Home
http://www.faz.net/-gqz-73cnz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

50 Jahre Agent 007 James Bond oder: Ornament und Verbrechen

Sex, Tempo, Tod: Die James Bond Ära begann 1962 mit der Jagd auf „Dr. No“. Der berühmteste Agent der Welt wird 50 - und trinkt weiterhin Martini.

© dapd Vergrößern Sean Connery als James Bond

Menschen, die im Kino gerade einen James-Bond-Film gesehen haben, erinnern beim Verlassen der Vorführung an jemanden, der soeben aus der Umkleidekabine tritt: noch etwas unsicher, aber schon selbstbewusst breitbeiniger auf die Welt losmarschierend. Die Abstrahlung des Vorbilds, das auf der Leinwand den heroischen Gang vorführte, funktioniert. Vor genau fünfzig Jahren, am 5. Oktober 1962, fand die Premiere von „James Bond jagt Dr. No“ statt. Seitdem ist etwa alle vier Jahre ein neuer Film in die Kinos gekommen, trotz der nicht versiegenden Anstrengungen der Kulturkritik, Bond als Kleinbürgerphantasie zu entlarven: 007 sei, so das Verdikt, im Kern ein entfremdet arbeitender, aggressiv auf Infragestellungen reagierender Angestellter im öffentlichen Dienst, der sich einem rigiden Dresscode unterwerfen muss.

20727023 © AFP Vergrößern Frauen pflastern seinen Weg: Eine von vielen toten James-Bond-Geliebten, hier aus „Goldfinger“. Sie wurde gerächt

Der Name steht für Erfolg 

Niklas Maak Folgen:  

Die Kritik stammt aus einer Zeit, als Anzugträger mit Krawatten im Straßenbild die Mehrheit stellten; seitdem ist die einst als Individualitätsausdruck gefeierte Auflösung des modischen common sense zum Inbild der Scheinfreiheit des Angestellten geworden - und die Zahl der Sandalenträger und Zurarbeitschlurfer so groß, dass jede Serie, in der die Protagonisten gute Anzüge tragen, ein krachender Erfolg wird - „Mad Men“ ist nur ein Beispiel. Bonds Kleidung war 1962 ein ästhetisches Programm: Egal, was passiert, Krawatte und Smoking sitzen perfekt.

James Bond © dapd Vergrößern Die Rolle des Bondgirls Honey Ryder machte 1962 sowohl die Schauspielerin Ursula Andress als auch den Bikini berühmt

Bond steht für einen Stoizismus, dem Explosionen nichts anhaben können. Er hat kaltes Blut, eine impassibilité, die es ihm erlaubt, im Angesicht unglaublicher Ereignisse die Form zu wahren. Egal was passiert, ein Martini, ein Sportwagen und eine perfekte Krawatte reichen, um sich nicht von bösen Mächten in die Knie zwingen zu lassen. Das ist das Versprechen der Figur.

Ein heillos verliebter Bond ist nicht vorstellbar. Wenn nach Schopenhauer ein glückliches Leben nicht möglich ist, sondern nur ein heroisches, wendet Bond das Diktum: Nur ein heroisches, im Sinne der Angst- und Kompromisslosigkeit, ist ein glückliches Leben. Bond ist die Utopie des gesteigerten Lebens als Dauerzustand. Es gibt nichts Kleines, nur Sex, Tempo und Tod. Immer geht es ums Ganze: den Weltfrieden, die Existenz des Alls, richtig temperierten Bollinger. 

James Bond © ddp images/Twentieth Century FOX Vergrößern „Stirb an einem anderen Tag“: Pierce Brosnan in der Rolle des James Bond mit Bondgirl Halle Berry und Colin Salmon

Ohne die andauernd durch Suiten und Karibikbuchten stolpernden Killer wäre James Bond bloß das „Traumschiff“, ohne Explosionen nur die Verfilmung von „Architectural Digest“. Die Versprechen und die Verbrechen der Moderne, Exotik und Tod, utopische Architektur und atomares Unheil sind die Pole, zwischen denen die Filmplots ihre Spannung entwickeln. Und die Frauen? Seien nur erotisches Ornament, heißt es. Andererseits gab es, als Frauen in Zürich noch nicht einmal wählen durften, bei James Bond schon selbstbewusste Agentinnen, die 007 am Steuer ihrer Supersportwagen aus misslichen Situationen befreiten.

James Bond © Sony Pictures Vergrößern Der aktuelle James Bond (Daniel Craig mit Caterina Murino als Bondgirl)

Bond lässt das moderne Versprechen der Beschleunigung der Verhältnisse weiterleben, und wenn man in den herbstlichen Buchhandlungen die öden Traktate über eine notwendige Entschleunigung der Welt einstauben sieht, wünscht man sich nichts so sehr wie einen guten Raketenschleudersitz.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Erster Trailer zu Spectre James Bond wird von seiner Vergangenheit gejagt

Der neue James-Bond-Film ist noch nicht ganz abgedreht, aber die Macher von Spectre haben bereits einen ersten Trailer veröffentlicht. Darin gibt sich der Bösewicht Christoph Waltz als alter Bekannter des Agenten zu erkennen. Mehr

28.03.2015, 12:39 Uhr | Feuilleton
Sölden James Bond bremst Skitouristen aus

007 auf der Skipiste: Wegen der Dreharbeiten zum neuen Film James Bond-Film Spectre im österreichischen Sölden einige Gebiete für ein paar Tage gesperrt. Skitouristen gefällt es allerdings. Mehr

08.01.2015, 21:29 Uhr | Feuilleton
Neuer 007-Film James Bond jagt in Mexiko Schurken

James Bond ist zurück. Nach 1989 mit Lizenz zum Töten wird erstmals wieder ein 007-Film in Mexiko gedreht. Und auch das neue Bond-Girl stammt aus dem Land. Mehr

20.03.2015, 05:49 Uhr | Feuilleton
Spectre Daniel Craig dreht neuen James Bond-Film in den Alpen

Sölden in Österreich: Hier haben spektakuläre Dreharbeiten für den neuen James Bond-Film Spectre stattgefunden. Sony Pictures hat Szenen mit Daniel Craig in den Alpen veröffentlicht. Mehr

12.02.2015, 17:47 Uhr | Feuilleton
Video-Filmkritik Aufstieg am Abgrund

Die Rückseite des amerikanischen Traums: J. C. Chandors A Most Violent Year erzählt eine packende Aufsteigergeschichte im New York der Achtziger. Mehr Von Verena Lueken

18.03.2015, 11:04 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.10.2012, 06:48 Uhr

Bitte, bitte

Von Hannes Hintermeier

Wir lernen von Kindesbeinen an, „Danke“ zu sagen. Und dann? Is okee, kein Thema, da nich für? Wir hätten gern bitte ein „Bitte“. Mehr 2 3