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Diesseits von Afrika (2) Nervtötende Tröten

14.06.2010 ·  Die durchaus berauschende Musik Afrikas, die berückenden Stadiongesänge der Italiener, Engländer oder Niederländer - all das wird derzeit übertönt. Und wir können noch von Glück sagen, dass die Vuvuzela eine Entwicklung der Moderne ist.

Von Dirk Schümer
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Im Fußball steckt Musik. Das Spiel hat seine eigenen Choräle, Hymnen, Koloraturen, Lustschreie hervorgebracht. Nur schade, dass wir von diesen fußballerischen Sphärenklängen derzeit nichts mitbekommen. Stattdessen überträgt das Fernsehen von der Südhalbkugel jenen summenden Dauerton Tausender von Tröten, die hier das Gekicke traditionell untermalen.

Vuvuzela - das Wort ist schnell zum Synonym für einen weltumspannenden Stimmungstöter geworden. Und „Klang“ möchte man den musikalischen Ertrag des südafrikanischen Riesenblasorchesters lieber nicht nennen. Summt es im Satelliten? Brummt die Röhre? Ist ein Hornissenschwarm ins Wohnzimmer eingedrungen? Hat mich der Tinnitus ereilt?

Die Leistung zu leiden

Es ist ja nicht so, als hätte Afrika, der Süden insonderheit, keine berauschende Musik hervorgebracht. Rhythmische Frauenchöre repräsentieren die warmen Harmonien des sonst so tristen Soweto; die Gruppe „Mahatlini and the Mahotela Queens“ bringt sogar festgewurzelte Sofakartoffeln zum Tanzen. Und nun dieser nervige Dauerton, der so gar nichts hat von den inbrünstigen Chören der englischen Arbeiterklasse. Kein Samba-Getrommel, keine niederländische Karnevalsmusik mit dem anarchischen Drive von Willem Breuker und schon gar kein weltmeisterlich italienischer Belcanto. Alles wird übertönt. Die musikästhetisch karge Kost erinnert fatal an den Minimalisten John Cage und sein Dauerstück für Orgel, bei dem manche Töne jahrelang vor sich hin brummen. Das Vuvuzelakonzert immerhin neunzig Minuten lang zu erleiden ist aber auch schon eine Leistung. Und dann kommt noch die Nachspielzeit ...

Jüngst hat man auf der Schwäbischen Alb das älteste Musikgerät der Menschheit ausgegraben. Und weil Homo sapiens fußballensis aus Afrika stammt, handelt es sich naturgemäß um ein Blasinstrument: eine winzige Flöte aus Geierknochen. Mit abgestumpften Ohren habe ich ein Foto hervorgekramt: zierlich, kein Plastik, Klanglöcher für Tonmodulationen, kein Schalltrichter. Wie lieblich und mild das sogar für die empfindlichen Ohren von Mammut und Säbelzahntiger geklungen haben muss! Hätten die Steinzeitmenschen bereits Vuvuzelas gebastelt, die Menschheit wäre lange vor der Erfindung des Fußballs eingegangen. An Nervenschwäche.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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