03.06.2009 · Die blutig niedergeschlagene Demokratiebewegung auf dem Platz des himmlischen Friedens galt dem Westen als früher Warnschuss für den Kommunismus. Heute sieht die junge Generation in China darin den Beginn eines Wegs im Einklang mit dem Staat.
Von Mark Siemons, PekingDer Frühsommer ist wieder so warm wie vor zwanzig Jahren. Ansonsten ist vieles anders. Neben dem Wasserspiel in der neusachlich weißen Wohn- und Büroanlage Soho Jianwai, wo Manager, Models und Werbeleute auf dem Weg zum nächsten Termin ein Eis schlecken, stehen ein paar junge Angestellte in weißen Hemden und stimmen halblaut die Internationale an. Ein Akt des Widerstands? Oder eher des Einverständnisses mit einer Zeit, in der das sozialistische Liedgut genauso zum Alltag gehört wie der Facebook-Account? Am Dritten Ring erscheinen auf einem fünfzig Meter hohen LED-Bildschirm, auf dem sonst Werbung für Fotohandys gezeigt wird, Hammer und Sichel auf rotem Grund, danach tauchen marschierende Truppen der Volksbefreiungsarmee auf, die der Volksrepublik zum sechzigsten Geburtstag gratulieren.
Das ist keine Provokation; die Uniformierten der Streitkräfte sind gerngesehene Gäste in fast jeder Fernsehshow (viele singen auch), und die meisten Zuschauer freuen sich darüber. Dass die Volksbefreiungsarmee am 4. Juni 1989 in Peking auf demonstrierende Arbeiter und Studenten schoss, hinter denen damals ein Großteil der Bevölkerung Chinas stand, käme heute kaum einem auch nur in den Sinn.
Fehlgedeutetes Signal
Im Westen galt nach dem Fall der Berliner Mauer der Pekinger Mai mitsamt seinem grausamen Ende im Juni als dialektisches Vorspiel jener liberal-demokratischen Epochenumwälzung, von der über kurz oder lang auch China selbst ergriffen werden würde, und man gab der Chiffre „1989“ daher im Ganzen die Bedeutung eines welthistorischen Durchbruchs zur Freiheit, den man sich, auch wenn Fukuyamas Konzept eines „Endes der Geschichte“ aus Gründen der Etikette abgelehnt wurde, nicht anders denn als einen Triumph des westlichen Systems vorstellen konnte. Man rechnete mit einem baldigen Kollaps des Regimes in Peking oder aber mit einer grundsätzlichen politischen Liberalisierung im Zuge der sich ausweitenden Marktwirtschaft.
Beides ist nicht eingetroffen. Chinas Macht ist aufgrund seiner kapitalistischen Erfolge und unter der fortdauernden Herrschaft der Kommunistischen Partei in den letzten zwanzig Jahren ungleich gewachsen, und für die Bewegung von damals scheint sich im Lande kaum einer mehr zu interessieren. Was bedeutet im Licht dieser chinesischen Erfahrung „1989“ heute?
Kompromittierendes Schweigen
„Tiananmen“ trieb den Gegensatz von Gesellschaft und Staat - von den vielen Einzelnen, die sich spontan zusammenschließen können, und einem militärischen Repressionsapparat, der das nicht zulassen will - auf die Spitze: daher die außergewöhnliche symbolische Wucht, die das Geschehen von Anfang an in der ganzen Welt entfaltete. Jede einzelne Etappe dieser tragischen Geschichte gab dem Gegensatz Bilder von unüberbietbarer Deutlichkeit. Bei den Protesten wurde das symbolische Zentrum Chinas und des kommunistischen Staats von desorganisierten, friedlich zusammenkommenden Massen besetzt.
Die Niederschlagung vollzog sich mit einer Brutalität, die sich nur aus der beabsichtigten Signalwirkung erklären lässt. Und das gespenstische Schweigen, das seither über dem „Zwischenfall“ liegt, verlängert den Konflikt unter der ruhigen Oberfläche bis heute. Bei einer Versammlung von Intellektuellen kürzlich in Peking, die sich der „Patriotischen Bewegung von 1989“, wie sie sie nennen, weiter verpflichtet fühlen, sagte der „Neue Linke“ Cui Waiping, das Schweigen untergrabe die Moral der Gesellschaft, indem es auch die, die an dem Massaker nicht beteiligt gewesen seien, zu Komplizen mache.
Ziviles Selbstbewusstsein unterhalb der Tabuzone
Das bedeutet freilich nicht, dass man sich die chinesische Gesellschaft heute als ein braves Untertanenvolk vorstellen muss, das im Interesse seines materiellen Wohlergehens stillhält. Der zivile Ungehorsam bis hin zum offenen Widerstand hat sich vielmehr sowohl ausdifferenziert als auch ausgeweitet: Er umfasst Zusammenschlüsse von Anwohnern gegen den Bau von Eisenbahntrassen, eine wachsende, von Rechtsanwälten betriebene Bürgerrechtsbewegung, freimütige Internetdiskussionen über lokale Missstände, Zeitungsartikel, die für „universelle Werte“ streiten, und achtzigtausend lokale Konflikte jährlich, wie sie sogar die offiziellen Zahlen ausweisen.
Die Gesellschaft scheint auf einer realen Ebene andere Äußerungsformen gefunden zu haben, als sie ihr 1989 zur Verfügung standen: nicht bloß die Chance des privaten Glücks in einer Eigentumswohnung, sondern auch weit vielfältiger gewordene Möglichkeiten, ihren Willen auszudrücken. Allerdings um den Preis, dass das symbolische Zentrum nicht mehr angetastet wird - und damit auch nicht die Grundentscheidung darüber, wie die Gewichte zwischen Partei, Staat und Gesellschaft verteilt sein sollen. Die „Charta 08“, in der der Tiananmen-Veteran Liu Xiabo und andere Intellektuelle im vergangenen Jahr forderten, dass die Staatsgewalt vom Volk, nicht von einer Parteiorganisation ausgehen soll, fand in China vergleichsweise wenig Resonanz.
Verschiedene Einflüsse
Um diese Verschiebung nachzuvollziehen, ist zu berücksichtigen, dass die Studentenbewegung schon damals nicht so ausschließlich unter dem Gegensatz Demokratie und Kommunismus stand, wie der Westen annahm. Die einschlägigen Signale, die in der Errichtung einer Replik der New Yorker Freiheitsstatue gipfelten, gingen einerseits auf Debatten zurück, die junge chinesische Intellektuelle in den achtziger Jahren über Verwestlichung als Heilmittel gegen die Verknöcherung der eigenen Nationalkultur geführt hatten - ein später Reflex der gleichfalls von Studenten getragenen bilderstürmerischen 4.-Mai-Bewegung von 1919, deren Parole auch schon „Wissenschaft und Demokratie“ war. Zum anderen vermehrten sie sich aber auch im gleichen Maß, wie das nach eindeutigen Zeichen verlangende westliche Medieninteresse zunahm.
Historiker vor allem aus Amerika haben in den letzten Jahren detailliert beschrieben, auf welchen zunächst unterschätzten symbolischen Ebenen die Bewegung außerdem noch operierte. So übernahmen die Studenten die Gesten und Formeln konfuzianischer Gelehrter, die in der kaiserlichen Zeit als kollektives Gewissen gegen Machtmissbrauch auftraten: Als sie dem Ministerpräsidenten eine Petition überreichen wollten, knieten sie vor der Großen Halle des Volkes nieder. Die Intellektuellen, die den Hungerstreik als höchsten Ausdruck moralischer Reinheit und Aufopferungsbereitschaft (Rudolf G. Wagner) anführten, nannten sich nach alter Sitte „die vier Edlen“.
Neutralisierungsversuche
Gleichzeitig verwendeten die Studenten kommunistische Signale: Sie sangen die „Internationale“ und Parteilieder aus der Zeit des Bürgerkriegs; Arbeiter, die das Bildnis Maos mit Schmutz bewarfen, lieferten sie den Sicherheitskräften aus. Hinzu kam, als Rockmusiker für die zeitweise eine Million Menschen auf dem Platz spielten, ein kräftiger Woodstock-Akzent. Ähnlich heterogen waren die politischen Ziele, die sich meist erst im Lauf des Ereignisses selbst spontan auf dem Platz formierten: von der moralischen Anklage der Beamtenkorruption über den sozialen Protest gegen die Auswirkungen der Inflation (der neu-linke Intellektuelle Wang Hui deutet die Demonstrationen heute vor allem als Aufbegehren gegen den sich ausweitenden Kapitalismus) bis hin zur Forderung nach einem demokratischen Mehrparteiensystem.
Die Staatspartei tat nach 1989 alles, um die politischen, kulturellen und sozialen Zuspitzungen zu neutralisieren, die sie auf dem Platz des Himmlischen Friedens in eine Konfrontation mit der Gesellschaft gebracht hatten. Eine besondere Rolle spielte dabei das warnende Beispiel der Sowjetunion, deren Untergang die chinesischen Kommunisten systematisch analysierten. Sie konstatierten dort einen Verfall der Ökonomie, zu geringen Wohlstand für weite Bevölkerungsteile, eine Verkrustung der Regierungsrituale und eine Beeinflussung durch die Bemühungen westlicher Länder, eine „friedliche Evolution“ in Gang zu bringen.
Der Staat und der Einzelne
Entsprechend sah die Therapie aus, die sie China verordneten: Sie kurbelten die Marktwirtschaft an und versuchten zugleich, die Risiken der damit einhergehenden Diversifizierung durch effektivere Zensur und Kontrolle, durch vermehrte Sozialreformen, durch eine wachsende Zurechenbarkeit der staatlichen Institutionen und durch vorsichtige Ausweitung der Partizipationsmöglichkeiten für Bürger einzuhegen. Tatsächlich scheint das Schicksal der Sowjetunion für viele Chinesen heute ein plausibles Argument zu sein, ihre Haupt-Identifikation vom gesellschaftlichen auf das staatliche Subjekt zu verlagern, von der Emanzipation der Einzelnen auf die Emanzipation Chinas in der Welt: Um wirtschaftlichen Abstieg, das Auseinanderfallen des Staats und eine Abhängigkeit vom Westen zu vermeiden, geben manche inzwischen sogar klammheimlich der blutigen Unterdrückung von 1989 recht. Und auch die meisten derer, die die demokratischen Ziele von damals weiter verfolgen, finden mittlerweile, dass diese sich nur in einem starken Staat erreichen ließen, der sich gegenüber dem Westen behaupten kann.
Vielleicht wird 1989 einmal als das Jahr gelten, in dem sich das Verlangen nach individueller Selbstbestimmung im Staat mit dem nach staatlicher Selbstbestimmung in der Welt zu kreuzen begann. Ob sich die beiden Bewegungen auf Dauer gegeneinanderstellen oder verbinden werden, ist noch nicht entschieden.