Home
http://www.faz.net/-gqz-73bs6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 03.10.2012, 17:10 Uhr

Adolf Muschg über Europa Gier und Geiz

Die Krise bietet Europa die Chance, noch einmal zu zeigen, dass Lebensrecht auf diesem Planeten nicht mit Wachstum begründet wird. Denn der Preis unserer europäischen Erbschaft lässt sich nicht verhandeln - und zwar auf keinem Börsenparkett dieser Welt.

© Schoepal, Edgar Der Schweizer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg bei seiner gestrigen Rede in Bonn.

Zuerst möchte ich danken, dass ich als Schweizer zum Tag der Deutschen Einheit reden darf - in diesem Raum, aus dem in meinen jüngeren Jahren auch zu diesem Thema große Debatten übertragen wurden; das Bild war anfangs noch schwarz-weiß, die Welt war klar in Freund und Feind geteilt und ließ die Wiedervereinigung als illusorisch erscheinen und für viele Freunde der Bundesrepublik nicht einmal als wünschbar. Diese hatte der doppelten Einbindung in Nato und EG jedes Pochen auf den Vorrang nationaler Interessen geopfert. Dieser Verzicht wurde nicht nur von verdientem Wohlstand honoriert, sondern aufgewogen durch soliden Gewinn an internationalem Respekt; auch durch eine diskret behandelte Zunahme an politischem Gewicht.

1989 war nicht einmal der israelische Geheimdienst auf die epochale Wende gefasst gewesen. Kohl zeigte sich als geistesgegenwärtiger Staatsmann, als er mit den Machthabern der Gegenseite in kürzester Frist die deutsche Einheit aushandelte, ohne dabei die Säulen des bisherigen Bündnisses zu beschädigen. Dieses Wunder besiegelte damals nicht nur das Ende der DDR, sondern auch der alten Bundesrepublik. Die Wende erwies sich auch als Glücksfall für die Europäische Union.

Schwierigkeiten auf dem „Vorgebirge Asiens“

Eigentlich ist es noch immer kaum zu fassen, dass wir heute ein in Freiheit zusammengekommenes Bündnis von 25 europäischen Staaten haben. Noch viel weniger ist zu fassen, dass sich dieses Bündnis auf der Höhe seiner Errungenschaft in einer Existenzkrise befinden soll und dass sich ausgerechnet die gemeinsame Währung als Sprengstoff erweist; selbst das Schwergewicht der Union, Deutschland, droht ihr Gemeinwohl wieder nationalem Eigennutz unterzuordnen. Was gestern noch Reichtum war, schlägt heute als Schulden zu Buch.

Fest steht: Was dem „Vorgebirge Asiens“ (Valéry) gerade zustößt, geschieht überall. Der Kalte Krieg hatte einen umfassenden Gewinner, den wir lange nicht bemerkt haben, weil wir seine Komplizen waren, bevor wir seine Geiseln wurden: Es ist der globalisierte Markt, dessen Herrschaft solider fundiert ist als jedes politische System: nämlich auf jener Grundeigenschaft des Menschen, die im alten Todsündenkatalog noch unter dem Doppelnamen luxuria und avaritia figuriert: Gier und Geiz. Seit Adam Smith gerade im natürlichen Egoismus die unsichtbare Hand Gottes am Werk gesehen hatte, durfte sich die Marktherrschaft ihrerseits als Freiheit verkleiden.

Eigentlich lebt sie von einer Tautologie: Was gewinnt, ist ein Gewinn. Jeder und jede will gewinnen. Da weder Religion noch Sittengesetz mehr verbindlich vorgeben, was als Gewinn zu betrachten ist und was nicht, hat der monetär messbare keine natürlichen Feinde mehr - außer dem Neid. Eine neue Technologie, von der wir abhängen, hat das Gewinnprinzip zum Maß aller Dinge gemacht. Der digitale Rechner hat die Verhältnisse umgekehrt: Die Erwartungen der User müssen mit seinem System kompatibel sein: sie müssen sich rechnen.

Realwirtschaft und schnelle Rechner

Wohin das führt, kann man sich am Hochfrequenzrechner veranschaulichen, der die laute Börse abgelöst hat. Aufgrund des ihm einprogrammierten Algorithmus kauft und verkauft er im Millisekundentakt Finanzprodukte. Diese stellt sich der Laie als undurchsichtige Riesen-Blasen vor, die von der Realwirtschaft abgehoben haben. Jetzt aber besitzen sie die Lufthoheit. Wie kann man von den Betreibern dieses wolkenförmigen Vakuums verlangen, dass sie es selbst einer Kosten-Nutzen-Analyse unterwerfen, solange es seinen Dienst tut: Gewinn anzusaugen? Und der lässt sich aus allem ziehen, aus Wohlstand und Notstand, aus Fülle und Mangel, aus dem Kommen oder Gehen von Gewalt, aus dem Steigen oder Fallen einer Währung, aus der Solvenz eines Staates wie aus seinem Konkurs.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Flüchtlingskrise Merkel: Die Meisten werden zurückkehren müssen

Hunderttausende Flüchtlinge müssen sich darauf einstellen, dass Sie in ihre Heimat zurückkehren – sagt die Kanzlerin. Für EU-Staaten, die sich der Aufnahme verweigern, hat sie eine Botschaft. Mehr Von Frank Pergande, Neubrandenburg

30.01.2016, 19:37 Uhr | Politik
Karneval Integration mit Clownsnase

Nicht nur in der fünften Jahreszeit, aber auch da, sollen sich Flüchtlinge im nordrhein-westfälischen Mettmann willkommen fühlen. In diesem Sinne bedeutete Integration konkret am Samstag: Clownsnasen auf und mitgefeiert. Mit der Aktion möchte der ansässige Unterstützerverein den Neuankömmlingen Kultur und Brauchtümer ihrer derzeitigen Heimat näherbringen. Mehr

08.02.2016, 09:18 Uhr | Gesellschaft
Mayers Weltwirtschaft Angst um China

Wenn Chinas Währung weiter an Wert verliert, hat dies unangenehme Folgen für die ganze Welt. Mehr Von Thomas Mayer

30.01.2016, 17:43 Uhr | Wirtschaft
Parlamentswahlen Opposition gewinnt in Venezuela

In Venezuela hat die Opposition die Parlamentswahlen für sich entschieden. Nicolás Maduro erkannte die Niederlage seiner Sozialistischen Partei am Montagmorgen an. Seine Amtszeit geht noch bis 2019. Mehr

16.01.2016, 10:53 Uhr | Politik
Flüchtlingsfrage Zusammenprall der Kulturen

Den Chefs der Sicherheitsbehörden macht Angela Merkels Politik der offenen Grenzen zu schaffen. Laut sagen dürfen sie es nicht. Trotzdem hört man sie gut. Mehr Von Eckart Lohse, Markus Wehner

30.01.2016, 11:12 Uhr | Politik
Glosse

Bücher über Bord

Von Andreas Platthaus

Müssen Schriftsteller Bücher lieben, wenn sie Ballast darstellen? Iwan Bunin erleichterte sich unterwegs und warf Gelesenes gnadenlos über Bord. Heute ist das nicht mehr so einfach. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“