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Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

2003 Das Jahr, das keiner vermissen wird

28.12.2003 ·  Der "kleine Feldbusch" ist da, "Freedom fries" dürfen wieder Pommes heißen und Unsere Besten stehen ein für allemal fest. Gründe, von diesem Jahr Abschied zu nehmen, gibt es genug. Sicherlich noch mehr, als die folgenden 34.

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"Die anderen hatten Meinungen, ich hatte bloß meine Bestenlisten", schreibt Nick Hornby in "High Fidelity", und genauso sind auch die Listen dieses Feuilletons gemeint, nicht als Meinung, sondern als Spiel mit der Ordnung der Welt. Das Beste und das Schlimmste, das uns und unseren Autoren in diesem Jahr passiert ist, ordinal skaliert und in eine Reihenfolge gebracht, die Ordnung schafft, wo Chaos und Willkür herrschten. Und wir spielen dieses Spiel, auch wenn uns der Ernst der Lage durchaus bewußt ist: um heiter Abschied zu nehmen von 2003. Denn Gründe, von diesem Jahr Abschied zu nehmen, die gibt es genug. Sicherlich noch wesentlich mehr, als die folgenden 34.

Weil die Hannoverisierung des Urlaubs auch nur ein Mißverständnis war: zu Hause war es nämlich gar nicht am schönsten, da liefen morgens Doku-Soaps übers Kinderkriegen und abends Jessica Lynch.

Weil endlich keine Scherze mehr über "szenetypische Päckchen" beim Kuchenbacken gemacht werden.

Weil Punk-Royal-Hosen an Männern, die aussehen, als hätten sie eine tote Katze auf dem Kopf, endlich Mainstream und damit hoffentlich out sind, genauso wie Flip-Flops, mit denen jeder durch den "Jahrhundertsommer" patschte.

Weil der Slogan "Spiele mit uns" uns zwar erhalten bleiben wird - aber zum Glück nur in Leipzig.

Weil der "kleine Feldbusch" da ist und nicht mehr darüber diskutiert werden muß, ob Mütter, die heißen wie italienische Kleinstädte, ihre Kinder nach amerikanischen Großstädten nennen dürfen.

Weil Bono Vox für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, was, auch wenn er ihn dann nicht bekam, peinlich genug war.

Weil "freedom fries" wieder Pommes heißen dürfen und niemand mehr über "smart bombs" redet.

Weil die Berichterstattung über Mette Marits Schwangerschaft nach der Geburt des Kindes nun wirklich nicht mehr fortgesetzt werden kann.

Weil das Dosenpfand zwar auch im kommenden Jahr ein Thema sein wird, wir aber wenigstens den albernen "Token" los sind.

Weil wir es nun endlich kennenlernen: Das Leben nach Harald Schmidt.

Weil "The Matrix" und "Herr der Ringe" auch geschafft sind.

Weil Unsere Besten nun ein für allemal feststehen.

Weil wir zwar Nemo und Saddam von der Wanted-Liste streichen konnten, aber Usama immer noch fröhlich durchs Gebirge wandert.

Weil wir seit der Wiederverpflichtung von Michelle Hunziker und Carsten Spengemann keine übertriebenen Erwartungen an das Privatfernsehen mehr haben.

Weil wir seit "Bunte TV" keine übertriebenen Erwartungen an das öffentlich-rechtliche Fernsehen mehr haben.

Weil seit der DDR-Show-Pest im Sommer das Thema Ostalgie endgültig erledigt ist.

Weil nach den Wundern von Bern, Lengede und Stuttgart hoffentlich die Zeit vorbei ist, in der alle in offenen Wundern stochern wollen.

Weil man bald gegen Mitternacht durchs Fernsehprogramm zappen kann, ohne daß einen Heiner Bremer anstarrt.

Weil man 2004 am Nachmittag durchs Fernsehprogramm zappen kann, ohne in die Behandlung von Dr. Verena Breitenbach zu geraten.

Weil wir im neuen Jahr nach all den vielen, leeren Drohungen nur noch ernstgemeinte Rücktrittsabsichten entgegennehmen.

Weil es für die Zeitungsbranche das schwärzeste Jahr der Geschichte war.

Weil man statt nach Graz, der KulturHauptstadt 2003, irgendwie doch lieber nach Lille und Genua fährt.

Weil es das Jahr war, in dem Esel zu Raketenwerfern wurden.

Weil wie der Deutsche Wetterdienst abschließend befindet, der Sommer "erheblich zu warm, zu trocken und zu sonnig", das Frühjahr aber "zu warm, zu trocken und recht sonnig" war.

Weil ein Sprecher des brandenburgischen Landwirtschaftsverbandes das Wetter "fast schon kriminell" nannte und recht hatte.

Weil wir wissen, was wir nie wissen wollten: Ole von Beust ist schwul, Harry Potter nicht.

Weil Justin Timberlakes Besuch in der Redaktion dann doch nicht zustande kam.

Weil die Unesco es für nötig hielt, Beethovens Neunte Symphonie ins "Weltgedächtnis" aufzunehmen, aber nicht die ersten acht.

Weil Joseph Fiennes als Martin Luther die beste Werbung für den Übertritt zum Katholizismus war.

Weil Uwe Ochsenknecht als Papst Leo X. die beste Werbung für den Übertritt zum Atheismus war.

Weil mehr als je die Sendung "Wer wird Millionär" die raffgierigen Seiten an ansonsten ausgemacht liebenswürdigen Menschen aktivierte.

Weil diese Heinis bei der Sendung "Dismissed" immer nur einen Trick haben, um ihre Frauen zu küssen: Gemeinsam von einem Löffel Erdbeeren oder Käsefondue zu essen. Käsefondue!

Weil wir eine superwunderbare Zeit mit 2003 hatten, doch, doch, wir fanden auch das Fondue-Essen zu Weihnachten supersuper, aber 2004 ist halt much more sexy, also, sorry 2003: You are dismissed.

Weil es war dann ja eh' schon Winter.

Die komplette Liste finden Sie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 28.12.2003.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.12.2003, Nr. 52 / Seite 17
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Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr