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Veröffentlicht: 11.09.2014, 16:51 Uhr

Zwanzig Jahre Zeitung im Internet Schafft den Online-Journalismus ab

Im Herbst 1994 gingen die ersten Medien online. Die Leser haben seitdem alles bekommen, was sie sich nie vorgestellt hatten. Jetzt müssen sie lernen, mit dieser Informationsvielfalt richtig umzugehen.

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© AP Es geht nicht länger um Online oder Print. Was zählt, ist guter Journalismus, der sich aller Ressourcen und Darstellungsformen bedient.

Am Anfang muss ein Ende sein: Zwanzig Jahre wurden Mediendebatten in diesem Land geprägt von einem Gegensatz. Auf der einen Seite gab es Zeitungsjournalismus, Magazinjournalismus, also Printjournalismus. Auf der anderen Seite war der Online-Journalismus. Tausende von Stunden wurde darüber diskutiert, Abertausende von Seiten mit dieser Auseinandersetzung gefüllt. Und immer ging es um die gleiche Polarität: das Greifbare gegen das Unfassbare, das Stoffliche gegen das Flüchtige, das Bestehende gegen das Drohende, das Solide gegen das Ätherische, Ruhe gegen Hetze, Gründlichkeit gegen Flüchtigkeit, Qualität gegen Schund, Gut gegen Böse. Kurz: Print versus Online.

Mathias Müller von Blumencron Folgen:

Jetzt muss Schluss damit sein. Endgültig. Zwanzig Jahre nachdem die ersten Zeitungen und Magazine online gegangen sind, muss diese unsinnige Mediendebatte endlich zu Ende sein, muss sich Einsicht einstellen: All diese Stunden, all diese hektisch bewegte Luft, all diese Dokumente und gespeicherten Dateien, all das war umsonst. Verschwendete Zeit. Es war eine Übergangsperiode, aber die liegt jetzt hinter uns. Die Mehrheit der Leser orientiert sich primär im Netz, was nicht heißt, dass sie dort nicht auch Zeitung liest. Millionen lesen primär Zeitung, was nicht heißt, dass sie nicht auch das Internet nutzen. Nahezu jeder Journalismus ist heute auch digital. In Zukunft darf es deshalb nur noch eine Debatte geben: Was ist guter Journalismus?

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Die digitale Revolution ist ein Segen für den Journalismus, wenn man dieses Handwerk einmal ohne Rücksicht auf das Geschäftsmodell betrachten darf. Noch nie konnten sich Autoren medial so vielfältig ausdrücken. Noch nie konnten sie so schnell, gründlich und vernetzt recherchieren. Hunderttausende Dokumente durchforsten, wie bei den Wikileaks-Veröffentlichungen. Noch nie konnten sie komplexe Zusammenhänge so vielfältig veranschaulichen: mit Grafiken, Bildern, Animationen, Videos. Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, zum Meinungsmacher aufzusteigen, über Blogs, Twitter, Facebook. Und noch nie waren sie so nah am Leser, seit der Mobilrevolution sind sie körpernaher Begleiter, zuweilen selbst in den intimsten Momenten. Ist die digitale Revolution deshalb auch ein Segen für jeden einzelnen Journalisten, für jede Zeitung, jeden Verlag?

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Ganz bestimmt nicht. Die Geschichte des Journalismus im Internet ist eine Story zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Hoffnung auf eine bessere Zukunft für den Journalismus. Verzweiflung über den Niedergang des alten verlegerischen Geschäftsmodells, über schwindenden Einfluss. Um für ihre Produkte zu werben, nutzen Unternehmen die klassischen Medien nun einmal immer weniger. Und immer weniger Leser zahlen hohe Preise für journalistische Produkte. Anzeigenerlöse und Auflagen fallen, die Umsätze sinken trotz Preiserhöhungen. Und das bedeutet weniger finanziellen Spielraum für Verlage, weniger Arbeitsplätze für Journalisten.

In Informationsfluten

Begonnen hatte die Geschichte ganz anders: mit unschuldiger Begeisterung, mit der Lust am Experiment – und ohne eine Vorstellung davon, wie machtvoll die Veränderungen einmal werden könnten. Anfang der neunziger Jahre herrschten andere Zeiten. Die Geschäfte der Verlage boomten, und plötzlich schien auch noch ein langgehegter Traum in Erfüllung zu gehen: das Weltwissen, per Tastendruck abrufbar, im Minutentakt aktualisiert. Es waren wenige Enthusiasten, die sich in den Redaktionen für das neue Medium Internet einsetzten. Journalisten, die von neuen Möglichkeiten schwärmten und nun ihren Geschäftsführern mühsam die nötigen Startinvestitionen aus den Rippen leiern mussten, ein paar zehntausend Mark für eine Sache, die kaum jemand verstand. Die Hoffnung hatte die Oberhand.

30961751 © News.com Vergrößern Eine bessere URL kann man sich nicht sichern: News.com, 1996

Zweifel gab es auch schon: Kann eine Gesellschaft an zu viel Information ersticken? „Die Informationsschwemme, die die neuen Technologien über uns gebracht haben, ist insofern eine Tyrannei, als sie uns an der Konstruktion von das Leben bereichernden Erzählungen hindert, indem sie unsere Aufmerksamkeit ablenkt und die Kräfte verzehrt“, schrieb der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman: „Die Information ist zu einer Art Abfall geworden. Wir werden von Information überschwemmt, sind nicht mehr imstande, sie zu beherrschen, wissen nicht, was wir mit ihr tun sollen. Unsere Abwehrmechanismen gegen die Informationsschwemme sind zusammengebrochen; unser Immunsystem gegen Informationen funktioniert nicht mehr.“

Austausch in Lichtgeschwindigkeit

Wann erschienen diese Zeilen? Sie stammen aus Postmans Werk „Wir informieren uns zu Tode“, einem Bestseller für alle Skeptiker des Informationszeitalters. Erschienen war er 1992, bevor das Internet zum Massenmedium wurde und ein Jahr bevor der amerikanische Student Marc Andreessen, damals 22, an seinem Institut den Mosaic-Browser für eine bessere Darstellung des Dokumentendschungels schuf – und damit das rasende Wachstum der Online-Welt erst einleitete. Doch Postman irrte. Hätte er recht gehabt, wären wir heute alle mausetot.

Journalismus im Netz ist vor allem die Geschichte einer unglaublichen Explosion des Angebots, der Vielfalt, auch der Gleichzeitigkeit. Es begann mit Nachrichten. Als erster ernsthafter News-Service im WWW gilt der längst vergessene Dienst Nando.net, die Online-Seite der amerikanischen Lokalzeitung „The News&Observer“ in Raleigh, North Carolina, einem Technologiezentrum an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Weit vor CNN oder der BBC versorgten die Redakteure ihr Publikum online mit lokalen und globalen Nachrichten. Im Herbst 1994 hatten die ersten europäischen Verlage ihre Angebote im Netz freigeschaltet, im Oktober der „Spiegel“ mit „Spiegel Online“ als erstes Magazin weltweit.

30961814 © Spiegel.de Vergrößern Spiegel Online in der Aufmachung von 1996.

Startkapital: 50000 D-Mark und die kostenlose Leidenschaft von ein paar Redakteuren. Erst ein paar Tage später erschien das amerikanische „Time“-Magazin im Internet. Die Begeisterung der Amerikaner war von Anfang an größer als in Europa, wie so häufig, wenn es um verheißungsvolle Innovationen geht. Ihr Einsatz betrug ein Vielfaches, es war der Beginn eines ungeheuren Booms, der Glücksritter und Geschäftemacher anzog wie das Licht die Motten. Der globale Austausch von Neuigkeiten und Wissen beschleunigte sich schlagartig auf Lichtgeschwindigkeit.

Vereinzelt exklusiv

Es war die Zeit des Online-Idealismus: Die Vordenker träumten von einer neuen Form des Journalismus, der sich jenseits der Autoritäten entwickeln würde, jenseits lästiger Chefredakteure und Verleger. „Jeder Bürger ist ein Reporter“, rief der Amerikaner Matt Drudge, einer der ersten prominenten Blogger. Ganz so, wie Joseph Beuys ein paar Jahrzehnte zuvor alle Menschen zu Künstlern erklärt hatte. Doch obwohl die Zahl der Blogger wuchs, blieb ihr Einfluss begrenzt. Meinungsführer blieben zumeist die alten Köpfe der etablierten Redaktionen, deren Artikel die Online-Ableger von Zeitungen, Zeitschriften und TV-Sendern in das neue Medium hievten.

Nur in Amerika entstand eine nennenswerte Anzahl neuer Produkte mit hohem redaktionellen Anspruch. Während sich die Zeitungsredaktionen oft darauf beschränkten, ihren gedruckten Stoff umsonst online zu stellen, versuchten unabhängige Gründer neue Medien zu kreieren, die heute noch Bestand haben: die Technologieseite CNet, die sich die geniale URL news.com sicherte, die kalifornischen Online-Feuilletonisten von salon.com, die Microsoft-Gründungen msnbc.com und slate.

Das digitale Abbild der Gesellschaft

Drudge launchte seinen Drudgereport und wurde als Enthüller der Lewinsky-Affäre berühmt, Rufus Griscom gründete in New York die erotisch angehauchte Popkultur-Seite nerve.com, die das knisternde Lebensgefühl in den Häuserschluchten Lower Manhattans wiedergab. Und die Technologiepostille Wired begleitet das Ganze mit hymnischen Storys. Unvergessen der Titel von 1997: „The long boom: We’re facing 25 years of prosperity, freedom, and a better environment for the whole world. You got a problem with that?“ Drei Jahre später platzte die Dotcom-Blase, vier Jahre später steuerten Terroristen gekaperte Passagierflugzeuge in die Türme des World Trade Center.

30961752 © Nerve.com Vergrößern Zwischen Erotik und Popkultur: Nerve, 1998

Den Verlagsmanagern in Deutschland – ohnehin sehr skeptisch gegenüber dem Netz – kam der Zusammenbruch des Dotcom-Booms gerade recht. Sie hofften, dass der für ihre Geschäfte langsam bedrohlich werdende Spuk nun vorbei sei. Auch unter den Chefredakteuren des beginnenden neuen Jahrtausends gab es so gut wie niemanden, der das Medium auch nur halbwegs ernst genommen hätte. Über Jahre war den Online-Kollegen Herablassung gewiss, sie galten als Contentisten, Schmarotzer, Kannibalen oder Totengräber des Journalismus. Im Internet, so eine verbreitete Ansicht, werden die Menschen alles Mögliche suchen, aber niemals ernsthaften Journalismus. Welch ein Irrtum!

In den vergangenen zehn Jahren ist das Internet von einem digitalen Netzwerk zu einem weltverändernden Medium geworden, das mit großer Wucht die Lebensgewohnheiten einer ganzen Gesellschaft revolutioniert. Es hat sich in ein virtuelles Abbild menschlicher Existenz gewandelt – nur, dass alle Aspekte gleichzeitig vorhanden und sofort abrufbar sind. Tiefste Abgründe, die Banalitäten des Alltags und höchste geistige Errungenschaften liegen nur einen Mausklick voneinander entfernt – das menschliche Leben wird mehr und mehr zu einem medialen Ereignis. Zum Vorteil der Gesellschaft?

Unübersichtlichkeit im Netz

Journalismus im Internet, das ist auch die Geschichte einer rasenden Beschleunigung. Ein halbwegs relevantes Ereignis, ein politischer Umbruch, eine Katastrophe, ein spektakuläres Verbrechen ist heute in wenigen Stunden in den letzten Winkel der Welt vorgedrungen. Und so waren es diese Schlüsselereignisse, die Leser aus aller Welt auf das neue Medium aufmerksam machten, das so viel schneller als die Zeitung war und so viel hintergründiger als Radio und Fernsehen. Der Tod von Lady Di am 31.August 1997 war so ein Ereignis, bei dem Millionen das Internet als Informationsquelle entdeckten. Die Terroranschläge vom 11.September 2001 machten es endgültig zum Massenmedium. Von diesem Tag an lag der Verkehr auf den Nachrichtenseiten schlagartig auf einem doppelt so hohen Niveau und wuchs weiter exponentiell an.

Wer schneller wissen wollte, was los war, ging ins Internet. Wusste er damit auch genauer, was eigentlich geschah? Lange blieb Online-Journalismus ein von Nachrichten getriebenes Geschäft, und noch vor zehn Jahren galt als besonders erfolgreiche Redaktion, wer über Ereignisse zuerst berichtete. Das raubte Managern und Politikern die Wochenenden, weil die Antworten auf Enthüllungen nicht bis zur Montagszeitung warten konnten. Der Informationszyklus beschleunigte sich ungemein – und mit ihm die Aufregungswellen. Aktion, Deskription, Reaktion folgten immer schneller aufeinander. Die Folge: eine zuweilen hektische Aufgeregtheit, die dem Nachdenken nicht unbedingt förderlich war.

30961754 © Nando.net Vergrößern Nando.net, der Online-Auftritt der amerikanischen Lokalzeitung „The News&Observer“, 1999

Doch all das war nur Vorspiel. In den vergangenen fünf bis sieben Jahren – gleichzeitig mit dem Aufstieg der sozialen Medien – entwickelte sich das Netz von einem eher nachrichtlichen Medium zu einer gewaltigen Meinungsschleuder. Längst hat die Zahl der geposteten Kommentare die der Nachrichten übertroffen. Längst publizieren im Netz viel mehr Laien als Profis. Und längst nutzen bestimmte Profis das Netz unter dem Deckmantel des Journalismus, um Ideologie, PR, Desinformation und Verschwörungsphantasien zu verbreiten. Immer schwerer lässt sich Wahrheit von Dichtung und Propaganda unterscheiden.

Anfälligkeit für Desinformation

Dabei haben sich die Rezeptionsgewohnheiten grundlegend geändert. Noch bis vor wenigen Jahren liefen die Leser redaktionelle Websites gezielt an, wurden journalistische Produkte gezielt aufgesucht wie Neuigkeits-Tankstationen im globalen Netz. Doch mit dem Aufschwung des Mitmachnetzes konfigurieren sich heute immer mehr Nutzer ihre Informationsströme nach den eigenen Vorlieben. Orte des Journalismus werden nicht mehr bewusst angesteuert, sondern lediglich angezapft. Das wäre an sich noch kein Drama, wenn nicht die menschlichen Schwächen dazukämen. Eine der ausgeprägtesten ist die Vorliebe für Gleichgesinnte. Denn während das Netz gern als Debattenmedium tituliert wird, wird es doch, so zeigen Studien, von den meisten als Meinungsverstärker genutzt.

So bilden sich Meinungskanäle und regelrechte Meinungsblasen, jenseits der medialen Online-Angebote, oftmals in radikalen Spektren. Im meinungsgleichen Facebook-Zirkel, im selbstbestärkenden Twitter-Feed. Selbst durch E-Mail-Verteiler wird Information auf nie dagewesene Weise vorgefiltert und kanalisiert, so dass sich allerorten Gruppen Gleichgesinnter bilden, die zwar noch Artikel lesen, aber keine Bindung zu irgendeinem Hort des Journalismus haben.

Wenn etwa in einem redaktionellen Medium These und Gegenthese einander gegenüberstehen, wird der Disput im Netz zerteilt und nur das jeweils gefällige Stück mit den Freunden geteilt. Die amerikanischen Ultrakonservativen der Tea-Party-Bewegung sind Meister im Organisieren solcher Informationsströme; ohne diese Kunstfertigkeit wäre ihr Aufstieg kaum denkbar gewesen.

Noch nicht gut genug

So hat sich der Journalismus im Netz zwar dramatisch professionalisiert, gibt es Meisterstücke der multimedialen Erzählkunst, der Erklärung und der Debatte; aber dennoch verblasst die Deutungshoheit der Redaktionen. Journalismus wird zur Spielmasse von selbstkonfigurierten Deutungsströmen jenseits jeder redaktionellen Einbettung. Das mag man begrüßen, es führt aber unweigerlich zu einer Polarisierung der öffentlichen Meinung. Die Stimmen der Vernunft haben es schwerer, sich in dem ungeheuren Lärm des Online-Kosmos Gehör zu verschaffen.

Ein noch nie da gewesener Kampf um Aufmerksamkeit ist entbrannt, ein Kampf, dessen Dimension dem mahnenden „Postman“ Anfang der Neunziger nicht ansatzweise bewusst war. Es ist eine Auseinandersetzung zwischen klassischen Medien und neuen, selbstkonfigurierten Informationskanälen. Anspruchsvoller Journalismus bedeutet heute nicht mehr allein die exzellente Recherche, der starke Artikel, das ganz besondere Angebot. Anspruchsvoller Journalismus muss sich vor allem auch Gehör verschaffen im kakophonischen Informationslärm der neuen Meinungswelt. Nur so wird es den klassischen Medien gelingen, neue Leser zu gewinnen und die alten zu halten.

Keine Redaktion hat das schonungsloser aufgearbeitet als die „New York Times“, eine der auch im Digitalen führenden Zeitungen dieser Welt. „Die ,New York Times‘ gewinnt im Journalismus, unser tägliches Produkt ist tief, breit, klug und ergreifend – wir haben einen riesigen Vorsprung vor der Konkurrenz“, heißt es in einem kürzlich fertiggestellten internen Report. „Aber gleichzeitig fallen wir in einem essentiellen Gebiet zurück: in der Kunst und Wissenschaft, mit unserem Journalismus Leser zu gewinnen. Wir haben noch nicht genug getan, um den Code der digitalen Ära zu knacken.“

Idealismus ist gefordert

Wohin wird die Entwicklung führen? Der Idealismus der frühen Jahre, der im Netz ein großes neues Transparenzmedium sah und im Online-Journalismus seinen Motor, ist einer Ernüchterung gewichen. Ob das Medium die Vernunft fördert oder eher dem Irrsinn Bahn bricht, ist derzeit noch nicht ausgemacht.

Die Journalisten haben ein Traummedium bekommen, mit dem ihre Verlage kaum Geld verdienen. Es ist noch immer ein Medium der Hoffnungen und Chancen, es ist das einzige Medium der Chancen: Die meisten Leser steuern heute eine journalistische Marke über das Internet an – und immer häufiger über mobile Kanäle. Bei der britischen Zeitung „Guardian“, die die Digitalisierung am weitesten getrieben hat, kamen am vergangenen Sonntag 65 Prozent der Zugriffe über mobile Geräte. Fehlt dem digitalen Gesicht die Attraktivität, verblassen auch die Marken langsam – und mit ihnen wichtige Stimmen der Vernunft.

Noch haben die Etablierten ihren Ruf; sie sind Marken, die selbst im Netz noch wie Donnerhall wirken – wenn sie denn das Netz wirklich ernstnehmen. Um durchzudringen, müssen sich Medien heute auf Kerntätigkeiten konzentrieren, die allesamt für etablierte Redaktionen eine Herausforderung darstellen. Exzellenten Stoff hervorbringen, ihn in überwältigender Opulenz aufarbeiten, geschickt über alle sozialen und nicht-sozialen Kanäle vertreiben und obendrein einen nicht gekannten Austausch mit dem Leser pflegen. Kurzum, sie müssen ein Feuer anzünden, an dem keiner vorbeikommt. Journalismus braucht in den nächsten Jahren das, was gute Redaktionen immer getragen hat: jede Menge Idealismus.

Medienkompetenz wichtiger als je zuvor

Noch immer sind die digitalen Erlöse aus dem Journalismus bei vielen Verlagen kümmerlich, doch es gibt Hoffnung. Werbung auf mobilen Geräten wird neue Erlöse bringen, die digitalen Ausgaben der Zeitungen gewinnen zahlende Leser und bringen oftmals viel mehr als von zu viel Wunschdenken getragene Bepreisungen dynamischer Websites. Hochpreisige Spezialangebote, wie sie etwa die amerikanische Seite „Politico“ für Lobbyisten offeriert, versprechen Erfolg.

Und die Leser? Sie haben in den vergangenen Jahren nahezu alles bekommen, was sie sich nie vorgestellt hatten. Informationen im Sekundentakt, ein unendliches Videoangebot, aufwendig recherchierte Storys in wunderbarer multimedialer Aufmachung, ganz umsonst und allzeit zugänglich, jetzt auch am Handgelenk oder in der Brille. Nun müssen sie nur noch eines lernen: mit dieser ungeheuren Informationsvielfalt auch umzugehen. Zu vertrauen, wem man trauen kann. Und zu misstrauen, wer Misstrauen verdient.

Keine Schule bringt das bisher den Kindern bei, keine Bildungsstätte den Erwachsenen, kaum ein Medium seinen Lesern. Allerorten herrscht verkehrte Welt: Die Kinder sind die Dozenten für Eltern und Lehrer, auch für Politiker und Manager. Die Erwachsenen müssen Internet lernen, noch immer. Es hat eine Revolution gegeben – doch viele Menschen laufen durch das Leben, als sei die Welt noch die alte.

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Glosse

Wenn die brave Hipness gekapert wird

Von Mark Siemons

In Berlin Neukölln hat jetzt die von zwei in Israel geborenen Nerds gegründete Buchhandlung „Topics“ geschlossen. Das Antifa-Mobbing, dem sie ausgesetzt war, ist nur die Spitze eines Eisbergs. Mehr 7

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