Home
http://www.faz.net/-gta-16sqe
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Diesseits von Afrika (4) Boller-, Kampf- und Thermo-Mode

16.06.2010 ·  Einiges mag man finden in den Fußballstadien dieser Tage, eines ganz gewiss nicht: geschmackvolle Kleidung. Die Spieler kleiden sich einheitlich, die Fans freizeitlich. Und die Trainer? Ein düsterer Blick in die Runde. Mit einem Lichtblick.

Von Dirk Schümer
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (3)

Wer auf Stil achtet, wird bei einer WM kaum Anregungen bekommen. Männer in uniformen Leibchen und bollerigen Kurzhosen – das ist, rechnet man noch die neuerdings gern knallbunten Stollenschuhe dazu, so ziemlich der abtörnendste Trend, den man sich vorstellen kann. Deshalb blickt die Weltöffentlichkeit notgedrungen auf die Trainer.

Italienische Stilkritiker machten sich über den argentinischen Übungsleiter Diego Maradona lustig, weil der in einem schlecht geschnittenen Zweireiher mit Silberglanzkrawatte zur Arbeit erschienen war. „Wie bei einer neapolitanischen Hochzeit“, lautete das Urteil. Und man erinnerte schaudernd daran, wie derselbe Maradona einst in zerschlitzter Jeans und Lederjacke zur Papstaudienz erschien.

Unglücklich

Andere Fußballmaniacs, etwa der Obergrieche Otto Rehhagel, wirken so, als wären sie bereits im Trainingsanzug geboren und würden ihn nachts nicht ablegen. Ich habe Otto Rehhagel bei Theaterpremieren öfter im Smoking erlebt und weiß daher: Er könnte auch anders, will aber nicht. Der Schwede Lagerbäck hingegen, der die Nigerianer trainiert, stellt in seiner schlabberigen Trainingsjacke mit Kassenbrille kaum den Anführer einer afrikanischen Athletentruppe dar, sondern eher den Sexualtherapeuten aus einem todtraurigen Film von Ingmar Bergman. Ähnlich unglücklich auch das niederländische Trainergespann: In identisch silberglänzenden Anzügen mit original Siebziger-Jahre-Frisur schauen die drei Herren drein, als müssten sie gleich gemeinsam zu Rod Stewart Karaoke singen. Doch auch der weltmeisterliche Signore, Marcello Lippi, hat als italienischer Dressman jeden Glanz eingebüßt.

Während er früher rauchend im Maßanzug seine Truppe als wiedergeborener Paul Newman anführte, stand er nun, Kaugummi kauend, beim Krottenkick gegen Paraguay mit einer roten Thermojacke und Stadionausweis um den Hals – wie ein Funktionär bei der Vierschanzentournee. Wie gut, dass wenigstens der Schwarzwälder Joachim Löw auf dem Sport-Laufsteg vorführt, wie sich ein Mann von Welt stilsicher kleidet.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

Jüngste Beiträge

Vorletzte Werte

Von Thomas Thiel

Die Welt hat eine neue Religion: „Kopinismus“ nennt sich der offiziell anerkannte Glaube an das Filesharing als höchsten Lebenssinn. Es geht aber nicht um letzte, sondern um strategische Werte. Mehr