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200 Jahre Grimms Märchen Schlaffer Hänsel, taffe Gretel

 ·  Heute vor zweihundert Jahren erschien das meistübersetzte, meistverbreitete Werk deutscher Sprache: die Märchen der Brüder Grimm. Soll man sie Kindern noch vorlesen?

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© Otto Ubbelohde, Reproduktion Rainer Wohlfahrt Vergrößern Wer auszieht, um das Fürchten zu lernen, gönnt auch den Toten ein bisschen Wärme

Einen Abend bei Schröders kann man sich so vorstellen: Eine Geschichte wird erzählt, es geht um ein Mädchen, das in einer Patchworkfamilie lebt und Ärger mit Papas neuer Frau hat. Das Mädchen findet Asyl in einer Wohngemeinschaft von Kleinwüchsigen, erleidet einen allergischen Schock beim Apfelessen und wird in letzter Sekunde gerettet. Dann trifft sich die Familie beim Mediator, arbeitet alles auf und am Ende respektiert jeder die Position des Anderen.

Mit „Schneewittchen“, dem Märchen, das Jacob und Wilhelm Grimm heute vor exakt zweihundert Jahren in der Erstausgabe ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ publizierten, hätte diese Version nicht mehr allzu viel zu tun - kein Mordauftrag an den Jäger, kein vergifteter Apfel, keine grausame Hinrichtung der Stiefmutter. Doch die Fassung wäre der Ausweg aus einem Dilemma, das Kristina Schröder in einem soeben erschienenen Interview umrissen hat. Über den problematischen Inhalt der Märchen herrscht in dieser Runde Einigkeit, das Stichwort vom „doofen Frauenbild“ nimmt die Familienministerin begeistert auf: „Stimmt, gerade Grimms Märchen sind oft sexistisch! Da gibt es selten eine positive Frauenfigur.“

Entschärfte Folgeauflagen

Andererseits gehörten die Märchen - leider, leider? - „zum kulturellen Kanon“. Daher werde Schröder, die auch Texte von Astrid Lindgren und Michael Ende aktualisieren möchte, um Worte wie „Negerbaby“ zu vermeiden, ihrer Tochter eines Tages die Märchen der Brüder Grimm vorlesen, „allerdings dosiert“. Und ergänzt um „Geschichten mit anderen Rollenbildern“ - wahrscheinlich dann doch „Pippi Langstrumpf“ der von Schröder „synchron übersetzten“ Astrid Lindgren.

Natürlich kann man da fragen, wer eigentlich die Hexe in den Ofen schiebt, der schlaffe Hänsel oder die taffe Gretel? Wer befreit beharrlich, stark und im Alleingang „Die zwölf Brüder“, wenn nicht deren Schwester? Spielt sich im Märchen „Frau Holle“ nicht nahezu alles ausschließlich unter Frauen ab, im Guten wie im Schlechten? Und schließlich: Wer erzählte den Brüdern Grimm die aufregendsten Märchen, wenn nicht Frauen wie die Töchter der Kasseler Apothekersfamilie Wild oder die Marktfrau Dorothea Viehmann?

Tatsächlich sind die Vorbehalte gegenüber den Märchen der Brüder Grimm nicht neu, und die Frage, wie es denn dabei um die kindlichen Rezipienten steht, erfährt selbst bei den Autoren eine ambivalente Antwort: Das Werk sei eben auch ein „Erziehungsbuch“, schreiben die Brüder in der Vorrede. Trotzdem könne mancher Leser die eine oder andere Stelle „unpassend oder anstößig“ finden - und die Darstellungen etwa von Eltern, die ihren Kindern offen nach dem Leben trachten, die sie wie im Märchen vom „Machandelboom“ verspeisen oder wie in „Allerleirauh“ sexuell begehren, sind in der Tat ein guter Grund, Anstoß zu nehmen. Tatsächlich wurde dann in späteren Auflagen bereits von den Brüdern Grimm manches geändert und etwa aus mordlüsternen Müttern entsprechend der Typus der bösen Stiefmutter geschaffen.

Geheimnissvolle Doppelnatur der Texte

Aber richten sich diese Märchen überhaupt an Kinder? Sind sie, fragt Jacob Grimm, „für Kinder erdacht und erfunden?“ Nein, antwortet er, sie sind für alle, junge wie alte Leser, die allerdings die Texte jeweils unterschiedlich aufnehmen und manches darin erst später verstehen. Das sei auch recht so, schreibt Grimm, denn wenn es darum geht, irgend etwas zu vermitteln, dann ist die beste Lehre „die, welche nicht ganz verdaut werden kann, sondern deren Stoff lang aushält. Daher wir den Kindern Gott und Teufel nennen sollen, lange vorher, ehe sie etwas davon begreifen können.“ Dazu aber, so Grimm, muss eine spannende Erzählung her, denn nichts ist so entsetzlich langweilig wie eine moralische Botschaft ohne Geschichte.

Nicht alle Eltern sehen das so entspannt und lebensklug. Dem ungeheuren Erfolg der Grimmschen Märchensammlung - sie ist das meistverbreitete, meistübersetzte Werk der deutschen Literatur - steht dann auch eine unüberschaubare Zahl an Adaptionen gegenüber, die auf Entschärfung und Verharmlosung setzen, die also nicht jede detailliert ausgemalte Strafe an den Leser bringen. Sie stören sich nicht am „doofen Frauenbild“, wohl aber an eisernen Pantoffeln, die im Kohlenfeuer rotglühend gemacht und dann Schneewittchens Feindin angelegt werden - „da musste sie so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel“. Für Bruno Bettelheim („Kinder brauchen Märchen“) waren es gerade solche Passagen, die den destruktiven Seiten kindlicher Phantasie entgegen kämen.

Heutige Märchenadaptionen, die sich nicht an Kinder, sondern an Jugendliche und Erwachsene richten, betonen diese Elemente besonders gern, und immer wieder nehmen Splatterfilme die weltweit bekannten Märchen der Brüder Grimm zum Ausgangspunkt für krude Geschichten.

Wahrscheinlich liegt es an dieser Doppelnatur der Texte, dass sie so rege und auf den unterschiedlichsten Ebenen rezipiert werden: Die Bilder, die sie transportieren, sind stark genug, um sich tief in uns festzusetzen. Gleichzeitig sind sie uns historisch so fern, dass sie nahezu jede Variation verkraften. Wer ihnen aber diese Doppelnatur nehmen will, rückt Grimms Märchen unserer Gegenwart so nahe, dass sie all ihre Geheimnisse verlieren.

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20.12.2012, 10:54 Uhr

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Von Andreas Platthaus

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez. Mehr 3 3