Home
http://www.faz.net/-gqz-yu0j
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

40 Jahre Mondlandung Kein Ast, auf dem der Adler landen konnte

19.07.2009 ·  Das tödliche Attentat auf John F. Kennedy dürfte 1963 das Apollo-Projekt gerettet haben. Schließlich ging Amerika aus dem kosmischen Wettlauf der Weltmächte als Sieger hervor: Auf dem Mond sind Stars and Stripes statt Hammer und Sichel gehisst.

Von Günter Paul
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (4)

„Houston, hier Station Meer der Ruhe. Der Adler ist gelandet.“ Als diese nüchternen Worte, mit denen sich Neil Armstrong am 20. Juli 1969 vom Mare Tranquilitatis auf dem Mond meldete, die Erde erreichten, war die Welt begeistert. In Deutschland standen die Uhren auf 21.18 Uhr, als das spinnenförmige Apollo-Landegerät, dem die Astronauten den klingenden Namen „Eagle“ gegeben hatten, erstmals Menschen auf einem fremden Himmelskörper absetzte. Der Kalte Krieg, der zu einem Wettlauf der Weltmächte zum Mond geführt hatte, ist damals von der Macht der Ereignisse in den Hintergrund gedrängt worden; ein Menschheitstraum hatte sich erfüllt. Die erste Landung von Menschen auf dem Mond und deren Ausstieg aus der Kapsel wurden seinerzeit rund um den Globus am Bildschirm verfolgt - in einigen Ländern des Ostblocks mit einer geringfügigen Verzögerung.

Die „Prawda“ in Moskau hatte „der mutigen Besatzung“ von Apollo 11 nach deren Start sogar eine „glückliche Reise und vollen Erfolg“ gewünscht, im sowjetischen Gewerkschaftsblatt „Trud“ wurden die drei Astronauten - Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Mike Collins - vorgestellt, „denen wir Erfolg auf ihrem schweren Weg zum Mond, einen glücklichen Flug und Rückkehr zur Erde wünschen“. In der Volksrepublik China allerdings blieben Radio Peking und die amtliche Nachrichtenagentur Hsinhua still.

Die Amerikaner hatten sich dem Weltraum zunächst wie auf Samtpfoten genähert. So war es die Sowjetunion, die den ersten Satelliten in eine Erdumlaufbahn brachte und mit der Hündin Laika das erste Tier. Am 12. April 1961 schließlich ließ sie Juri Gagarin in einem Raumschiff die Erde umkreisen - drei Wochen, bevor der amerikanische Astronaut Alan Shepard den Weltraum lediglich kurz „ankratzte“. Sein ballistischer Flug beruhte auf dem skurrilen, in Wernher von Brauns Entwicklungsgruppe geborenen Projekt „Adam“, dem zufolge eines Tages Soldaten und Ausrüstung mit ballistischen Raketen zu fernen Kriegsschauplätzen transportiert werden sollten.

Um den Mond fliegen? Das war zu wenig!

Der damalige amerikanische Präsident John F. Kennedy dürfte ob dieser abermaligen Blamage gekocht haben - zumal gerade auch die von der CIA unterstützte Invasion von Exilkubanern in der Schweinebucht in Kuba völlig missglückt war. Jedenfalls erkundigte er sich bei seinen Ratgebern, wie man der Welt demonstrieren könne, dass Amerika der Sowjetunion in Wirklichkeit weit überlegen sei. Wernher von Brauns Vorschlag, Astronauten um den Mond herum fliegen zu lassen, schien ihm den Sprung auf Platz eins nicht zu garantieren. Schließlich verkündete Kennedy am 25. Mai 1961, bis zum Ende des Jahrzehnts sollten Amerikaner auf dem Mond landen und sicher wieder zur Erde zurückkehren.

Das Vorhaben war damals eine gigantische Herausforderung. Die amerikanische Raumfahrt steckte gerade einmal in den Kinderschuhen, und das Wort „Computer“ war den meisten Menschen unbekannt. Noch gab es Forscher, die es für völlig ausgeschlossen hielten, dass Menschen überhaupt auf dem Mond landen könnten; denn dessen Oberfläche sei doch vermutlich metertief von Staub bedeckt, und darin müsste jede Landekapsel unweigerlich versinken.

Das Risiko eines missglückten Rendezvous'

Der amerikanische Präsident und die Nasa ließen sich davon nicht erschüttern. Sie hatten jetzt ein Ziel, das es rechtzeitig zu erreichen galt. Einige Monate diskutierte man über den Weg dorthin. Wernher von Braun schlug anfangs den Direktflug vor. Eine gigantische Rakete sollte seinen Plänen zufolge eine Landekapsel, Serviceeinheit und Rückkehrteil gemeinsam umfassende Sonde in Richtung Mond befördern, und die ganze Sonde würde dann auf dem Mond landen, von dort wieder starten und dann zur Erde zurückkommen. Schließlich setzte sich ein Vorschlag des Außenseiters John Houbolt durch: Von der Apollo-Nutzlast, die auf eine Bahn um den Mond gebracht würde, sollte nur ein Teil - die Landekapsel mit Startplattform für den Wiederaufstieg vom Mond - auf dem Erdtrabanten landen. Sie würde sich anschließend wieder mit der im Mondumlauf gebliebenen Kommandokapsel vereinen. Dadurch sparte man Treibstoff und somit Gewicht, allerdings müsste man das Risiko in Kauf nehmen, dass das Rendezvous von Lande- und Kommandokapsel missglückte. Die Spaziergänger vom Mond wären dann verloren gewesen und nicht mehr zur Erde zurückgekehrt.

Das enorm kostspielige Apollo-Projekt ist zu einer Zeit verwirklicht worden, als es auf der Erde schwerwiegende Probleme gab, die nach seinem Sinn fragen ließen. Der Vietnamkrieg der Amerikaner verschlang Unmengen an Haushaltsmitteln, viele Amerikaner mussten ihren Gürtel enger schnallen. Und die Schwarzen kämpften um soziale Gerechtigkeit. Dieser Kampf erreichte seinen Höhepunkt, als am 4. April 1968, noch vor dem ersten bemannten Mondflug, der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen wurde.

Das Erbe Kennedys

Es heißt, Kennedy selbst sei bereit gewesen, das Apollo-Projekt nicht zuletzt wegen steigender Kosten vorzeitig zu beenden. Das tödliche Attentat auf ihn selbst am 22. November 1963 in Dallas dürfte die Mondlandungen gerettet haben. Kein amerikanischer Politiker traute sich nämlich, das Vermächtnis Kennedys anzutasten. Tatsächlich wurde das Programm, das zwischendurch ins Stocken geriet, beschleunigt. Im Dezember 1968 umflogen Frank Borman, James Lovell und William Anders als erste Menschen den Mond. Die Fotos von der Erde über dem Mond, die Anders damals schoss, lenkten den Blick auf die gebrechliche Erde und werden oft als das nachhaltigste Vermächtnis der bemannten Mondflüge bezeichnet.

Schon beim übernächsten Mondflug erfolgte die Landung des Adlers im Meer der Ruhe, die möglicherweise missglückt wäre, hätte nicht Armstrong das Steuer von der Automatik übernommen und die Landefähre über ein Geröllfeld hinweggelenkt. Gut sechseinhalb Stunden nach der Landung, in Deutschland war es der 21. Juli um 3.56 Uhr, betrat Armstrong den Mond, kurz darauf folgte ihm Aldrin. Die Fernsehbilder von ihrem Ausstieg, die damals auf den Bildschirmen landeten, ließen oft nur schemenhafte Bewegungen erkennen, aber sie waren überwältigender als jeder Krimi.

Die CIA wusste: Es war ein Wettlauf

Der Adler brachte die beiden anschließend zur Kommandokapsel mit Collins zurück, der damals als einsamster Mensch der Welt bezeichnet wurde. Jedesmal, wenn er bei seinen Mondumkreisungen hinter dem Mond im Funkschatten verschwand, war er von jeglichem Kontakt mit andern Menschen abgeschnitten. Gemeinsam mit Armstrong und Aldrin wurde er später auch auf der Erde isoliert: Obwohl niemand ernsthaft an Leben auf dem Mond und eine damit verbundene Infizierung glaubte, steckte man alle drei sicherheitshalber in Quarantäne. Dass es tatsächlich zwischen Washington und Moskau einen Wettlauf zum Mond gegeben hat, bekam das Publikum nur am Rande mit. Denn es hatte nicht die Informationen der CIA, die durch Satellitenbilder von der Explosion einer gewaltigen russischen Mondrakete auf dem Weltraumbahnhof Baikonur erfahren hatte.

Erst Jahrzehnte später wurde die russische Mondlandefähre erstmals gezeigt. Um zu verschleiern, dass sie den Wettlauf verloren hatte, forcierte die Sowjetunion zur Zeit der Apollo-Flüge und in den Jahren danach die unbemannte Erkundung des Mondes mit Mondautos und Luna-Kapseln, die tatsächlich 326 Gramm hauptsächlich staubförmigen Gesteins zur Erde brachten. Ein Achtungserfolg, aber nicht vergleichbar mit Apollo.

So begeistert die Menschen über die erste Landung von Astronauten auf dem Mond waren, so wenig ließen sie sich von den späteren Mondausflügen hinreißen, obwohl ihnen viel Abwechslung geboten wurde, darunter der Besuch der seit ein paar Jahren nach einer weichen Landung auf dem Mond stehenden Raumsonde Surveyor 3. Die Astronauten von Apollo 14 zogen auf dem Mond mit einem Wägelchen umher, das Geologenhämmer und anderes für sie transportierte. Bei Apollo 15 stand schon ein Mondauto zur Verfügung, mit dem die Astronauten zu Füßen des stimmungsvollen Hadley-Gebirges auf Touren gingen, wobei das Auto wegen der geringen Schwerkraft des Erdtrabanten kaum am Boden zu halten war.

Überbleibsel einer kosmischen Kollision

Für die Öffentlichkeit wurden die Mondflüge trotzdem bald zur Routine. Ihr Reiz wurde von der Frage nach dem Sinn der hohen finanziellen Aufwendungen verdrängt. Einzig Apollo 13 - der Unglücksflug im April 1970 mit James Lovell, John Swigert und Fred Haise, bei dem es auf dem Hinflug zum Mond zu einer Explosion kam und die Astronauten nicht wussten, ob sie lebend zurückkehren würden - hatte das Interesse noch einmal heftig angefacht; die Rettung der Raumfahrer erschien wie ein Wunder

Mit Apollo 17 lief das Mondprogramm im Dezember 1972 vorzeitig aus. Vielleicht ist es Christoph Kolumbus ähnlich wie den Mondfahrern ergangen. Vielleicht hatte auch er seine Landsleute mit seiner dritten und vierten Reise nach Amerika nicht mehr so recht begeistern können - nachdem er von den ersten Reisen ohne Goldschätze nach Europa zurückgekommen war.

Das „Gold“ der Apollo-Flüge ist erst später sichtbar geworden. Denn mit den 382 Kilogramm Mondgestein, die die Astronauten zur Erde gebracht hatten, ließ sich endlich klären, wie der Mond eigentlich entstanden war. Vor allem zwei Theorien standen seinerzeit zur Diskussion. Entweder hätten sich Erde und Mond wie ein Doppelplanet in enger Nachbarschaft gebildet, oder der Mond sei aus einer anderen Region des Sonnensystems gekommen und von der Erde eingefangen worden. Erst im Jahr 1984 führten die Diskussionen über die Ergebnisse der Analysen des Apollogesteins und insbesondere der Isotopenhäufigkeiten darin zu der Erkenntnis, dass der Mond die Folge einer heftigen kosmischen Kollision ist. In der Frühzeit des Sonnensystems stieß ein marsgroßes Objekt mit der Erde zusammen. Aus den weggeschleuderten Trümmern ist der Mond entstanden.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Platzhirsch in Not

Von Felicitas von Lovenberg

Jahrelang breitete sich die Buchhandelskette Thalia massiv aus und verdrängte kleinere Konkurrenten. Jetzt steht das Unternehmen vor existenziellen Problemen, die es selbst geschaffen hat. Mehr 5