Statistische Rekorde zählen im Fußball viel. Ohne sie wird man schwerlich zur Legende. Lothar Matthäus etwa, der es zwischen 1980 und 2000 auf hundertfünfzig Länderspiele brachte und dabei Welt- und Europameister wurde, müsste als Rekord-Nationalspieler der Deutschen längst eine Legende sein - das boulevardeske Leben, dem er außerhalb des Platzes frönt, steht seiner Erhöhung allerdings hartnäckig entgegen. Ganz anders Gerd Müller. Ihm, der sich ohne Ball so überaus schwertat, hat das zwischenzeitliche Elend, in dem er lebte, keineswegs den Legendenweg verbaut - die achtundsechzig Tore, die er in sieben Jahren bei nur zweiundsechzig Einsätzen für Deutschland schoss, bilden dabei das statistische Fundament einer fußballerischen Singularität.
Nun ist auch Jens Lehmann im Besitz eines Rekords: Seit dem 22. August des vergangenen Jahres, als ihn Steven Gerrard beim Länderspiel in Wembley überwand, ist er in sechs Begegnungen 531 Minuten lang ohne Gegentor geblieben. Überholt hat er damit Torhüter-Legenden wie den Italiener Walter Zenga, der es mal auf 518 Minuten brachte, wie Sepp Maier (475) oder Gordon Banks, der 442 Minuten lang makellos hielt. Makellos gehalten hat Lehmann in seinem Rekordspiel allerdings gerade nicht. Im Gegenteil, was er am Mittwoch beim Länderspiel gegen Österreich bot, war bescheiden bis blamabel.
Was sind schon 782 Minuten?
Seine Leistung hat, wie zu erwarten, auch eines der beliebtesten deutschen Fußballthemen, die sogenannte „T-Frage“, wieder auf die Tagesordnung gebracht. Deren Diskussion wird absehbar ausufern - und je länger sie Bundestrainer Joachim Löw nicht zugunsten von Lehmann entscheidet, desto größer wird der Schaden sein. Warum aber weiter auf Lehmann bauen? Weil das Auf und Ab seiner Leistung keineswegs neu ist. Zu Anfang der neunziger Jahren verhöhnten ihn die Schalke-Fans als Fliegenfänger, nur um ihn 1997 zu vergöttern, als er durch einen gehaltenen Elfmeter den Uefa-Cup sicherte. Kaum anders erging es ihm später bei Borussia Dortmund, kaum anders ergeht es ihm heute bei Arsenal London.
Bei vielen Torleuten der Extraklasse liegen Genie und Wahnsinn dicht beieinander, bei Lehmann eben in extremem Maß. Solange die Aussicht besteht, dass, wie bei der WM 2006, auch bei der Europameisterschaft im Sommer das Genie überwiegen wird, besteht kein Grund, ihn zu ersetzen - Spielpraxis hin oder her. Apropos Statistik: Die deutsche Torfrau Nadine Angerer ist jetzt seit 782 Minuten ohne Gegentor - und sie kann den Rekord noch weiter verbessern. Erst wenn ihre Statistik zur Legendenbildung taugt, wird der Frauenfußball wirklich gleichberechtigt sein. Lehmann hingegen kann schon in ein paar Monaten eine Legende sein. Dieses auch statistische Risiko sollte man eingehen.
Ein Rekord?
Rea Wagner (Rea1)
- 07.02.2008, 20:57 Uhr