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50 Jahre Agent 007 James Bond oder: Ornament und Verbrechen

 ·  Sex, Tempo, Tod: Die James Bond Ära begann 1962 mit der Jagd auf „Dr. No“. Der berühmteste Agent der Welt wird 50 - und trinkt weiterhin Martini.

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© dapd Vergrößern Sean Connery als James Bond

Menschen, die im Kino gerade einen James-Bond-Film gesehen haben, erinnern beim Verlassen der Vorführung an jemanden, der soeben aus der Umkleidekabine tritt: noch etwas unsicher, aber schon selbstbewusst breitbeiniger auf die Welt losmarschierend. Die Abstrahlung des Vorbilds, das auf der Leinwand den heroischen Gang vorführte, funktioniert. Vor genau fünfzig Jahren, am 5. Oktober 1962, fand die Premiere von „James Bond jagt Dr. No“ statt. Seitdem ist etwa alle vier Jahre ein neuer Film in die Kinos gekommen, trotz der nicht versiegenden Anstrengungen der Kulturkritik, Bond als Kleinbürgerphantasie zu entlarven: 007 sei, so das Verdikt, im Kern ein entfremdet arbeitender, aggressiv auf Infragestellungen reagierender Angestellter im öffentlichen Dienst, der sich einem rigiden Dresscode unterwerfen muss.

Der Name steht für Erfolg 

Die Kritik stammt aus einer Zeit, als Anzugträger mit Krawatten im Straßenbild die Mehrheit stellten; seitdem ist die einst als Individualitätsausdruck gefeierte Auflösung des modischen common sense zum Inbild der Scheinfreiheit des Angestellten geworden - und die Zahl der Sandalenträger und Zurarbeitschlurfer so groß, dass jede Serie, in der die Protagonisten gute Anzüge tragen, ein krachender Erfolg wird - „Mad Men“ ist nur ein Beispiel. Bonds Kleidung war 1962 ein ästhetisches Programm: Egal, was passiert, Krawatte und Smoking sitzen perfekt.

Bond steht für einen Stoizismus, dem Explosionen nichts anhaben können. Er hat kaltes Blut, eine impassibilité, die es ihm erlaubt, im Angesicht unglaublicher Ereignisse die Form zu wahren. Egal was passiert, ein Martini, ein Sportwagen und eine perfekte Krawatte reichen, um sich nicht von bösen Mächten in die Knie zwingen zu lassen. Das ist das Versprechen der Figur.

Ein heillos verliebter Bond ist nicht vorstellbar. Wenn nach Schopenhauer ein glückliches Leben nicht möglich ist, sondern nur ein heroisches, wendet Bond das Diktum: Nur ein heroisches, im Sinne der Angst- und Kompromisslosigkeit, ist ein glückliches Leben. Bond ist die Utopie des gesteigerten Lebens als Dauerzustand. Es gibt nichts Kleines, nur Sex, Tempo und Tod. Immer geht es ums Ganze: den Weltfrieden, die Existenz des Alls, richtig temperierten Bollinger. 

Ohne die andauernd durch Suiten und Karibikbuchten stolpernden Killer wäre James Bond bloß das „Traumschiff“, ohne Explosionen nur die Verfilmung von „Architectural Digest“. Die Versprechen und die Verbrechen der Moderne, Exotik und Tod, utopische Architektur und atomares Unheil sind die Pole, zwischen denen die Filmplots ihre Spannung entwickeln. Und die Frauen? Seien nur erotisches Ornament, heißt es. Andererseits gab es, als Frauen in Zürich noch nicht einmal wählen durften, bei James Bond schon selbstbewusste Agentinnen, die 007 am Steuer ihrer Supersportwagen aus misslichen Situationen befreiten.

Bond lässt das moderne Versprechen der Beschleunigung der Verhältnisse weiterleben, und wenn man in den herbstlichen Buchhandlungen die öden Traktate über eine notwendige Entschleunigung der Welt einstauben sieht, wünscht man sich nichts so sehr wie einen guten Raketenschleudersitz.

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05.10.2012, 06:48 Uhr

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Unsere Geschichten, nur anders erzählt

Von Andreas Platthaus

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez. Mehr 1 2