Home
http://www.faz.net/-hvf-7ha2c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

30 vor 40 - Anleitung zum Erwachsensein 6. Tauge ich zum Vorbild?

Das halbe Leben hat man Zeit, 40 zu werden. Jetzt bleiben plötzlich nur noch ein Jahr - und 30 offene Fragen. Marcus Jauer findet in seiner Kolumne noch 24 Mal eine Antwort.

© Carsten Feig Vergrößern

Gestern hat sich unser kleiner Sohn den Daumen mit einer Zange gequetscht. Das musste irgendwann passieren. Meine Frau sagt immer, ich solle ihn nicht mit meinem Werkzeug spielen lassen, wenn er wieder mit einer Feinsäge, einem Stechbeitel oder dem Teppichmesser durch die Wohnung rennt. Aber wenn ich ihm die Sachen wegnehme, fängt er sofort an zu weinen. Außerdem bin ich irgendwie auch stolz als Vater. Er ist ja erst anderthalb.

Ich komme aus einer Familie, in der ständig gebaut wurde. Garagen, Ställe, Teiche, Frühbeete, ein Haus. Wir lebten auf einem Bauernhof. Als das Rheuma meinen Großvater in den Rollstuhl zwang, wurde ich sein verlängerter Arm. Was ich über Steine, Holz, Beton und Nägel weiß, habe ich von ihm. Ich erinnere noch, wie er mich zum ersten Mal an die riesige Kreissäge im Schuppen ließ. Ihr furchtbares Kreischen, meine Angst, das Glück danach. Es verändert deinen Blick auf die Welt, wenn du weißt, dass du Dinge, die andere kaufen müssen, selbst bauen kannst.

Mehr zum Thema

Heute verwandle ich unsere Wohnung in eine Baustelle. Ich baue Regale, Schränke, eine Garderobe, ein Bett. Manchmal hakt es, klemmt oder passt nicht, dann braucht man Geduld. Geduld ist das Wichtigste. Bei meinem letzten Schrank krabbelte unser Sohn schon zwischen den Brettern herum. Er konnte noch nicht mal stehen, drückte aber auf der Bohrmaschine herum. Inzwischen verschneidet er die Pflanzen auf der Terrasse und zieht selbstständig die Schrauben an unserem Esstisch nach. Er ist wie ein Schwamm. Er saugt alles auf.

Vor kurzem habe ich für unseren Sohn einen Tisch aufgebaut. Als ich den Werkzeugkoffer holte, sprang er wie ein kleines Pferd auf mich zu. Ich gab ihm einen Zollstock, damit er sich nicht weh tut, aber als er damit die Schrauben festziehen wollte, kam er nicht weiter. Er drückte und schob, bis er auf einmal aufsprang, mit den Armen fuchtelte, den Zollstock wegwarf und deutlich folgende Worte sprach: „Nerv!“, „Mann!“ und dann leider auch noch „Seise!“

Quelle: FAZ.net

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Pro Vergebliche Form

Wladimir Sorokin ist ein Phantast. Ein Pessimist. Und ein Romantiker. Und er macht in einem seiner Romane den Eiswürfel zur überzeitlichen Metapher für die Vergeblichkeit. Mehr

23.08.2014, 17:13 Uhr | Feuilleton
Rosberg kontra Hamilton Außer Kontrolle

Mercedes zögert mit einer Entscheidung im Streit zwischen Rosberg und Hamilton. Doch es muss etwas geschehen – sonst könnte das Saisonziel in der Formel 1 in Gefahr geraten. Mehr

25.08.2014, 15:23 Uhr | Sport
Vermieten mit „Airbnb“ Meine Wohnung wird immer sauberer

Schluss mit der Verteufelung des Share-Gedankens: Wie ich meine Wohnung bei „Airbnb“ anbiete und dabei nicht nur reich werde, sondern auch ein aufregendes Leben führe. Mehr

30.08.2014, 19:21 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.09.2013, 10:09 Uhr

Technologie als Tücke

Von Stefan Schulz

Von Computern darf man sich überfordert fühlen. Der Spähskandal hat an der Koketterie nichts geändert. Der Diebstahl privater Fotos von Hollywoodstars bedeutet jedoch neue Spielregeln über Nacht. Mehr