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Abschiedsfest für Michael Krüger : Küsse, Nasenküsse, Ringkämpfe

  • -Aktualisiert am

Jaoachim Gauck wusst schon, warum er den Orden nicht angekündigt hatte. Bild: Pein, Andreas

Der Bundespräsident feiert eine große Party im Schloss Bellevue und verabschiedet den Hanser-Verleger Michael Krüger in den Ruhestand.

          Am Ende trat der Bundespräsident noch einmal ans Pult, wedelte so mit ausgestrecktem Arm über die zweihundert Gäste im Saal dahin und sagte, er spüre genau, dass hier eigentlich jeder gerne noch etwas sagen würde, über den Mann, der an diesem Abend gefeiert worden sei. Aber leider, er könne das Mikrofon jetzt nicht jedem öffnen, aber jetzt trinke man ja gemeinsam, und alle könnten ihm noch sagen, was sie ihm verdanken, dem Gefeierten: Michael Krüger.

          Es war ein prächtiger, schöner, würdevoller Abend am Freitag im Berliner Schloss Bellevue. Bundespräsident Gauck hatte zu einem Literarischen Abend geladen zu Ehren Michael Krügers, der nach vielen Jahren als Chef des Hanser-Verlags Ende des letzten Jahres in den Ruhestand verabschiedet wurde. Und alle kamen. Schriftsteller, Buchhändler, Filmemacher, Politiker, Kritiker, Verleger, Leser. Die Hanser-Welt. Krügers Welt. „Er steht für eine ganze Epoche“, hatte Gauck in seiner klugen, herzenswarmen Rede gesagt; und dass es wirklich schwer sei, sich vorzustellen, dass diese nun zu Ende gehe.

          Der Baum vor dem Fenster

          Der Abend hatte mit einem kurzen Film begonnen, neben der Fahne des Präsidenten, auf großer Leinwand: Michael Krüger in seinem Verlegerbüro spricht über den Baum, auf den er schaute, sein ganzes Arbeitsleben lang. Er spricht bewundernd über ihn, dass er ein Kraftwerk sei, über die Kapillaren, die Unmengen Wasser, die er im Inneren transportiere, die Tiere, die in ihm wohnten; dass er Biologen gefragt habe, ob es ein Buch darüber gebe, über den Baum als Kraftwerk, ein Buch, in dem alle Baumfragen beschrieben und beantwortet seien, und dass die Biologen gesagt hätten, das gebe es nicht, und man stehe da noch am Anfang, den Baum ganz und gar zu verstehen. Und die Kamera immer in das Krüger-Gesicht, nicht auf den Baum, den sieht man nicht. „Er beobachtet mich“, sagt Krüger. „Er hat mich die ganze Zeit, die ich hier in dem Büro verbracht habe, beobachtet.“ Er sei eigentlich die einzige Konstante in seinem Leben gewesen, der Baum. Und am Ende: „Ich hoffe, dass er mich überleben wird. Und meinen Nachfolger auch.“

          An dieser Stelle gibt es etwas überraschtes, etwas verlegenes Lachen im Saal. Jeder hier weiß, dass Michael Krüger gerne noch weitergemacht hätte, dass ihn die Eigentümer des Verlages nicht an der Nachfolgersuche beteiligt haben, in keiner Weise. Dass er vor gut einem Jahr auf der Buchmesse in Frankfurt viele Menschen halb scherzend fragte: „Willst du mein Nachfolger werden?“, bis ihm ein Wohlmeinender sagte: Lass es, Michel. Es ist ein Headhunter unterwegs. Sie suchen einen Nachfolger. Und zwar im Ernst.

          Einträchtige Bewunderung

          Im Dezember 2012 bekam Krüger dann eines Morgens ein Fax von den Eigentümern: „Bevor Sie es aus der Zeitung erfahren...“, und den Namen seines Nachfolgers Jo Lendle. Seitdem versuchen alle Beteiligten, diese Verletzungen, den harten Bruch, diplomatisch zu beschweigen. Das fällt sicher nicht immer leicht. Fällt gar nicht leicht, wie auch die Idee „Ruhestand“ ernst zu nehmen, für einen Mann, dessen Leben komplett eins war mit seinem Beruf, mit seiner Rolle als Verleger. Vielleicht kann ein Verlag nur so zu einem epochemachenden Haus werden, wenn an der Spitze eine Person steht, die ganz und gar, mit allem, was sie hat, für diese Rolle einsteht. Diese Person dann zu pensionieren ist schwer. Und schmerzt.

          Der Bundespräsident hatte eine Überraschung parat: Michael Krüger erhält das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Bilderstrecke
          Der Bundespräsident hatte eine Überraschung parat: Michael Krüger erhält das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. :

          Umso überraschender, was für ein optimistischer, gut gelaunter, zukunftsfroher Abend das wurde, im Schloss Bellevue. So dass der Präsident ganz am Ende staunend fragte: „Wo bleibt nur die geliebte Kultur des Verdrusses?“

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