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A. L. Kennedy Nackt auf der Insel

10.09.2004 ·  Als strenge Calvinistin sucht die schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy jedes Amüsement zu vermeiden. Einmal im Jahr aber wird sie doch zur Sklavin der Sinnlichkeit: auf der Insel Sylt.

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Das Wasser ist kalt. So kalt, daß das Denken aussetzt und man den Glauben verliert. Verschiedene Teile meines Leibes entwickeln existentielle Ängste von einer Intensität, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Ein weiterer eisiger Brecher rollt heran und reißt mich in die salzige Tiefe, und meine Haut wird langsam lila. Das Ganze fühlt sich an, als würde ich von einem sehr großen, sehr nassen Bären angegriffen, dem unbegrenzte Mengen Sandpapier zur Verfügung stehen. Oder anders gesagt: An einem kühlen und windigen Tag vor Sylt zu baden kann recht erfrischend sein.

Und doch ist es auf gewisse Weise auch geradezu angenehm - was eine Erklärung verlangt. Also los. Sylt besteht aus mehr als dreißig Kilometern Strand, die lose an einigen langgestreckten Dörfern befestigt sind, ein wenig Naturschutzgebiet, einem Städtchen, einem Aquarium, einer Mineralwasserfabrik, mehreren sehr erfreulichen Restaurants und einer Zugverbindung zum Festland von Schleswig-Holstein.

Meist wechselhaft

Wenn auch das Wetter bisweilen furchtbar sein kann, so ist es doch meist wechselhaft - ein Tag stürmischen Regens wird von drei strahlenden Sonnentagen abgelöst -, und seit mehr als einem Jahrhundert machen geschmackvolle und wohlhabende Deutsche gern einen Abstecher nach Sylt, genießen die heilende Kraft des Wassers, schnuppern an den Rosenbüschen in den endlosen Dünen und mieten sich hübsche friesische Bauernhäuschen, um sich wochenlang unter spitzgiebligen Reetdächern zu erholen.

Die Insel ist ein Feriengebiet für eine kleine Anzahl Camper und Rucksacktouristen und eine große Anzahl absurd reicher BMW-fahrender Sonnenanbeter, hartgesottene Lebemänner und -frauen. Die Menschen kommen nach Sylt, um herumzulümmeln: Sie trinken, sie knabbern Tapas, sie amüsieren sich. Ich hingegen lümmele nicht herum, trinke nie, Tapas sind mir zu aufregend, und gegen Amüsement habe ich eine leichte Allergie. Ich bin Calvinistin.

Gott als Amokläufer

Zwar wurde ich, im Nordosten Schottlands aufgewachsen, nie offiziell mit den ungeheuer schwachsinnigen Lehrsätzen Calvins vertraut gemacht, doch ich inhalierte ihren Inhalt, ihr Wesen mit jedem Atemzug und trat deshalb mit der unumstößlichen Überzeugung ins Teenageralter ein, daß mein Körper häßlich und Genuß falsch war und daß Gott hinter jeder Wolke lauerte wie ein Amok laufender Vietnam-Veteran mit unerschöpflichem Munitionsvorrat, und auf jeder Patrone stand mein Name.

Wir Calvinisten benehmen uns ein Leben lang wie nervöse Schulkinder, korrigieren ständig unsere unsauberen Hausaufgaben für den Direktor, der unweigerlich alles als falsch anstreicht, grübeln über Sünden und Fehltritte nach, die uns wie eine Art moralischer Körpergeruch umwehen. Wir können uns einfach nicht helfen, und auch sonst kann es keiner - schon der Versuch wäre wieder eine Sünde. Die ganzen Regeln, Vorschriften und Gebote, von denen wir umgeben sind, unsere Konzentration auf die finsteren Machenschaften einer leiblichen Hülle voller kitzliger Stellen und erogener Zonen führt zu einem gewissen Maß an Übellaunigkeit bis hin zur Psychose.

Sklaven der Sinnlichkeit

Daher rührt auch die starke Verbindung zwischen der schottischen Version des Protestantismus und den drei nicht minder reaktionären Zierden der amerikanischen Gesellschaft: Hillbillys, Rednecks und dem Ku-Klux-Klan. Andererseits sind wir von so vielen starren Richtlinien und schicksalhaften Grenzen umhüllt, die nie übertreten werden dürfen, daß wir sie fast unweigerlich übertreten müssen, und wenn wir das einmal getan haben, werden wir augenblicklich zu willfährigen Sklaven der Sinnlichkeit. Ich wußte also, Sylt würde riskant werden, noch bevor ich überhaupt einen Gedanken an die Nackten verschwendet hatte.

Es gibt tatsächlich außerordentlich viele Nackte auf Sylt. Und einige von ihnen sind außerordentlich reich, das macht sie besonders. Zum ersten Mal traf ich die reichen Nackten vergangenes Jahr nach einem kleinen Lunch, als ich mit meinem deutschen Übersetzer und dessen Frau den Strand entlangschlenderte. Es gibt zwar ausschließlich den Nackten vorbehaltene Abschnitte im Sand von Sylt, doch die Bedeckten und die Unbedeckten mischen sich auch sonst überall fröhlich miteinander. Wir drei waren nun also in ein exklusives Gebiet gestolpert, wo die Bademode der nächsten Saison, unerschwingliche Sonnenbrillen und, besonders verstörend, Designerhaut zur Schau getragen wurden.

Auf dem Silbertablett

Hier lagen Nackte, die, wie wir sehen konnten, ohne mit der Wimper zu zucken, das Bruttosozialprodukt von Ecuador für Botox mit Trüffelduft ausgeben würden - wenn sie überhaupt noch mit einer Wimper zucken konnten. Sie waren nicht nur nackt, sie waren enthüllt. Ehefrauen räkelten sich kunstvoll und stellten ihren Schambewuchs zur Schau. Ehemänner standen besitzerstolz daneben: die Hüfte mit einer Entschlossenheit nach vorn gereckt, als erwarteten sie jeden Moment, ein Silbertablett unter ihre prachtvollen Genitalien gestellt zu bekommen. Gebräunte Schenkel zeigten die Farbe eingeölten Teaks, Ellbogen knarrten leise wie feinstes Ziegenleder, und jeder einzelne reiche, nackte Körper war von einer Aura der Selbstgewißheit und Zufriedenheit umgeben, die sämtliche Füllungen meiner Backenzähne vibrieren ließ.

Natürlich ebbte unsere anfängliche Befangenheit mit der Zeit ab, und wir fanden eine stille Ecke, in der wir uns niederlassen und unseren wohlhabenden Nachbarn eine Art dreidimensionale Mahnung der körperlichen Unvollkommenheit abgeben konnten. Das Meer blinkte einladend, und es war ein heißer Tag, und meine Begleiter hatten Badekleidung dabei und ich nicht - es war also im Grunde unvermeidlich, daß ich schließlich in völliger Kleiderlosigkeit den Weg ins Wasser antrat.

Die Vorzüge der Nacktheit

Wie viele von Ihnen wahrscheinlich wissen, kann man den Hauch einer sanften Brise auf der Haut, die freundliche Wärme des Sonnenlichts an ungewohnten Stellen, die ungehinderte Umhüllung der Glieder durch kühles Wasser, kann man all diese Vorzüge der Nacktheit nur als angenehm, wenn nicht gar als genußvoll bezeichnen. Und wenn man wegen mangelnden Selbstbewußtseins jahrzehntelang der Ansicht war, im Badeanzug sowohl lachhaft als auch furchterregend auszusehen, kann es eine echte Erleichterung bedeuten, plötzlich ohne dazustehen. Beklagenswerterweise führte dies zu zahlreichen weiteren Nacktbadetagen - am liebsten abends, wenn das Wasser sich erwärmt und der Strand sich geleert hatte. Meine jugendliche Indoktrination versuchte mich immerhin zurückzuhalten oder mir zumindest Ungemach in Form von Scham zu bereiten. Wir Calvinisten sind ganz groß, was Scham angeht.

Ich steige als gebeugte, bläuliche Gestalt aus dem Meer und wirke entweder wie schlecht einbalsamiert oder vor längerer Zeit ertrunken. Fehlende Muskelspannung und Schwerkraft sorgen dafür, daß ich mich beim Laufen anhöre wie vereinzelter Applaus. Dennoch muß ich einfach zugeben, daß ich mich letztes Jahr beinahe amüsiert habe. Also war ich diesen Sommer streng mit mir. Ich würde wieder nach Sylt fahren, aber diesmal würde es kein Amüsement geben. Daher mein Ausflug ins Wasser am denkbar ungeeignetsten Tag, in eine Brandung, deren Brecher jede Schwimmbekleidung sofort in Richtung Connecticut davonspülen würden, wenn man zufällig welche dabeihätte.

Ich strauchelte wieder

Ich zitterte, schlug um mich und gurgelte, und ich versuchte, mir Haie vorzustellen. Ich erinnerte mich an meine Schulzeit und an Ingrid Brown - ihre deprimierend gazellenhafte Grazie, ihre entmutigend honigfarbenen Gliedmaßen -, wir anderen sahen neben ihr immer unterentwickelt aus und konnten kaum hoffen, jemals mit irgendwem sexuelle Beziehungen einzugehen, der bei klarem Verstand oder Sehvermögen war.

Ich konzentrierte mich auf meinen ersten BH, meine frühe Hoffnung, daß er eines Tages nicht bloß hämisch wie eine Weste um meine Rippen schlabbern würde. Doch trotz all meiner Bemühungen war ich beinahe fröhlich. Wieder an Land, erwischte ich mich bei einem Lächeln, als ich mir das Blut in die blauen Füße zurückrubbelte. Ich strauchelte also wieder einmal - ich war kurz davor, die Welt im großen und ganzen in Ordnung zu finden, während ich mich in die Wellen stürzte und ohne Schutz von Feigenblättern oder Leinwänden am Strand entlangspazierte.

Die Würde nackten Boulespiels

Ich suchte mir natürlich ein Plätzchen unter den weniger exaltierten Nackten - den Pärchen, die zusammen in den Dünen standen und sich leicht befangen unterhielten, als wären sie zu einem Drink im Haus des Chefs eingeladen; den vielen, vielen Männern, die unbedingt jede Pose aus dem Versandkatalog des Jahres 1972 einnehmen müssen; den Erdmüttern, die grimmig entschlossen herumhüpfen, um den Geist von wer weiß was wiederaufleben zu lassen, und uns daran erinnern, daß Büstenhalter auch unsere Freunde sein können.

Ich weiß inzwischen, daß nacktes Volleyballspielen verboten gehört und daß nacktes Boulespielen stille Würde und Könnerschaft ausstrahlt. Ich weiß, daß Menschen, die ihre Abende auf demselben Sofa verbringen, mit den gleichen hängenden Schultern und identisch plattgesessenen Hintern ins Wasser gehen. Ich weiß, wenn ich lang genug lebe, werde ich zu einem geschlechtsneutralen ausgebeulten Sack mit besorgniserregenden Augen und, wenn ich Glück habe, Schienbeinen. Diese letzte Gewißheit ist natürlich eine Hilfe, wenn ich anfangen sollte zu grinsen oder mich zu sehr entspanne.

Rasierte Seehunde

Doch ich weiß nun auch, daß nackte Rentner in der Brandung kichern und herumtollen wie Vierjährige. Ich weiß, daß kleine Jungs und ihre Väter im Adamskostüm schreiend und spritzend durchs flache Wasser rennen und Quallen ausweichen, als hätten sie beide noch nie im Leben eine Rechnung bezahlt. Ich weiß, daß langjährige Partner wie rasierte Seehunde nebeneinander auf dem Bauch liegen, still Händchen halten und vor sich hin dösen. Und das strahlt eine Art Unschuld und Frieden aus, und der Atem der Wellen ist schrecklich beruhigend, und manchmal glitzert richtige Zufriedenheit in meinen vorderen Hirnlappen auf, ganz egal, was sonst passiert.

Aber jetzt bin ich wieder zu Hause, das Wetter ist furchtbar, ich habe zu arbeiten, und Sie können sich darauf verlassen, daß ich schon bald jeden Anflug von Genuß, der mich in letzter Zeit heimgesucht haben sollte, vergessen habe. Es sei denn, ich werde schwach - Sie wissen ja, das Fleisch ist schwach - und lande nächstes Jahr wieder auf Sylt.

Aus dem Englischen von Ingo Herzke.

A. L. Kennedy wurde 1965 in Dundee geboren und lebt in Glasgow. Zuletzt erschien ihr Roman "Also bin ich froh".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2004, Nr. 211 / Seite 35
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