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Diesseits von Afrika (3) Sniwdogs Gesetz

15.06.2010 ·  Ist das Twittergewitter nach der Vermutung einer Moderatorin des ZDF, für Miroslav Klose müsse sein Treffer „ein innerer Reichsparteitag“ sein, ein Fall für Rhetorikgeschichtler oder Pawlow-Schüler? Versuchen wir es einmal mit Sniwdogs Gesetz.

Von Jürgen Kaube
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Geben Sie schon zu, Sie sind noch immer skeptisch, ob man fürs Fußballverstehen wirklich Wissenschaft braucht. Gut, versuchen wir es einmal so: Kennen Sie Godwins Gesetz? Der amerikanische Jurist Mike Godwin hat es 1990 aufgestellt. Es besagt, dass mit zunehmender Dauer einer Internetdiskussion die Wahrscheinlichkeit dafür, dass jemand einen Vergleich mit Hitler oder den Nationalsozialisten zieht, sich dem Wert eins annähert. Zweitens: Erinnern Sie sich noch an das Nazometer, jenes Alarm-Messgerät, das die Kölner Privatdozenten Schmidt und Pocher 2007 zur temporären Sendereife entwickelt hatten? Und schließlich: Wer war Iwan Petrowitsch Pawlow? Genau, der mit dem Hund und dem konditionierten Reflex.

Und jetzt zum Fußball. Eine Moderatorin des ZDF hat in der Halbzeitpause des ersten deutschen Spiels vermutet, für Miroslav Klose müsse sein Treffer „ein innerer Reichsparteitag“ sein, „jetzt mal ganz im Ernst“. Ernst wurde es dann auch gleich, weil sich sofort ein Twitter-, Blog- und Online-Kommentar-Gewitter entlud.

Eine Variante von Murphy's Law

Das Nazometer, auf Pawlow-Technologie beruhend, brannte schier durch. Wie auch anders, besagt doch die Umkehrung von Godwins Gesetz, nennen wir sie der Einfachheit halber Sniwdogs Gesetz: Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass im Internet aus nichts nicht sofort etwas gemacht wird, ist gleich null. Sniwdogs Gesetz ist übrigens eine Variante von Murphy's Law: Worüber immer man sich empören kann, darüber wird sich auch empört.

Godwins Gesetz selbst bleibt dabei intakt, weil es in einer schwachen Form auf sich selbst angewendet besagt: Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass jemand, der Godwins Gesetz erwähnt, wenn gerade ein Nazometer durchbrennt, im Internet der Verharmlosung bezichtigt wird, ist ebenfalls eins. Bleibt die Frage, ob nicht das Innere an einem „inneren Reichsparteitag“ bedeutet, dass niemand festzustellen vermag, ob jemals einer stattgefunden hat. Aber das können nur Rhetorikgeschichtler entscheiden. Wir Pawlow-Schüler hatten es hier mit exakter Wissenschaft zu tun.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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