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Abtritt ohne Vermächtnis : Der Sturz der Babyboomer

  • -Aktualisiert am

Großburgwedel, am Freitagabend Bild: dpa

Sie hatten keine Idee, sie hatten den Markt: Eine ganze Generation konservativer Babyboomer hat aufgegeben. Auch das höchste Amt im Staat verlor sie in Rekordzeit. Was ist da geschehen?

          Man kennt das Bild aus ungezählten amerikanischen Filmen und Fernsehserien: wie abends die Familie in ihrem Familienauto in die Garage des Vorstadthauses fährt und die Kamera auf dem sich langsam hinter dem Auto schließenden elektrischen Garagentor verharrt. Die Welt der „Peanuts“, die Welt von Disney, von Steven Spielberg, die Welt von „American Graffiti“ bis zu „American Beauty“: Haus, Auto, elektrisches Garagentor, ein Mountainbike, ein Basketball-Korb im Vorgarten - darin steckt die Ikonographie der Babyboomer, ein Bild, in dem ein Lebenstraum steckt.

          Als sich am Freitagabend das Garagentor hinter einem zweiundfünfzigjährigen Rentner schloss, glaubte die Öffentlichkeit, mehr über den Preis dieses Traums zu wissen, als man je zu wissen wünschte.

          Die erschöpfte Generation

          Ja, es ist ungerecht, den Einzelnen für seine Generation verantwortlich zu machen, einfältig oft und gezwungen. Aber umgekehrt, das ist möglich: Man kann eine Generation für den Einzelnen zur Rechenschaft ziehen. Es ist nach Wulffs Rücktritt an der Zeit, über die politische Generation der Babyboomer zu reden, der Geburtsjahrgänge, großzügig gesprochen, von 1955 bis 1970 (demographisch bis 1965), eine Kohorte, die seit der Jahrhundertwende faktisch die meinungsbildende Mehrheit in Deutschland bildet.

          In Gestalt von Christian Wulff, Jahrgang 1959, hat ein Angehöriger dieser Generation das Höchste erreicht und in nie gesehener Geschwindigkeit alles vermasselt. Das ist bemerkenswert. Und bemerkenswert auch der zweite Blick: Fast das gesamte politische Personal dieser Generation - vor allem in der CDU - ist schon vorher abgetreten, Roland Koch (*1958), Ole von Beust (*1955), Peter Müller (*1955), Stefan Mappus (*1966), Dieter Althaus (*1958), Friedrich Merz (*1955); als gescheitert gilt vielen Guido Westerwelle (*1961), und von Frank-Walter Steinmeier (*1956) und Sigmar Gabriel (*1959) ist bislang nur die Paradoxie aktenkundig, dass sie ein Amt, aber noch keine Chance hatten. Es gibt Ausnahmen, es gibt Katrin Göring-Eckardt (*1966), die allerdings aus dem Osten kommt.

          Und während mit Christian Wulff die Zweiundfünfzigjährigen dieser erschöpften Generation in Rente gehen, sind es Fast-Hundertjährige, die Parteitage zu Begeisterungsstürmen veranlassen. Helmut Schmidt (*1918), beim SPD-Parteitag 2011, das ist ungefähr so (nur um einmal die Lebensalter-Chronologie auf die Reihe zu bekommen), als wäre Karl Marx (*1818) beim SPD-Parteitag 1911 aufgetreten.

          Der Markt ist keine Idee

          Es reicht einfach nicht, diesen Sachverhalt mit Anden-Pakt und Angela Merkel zu erklären. Es ist an der Zeit, wie bei jedem Drama danach zu fragen, ob hier nicht Notwendigkeit waltet. Es ist die Frage nach der politischen und gesellschaftlichen Idee, die diese Generation leitete und leitet. Gerade wenn man, wie der Verfasser dieses Artikels, selber zu diesen Geburtsjahrgängen gehört, wird man sich hüten, den Stab über ganze Kohorten zu brechen. Doch drängt sich einem die Frage auf, wie das passieren konnte, was wir gerade erleben. Denn es ist ja nicht nur so, dass es heutzutage der Alten bedarf, um überhaupt das Wort „Ideen“ noch in den Mund zu nehmen, es ist historisch unverkennbar, dass unter der Dominanz der Babyboomer die Ideen zu Bruch gehen.

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