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60 Jahre nach Kriegsende „Die deutsche Beutekunstpolitik ist gescheitert“

27.04.2005 ·  In einem Gespräch mit der F.A.Z. beklagen die Vertreter der Sammlungen in Berlin, Dresden und Potsdam, Lehmann, Roth und Dorgerloh, die seit fünfzehn Jahren geführten Verhandlungen hätten keinerlei Fortschritte gebracht.

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Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes hat das Moskauer Puschkin-Museum bislang unerschlossene Depots mit „Beutekunst“ aus Deutschland geöffnet und zeigt eine Ausstellung restaurierter antiker Kunstwerke. Russische Fachleute hätten in fünf Jahren Arbeit aus Scherben und Trümmern etwa 350 Vasen, Statuen und Fresken wieder zusammengesetzt, hieß es zu der am Dienstag eröffneten Ausstellung „Archäologie des Krieges. Rückkehr aus dem Nichts“.

In Berlin wurde Kritik laut. Man habe von dem Projekt nichts gewußt und nie Zugang zu den Objekten gehabt, teilte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit. Drei deutsche Museumschefs kritisierten in einem Interview mit der F.A.Z. die 15 Jahre währenden Bemühungen der Bundesregierung um Rückgabe von „Beutekunst“ seien ohne Fortschritte geblieben; sie forderten einen Kurswechsel.

Im Puschkin-Museum lagert ein Großteil der auf sowjetischen Befehl abtransportierten Kunstschätze aus Deutschland, darunter die Troja- Funde von Heinrich Schliemann und der Eberswalder Goldschatz. Die Museumsdirektorin Irina Antonowa sagte bei der Eröffnung, aus Berlin sei noch keine Reaktion zu der Ausstellung erfolgt. „Selbst wenn eine Reaktion geflogen kommt, wird sie keinerlei Folgen haben.“ Das Museum unterstrich, daß die Gegenstände laut „Beutekunst“-Gesetz russisches Eigentum seien. Gezeigt werden unter anderem griechische und etruskische Vasen, Fresken aus Pompeji und Herculaneum sowie koptische Elfenbein-Schnitzereien.

„Ohne Wissen und Beteiligung“

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin begrüßte zwar die erstmalige Präsentation der Kunstschätze aus deutschen Sammlungen, „überwiegend aus der Berliner Antikensammlung“. Sie bedauerte aber gleichzeitig, „daß diese Maßnahme ganz ohne Wissen und Beteiligung der Staatlichen Museen zu Berlin erfolgt ist“. Alle Anfragen Berlins für den Zugang zu den Depots seien von russischer Seite abgelehnt worden, betonte Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann am Dienstag in Berlin. Er forderte gleichzeitig, „ohne Scheu und Vorbehalte auch über die Rückführung der Kulturgüter in ihren ursprünglichen Sammlungszusammenhang zu verhandeln“.

„Schimäre“

In ihrem Gespräch mit der F.A.Z. kritisierten Lehmann und seine Kollegen Martin Roth (Dresden) und Hartmut Dorgerloh (Potsdam), bereits von den Russen gemachte Zusagen erwiesen sich zusehends als „Schimäre“. Er habe den Eindruck, sagte Lehmann, die Situation „verhärte“ sich derzeit wieder. Auf der Ministerebene gehe es „nur noch darum, das Gesicht zu wahren“, während der Bundeskanzler die „Beutekunst“-Debatte ohnehin nur als „Fußnote“ betrachte.

Derweil aber, so Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, seien ganze „Bestände bedeutender Kunst“ in den russischen Depots „zu Pflegefällen“ geworden. Es sei „allerhöchste Zeit“, sie zu restaurieren und der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Die drei Museumsvertreter forderten daher einen radikalen Kurswechsel. Die, nach Lehmanns Worten, „einzig aufs Völkerrecht fixierte Verhandlungsstrategie“ müsse aufgegeben werden. „Auf deutscher Seite müssen endlich einige Fragen diskutiert werden, die bisher vermieden wurden“, meinte Roth: „Zum Beispiel: Kauft man manche Kunstwerke zurück?“

„Kauft man manche Kunstwerke zurück?“

Lehmann schlug die Gründung eines russisch-deutschen Kulturinstituts und die gemeinsame Ausbildung von jungen Kunsthistorikern, Restauratoren und Bibliothekaren vor. Der Präsident der Preußenstiftung regte zudem an, auf bestimmte „Beutekunst“-Bestände, die in Rußland lagern, zu verzichten. Um die akut bedrohte Kunst retten zu können, „müssen wir einen Weg finden, auf dem die Lösung des Konfliktes um die 'Beutekunst' auch für Putin innenpolitischen Gewinn verspricht“, sagte Dorgerloh, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.

Die Moskauer Präsentation sei leider auch „ein erneuter Versuch zur Legendenbildung“, bedauerte Lehmann, da die Direktorin des Puschkin-Museums wieder die SS für Zerstörungen der in die Berliner Bunker Friedrichshain und Zoo verbrachten Kunstschätze verantwortlich gemacht habe, was aber nicht den historischen Tatsachen entspreche. Lehmann appellierte an alle Beteiligten, alles zu tun, um das Weltkulturerbe gemeinsam zu retten und auch Gespräche über eine Rückführung aufzunehmen.

Das vollständige Interview lesen Sie in der Mittwochsausgabe der F.A.Z..

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. April 2005
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