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Diesseits von Afrika (1) Der reine Verstandesverlust

12.06.2010 ·  Zu einer guten Vorbereitung auf die WM gehört die Geisteswissenschaft. Ohne deren Bücher kann man Fußball gar nicht begreifen (mit allerdings auch nicht). Das Spiel ist zwar keine Kunst, aber etwas ist an ihm, das man ohne Kunstbegriffe nicht beschreiben kann.

Von Jürgen Kaube
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Wir haben uns vorbereitet, Aufstellungen studiert und Statistiken, uns mit den Niederlanden wie auch Honduras beschäftigt und mit Gonzalo Higuain, haben alle Sonderhefte gekauft, uns bei Dr. Loy noch einmal die Fußballirrtümer - „nicht durch die Mitte spielen“, „der Gefoulte soll niemals selbst ...“ - eingeprägt, mit Dipl.-Bibl. Eichler die Fußballmythen aufgefrischt und versucht, von Prof. Tolan den inversen Magnus-Effekt (“flatternder Ball“) zu lernen.

Ohne Bücher - geistes- und fleischeswissenschaftliche - kann man Fußball gar nicht begreifen. Mit auch nicht. Der unbegreifliche Rest gehört der Poesie. Jetzt hören wir die Hartgesottenen natürlich höhnen: „Feuilleton!“ Aber im Magazin „11 Freunde“ sind wir auf dies hier gestoßen: „Es war Scirea, der mir diesen wunderbaren Pass gab. Ich verpasste die Ballannahme und musste einen Ausfallschritt machen, um ihn noch zu erwischen. Trotzdem traf ich ihn gut. Ich glaube, wenn man ein wichtiges Tor im WM-Finale schießt, kann man es mit dem Jubel gar nicht übertreiben. Was mich betrifft, verlor ich umgehend den Verstand. Ich kapselte mich von meiner Umwelt ab. Nie wieder habe ich solch ein Gefühl verspürt - ich war vollkommen allein. Ich konnte nicht mal mehr irgendwas hören, es war wie in einem Stummfilm. Seltsam, und doch wunderschön.“

So Marco Tardelli über sein entscheidendes Tor im WM-Finale 1982. Wahrnehmungsisolation durch Glücksentfesselung: eine Phänomenologie des reinen Verstandesverlusts und zugleich ein Prosagedicht. Und wahr, nicht weil Fußball Kunst wäre, sondern weil etwas an ihm ist, das ohne Kunstbegriffe nicht beschrieben werden kann.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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