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3D-Drucker Was heißt hier Herstellung?

 ·  Die Technik erneuert sich. Maschinen sagen Maschinen, welche Maschinen sie wie bauen sollen. Ein 3D-Drucker schafft Gegenstände aus Information und Energie. Gibt es auch Verlierer?

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© Markus Kayser Studio Das silberne Häuflein Elend rechts ist übrigens das Büro: der Künstler Markus Kayser bei der Arbeit am Projekt „Solar Sinter“ in der Sahara

Propheten gehören in die Kunst oder in die Wüste. Manchmal probiert einer gleich beides aus, wenn er die Zukunft vorwegnehmen will - wie der deutsche Künstler Markus Kayser. In der ägyptischen Sahara, der ödesten Gegend eines Landstrichs also, dessen Bevölkerung gerade damit kämpfte, sich entweder von avancierten Kommunikationsmedien in die Demokratie von morgen oder von der Muslimbruderschaft ins repressiv Traditionelle führen zu lassen, ließ Kayser 2011 für sein Projekt „Solar Sinter“ einen 3D-Drucker aus dem Rohstoff Sand mittels Solarenergie Schicht für Schicht glasharte Objekte herstellen. Güter, so wurde deutlich, kann ein Mensch selbst da produzieren, wo er eigentlich nicht leben kann - solange nur die Sonne scheint und irgendein Material herumliegt.

Die „CyberArts“-Abteilung der Linzer Ars Electronica 2012 schlug Kaysers eigenwillige Arbeit dem Feld der „interaktiven Kunst“ zu, das bekanntlich unscharfe Ränder hat. Schon zwei Jahre vorher sah man in Linz Vorzeichen der „Mini-Fabrik zu Hause“: Im Ars Electronica Center konnte man die kommende Produktionsform während einer „Langen Nacht der Forschung“ persönlich begutachten: „Den Turnschuh nicht mehr im Shop kaufen, sondern einfach im Netz aussuchen und via 3D-Drucker ausdrucken? Eine Vision, die schon bald Realität sein wird. Einen Eindruck von unseren künftigen Minifabriken gibt das FabLab: Via 3D-Drucker und Lasercutter können hier virtuelle Modelle als Prototypen realisiert werden.“

Sprachlich hakt es noch ein bisschen mit dem Vorgriff: „realisiert“, also wirklich gemacht, ist ein Modell ja nicht schon deshalb, weil man es außer anschauen auch anfassen kann, schließlich bleibt es dabei ein Modell, dessen Realisierung erst die Herstellung der Sache wäre, von der es das Modell ist. Auch das Zusammenzwingen zweier Hauptwortstummel mit jeweils großem Anfangsbuchstaben zu einem flotten Begriff, wie das mit der Prägung „FabLab“ versucht wird, müffelt leicht nach der Futuristik von vorgestern - die Science-Fiction gewöhnt sich derlei seit einer Weile ab, nur die liebe Margaret Atwood („BlyssPluss“, „MaddAddam“) hinkt noch hinterher.

Erwartbar weitreichende gesellschaftliche Effekte

Der Urheber des „FabLab“ ist einer der fleißigsten Propagandisten der Aussicht auf massenhafte Privatindustrialisierung nach dem Vorbild der Durchsetzung des Personal Computers: Neil Gershenfeld, Professor am Center for Bits and Atoms des Massachusetts Institute of Technology. Zu Demonstrations- und Pionierzwecken hat er seit 2002 hier und da solche Anlagen aufstellen lassen; sogar in Ghana, in der Küstenstadt Sekondi-Takoradi, gibt es eine.

Dort lernen Leute, dass man mit Hilfe von Schnitzlasern, entsprechender Software von Adobe Illustrator bis TinkerCAD und verschiedenen Implementierungsverfahren zwischen FDM (Fused Deposition Modeling) und SLS (Selective Laser Sintering) Schicht für Schicht aus Daten Dinge machen kann.

Was im Dampfmaschinen- und Eisenbahnzeitalter noch konkret als Kraft- und Zeitersparnis in der Produktion sowie Verkürzung aller Verkehrswege erlebt wurde, wird derzeit in eine nächste, abstraktere Phase überführt, in der statt mit anschaulichen Gebrauchsgütern und Dienstleistungen zunehmend mit unanschaulicher Energie und schwer greifbarer Information gewirtschaftet wird.

Das hat erwartbar weitreichende gesellschaftliche Effekte. Auf einer der weltweit exponiertesten Plattformen politischer Planung, im von der amerikanischen Denkfabrik Council on Foreign Relations verantworteten Periodikum „Foreign Affairs“, durfte Gershenfeld Ende letzten Jahres seine Begeisterung in aller Breite entfalten: „Integrated personal digital fabricators comparable to the personal computer do not yet exist, but they will.“

Am Anfang stand das „Top-Down-Arsenal“

Was sich davon im Augenblick schon bemerkbar macht, befindet sich in einem eher putzigen Stadium. Wenn „Business Life“, das Wirtschaftsmagazin der British Airways, eine 3D-Drucker-Firma fürs Titelbild seiner letzten Ausgabe im Jahr 2012 aus weißem Kunststoff die Zahl „2013“ als kleine Skulptur herstellen lässt, um damit in Gershenfelds Horn zu tuten, weil das eben begonnene Jahr das des 3D-Druckers werden soll, denkt man weniger an eine Offenbarung als an Kinder, die selbstgebastelte Aschenbecher aus Fimo-Knete im Herd brennen, oder an Konditoren, die Mozartbüsten aus Marzipan kreieren.

Die niedlichen Babyschrittchen aber finden in immensen Fußstapfen statt. Seit im neunzehnten Jahrhundert das Werkzeugmachen großmaßstäblich auf seine selbstreflexive Stufe gehoben wurde, da die Lokomotive der Produktivkraftentwicklung plötzlich eine Sorte Maschinen war, die ihrerseits Maschinen herstellte, spukt in den Köpfen von Ingenieuren der Gedanke herum, man solle sich um eine harmonischere wechselseitige Durchdringung des Sozialen und des Technischen bemühen. Am Anfang, so geht ein Narrativ, das diese Kreise schätzen, stand das „Top-Down-Arsenal“ - von oben nach unten: Große Automaten schaffen global viele kleine Waren. Am Ende der Entwicklung aber soll ein „Bottom-Up-Arsenal“ stehen: Aus kleinen Bauteilen erzeugt man lokal Automaten zur Befriedigung großer Bedürfnisse.

Die in der Moderne durch katastrophale soziale und politische Erfahrungen wachgewordene Angst davor, das Technische könnte das (wie auch immer verstandene) Menschliche unter sich begraben, wird in dieser Ingenieurperspektive zur selbst wieder technisch zu lösenden Frage der Schwerfälligkeit, Massivität, rein umfangsbedingten Unbeherrschbarkeit von Technik. Wenn alles nur kleiner, schneller, näher, dezentraler würde, meint man, ließe sich Technik endlich wieder als Verlängerung menschlicher Zugriffsmöglichkeiten aufs Natürliche einrichten, statt umgekehrt aus Menschen ohnmächtige Anhängsel taktbestimmender, den Horizont des Machbaren dominierender Technik zu machen.

Computer Aided Design und Computer Aided Manufacturing

Loswerden will man also jede „Bulk Technology“, das Monumentalmaschinelle, das noch die Futuristen oder Ernst Jünger beeindruckte. Ein beliebtes, weil klares Bild für diese Überwindung des Großen durch das Kleine, aus der Evolutionstheorie entlehnt, ist der Kampf flinker Säuger um den Platz an der Sonne, der von den schnaufenden Sauriern verdeckt wird, bis diese aussterben.

Solche kleinen Biester sollen die „intelligenten Werkzeuge“ oder, eine Stufe tiefer, „smart structures“ sein, denen man derzeit zwischen Fullerenchemie und Platintinte, zwischen Quantum Dots und Keramik der nächsten Generation hinterherjagt.

Bis vor kurzem hatte dieser Aufbruch seinen Schwerpunkt bei den Mems, den mikro-elektro-mechanischen Systemen, wo kleine Sensoren (die etwas wahrnehmen) und kleine Aktuatoren (die etwas tun) die Welt „von unten her“ aufzumischen lernten (was nicht heißt, dass nicht noch kleinere denkbar wären, da blüht die Nanospekulation).

Ein weniger avantgardistisches, eher lebens- und vor allem berufsweltlich organisiertes Phänomen im Umkreis dieser Neukonfiguration des Technischen überhaupt ist das inzwischen nahezu alle Bereiche der Güterproduktion umfassende Paradigma CAD/CAM, also Computer Aided Design und Computer Aided Manufacturing: Maschinen sagen Maschinen, welche Maschinen sie auf welche Weise bauen sollen. Wer die besten Kombinationen und Werkbeziehungen herausfindet, um sich mit ihrer Hilfe die Arbeit derjenigen Menschen anzueignen, die in der Produktion nach wie vor gebraucht werden, gewinnt: ein Lego-Neo-Monopoly, zu dem die 3D-Drucker-Euphorie den Einfall vorbringt, es käme dabei demnächst eine Art „Gewinnausschüttung für alle“, eine soziale Breitendividende heraus.

Unberührt von schwieligen Händen

Wie man also bei den sozialen Netzwerken viel von Demokratie zu hören bekam, lebt nun die gute Laune der Propagandisten der Mikrofabrikation davon, dass plötzlich eine Welt vorstellbar wird, in der nicht allein die hässlichen Riesenanlagen mit ihren Dreckwolken und Schmutzwasser absondernden Schornsteinen und Kanalrohren aus der Landschaft verschwinden, sondern überdies die wohlmeinenden Kinder der reichen Länder, die gern schnittige Turnschuhe tragen, auch nicht mehr fürchten müssen, dass deswegen irgendwo in Thailand oder China jemand für den Profit der Sportartikelfirmen zu verbrecherischen Niedriglöhnen und unter unmenschlichen Bedingungen schuften muss.

Ausbeutung? Ich habe das Ding in meinem Zimmer unterm PC gegossen, es ist unberührt von schwieligen Händen. Technik, Wirtschaft, progressive Politik und sogar Ästhetik reichen einander in solchen Projektionen lächelnd die Hände, und die Musik zu ihrem gemeinsamen Tanz komponieren und spielen flamboyante Progressisten wie Gershenfeld, der Schriftsteller Cory Doctorow oder der „Wired“-Autor Chris Anderson, dessen im Oktober 2012 erschienener Bestseller „Makers - The New Industrial Revolution“ eine Ära ausmalt, in der unzählige Garagenbastler eine „resurgence of American manufacturing“, eine Wiedergeburt der amerikanischen Warenproduktion also, bewirken werden.

Die kleine nationalstaatliche Schrulle - was war das mit dem FabLab in Ghana? - ist ein versteckter Hinweis darauf, dass die Entwicklung von Produktion, Handel und Verkehr in der Neuzeit bis jetzt, Globalisierung hin, Fortschritt her, immer noch von groben Ungleichzeitigkeiten und globalstrategischem Machtgefälle gekennzeichnet war, zwei Faktoren, von denen das idealisierende Märchen „Eine neue Technik schafft eine neue Wirtschaft schafft einen neuen Wohlstand schafft eine neue Freiheit“ nichts wissen will.

„Überall, nur nicht in der Produktivitätsstatistik“

Betrachtet man im von Chris Anderson explizit gewählten, von anderen Protagonisten der sogenannten „kalifornischen Ideologie“ des ungebremsten Technikbooms implizit vorausgesetzten nationalstaatlich-amerikanischen Rahmen einmal die letzte sogenannte Revolution der Warenproduktions- und Dienstleistungsrealität, nämlich die informationstechnische, lernt man schnell Respekt vor etwas, das die ökonomische Gerüchteküche unterm Stichwort „Produktivitätsparadox“ kennt.

Wie Robert Solow 1987 launig bemerkt hat, sah man im Anschubzeitraum der IT-Umwälzung „das Computerzeitalter überall, nur nicht in der Produktivitätsstatistik“. Gemeint war damit, dass damals Computerhard- und -software in dieser Phase gemeinsam nur etwa ein Prozent zum allgemeinen Kennziffernwachstum beigetragen hatten, ein Viertel zur Wachstumsrate im von derlei angetriebenen Sektor New Economy. Das National Bureau of Economic Research führte 1999 eine Untersuchung durch, bei der sich herausstellte, dass gerade in Branchen, die am offensichtlichsten von der IT-Transformation betroffen waren, eher langsames Produktivitätswachstum, wenn nicht sogar Stillstand stattgefunden hatte.

Ideologiekritisch orientierte und politisch den voneinander isolierten, verstreuten und demoralisierten Resten der alten industriellen Arbeiterbewegung verbundene Autoren wie der Politologe Kevin Doogan aus Bristol, der 2009 in seiner Monographie „New Capitalism? The Transformation of Work“ sein Bestes für die Attacke gegen die kalifornische Ideologie gab, leiten aus solchen Erhebungen gern die Folgerung ab, das Szenario einer tiefgreifenden Produktivkrafterneuerung durch die jüngsten Technologien sei insgesamt ein Mythos, im Wesentlichen dazu da, Lohnabhängigen etwas zu rauben, das die Aneigner fremder Arbeit dann als Guthaben verbuchen können. Völlig abwegig ist dies nicht - marxistisch aber ebenso wenig, auch wenn es das von sich glaubt.

Wer gewinnt, steht nicht fest

Denn Marx hätte den Ansatz, der sich bei Doogan oder etwa auch in Richard Sennetts aktueller Klage über den Verlust der Handwerkerehre bemerkbar macht, als „idealistisch“ abgelehnt: Da werden gleichsam kollektive Bewusstseinsveränderungen (die verdummende Wirkung der kalifornischen Ideologie bei Doogan, die vom Neoliberalismus erreichte Zersetzung professionellen Wissens bei Sennett) für Verschlechterungen im Sozialen verantwortlich gemacht, anstatt, wie man das seit den großen Liberalen der schottischen Aufklärung kennt, den umgekehrten Weg zu beschreiten: Nicht Spinnereien am MIT oder aus der „Wired“-Redaktion, sondern reale Modularisierungen des Verhältnisses von Einheiten in Zulieferketten etwa sind für die Verbetrieblichung, also Atomisierung der Tarifkämpfe, verantwortlich, die man in fortgeschrittenen Industriestaaten beobachten kann.

Dass man eine Veränderung in Statistiken nicht sieht, muss nicht heißen, dass diese Veränderung ein Hirngespinst ist. Es kann auch bedeuten, dass mit den Kenngrößen der Statistiken, zum Beispiel dem in ihr gültigen Produktivitätsbegriff, etwas nicht in Ordnung ist.

Markus Kaysers Video zum Projekt „Solar Sinter“, dem die Ars Electronica einen „Award of Distinction“ zugesprochen hat, beginnt mit einer Fahrt im altmodischen Jeep, der brummt und rumpelt. Dann sieht man den Künstler seinen Apparat in den Sand stellen und hört den Wind knattern, während Bauteile zusammengesteckt werden, unter einem dünnen Alufolienschutzdach, das der Künstler „office“ nennt. Sand raucht, schmilzt. Die Objekte, die Kaiser schließlich freilegt, sind von eigentümlicher, klassisch zweckferner Schönheit, auch wenn etwas dabei ist, das wie eine Schüssel oder Schale aussieht. Helfer packen am Ende alles wieder auf die wacklige Karre und fahren aus dem Bild. Das Filmchen lebt von der poetischen Metapher für die Eröffnungszüge eines neuen Transformationsspiels um Energie und Information. Es hat zwei Regeln: Information schafft mittels Energie Werte, Energie wird mittels Information zu Macht. Wer gewinnt, steht nicht fest.

Darauf, dass es auch diesmal, wie bei allen bekannten Runden vorheriger Spielversionen, Verlierer geben wird, sollte man sich einstellen.

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