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Adolf Muschg über Europa Gier und Geiz

 ·  Die Krise bietet Europa die Chance, noch einmal zu zeigen, dass Lebensrecht auf diesem Planeten nicht mit Wachstum begründet wird. Denn der Preis unserer europäischen Erbschaft lässt sich nicht verhandeln - und zwar auf keinem Börsenparkett dieser Welt.

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Zuerst möchte ich danken, dass ich als Schweizer zum Tag der Deutschen Einheit reden darf - in diesem Raum, aus dem in meinen jüngeren Jahren auch zu diesem Thema große Debatten übertragen wurden; das Bild war anfangs noch schwarz-weiß, die Welt war klar in Freund und Feind geteilt und ließ die Wiedervereinigung als illusorisch erscheinen und für viele Freunde der Bundesrepublik nicht einmal als wünschbar. Diese hatte der doppelten Einbindung in Nato und EG jedes Pochen auf den Vorrang nationaler Interessen geopfert. Dieser Verzicht wurde nicht nur von verdientem Wohlstand honoriert, sondern aufgewogen durch soliden Gewinn an internationalem Respekt; auch durch eine diskret behandelte Zunahme an politischem Gewicht.

1989 war nicht einmal der israelische Geheimdienst auf die epochale Wende gefasst gewesen. Kohl zeigte sich als geistesgegenwärtiger Staatsmann, als er mit den Machthabern der Gegenseite in kürzester Frist die deutsche Einheit aushandelte, ohne dabei die Säulen des bisherigen Bündnisses zu beschädigen. Dieses Wunder besiegelte damals nicht nur das Ende der DDR, sondern auch der alten Bundesrepublik. Die Wende erwies sich auch als Glücksfall für die Europäische Union.

Schwierigkeiten auf dem „Vorgebirge Asiens“

Eigentlich ist es noch immer kaum zu fassen, dass wir heute ein in Freiheit zusammengekommenes Bündnis von 25 europäischen Staaten haben. Noch viel weniger ist zu fassen, dass sich dieses Bündnis auf der Höhe seiner Errungenschaft in einer Existenzkrise befinden soll und dass sich ausgerechnet die gemeinsame Währung als Sprengstoff erweist; selbst das Schwergewicht der Union, Deutschland, droht ihr Gemeinwohl wieder nationalem Eigennutz unterzuordnen. Was gestern noch Reichtum war, schlägt heute als Schulden zu Buch.

Fest steht: Was dem „Vorgebirge Asiens“ (Valéry) gerade zustößt, geschieht überall. Der Kalte Krieg hatte einen umfassenden Gewinner, den wir lange nicht bemerkt haben, weil wir seine Komplizen waren, bevor wir seine Geiseln wurden: Es ist der globalisierte Markt, dessen Herrschaft solider fundiert ist als jedes politische System: nämlich auf jener Grundeigenschaft des Menschen, die im alten Todsündenkatalog noch unter dem Doppelnamen luxuria und avaritia figuriert: Gier und Geiz. Seit Adam Smith gerade im natürlichen Egoismus die unsichtbare Hand Gottes am Werk gesehen hatte, durfte sich die Marktherrschaft ihrerseits als Freiheit verkleiden.

Eigentlich lebt sie von einer Tautologie: Was gewinnt, ist ein Gewinn. Jeder und jede will gewinnen. Da weder Religion noch Sittengesetz mehr verbindlich vorgeben, was als Gewinn zu betrachten ist und was nicht, hat der monetär messbare keine natürlichen Feinde mehr - außer dem Neid. Eine neue Technologie, von der wir abhängen, hat das Gewinnprinzip zum Maß aller Dinge gemacht. Der digitale Rechner hat die Verhältnisse umgekehrt: Die Erwartungen der User müssen mit seinem System kompatibel sein: sie müssen sich rechnen.

Realwirtschaft und schnelle Rechner

Wohin das führt, kann man sich am Hochfrequenzrechner veranschaulichen, der die laute Börse abgelöst hat. Aufgrund des ihm einprogrammierten Algorithmus kauft und verkauft er im Millisekundentakt Finanzprodukte. Diese stellt sich der Laie als undurchsichtige Riesen-Blasen vor, die von der Realwirtschaft abgehoben haben. Jetzt aber besitzen sie die Lufthoheit. Wie kann man von den Betreibern dieses wolkenförmigen Vakuums verlangen, dass sie es selbst einer Kosten-Nutzen-Analyse unterwerfen, solange es seinen Dienst tut: Gewinn anzusaugen? Und der lässt sich aus allem ziehen, aus Wohlstand und Notstand, aus Fülle und Mangel, aus dem Kommen oder Gehen von Gewalt, aus dem Steigen oder Fallen einer Währung, aus der Solvenz eines Staates wie aus seinem Konkurs.

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Adolf Muschg hielt diese Rede auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung am 3. Oktober in der Reihe der Wasserwerk-Gespräche.

Quelle: F.A.Z.
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