Union, Deutschland, droht ihr Gemeinwohl wieder nationalem Eigennutz unterzuordnen. Was gestern noch Reichtum war, schlägt heute als Schulden zu Buch.

          Fest steht: Was dem „Vorgebirge Asiens“ (Valéry) gerade zustößt, geschieht überall. Der Kalte Krieg hatte einen umfassenden Gewinner, den wir lange nicht bemerkt haben, weil wir seine Komplizen waren, bevor wir seine Geiseln wurden: Es ist der globalisierte Markt, dessen Herrschaft solider fundiert ist als jedes politische System: nämlich auf jener Grundeigenschaft des Menschen, die im alten Todsündenkatalog noch unter dem Doppelnamen luxuria und avaritia figuriert: Gier und Geiz. Seit Adam Smith gerade im natürlichen Egoismus die unsichtbare Hand Gottes am Werk gesehen hatte, durfte sich die Marktherrschaft ihrerseits als Freiheit verkleiden.

          Eigentlich lebt sie von einer Tautologie: Was gewinnt, ist ein Gewinn. Jeder und jede will gewinnen. Da weder Religion noch Sittengesetz mehr verbindlich vorgeben, was als Gewinn zu betrachten ist und was nicht, hat der monetär messbare keine natürlichen Feinde mehr - außer dem Neid. Eine neue Technologie, von der wir abhängen, hat das Gewinnprinzip zum Maß aller Dinge gemacht. Der digitale Rechner hat die Verhältnisse umgekehrt: Die Erwartungen der User müssen mit seinem System kompatibel sein: sie müssen sich rechnen.

          Realwirtschaft und schnelle Rechner

          Wohin das führt, kann man sich am Hochfrequenzrechner veranschaulichen, der die laute Börse abgelöst hat. Aufgrund des ihm einprogrammierten Algorithmus kauft und verkauft er im Millisekundentakt Finanzprodukte. Diese stellt sich der Laie als undurchsichtige Riesen-Blasen vor, die von der Realwirtschaft abgehoben haben. Jetzt aber besitzen sie die Lufthoheit. Wie kann man von den Betreibern dieses wolkenförmigen Vakuums verlangen, dass sie es selbst einer Kosten-Nutzen-Analyse unterwerfen, solange es seinen Dienst tut: Gewinn anzusaugen? Und der lässt sich aus allem ziehen, aus Wohlstand und Notstand, aus Fülle und Mangel, aus dem Kommen oder Gehen von Gewalt, aus dem Steigen oder Fallen einer Währung, aus der Solvenz eines Staates wie aus seinem Konkurs.

          Die anonymen Wolkenschieber haften nicht für ihre Tätigkeit. Es genügt, wenn sie eine gewinnverheißende Konstellation kommen sehen, um auf sie zu wetten und, natürlich, ihr Eintreten durch die Prognose selbst zu befördern. Sie operieren privat, offen bleibt nur der Wettbewerb, an dem jeder teilnehmen kann; je freier der Finanzmarkt, desto freier ist er von Verantwortlichkeit. Das Geschäft kennt nur einen Richter, den bestechlichen Kunden, und nur ein Gesetz: das von Angebot und Nachfrage. Bezweifelt jemand, dass auch die Euro-Krise die ihrem Umfang entsprechenden Gewinne abgeworfen hat, und erwartet jemand, dass sich die Gewinner zu erkennen geben? Ist die EU heute noch etwas anderes als die verhagelte Zone einer globalisierten Großwetterlage? Ist Europa mehr als ein Global Player, der das Spiel um jeden Preis mitmachen muss, immer in Furcht und Zittern vor Rating-Agenturen?

          Als Staatsmänner eine gemeinschaftliche Währung lancierten, hatten sie mehr im Sinn als eine Freihandelszone. Der große Wurf sollte die Tür zur gemeinsamen Finanz- und Wirtschaftspolitik aufstoßen; sie nahmen in Kauf, das Pferd am Schwanz aufzuzäumen, und begegneten dem Risiko, dass es ausbrach, mit der Erwartung, dass sich der harte Euro selbst Kredit und Respekt verschaffen werde. Und das tat er allerdings; zu den Stützpunkten Europas, die allesamt in der alten deutsch-französischen Kampfzone liegen, gesellte sich nach Schengen auch Maastricht als Wegmarke friedlicher Grenzüberschreitung und erleichterten Verkehrs. Der Euro schien bis gestern nur Gewinner zu kennen.

          Einheit unterm Rettungsschirm

          Im Aufbruch der Globalisierung hielt sich der Euro anfangs so gut, dass niemandem auffiel, dass er eine politische Waise war. Erst nach der fulminanten Ansteckung durch die amerikanische Blasen-Krankheit sah er plötzlich wie das Letzte aus, was an Europa noch zu retten war - und da fehlte der Einheitswährung die Einheit der Europäer. Erst als einige begriffen, dass die Spekulation auf das Ende der Gemeinschaft ihrerseits beendet werden musste, begann man Rettungsschirme aufzuspannen.

          Für die jüngere Generation bedeutete Europa lange eine selbstverständlich gewordene Annehmlichkeit. Doch als sie etwas zu kosten begann, stand sie wie Sperrgut in einer Landschaft, die der Kolumnist Thomas Friedman als „flache Welt“ beschrieben hat, weil Raum und Zeit darin fast zu Nonvaleurs geschrumpft sind. Dafür ist die Beweglichkeit im Netz fast unbeschränkt geworden: Seine User kommunizieren, wie sie konsumieren, global, und die Probleme, die sie erkennen, haben immer weniger mit Europa als solchem zu tun. Fast scheint es, das europäische Projekt habe, als Opfer seines eigenen Erfolgs, in aller Stille abgedankt.

          In den letzten Wochen habe ich ein medizinisches Buch gelesen: „Der König aller Krankheiten. Krebs, eine Biografie“. Siddharta Mukherjee schreibt die Geschichte der „schweren Krankheit“ als Kulturgeschichte: als Testfall gesellschaftlicher Wahrnehmung und menschlicher Erkenntnisbereitschaft. Natürlich unterlässt er Analogien zum Befund des radikalisierten Marktes, aber ich fand sie frappant. Es geht um den dunklen Punkt, wo unentbehrliches Wachstum in pathologisches übergeht, gesunde Qualität umschlägt in destruktive Quantität. Die Kuren, welche die Heilkunst verschiedener Epochen angewendet hat, sagen mehr über sie selbst aus als über den Krebs. Doch von einem heilt die Lektüre gründlich: Wachstum als schlechterdings positiv zu betrachten.

          Krise und Verblendung

          Dabei dramatisiert der Krebs nur einen Sachverhalt, mit dem wir uns auch ohne ihn zurechtfinden müssen: unsere Endlichkeit. Die klassische Philosophie hat Lebenskunst und das Bewusstsein des eigenen Todes als zwei Seiten derselben Münze betrachtet. Von dieser Währung will das ökonomische Kalkül nichts wissen. Der Wahn obligatorischen Wachstums mag ja ebenfalls ein Protest gegen die Endlichkeit aller Verhältnisse sein. Die Erde kann vielleicht zehn Milliarden sehende Bürger tragen und ernähren; zehn Milliarden verblendete Verbraucher nicht.

          Darum kann blindes Wachstum nur das Vorspiel apokalyptischer Verteilungskämpfe sein; des Kriegs aller gegen alle, nicht nur um Lebenschancen, sondern auch um Lebensgrundlagen wie Luft und Wasser. Was Deutschland betrifft, müsste die Tragödie der Weimarer Republik ein hinreichend warnendes Beispiel dafür sein, wohin eine Gesellschaft driftet, wenn ihr eine Weltwirtschaftskrise den Boden entzieht.

          Ich erlaube mir, die gegenwärtige Behandlung der Krise für verblendet zu halten. Die Medizinmänner versuchen den Euro mit einer Strategie zu retten, die an bestimmte Krebstherapien erinnert. Der griechische Patient wird mit billigem Geld überschwemmt, das man als Gift betrachtet; aber da ja der größte Teil zur Transfusion an die Banken bestimmt ist, die schon auf seinen Tod gewettet haben, wetten sie auf seine Gesundung erst wieder, wenn er beweist, dass er sie schadlos halten kann. Da bei diesem Handel aber für ihn selbst fast nichts abfällt, muss er für den Beweis, dass er noch wachsen kann, zuerst zum Invaliden schrumpfen.

          La Fontaine in Griechenland

          Zweifellos haben die Staaten, die sich heute das Kürzel PIGS gefallen lassen müssen, viel verkehrt gemacht. Wo „Staat“ über Jahrhunderte so viel wie Fremdherrschaft bedeutet hatte und/oder jahrzehntelang so viel wie faschistische Diktatur, war es normal, diesem Staat schuldig zu bleiben, was man nur konnte - zuerst die Steuern, die er willkürlich eintrieb. Kein Freibrief für das Schweizer Bankgeheimnis! Die Griechen, liest man jetzt, hätten von Anfang an nicht in die Eurozone gehört, aber offenbar gab es damals noch einen anderen Blick als den rein marktökonomischen.

          Und jetzt redet kein Leser Homers und Platons, nur ein Tourist: Sind wir denn ans Mittelmeer gefahren, um dort nur zu finden, was wir schon kennen? Oder um aufzuatmen, weil so vieles endlich anders ist: Licht, Lebensart, das Verhältnis zur Zeit, Küche, Gastlichkeit und auch - natürlich - die Schlaumeierei? Als ich, auf dem ersten Tiefpunkt der Schuldenkrise, in Griechenland auf Lesetour ging, legte sich über die Gespräche immer wieder ein ganz anderer Text: La Fontaines Fabel von der Grille und der Ameise. Die Ameise sammelt den Sommer lang auf Vorrat, während die Grille musiziert; als es Winter wird, muss sie die Ameise um eine milde Gabe bitten. Nichts da! Hättest du gearbeitet wie ich statt gesungen, dann brauchtest du jetzt nicht zu betteln!

          Natürlich haben die Griechen nicht nur gesungen und die Deutschen keineswegs nur gespart. Wie hätten sie sonst Exportweltmeister werden können? Sie stellten gute Produkte her, die andere haben wollten, auch wenn sie sie eigentlich nicht bezahlen konnten. Kein Problem: Mit dem Euro hatte man Kredit. Es gab eine Zeit, wo die Banken den Griechen - oder Iren oder Spaniern - das billige Geld nachwarfen. Was das Geschäft der Ameisen brummen ließ, war jener Leichtsinn der Grillen, der als erwünschter Konsum galt. Jetzt ist im braven Deutschen wieder der Pharisäer erwacht, der das Gebet „Gott sei mir Sünder gnädig!“ nur vom anderen erwartet.

          Kultur überall

          Gerade heute müsste Europa auf das Kapital seiner Geschichte zurückgreifen können, um ein Ding wie Schulden angemessen zu sehen, im Licht der Schuldigkeit und auch der Schuld. Aber wir haben auch diese Geschichte an die Suchmaschine abgetreten; was man braucht, kann man mit einem Klick abrufen. Nein, eben nicht! Kein Text gibt seinen guten Sinn ohne Kontext her, und von diesem muss der Anfrager schon das Beste mitbringen. In-formation, wörtlich: Ein-formung setzt ein bereits gebildetes Bewusstsein voraus, etwa dazu, in einer Antwort bereits die nächste, vielleicht größere Frage zu erkennen. Aber auch Google operiert marktförmig, es bildet die Nachfrage ab; registriert zwar das Ranking der Ware Nachricht, aber weiß nichts von ihrem Rang.

          Vermisse ich wieder einmal die Kultur? Nein, in gewissem Sinn haben wir zu viel davon; der Kulturteil der Medien ist auch so dünn geworden, weil alles Kultur geworden ist. Für ihre Definition halte ich mich an Jacob Burckhardts „welthistorische Betrachtungen“, in welchen der große Historiker eine Typologie der Kräfte versucht hat, die jede Menschengesellschaft konstituieren. Drei gleichberechtigte, doch grundverschiedene Bedürfnisse - nach höherem Sinn, guter Ordnung und der nötigen Freiheit - führt Burckhardt unter den Namen Religion, Staat und Kultur ein. Er nennt sie „Potenzen“ und vergleicht ihre Mischungsverhältnisse in unterschiedlichen Weltzivilisationen.

          Dabei enthält er sich des normativen Urteils, ohne zu verhehlen, dass das Gleichgewicht der drei Potenzen seiner Vorstellung erreichter Humanität am nächsten kommt. Diese Balance ist eine rare, immer nur vorübergehende Blüte der Zivilisation. Daraus mag man auf Burckhardts Geschichtspessimismus schließen, doch um es mit Karl Kraus zu sagen: Er sah nicht schwarz, er sah nur und hatte in diesem Punkt seinen geschichts-philosophisch orientierten Zunftgenossen etwas voraus.

          Europas gute Geister fehlen

          Religion und Staat sind Antagonisten, doch verwandt insofern, als beide zu statischen Verhältnissen neigen. Der Spielverderber ist die Kultur, die Potenz, die destabilisiert, weil sie auf Freiheit besteht. Handel und Industrie rechnete Burckhardt unter die Kräfte der Kultur, denn für ihre Entfaltung verlangen sie Freiheit. Aber ihre Dominanz fürchtete Burckhardt deutlich mehr als das Überwiegen der anderen Potenzen. Denn als Weltwirtschaft hatte die Kultur als einzige Potenz das Zeug dazu, die Grundlagen von Religion und Staat irreversibel zu untergraben und ihre Substanz - in jedem Wortsinn - zu veräußern, nicht nur dem Markt preiszugeben, sondern dem Ausverkauf.

          Wenn er Europa nochmals neu gründen müsste, würde er bei der Kultur anfangen - diese Jean Monnet unterschobene Reue würde sich nach Burckhardt erübrigen; denn die Väter der europäischen Einigung haben bei der Kultur angefangen, als sie Kohle und Stahl vergemeinschafteten - die materielle Quelle nationalstaatlicher Dominanzversuche. Doch war die wirtschaftliche Priorität noch ausbalanciert durch einen politischen Willen hohen Grades: Wo die alten Staaten gewesen waren, sollte mehr entstehen als eine Freihandelszone.

          Auch die deutsche Einigung war ein Kulturprojekt im Sinne Burckhardts; die Einführung des Euro war es noch einmal. Doch da war die Sorge schon nicht mehr die, dass der Einspruch der anderen Potenzen zu dominant, sondern dass er irrelevant werden könnte. Religion spielte im EU-Europa keine tragende Rolle mehr, es besaß aber auch die politischen Instrumente noch nicht, die vorauseilende Währung schützend zu begleiten. Und was den Glauben Europas an seinen Wert betraf, wurde er nicht vermisst, solange die deutsch-französische Allianz als Motor und Versicherung für die Tragfähigkeit der Union bürgen konnte. Erst in der Schuldenkrise zeigte sich, dass die guten Geister Europas ihren Platz unbemerkt geräumt hatten, zugunsten einer Kosten-Nutzen-Rechnung, die plötzlich nicht mehr aufging. Und so wurde fast über Nacht die Frage möglich, ob man auf den Euro ganz verzichten - oder jedenfalls die für seine Schwäche als schuldig Erklärten als Ballast abwerfen müsse.

          Digitalisierung und Globalisierung

          Das ist für mich keine mögliche Frage. Einer trage des andern Last, verlangt die Bibel. Aber auf Radikalökonomisch wird Solidarität jetzt als Transferunion oder Schuldenschnitt buchstabiert, und das kommt nicht in Frage. Hätte man die Vereinigung der Deutschen so behandelt, wäre sie nicht zustande gekommen. Auch wo sie stockte, wurden die Investoren daran erinnert, dass die DDR-Bürger für diese Vereinigung vierzig Jahre bezahlt hatten. Was die Griechen betrifft, wird Europa in ihrer Schuld bleiben; denn ohne ihren Beitrag lässt sich dieses Europa - buchstäblich - nicht einmal denken.

          Diese Rede habe ich am PC geschrieben. Ich verwende das digitalisierte Gerät immer noch, grosso modo, als Schreibmaschine, bleibe, von Berufs wegen, Bürger einer analogen Welt, zu deren Code es keinen Schlüssel gibt; und fände ich einen, so hätte ich nichts Dringenderes zu tun, als ihn schnell zu verlegen. Gewiss hinkt jede Analogie - diejenige zwischen Marktradikalismus und Krebs hinkt auf allen Füßen. Aber sie hat immer noch Hand und Fuß; sie arbeitet mit jener dritten Möglichkeit, die der Computer nicht im Programm hat. Eine Analogie bleibt, wie trübe immer, durchsichtig auf ihren Gegenstand. Als die Fotografie noch analog war, ließen sich Lügen dingfest machen. Das digitale Verfahren blendet die Gegenstände nicht nur aus, es ersetzt sie und löst sie auf in Bits oder Pixel.

          Den Rohstoff für die Transformation kultureller Materie ins Virtuelle liefert eine Eigenschaft des Silikon-Kristalls. Sie ermöglicht 0-1-Entscheidungen ohne Ende und damit eine Umrechnung der Realität in die Sphäre ihrer unbeschränkten Verfügbarkeit. Eine technologische und eine ökonomische Revolution - Digitalisierung und Globalisierung - verstärken sich gegenseitig zu einem Meta-Universum, das mit dem realen nichts mehr zu tun haben muss, aber auf kalkulierbaren Prämissen beruht. Es erscheint unhintergehbar, da wir nicht mehr feststellen können, wo und wie es uns hintergeht - außer in Form von Crashs und Krisen, die wie Naturkatastrophen hereinbrechen.

          MIt Nils Bohr

          Ich wage zu sagen, die digitalisierte Technik habe einen Geburtsfehler: Sie überschlage den Sündenfall, der in Entweder-oder-Entscheidungen steckt und sich nicht aus der Welt rechnen lässt. Was diese im Innersten zusammenhält, weiß ich so wenig wie Doktor Faust, aber das Quantum - etwa die Unterscheidung von Groß und Klein - scheint im Kern der Dinge keine zentrale Rolle zu spielen. Die Religion weiß noch: „Was ihr einem der geringsten unter meinen Brüdern tut, das habt ihr mir getan.“

          Aber auch die neuere Physik vermutet in den kleinsten bekannten Teilchen eine ähnliche Struktur wie in den astronomischen Verhältnissen des Universums. Auch der lebende Organismus verarbeitet Widersprüche, die sich der Nachrechnung entziehen, mühelos. Schon Nietzsche hat bemerkt, dass die Konstrukte des Geistes sich zur biologischen Organisation des Gehirns verhalten wie das kleine Einmaleins zur höheren Mathematik. Die Natur weiß mit Entweder-oder und Sowohl-als-auch gleichzeitig sinnvoll umzugehen; auch der Psychologe weiß, was Niels Bohr für die Symmetrieverhältnisse kleinster Teilchen festgestellt hat: dass man wahre Sätze daran erkennt, dass ihr Gegenteil genauso wahr ist. Damit rechnet kein digitales System, aber nun hat es sein reduktionistisches Verfahren fast flächendeckend ausgebreitet.

          Darf man sich wundern, dass es von „komplex“ genannten Tatsachen immer wieder abgeworfen wird wie eine Narrenkappe? Der Gegenstand der Zivilisation schlägt zurück, den das digitale Verfahren so trefflich aufgelöst glaubte, und erinnert daran, dass die rein ökonomische Wahrnehmung nicht einmal für einen Gang vor die Haustür genügt, geschweige denn für eine haushälterische Behandlung dieser begrenzten Welt. Sie lässt sich nicht dauerhaft plattmachen zum Zirkusboden für Brot und Spiele.

          Grenzen des Wchstums

          In der Krise zeigen sich die Lösungen, die der Rechner und die Rechner anzubieten haben, als Teil des Problems. Auch die Gentechnologie liefert Beispiele dafür, wie viel man mit einem Code machen kann, ohne zu wissen, was man tut. Als Schriftsteller weiß ich das ebenso wenig, nur: Damit muss ich leben, denn davon lebt die Kunst. Mit dem Rechner verglichen, ist das Kunstwerk realistisch; unauflösbare Widersprüche sind sein Nährstoff, es lebt vom Umgang mit der Differenz zur eigenen Erwartung, auch derjenigen auf Gewinn.

          Ein Kunstwerk genügt nur dann, wenn es menschlichem Ungenügen eine bewegende Form zu geben weiß. Ich meine, dass seine Krise fällig war, wahrlich kein Glück, aber eine Hoffnung. Eine bestimmte Art von Wachstum ist an seine Grenze gestoßen. Um den Euro zu retten, müssen die Betroffenen nachliefern, was sie versäumt haben: eine europäische Politik. Die Krise verlangt, was das Wort ursprünglich bedeutet: Entscheidung. Nach der Propaganda totalitärer Systeme der Absolutismus des Marktes: im Namen der Freiheit hat er Freiheitsberaubung getrieben, indem er Bürger zu Kunden reduzierte. Jetzt könnten wir gründlich genug erfahren, dass die ökonomische Raison, als hegemoniale Potenz, zur Vereinfachung führt. Sie hat aus einer Errungenschaft eine Hypothek, aus Bundesgenossen erpressbare Bettler gemacht. Jetzt kann Europa noch einmal ein Beispiel dafür werden, dass man Lebensrecht auf diesem Planeten nicht mit Wachstum begründet und dass Europa nicht in der vom Markt diktierten Globalisierung aufgeht wie das Opfer in der Statistik.

          Was auf dem Markt nicht verhandelbar ist

          Grenzen dürfen, müssen sein. Der Geist Europas zeigt sich im Umgang mit Differenzen. Deren Nationalisierung hat es in zwei Weltkriege gestürzt; nicht trotzdem, sondern darum bleiben die Unterschiede der Europäer, ihr Anders- und Verschiedensein, das Teuerste, was sie zu bewahren haben. Es geht nicht nur um Toleranz - „Dulden heißt: beleidigen“, sagt Goethe -, sondern darum, der Differenz mit Neugier zu begegnen, mit Interesse, mit Ehrfurcht. So behandelt, und nur so, treten wir unsere europäische Erbschaft als Berechtigte an und müssen sie immer wieder erwerben, um sie doch nie ganz zu besitzen.

          Der Preis dafür ist auf keinem Markt verhandelbar und wird nicht in Milliarden gemessen. Es sind Einzelne, die ihn bezahlt haben, Gefallene, Deportierte, zu Tode Gefolterte, die ihren Nächsten, wiederum Einzelnen, gefehlt haben. Dass sie nach Millionen zählen, ist leider wahr, aber gerade Europa steht dafür, dass ihr Gewicht in keiner Zahl verschwindet, denn Europa ist die geschichtliche Heimat des Individuums. Dieses aber ist keine umrissene Größe; Europa ist so wenig ein Kontinent, wie es eine Insel ist. Je est un autre, schreibt der junge Rimbaud. Das heißt umgekehrt, dass das Ich im real Andern auch sich selbst, das heißt: seine eigene Möglichkeit respektiert.

          Ich wünsche mir eine Wende wie 1989, die aus dem Gegenwind der Krise Rückenwind macht für den nächsten qualitativen Sprung europäischer Politik; und eine Kanzlerin, die den Willen und den Mut hat, sie vor den Wählern zu vertreten. Ich wünsche mir eine „Wissensgesellschaft“, die zu lernen bereit ist, dass mit jeder beantworteten Frage die Zahl der unbeantworteten exponentiell zunimmt; ein sokratisches Europa. Ich wünsche mir ein Europa der Artenvielfalt, ein Bündnis zugunsten der Andern diesseits und jenseits der Grenzen.

          Ökologie auf europäisch

          Ich wünsche es auch darum, weil es der beste Weg ist, das Andere in mir selbst zu hüten - und der einzige, mich notfalls auch vor ihm zu hüten; denn nur schön ist es wahrlich nicht; das lehren uns nicht nur Tyranneien, die wir selbst gewählt haben, sondern auch die ehrliche Betrachtung im Spiegel. Nur als Schutzgebiet des Andern kann Europa zum Tatbeweis dafür werden, dass es auf diesem endlichen Planeten auch anders geht. Welche staatliche Gestalt dieses Muster annehmen soll, muss sich zeigen; wir werden es erleben, wenn wir es schaffen.

          In den Augen unheilbarer Marktfundis wird das Projekt sich nicht lohnen, da es Opfer verlangt, an Bequemlichkeit, nationaler Fixierung, gerechter Selbstgratulation. Das scheinen mir, vor dem Hintergrund eines hierzulande noch immer fabelhaften Wohlstands, tragbare, um nicht zu sagen: gewinnbringende Opfer. Um am Ende ein wirkliches Opfer, den deutschen Juden Walter Benjamin, zu zitieren: „Nur um der Hoffnungslosen willen ist und die Hoffnung gegeben.“ An anderer Stelle spricht er von einer „kleinen messianischen Hoffnungen.“ Dem Meister deutscher Sprache war der alte Sinn dieses kursiv gesetzten „klein“ gegenwärtig, der nicht ein Quantum bezeichnet, sondern eine Qualität. Klein heißt so viel wie kostbar - ein Wort wie „Kleinod“ verrät es noch. Small is beautiful. Das wäre Ökologie auf Europäisch, eine Sprache, die es nicht gibt. Aber aus einer Finanzmarktkrise führt sie allemal. Erfinden muss man sie nicht mehr, aber lernen kann man sie.4

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