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Marga Henseler und das Auswärtige Amt Sie brachte das Lügengebäude ins Wanken

29.10.2010 ·  Im Mai 2003 schrieb Marga Henseler einen Brief an den damaligen Außenminister Joschka Fischer. Sie brachte damit die Lawine ins Rollen, an deren Ende die Einsicht in die tiefe Verstrickung des Auswärtigen Amts in die NS-Vernichtungspolitik steht. Ein Besuch in Bad Godesberg.

Von Edo Reents
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Das Auswärtige Amt verdankt seine größte Krise einer zierlichen, bald zweiundneunzig Jahre alten Frau. Marga Henseler trat mit ihrem vom 11. Mai 2003 datierten Brief an den damaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer, in dem sie sich darüber beschwerte, dass der belastete Diplomat Franz Nüßlein im amtsinternen Mitteilungsblatt einen ehrenden Nachruf bekommen hatte, eine Lawine los, an deren Ende das Buch „Das Amt und die Vergangenheit“ steht, das die tiefe Verstrickung des Amts in die NS-Vernichtungspolitik aufdeckt und Marga Henseler in ihrem Misstrauen gegen die diplomatische Klasse auf traurige Weise bestätigt.

Man sollte, wenn man sich ein Bild von dieser Person machen will, vielleicht vorausschicken, dass Marga Henseler mit Politik gewissermaßen nichts am Hut hatte und bis heute nicht hat. Wer mit ihr spricht, merkt sofort, dass man ihr mit einer gleichsam metaphysischen Geschichtsphilosophie, in die deutsche Schuld einzupassen wäre, nicht zu kommen braucht. Man merkt aber auch, dass man es nicht mit einer 4711-Oma zu tun hat, die nie aus ihrer Heimat herausgekommen ist. Marga Henseler ist eine auffällig lebenslustige Frau, die viel gesehen hat von der Welt und im Übrigen immer großen Wert darauf gelegt hat, dass auch sie Zugang zu den von Diplomaten geschmissenen Cocktailpartys bekam, obwohl Schreibkräfte und Dolmetscherinnen dazu normalerweise nicht eingeladen wurden.

Dies und manches andere an ihrem Wesen, beispielsweise ihr, wie sie selbst andauernd betont, „freches Kölner Mundwerk“, könnten dazu verleiten, sie für eine Querulantin zu halten, die aus nichtigem Anlass Briefe an höchste Stellen schreibt. Die Frage ist nur, wer ein Querulant ist: eine alte Frau, die über einen ehrenden Nachruf auf einen Mann, der als Staatsanwalt in Böhmen und Mähren Hunderte von Gnadengesuchen von zum Tode verurteilten tschechischen Bürgern abgelehnt hat, ehrlich entrüstet ist - oder nicht doch vielmehr jene längst im Ruhestand befindlichen, sich in schauriger Selbstironie „Mumien“ nennenden Diplomaten, die im Falle des ein Jahr nach Nüßlein gestorbenen und ebenfalls stark belasteten Franz Krapf sogleich gefragt haben: Wo bleibt der Nachruf?

Ungeliebter Besuch von Dr. Nüßlein

Da aber hatte Marga Henseler ihr Ziel schon erreicht, denn ihr Brief an Joschka Fischer hatte zur Folge, dass NS-belastete Diplomaten keinen Nachruf mehr erhalten. Marga Henseler hat ihren Sieg über ein ganzes Heer von „Mumien“ ohne jede weitere Hilfe errungen, indem sie zufällig auf einen Außenseiter im Auswärtigen Amt stieß, der Joschka Fischer ja war, während die „Mumien“ auf der anderen Seite bis heute ihre Strippen ziehen. Als Gipfel der Infamie wurde dieser Tage die Information gestreut, dass Marga Henseler 1960 bei ihrem eigenen Eintritt ins Auswärtige Amt ausgerechnet Nüßlein um ein Empfehlungsschreiben gebeten und dieses auch erhalten hat.

Wer ist die Frau, die ein jahrzehntelang bestens funktionierendes Getriebe aus Vertuschungen, Intrigen, Heuchelei und Lügen ins Stocken brachte? Wir läuten an einem sonnigen, fast noch warmen Herbsttag um 14 Uhr an dem gelben Eckhaus der Arbeiter-Wohlfahrt in Bonn-Bad Godesberg. Eine extrem zierliche, aber für ihr Alter fast gar nicht gebückte Frau in Jeans und lila Wollpullover macht auf: „Ich hatte doch gesagt: keine Blumen. Wenn ich welche haben will, kauf ich mir sie selber.“ Sie ist ein „kölsches Mädchen“, wie sie bestätigt, wobei sie ihre Fäuste kess wie ein Funkenmariechen in die Seiten stemmt. Noch bevor wir im Wohnzimmer Platz nehmen, kommt sie auf Joschka Fischer zu sprechen: „ein toller Mann“.

Sehr aufrecht sitzt Marga Henseler dann, die Hände gefaltet, die Arme angewinkelt auf dem Tisch, bereit für die Fragen nach ihrem Leben. Der Vater war Postbeamter, sie beim Bund Deutscher Mädel, dann, 1939, in der Organisation Todt, einer Bautruppe, die kriegswichtige Vorhaben verwirklichte. Über Düren kam sie im Juli 1940 nach Frankreich. Dort lernte sie den SA-Standartenführer Heinz Schneider kennen, der wohl sofort ein Auge auf sie geworfen hatte, „aber ich habe die Liebe nicht erwidern können“. Schneider hat sie fortan beschützt, „er war mein brauner Engel“. Als gelernte Außenhandelskorrespondentin sprach sie fließend Französisch, Englisch sowieso, und arbeitete als Stenotypistin, ohne dabei das Nachtleben aus den Augen zu verlieren: „Das war großartig. Sagt Ihnen der Name Edith Piaf etwas?“ In diesem Moment wirkt Marga Henseler so, als wäre auch sie selbst gerne eine Künstlerin geworden.

Im Frühsommer 1944 nahm die Gestapo sie in Brüssel für einige Wochen in Haft - als Belastungszeugin „mit Verdunkelungsgefahr“ in irgendeinem Prozess wegen Glücksspiels. Man drohte ihr mit dem KZ Ravensbrück. Wusste sie, was das bedeutet hätte? „Nein.“ Im September jenes Jahres wurde sie von der Todt-Organisation nach Prag geschickt, wo sie bei Onkel und Tante unterkam. Hier trat Franz Nüßlein in ihr Leben, ein Bormann-Protegé und Freund des Hauses, der sonntags zum Mittagessen kam und abends oft stundenlange Telefongespräche mit Onkel und Tante führte, während sie auf einen Anruf ihres Freundes, eines Wiener Arztes, wartete. In ihrem Brief an Fischer schreibt sie: „Wenn Dr. Nüßlein zu Besuch kam, absentierte ich mich. Die Gespräche langweilten mich, noch mehr aber Dr. Nüßlein. Für ein junges Mädchen bot Prag interessantere Abwechslung: Theater, Kino, Konzerte etc.“ Was Nüßlein in Prag eigentlich machte, wusste sie nicht: „Ich hatte sonst nichts mit ihm zu tun.“

Das abwechslungsreiche Leben einer alleinstehenden Frau

Ende April 1945 floh Marga Henseler mit dem Bus ins niederbayerische Pfarrkirchen. Hier begann sie als Sekretärin und Dolmetscherin für die Amerikaner zu arbeiten. Anfang der Fünfziger ging sie nach Südafrika, wo sie freiberuflich arbeitete und ihr Geld für Abenteuerreisen ausgab. Nüßlein begegnete sie 1960 wieder. Die Tschechen hatten ihn nach fünfjähriger Haft abgeschoben, so ging er im Haus von Onkel und Tante auf dem Bonner Venusberg wieder ein und aus. Zu dieser Zeit trat Marga Henseler in den Dienst des Auswärtigen Amts ein, wo Nüßlein inzwischen auch wieder gelandet war. Und gab es da ein Empfehlungsschreiben, wie die „Mumien“ behaupten? „Ja, das kann ich bestätigen. Aber ich wusste damals noch nicht, wer Nüßlein wirklich war. Das habe ich erst 1964 erfahren.“

Sie ging dann nach Washington, wo nicht nur der deutsche Botschafter ihre Schönheit bewunderte, später nach Los Angeles ins Generalkonsulat. 1979 wurde sie pensioniert, sie reiste viel und trieb viel Sport, Bergsteigen, Wasserski, alles Mögliche. Geheiratet hat sie nie: „Wen denn? Meine beiden Verlobten sind im Krieg gefallen. Wenn ich spätere Verehrer wiedergesehen habe, war ich froh, dass daraus nie etwas geworden ist. Wissen Sie, das Leben ist für eine alleinstehende Frau sehr interessant.“

Auch nach mehr als drei Stunden ist Marga Henseler unverändert kregel. „Ich bin ein typischer Skorpion; ich kann böse werden, aber nicht bösartig. Mich macht keiner fertig. Ich bin keine alte, verbitterte Frau. Glauben Sie, ich wäre sonst zweiundneunzig geworden?“ So steht sie beim Abschied, den sie in kerzengerader Haltung absolviert, vor einem: wie Sesemi Weichbrodt aus den „Buddenbrooks“: „winzig und bebend vor Überzeugung, eine kleine, strafende, begeisterte Prophetin“. Aber eine rückwärtsgewandte Prophetin, eine Siegerin im Streite, die ein altes Geschlecht überlebt.

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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