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25 Jahre Johannes Paul II Die letzten Tage des obersten Brückenbauers

19.10.2003 ·  Die Frage nach dem alten und dem neuen Papst erfährt großes öffentliches Interesse. Woher kommt die Macht des Papstes - und warum fürchten auch Nichtkatholiken seinen Tod?

Von Thomas Hauschild
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Der Papst ist krank, aber er stirbt nicht. Das Leben und Wirken von Papst Johannes Paul II. nähert sich offensichtlich dem Ende, aber es ist noch nicht am Ende. In diesem Moment des Übergangs kann man Beobachtungen machen, die sich nur schwer mit dem Selbstbild moderner und postmoderner Gesellschaften vereinbaren lassen. Viele Agnostiker, Protestanten, Materialisten und Neuheiden scheinen angesichts der päpstlichen Martyrien von einer merkwürdigen Unruhe ergriffen, auch wenn sie der katholischen Tradition persönlich fernstehen.

Unter den Journalisten wird die Liste der sogenannten Papologen und Vatikanologen immer länger, derjenigen also, die öffentlich über Tod und Nachfolge spekulieren. Historische Sünden und Erfolge des Papsttums werden auf einmal wieder heftig diskutiert. Am Rande des Todes und des ewigen Lebens hat der Papst mit seiner Erklärung gegen den Irak-Krieg in diesem Jahr noch einmal seine weit über die eigene Herde hinausgreifende Autorität bewiesen. Und während mancher altgediente Katholik ernüchtert die Pensionierung wünscht, kaufen viele andere, die mit Gott & Co. nicht mehr viel am Hut haben, die Illustrierte "Moments of Life" oder den "Spiegel", Thema Nr. 1: JP II!

Die Macht des Papstes

Längst ist die Frage nach dem alten und dem neuen Papst zu einem medialen Ausdruck des Zeitgeistes geworden, der sich aber an christliche und an ältere Ursprünge der globalen Zivilisation in einer Weise ankoppelt, die wir sonst nur noch selten beobachten können. Insofern geht der Papst alle Menschen in Europa und im Mittelmeerraum etwas an, und damit auch den Rest der Welt, denn aus den orientalischen, mediterranen und europäischen Kulturen stammt das, was heute verdichtet und amerikanisiert in einer neuen Welle der Globalisierung die Welt überfährt. In der Übergangsphase von einem Papst zum nächsten wird dieses "Etwas", in Verkennung seiner orientalischen Ursprünge, gelegentlich "Abendland" genannt, für eine weltweite mediale Öffentlichkeit aktualisiert und auf den Punkt gebracht.

Angesichts der weit über die Grenzen seiner religiösen Minorität hinausgehenden Bedeutung des Papstes erscheint es angebracht, sich Gedanken über jene Spezies von Menschen zu machen, die moderne Menschen gelegentlich etwas verständnislos "tiefgläubige Katholiken" nennen - es sei denn, sie sind selbst Katholiken und damit selbstverständlicher Teil der modernen Welt. Woher kommt die Macht des Papstes über seine Anhänger, die immerhin so groß ist, daß sie auch seine Nichtanhänger immer wieder zum Dialog herausfordert, zu wütenden Protesten oder auch zur stillen Zustimmung dessen, der auf dem Feld der Traditionen gern andere für sich agieren läßt?

Das älteste bestehende Königtum

Kulturvergleichend betrachtet ist der Papst ein König, nicht mehr und nicht weniger. Königtum definiert sich nicht immer durch die Abstammung aus einer Erblinie, es gibt auch Wahlkönigtum und durch diffuse spirituelle Macht begründete royale Herrschaft. Einmal König geworden, sind Könige mehr als Menschen. Darum hat man im Mittelalter tote Könige gelegentlich in der Form zweier Statuen auf ihrem Grabmal verewigt, einmal die natürliche Person des Verstorbenen und zum anderen die royale Körperschaft, welche dieser Tote für eine bestimmte Zeit als Lebender verkörpert hat. Nur beide in einem können das ganze Land repräsentieren, die Lebenden und die Toten einer Stammesgesellschaft, eines Herrscherhauses, einer modernen Nation. Mehr noch: Beim Papsttum in Rom handelt es sich um das älteste historisch im einzelnen nachweisbare und bis heute bestehende Königtum. Das vatikanische Christentum ragt aus der Spätantike in die heutige Zeit, und die Johannes Paul II. umgebende Kurie ist die älteste durchgängig sich selbst schriftlich dokumentierende und ihre Staatsgeheimnisse pflegende Bürokratie der Welt.

Jahr für Jahr zum Osterfest zelebriert der Papst die widersprüchliche Einheit des Statthalters Christi auf Erden mit der Rolle des römischen Hohepriesters, des "Pontifex Maximus", des obersten Brückenbauers, der die Verbindung der Tiberstadt zur Natur und zu den umliegenden Gesellschaften kontrollierte. Dann nimmt der Papst als Pontifex vor dem Kolosseum eine Prozession seiner Anhänger ab, gekleidet in das Licht- und Blutgewand der Märtyrerkirche, und doch gezeichnet mit dem Namen eines heidnischen Ritualisten, dessen Aufgabe die Verbindung der Stadt zu fremden Landschaften und zur übernatürlichen Welt gewesen sein muß.

Der Kern des Katholizismus

Eine kleine Anthropologie oder Ethnologie des Papsttums kann mit seinen zahlreichen Namen und mit seinen Verkleidungen beginnen. Wie begossen vom himmlischen Licht oder vom Blut Christi stehen die Kleriker bis heute im wippenden Gewand vor ihrer Gemeinde, innen wird es von einem Halfter zusammengehalten, das sie heimlich gerne als Sinnbild der Keuschheit verehren. Zusammengebunden und zugleich expansiv, als wären sie fähig zum Flug, erheben sie sich vor den Gläubigen. Hartnäckig begleiten Wetterkulte und Engelsmeditationen die kultischen Apparaturen der katholischen Religion, das Tragen von Schulterbändern, die am Jüngsten Tage zum direkten Himmelsflug befähigen sollten, und architektonische Nachbildungen von Himmelsräumen, die man, selbst fast schwebend, von unten betrachten kann. Fasten und Kasteiungen machen den Körper leicht und leichter, und so mischen und entmischen sich Körper, Geist und Seele, so wird aus dem Wort das Bild und aus dem Bild das Fleisch - das ist der Katholizismus im Kern.

Es geht um in sehr direkter Weise "erhebend" wirkende Ritualien, nicht nur um ein blasses Konzept von Dreifaltigkeit oder die Drohung mit Schuld und Sühne. Kein erwachsener "tief gläubiger Katholik", der einigermaßen bei Trost ist, wird sich von bloßen Worten einschüchtern lassen. Katholiken erleben die Verbindung mit Gemeinde, Landschaft, Himmel, Gott und Papst in ihren Messen und in anderen Praktiken als Realität.

Das Verhältnis von Erhabenem und Technologie

Wenn wir uns über die Wirkung der Deklarationen des Papstes zu Aids, Lebensschutz, Kondomen, Pille verwundern, sollten wir uns deutlich machen, daß hier ein Schamane spricht, ein vortechnologischer Brückenbauer, ein Mensch, der seinen individuellen Lebenslauf aufgelöst hat in eine Folge lebensspendender Rituale und Durchstechereien an den Membranen, die spirituelle von materiellen Welten trennen, die Totengeister von lebenden Menschen fernhalten sollen.

Johannes Paul II. kann im Moment des ersten Anbrandens der Erwartung eines neuen biotechnologischen Heils dieses Erbe nur stur hochhalten - oder er zerstört, so muß es ihm selbst erscheinen, die Grundlagen seiner Kirche und der Menschheit. Die Päpste pflegen gerne eine dem Spirituellen allein zugewandte Haltung und daher eine konservative Beziehung zu modernen Technologien - die Ausrüstung der Schweizergarde spricht da für sich. Auf einem Gebiet der menschlichen Schaffenskraft aber hat der amtierende Stellvertreter bewiesen, daß die spirituelle Methode des Erhabenen und die materielle Technologie der aufgeklärten Welt nebeneinander bestehen und sich miteinander verbinden können. Rollend im "Papamobil", schwebend in Großraumflugzeugen, die Rollfelder der Flughäfen küssend, hat er der Menschheit den Traum vom Fliegen doppelt realisiert, wie vatikanische Quellen penibel notieren: Einerseits durch 101 Auslandsreisen und den Besuch und die Segnung von 614 Orten - andererseits durch die Erhebung von 477 Menschen in den Stand der Heiligen, die neben Jesus im Himmel schweben, und von 1327 Menschen in die ewige Trance der Seliggesprochenen.

Folkloristischer Schamane

Dieser reiselustige, ethnologisch interessierte und obendrein noch schauspielbegabte Papst verkörpert das, was Ernst Kantorowicz in seinen bahnbrechenden Schriften über die mittelalterlichen Könige und Kaiser die ganze "Spanne" nannte oder auch die "Spannung" einer zugleich weltlichen und spirituellen Herrschaft, welche das hochfliegende Ideal vom Einen Gott einerseits und das Bild nackter Körperlichkeit und Gewalt auf der anderen Seite in eins setzt.

Der Pontifex, Überwinder und zugleich Verkörperung des heidnischen Motors, der jede Weltreligion antreibt, in Ritualen der Verzückung, hat also wahrscheinlich nicht jenen seltsamen Katalog von neuen Regeln für die Gottesdienste erfunden, der neuerdings in katholischen Kreisen kursiert. Kein Tanzen und kein Klatschen soll es demnach zukünftig in den Messen geben, aber dieser Papst hat selbst in manchen Messen getanzt und geklatscht. Der Streit um den wie aus dem Nichts aufgetauchten Entwurf einer strengeren Meßordnung scheint mir der erste Vorschein eines möglichen Papsttums nach Wojtyla zu sein und eine versteckte Kritik an dem folkloristischen Schamanen im Vatikan.

Paradoxes Handeln als Vorbild

Papsttum heißt, bei allem Dialog mit archaischen Praktiken, mit modernen Philosophien und Technologien, die Mitte zwischen dem Erhabenen und dem Profanen zu halten. Der Vatikan ist allerdings als Mitte dort entstanden, wo die Mitte schon war. Es ist ja nicht nur ein historisch-geographischer Zufall, daß ausgerechnet diese Form des Schamanismus und seiner Steigerung zum Eingottglauben und Systemdenken zu dieser Macht und diesem Alter aufgestiegen ist. Rom steht heute noch an einem Schnittpunkt zwischen der Achse der west-östlichen Ausbreitung der Kulturgüter und technischen Revolutionen über die Welt und der nord-südlichen Scheidelinie zwischen "Arm und Reich", so hat es der Evolutionstheoretiker Jared Diamond genannt.

Hier wird auch der nächste Papst agieren müssen, und auch er wird wieder eine neue Mitte zwischen den Staats-Arkana der Vergangenheit und den Geostrategien der Zukunft finden müssen. Vielleicht kann er sich dabei ein Vorbild am paradoxen Handeln jener wohlhabenden Kölner Katholiken nehmen, die bei bestimmten Messen häufig einfach nur ein wenig Erhebung suchen, indem sie bekannte Opernakteure aus der unmittelbar dem Dom benachbarten Philharmonie religiöses Liedmaterial aufführen lassen in höchster Perfektion. Solch ein brillantes "Ave Maria" in der Messe am Samstagabend wird dann von den Dombesuchern auch gerne mal mit lautem Beifall gefeiert. Wenn ihr griesgrämiger Oberhirte sie dann prompt und streng vermahnt, erkennen sie ihre Chance, ihm eine Lektion zu erteilen, und quittieren seine Mahnungen beifällig mit lautem Klatschen. Der König ist tot, es lebe der König!

Thomas Hauschild ist Professor für Ethnologie in Tübingen und veröffentlichte "Magie und Macht in Italien" (Gifkendorf, Merlin-Verlag, 2002).

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.10.2003, Nr. 42 / Seite 29
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