Home
http://www.faz.net/-gqz-73bs6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Adolf Muschg über Europa Gier und Geiz

Die Krise bietet Europa die Chance, noch einmal zu zeigen, dass Lebensrecht auf diesem Planeten nicht mit Wachstum begründet wird. Denn der Preis unserer europäischen Erbschaft lässt sich nicht verhandeln - und zwar auf keinem Börsenparkett dieser Welt.

© Schoepal, Edgar Der Schweizer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg bei seiner gestrigen Rede in Bonn.

Zuerst möchte ich danken, dass ich als Schweizer zum Tag der Deutschen Einheit reden darf - in diesem Raum, aus dem in meinen jüngeren Jahren auch zu diesem Thema große Debatten übertragen wurden; das Bild war anfangs noch schwarz-weiß, die Welt war klar in Freund und Feind geteilt und ließ die Wiedervereinigung als illusorisch erscheinen und für viele Freunde der Bundesrepublik nicht einmal als wünschbar. Diese hatte der doppelten Einbindung in Nato und EG jedes Pochen auf den Vorrang nationaler Interessen geopfert. Dieser Verzicht wurde nicht nur von verdientem Wohlstand honoriert, sondern aufgewogen durch soliden Gewinn an internationalem Respekt; auch durch eine diskret behandelte Zunahme an politischem Gewicht.

1989 war nicht einmal der israelische Geheimdienst auf die epochale Wende gefasst gewesen. Kohl zeigte sich als geistesgegenwärtiger Staatsmann, als er mit den Machthabern der Gegenseite in kürzester Frist die deutsche Einheit aushandelte, ohne dabei die Säulen des bisherigen Bündnisses zu beschädigen. Dieses Wunder besiegelte damals nicht nur das Ende der DDR, sondern auch der alten Bundesrepublik. Die Wende erwies sich auch als Glücksfall für die Europäische Union.

Schwierigkeiten auf dem „Vorgebirge Asiens“

Eigentlich ist es noch immer kaum zu fassen, dass wir heute ein in Freiheit zusammengekommenes Bündnis von 25 europäischen Staaten haben. Noch viel weniger ist zu fassen, dass sich dieses Bündnis auf der Höhe seiner Errungenschaft in einer Existenzkrise befinden soll und dass sich ausgerechnet die gemeinsame Währung als Sprengstoff erweist; selbst das Schwergewicht der Union, Deutschland, droht ihr Gemeinwohl wieder nationalem Eigennutz unterzuordnen. Was gestern noch Reichtum war, schlägt heute als Schulden zu Buch.

Fest steht: Was dem „Vorgebirge Asiens“ (Valéry) gerade zustößt, geschieht überall. Der Kalte Krieg hatte einen umfassenden Gewinner, den wir lange nicht bemerkt haben, weil wir seine Komplizen waren, bevor wir seine Geiseln wurden: Es ist der globalisierte Markt, dessen Herrschaft solider fundiert ist als jedes politische System: nämlich auf jener Grundeigenschaft des Menschen, die im alten Todsündenkatalog noch unter dem Doppelnamen luxuria und avaritia figuriert: Gier und Geiz. Seit Adam Smith gerade im natürlichen Egoismus die unsichtbare Hand Gottes am Werk gesehen hatte, durfte sich die Marktherrschaft ihrerseits als Freiheit verkleiden.

Eigentlich lebt sie von einer Tautologie: Was gewinnt, ist ein Gewinn. Jeder und jede will gewinnen. Da weder Religion noch Sittengesetz mehr verbindlich vorgeben, was als Gewinn zu betrachten ist und was nicht, hat der monetär messbare keine natürlichen Feinde mehr - außer dem Neid. Eine neue Technologie, von der wir abhängen, hat das Gewinnprinzip zum Maß aller Dinge gemacht. Der digitale Rechner hat die Verhältnisse umgekehrt: Die Erwartungen der User müssen mit seinem System kompatibel sein: sie müssen sich rechnen.

Realwirtschaft und schnelle Rechner

Wohin das führt, kann man sich am Hochfrequenzrechner veranschaulichen, der die laute Börse abgelöst hat. Aufgrund des ihm einprogrammierten Algorithmus kauft und verkauft er im Millisekundentakt Finanzprodukte. Diese stellt sich der Laie als undurchsichtige Riesen-Blasen vor, die von der Realwirtschaft abgehoben haben. Jetzt aber besitzen sie die Lufthoheit. Wie kann man von den Betreibern dieses wolkenförmigen Vakuums verlangen, dass sie es selbst einer Kosten-Nutzen-Analyse unterwerfen, solange es seinen Dienst tut: Gewinn anzusaugen? Und der lässt sich aus allem ziehen, aus Wohlstand und Notstand, aus Fülle und Mangel, aus dem Kommen oder Gehen von Gewalt, aus dem Steigen oder Fallen einer Währung, aus der Solvenz eines Staates wie aus seinem Konkurs.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Prinz Asserate im Gespräch Afrikas Hoffnung verlässt den Kontinent

Wir können die Zäune noch so hoch machen, wir können uns noch so sehr um die Integration der in Europa Strandenden bemühen: Das Problem wird fortgeschrieben. Es gilt, die Ursachen zu bekämpfen. Mehr Von Jochen Hieber

18.07.2015, 20:15 Uhr | Feuilleton
Ukraine-Krise Obama: Waffenlieferung noch nicht entschieden

Der amerikanische Präsident Obama hat bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt, sein Team prüfe alle Optionen für sein weiteres Vorgehen in der Ukraine-Krise. Das gelte vor allem für den Fall, dass die Minsker Friedensverhandlungen scheitern. Ob Amerika an die Ukraine Waffen liefern werde, habe er noch nicht entschieden. Mehr

10.02.2015, 11:35 Uhr | Politik
Einwanderung Deutschland hat ein Patriotismus-Problem

Der amerikanische Soziologe Richard Alba hat die Einwanderungspolitik in sechs Ländern untersucht. Deutschland schneidet schlecht ab. Alba fordert, mit dem Islam in Europa besser umzugehen. Ein Interview. Mehr Von Tahir Chaudhry

29.07.2015, 16:58 Uhr | Politik
Europas Plätze Trafalgar Square

Nicht nur Admiral Nelson hat alles im Blick: In kaum einem anderen europäischen Land werden die Bürger so beobachtet wie in Großbritannien. Seit Jahren erweitert der Staat seine Befugnisse im Namen der Sicherheit. Aber auch Rosie und Lizzy sorgen für Sicherheit. Mehr

06.04.2015, 14:38 Uhr | Aktuell
Reinhard Kardinal Marx Eine ganzheitliche Sicht der Wirtschaft

Eine kritische Distanz des Papstes zum Markt und zur Wirtschaft ist offenkundig. Sie wird flankiert von einer Warnung vor blindem Fortschrittsglauben. Doch deshalb ist die neue Enzyklika keineswegs markt- oder technikfeindlich. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Reinhard Kardinal Marx

18.07.2015, 19:55 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 03.10.2012, 17:10 Uhr

Glosse

Auferstanden als Siegerlager

Von Kerstin Holm

Das einzige in ein Museum umgewandelte Straflager in Russland ist unlängst geschlossen, wiederauferstanden und hat seine Botschaft völlig umgekrempelt. Die neue Ausstellung unweit der Stadt Perm wirft Fragen auf. Mehr 11