11.02.2005 · Eigentlich wollte die jüdische Germanistin Ruth Klüger, die den Holocaust überlebt hat, in Dresden einen Vortrag halten. Den hat sie abgesagt - sie fürchtet ein „politisches Spektakel“ durch demonstrierende Neonazis.
Von Hubert SpiegelRuth Klüger, seit Jahrzehnten in Amerika lebende Germanistin aus Wien, hat einen Vortrag abgesagt. Dergleichen kommt vor, bekümmert die Veranstalter und das Publikum, ist aber darüber hinaus in der Regel der Rede nicht weiter wert. Daß es sich in diesem Fall anders verhält, liegt an Ort und Zeitpunkt der Veranstaltung, am Gegenstand des Vortrags, an der Person der Rednerin und an ihrer Lebensgeschichte.
Ruth Klüger, eine Überlebende der Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und des Arbeitslagers Christianstadt, möchte nicht an jenem 13. Februar im Dresdener Schauspielhaus über den jüdischen Romanisten Victor Klemperer sprechen, wenn sich die Bombardierung der Stadt durch die Alliierten zum sechzigsten Mal jährt und, wie man befürchten muß, der alljährlich an diesem Datum stattfindende Aufmarsch der Rechtsextremisten besonders starken Zulauf erhalten wird.
In einem Brief an Holk Freytag, den Intendanten des Dresdener Schauspiels, hat Ruth Klüger ihre Absage vor allem mit den Vorgängen um die radikalen Rechten in Sachsen begründet: „Wenn eine ehemals verfolgte Jüdin - und als solche bin ich in Deutschland vor allem bekannt - im Staatsschauspiel einen Vortrag über einen verfolgten Juden, nämlich Victor Klemperer, hält, während auf der Straße tausende (sic!) judenfeindliche Parteianhänger demonstrieren, so wird daraus unweigerlich ein politisches Spektakel. Damit habe ich aber nicht rechnen können, und daran möchte ich nicht teilnehmen.“
Das Gefühl, in Dresden fehl am Platz sein
Als Ruth Klüger im Januar aus ihrer kalifornischen Heimat nach Deutschland kam, wurde sie sofort nach ihrer Ankunft gefragt, wie sie die Zunahme rechtsextremer Aktivitäten in Deutschland beurteile. „Vor vier, fünf Wochen“, so sagt sie jetzt im Gespräch mit der F.A.Z., „habe ich das noch als Randerscheinungen eingeschätzt. Wenn man wie ich in Amerika lebt, ist man über diese Dinge nicht so gut informiert. Selbst der Wahlerfolg der NPD im Sächsischen Landtag ist in den amerikanischen Zeitungen kaum eine Nachricht. Aber je mehr ich über die jüngsten Entwicklungen erfuhr, desto stärker wuchs in mir das Gefühl, ich würde am 13. Februar in Dresden fehl am Platz sein. Ein paar hundert glatzköpfige Neo-Nazis hätte ich vielleicht ertragen, aber ein paar tausend, wie jetzt befürchtet wird? Nein.“
Ruth Klüger hat gewußt, daß es keine einfache Aufgabe sein würde, als Jüdin am Jahrestag der Bombardierung Dresdens über Victor Klemperer zu sprechen, der den Terror der Judenverfolgung, den er jahrelang ertragen mußte, auf beklemmende Weise in seinen Tagebüchern festgehalten hat. Aber sie wußte nicht, daß der 13. Februar seit Jahren einen festen Termin in der Agenda der Rechtsradikalen darstellt. „Für mich ist dieser Tag ein Tag der Trauer. Hätte ich gewußt, daß es ein Tag der Aufmärsche ist, hätte ich den Vortrag niemals zugesagt. Dann mußte ich hören, daß Neo-Nazis aus vielen Teilen Deutschlands an diesem Tag nach Dresden reisen würden. Womöglich wäre ich mit einigen von ihnen im selben Zug nach Dresden gefahren.“
Zufällig am Jahrestag der Bombardierung
Ruth Klüger macht dem Veranstalter keine Vorwürfe. Die „Dresdener Reden“ werden seit vierzehn Jahren im Schauspielhaus gehalten, jeweils an den vier Sonntagen des Februars. Die Liste der Redner reicht von Willy Brandt bis Michail Gorbatschow. Daß eine von vier Reden in diesem Jahr am Jahrestag des Bombardements gehalten werden sollte, ist ein Zufall, dem Dresdens Intendant Holk Freytag mit der Wahl einer Rednerin Rechnung tragen wollte, die der Mordlust der Nazis um Haaresbreite entgangen ist.
Ruth Klüger wurde 1931 in Wien geboren und im Alter von zwölf Jahren zusammen mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert. Mutter und Tochter gelang die Flucht, 1947 emigrierten sie in die Vereinigten Staaten, wo die Tochter zu einer angesehenen Germanistin wurde, die in Princeton und Irvine lehrte. Ihre eigene Leidensgeschichte hat sie in ihrer Autobiographie beschrieben, die 1992 unter dem Titel „weiter leben“ erschienen ist.
Ähnlich wie Klemperers Tagebücher oder die Erinnerungen von Marcel Reich-Ranicki beschreibt auch „weiter leben“, wie die deutsche Sprache, wie Kultur und Literatur den Verfolgten zu einer Quelle der Kraft und des Trostes werden konnten, die ihnen half, Not und Verfolgung zu überleben. So ist es verständlich, daß die Arbeit an der Autobiographie nicht in Amerika begann, wo sie seit 1947 lebt, sondern in Deutschland, in Göttingen, während eines Forschungssemesters an der dortigen Universität.
Eine Tatsache, die es zur Kenntnis zu nehmen gilt
Jetzt wird das ausverkaufte Große Haus in Dresden am Sonntag vormittag leer bleiben. Ein Ersatzredner für Ruth Klüger wurde gesucht, aber nicht gefunden, und das ist auch besser so. Es besteht kein Anlaß zur Hysterie, und wer Ruth Klüger auch nur ein wenig kennt, der weiß, wie fremd ihr diese Gefühlsregung ist. Aber man sollte über diesen Vorgang nicht einfach hinweggehen. Sechzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und dem Ende des Zweiten Weltkriegs wagt eine Überlebende des Holocaust es nicht, in einem deutschen Theater öffentlich über einen anderen Überlebenden des Holocaust zu sprechen, weil sie Störungen und Übergriffe von Rechtsextremisten fürchtet.
Das ist, jenseits aller Erwägungen über die Besonderheiten der Dresdener Situation, zunächst eine Tatsache, die es zur Kenntnis zu nehmen gilt. „Viktor Klemperers Weg als Deutscher und Jude“, so lautet der Titel eines Vortrags, der am 13. Februar 2005 in Dresden nicht gehalten werden kann.