http://www.faz.net/-gqz-7ha2c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 07.09.2013, 10:09 Uhr

30 vor 40 - Anleitung zum Erwachsensein 6. Tauge ich zum Vorbild?

Das halbe Leben hat man Zeit, 40 zu werden. Jetzt bleiben plötzlich nur noch ein Jahr - und 30 offene Fragen. Marcus Jauer findet in seiner Kolumne noch 24 Mal eine Antwort.

von
© Carsten Feig

Gestern hat sich unser kleiner Sohn den Daumen mit einer Zange gequetscht. Das musste irgendwann passieren. Meine Frau sagt immer, ich solle ihn nicht mit meinem Werkzeug spielen lassen, wenn er wieder mit einer Feinsäge, einem Stechbeitel oder dem Teppichmesser durch die Wohnung rennt. Aber wenn ich ihm die Sachen wegnehme, fängt er sofort an zu weinen. Außerdem bin ich irgendwie auch stolz als Vater. Er ist ja erst anderthalb.

Ich komme aus einer Familie, in der ständig gebaut wurde. Garagen, Ställe, Teiche, Frühbeete, ein Haus. Wir lebten auf einem Bauernhof. Als das Rheuma meinen Großvater in den Rollstuhl zwang, wurde ich sein verlängerter Arm. Was ich über Steine, Holz, Beton und Nägel weiß, habe ich von ihm. Ich erinnere noch, wie er mich zum ersten Mal an die riesige Kreissäge im Schuppen ließ. Ihr furchtbares Kreischen, meine Angst, das Glück danach. Es verändert deinen Blick auf die Welt, wenn du weißt, dass du Dinge, die andere kaufen müssen, selbst bauen kannst.

Mehr zum Thema

Heute verwandle ich unsere Wohnung in eine Baustelle. Ich baue Regale, Schränke, eine Garderobe, ein Bett. Manchmal hakt es, klemmt oder passt nicht, dann braucht man Geduld. Geduld ist das Wichtigste. Bei meinem letzten Schrank krabbelte unser Sohn schon zwischen den Brettern herum. Er konnte noch nicht mal stehen, drückte aber auf der Bohrmaschine herum. Inzwischen verschneidet er die Pflanzen auf der Terrasse und zieht selbstständig die Schrauben an unserem Esstisch nach. Er ist wie ein Schwamm. Er saugt alles auf.

Vor kurzem habe ich für unseren Sohn einen Tisch aufgebaut. Als ich den Werkzeugkoffer holte, sprang er wie ein kleines Pferd auf mich zu. Ich gab ihm einen Zollstock, damit er sich nicht weh tut, aber als er damit die Schrauben festziehen wollte, kam er nicht weiter. Er drückte und schob, bis er auf einmal aufsprang, mit den Armen fuchtelte, den Zollstock wegwarf und deutlich folgende Worte sprach: „Nerv!“, „Mann!“ und dann leider auch noch „Seise!“

Quelle: FAZ.net

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Geldpolitik Wo Helikopter-Geld am ehesten vom Himmel fällt

Ökonomen in vielen Ländern diskutieren gerade über Helikoptergeld. Vor allem in Japan gibt es Spekulationen über weitere Geldexperimente. Mehr Von Philip Plickert und Patrick Welter

21.04.2016, 07:09 Uhr | Wirtschaft
Fernsehtrailer Im Namen meines Sohnes

Im Namen meines Sohnes läuft am 02. Mai um 20.15 Uhr im ZDF. Mehr

29.04.2016, 09:43 Uhr | Feuilleton
Videospiele auf der re:publica Zwischen Politik und Pacman

Flucht in die Festung Europa, Zeitreise zur Verhinderung eines Atomkriegs: Jenseits von Geschicklichkeits- und Ballerspielen stellen neue Games Fragen nach politischer Haltung. Die re:publica sucht Antworten. Mehr Von Axel Weidemann

03.05.2016, 12:05 Uhr | Feuilleton
Video Aufregung um kletternden Baby-Bär

Die Anwohner in Cortland im amerikanischen Bundesstaat New York staunten nicht schlecht: Ein Baby-Bär kletterte in einem Baum herum. Mehr

26.04.2016, 15:30 Uhr | Gesellschaft
Château Lafite-Rothschild Weinbau ist ein Langstreckenlauf

In guten Jahren kann eine Flasche von Château Lafite-Rothschild die 1000-Euro-Schallmauer durchbrechen. Geschäftsführer Christophe Salin verrät, was Wein wert ist und wann er sich wie der König des Universums fühlt. Mehr Von Fabian und Cornelius Lange

20.04.2016, 15:44 Uhr | Stil
Glosse

Richtiges Leben, nur im Internet

Von Andrea Diener

Wenn das Internet mit Gesetzen eingehegt werden soll, sollte man sich bewusst sein: Es geht hier nicht um anonyme Datenautobahnen. Es handelt sich um ein wirklichkeitsgetreues Abbild unserer Gesellschaft. Mehr 1 2

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“