26.10.2010 · Ohne Franz Nüßlein hätte es die leidenschaftlich geführte Debatte über die Rolle des Auswärtigen Amtes im „Dritten Reich“ nicht gegeben. Den Anstoß gab eine Todesanzeige. Wurde der damalige Außenminister Fischer während der Nachrufaffäre über Franz Nüßlein falsch informiert?
Von Rainer BlasiusOhne Franz Nüßlein hätte es die leidenschaftlich geführte Debatte über die Rolle des Auswärtigen Amtes (AA) im „Dritten Reich“ nicht gegeben. Den Anstoß gab die Todesanzeige für den ehemaligen Generalkonsul in der Behördenpostille „internAA“ mit der seit Bismarcks Zeiten üblichen Formulierung „Das Auswärtige Amt wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren“.
Den Gedenk-Stein ins Rollen brachte 2003 eine längst verrentete Sachbearbeiterin und Übersetzerin, Jahrgang 1918, die in der Bonner Zentrale und auf Auslandsposten eingesetzt gewesen war. Marga Henseler hatten „der Standesdünkel und die Selbstüberschätzung“ vieler Diplomaten nie gefallen.
Ein Nachruf als Auslöser
Und vor allem kannte sie Nüßlein von Prag her, wo sie vom September 1944 bis zum April 1945 lebte. Damals war der spätere Diplomat für den „Reichsprotektor“ tätig, während Frau Henseler bereits „bittere Erfahrungen im Gestapo-Gefängnis Brüssel-St. Gilles im Sommer 1944“ hinter sich hatte.
Empört will sie 1960 darüber gewesen sein, dass Nüßlein eine Verwendung im AA gefunden hatte und 1962 zum Generalkonsul in Barcelona aufstieg. Mehr als vierzig Jahre später las sie in „internAA“ den „ehrenden“ Nachruf und beschwerte sich darüber beim Kanzleramt und beim AA.
Fischers Weisung im März 2005
Daraufhin traf Außenminister Fischer eine Entscheidung, die er erst im März 2005 im Schreiben „an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Auswärtigen Amts“ begründete: „Ehemalige Angehörige des Auswärtigen Amts, die Mitglied der NSDAP waren, werden ab September 2003 grundsätzlich nicht mehr mit einem Nachruf geehrt. Auslöser hierfür war der Nachruf für einen Generalkonsul a.D., der für erhebliche Entrüstung gesorgt hatte und so nie hätte erscheinen dürfen. Der Verstorbene hatte vor 1945 als Oberstaatsanwalt und NSDAP-Mitglied in der besetzten Tschechoslowakei an zahlreichen Verfahren mitgewirkt. Ehrende Nachrufe in diesen und vergleichbaren Fällen ... wären geeignet, das Ansehen des Auswärtigen Amts und der Bundesrepublik zu beschädigen.“
Warum er diese Weisung fast eineinhalb Jahre verschweigen ließ, ist bis heute ein Amtsgeheimnis.
Dabei stand 2005 für die meisten Pensionäre fest: Der Nachruf auf den „Seiteneinsteiger“ Nüßlein hätte unterbleiben oder ohne „ehrendes Andenken“ geschehen müssen. Das brachte damals Erwin Wickert (1915-2008), früherer Botschafter in Peking, bekannter Schriftsteller und selbst ehemaliges NSDAP-Mitglied, vor: Die „bedauerliche Ehrung“ Nüßleins habe Fischer dazu benutzt, „um die ganze alte Generation der Amtsangehörigen zu verdächtigen, die sich nach 1945 um die Wiederherstellung des deutschen Ansehens in der Welt verdient gemacht haben“.
„Pauschalverdächtigungen“ anstelle differenzierender Urteile
Zu diesen Verdienten zählte Wickert seinen Freund Franz Krapf (1911-2004), den er als Opfer der neuen Fischer-Gedenkpraxis ansah. Wickert war überzeugt, dass „Pauschalverdächtigungen“ bei „der Masse“ immer besser ankämen als differenzierende Urteile.
Gerade das Diffamierend-Pauschale machte schon bei vielen Achtundsechzigern den besonderen Reiz jener Attacken aus, die von Ost-Berlin aus mit Publikationen wie „Von Ribbentrop bis Adenauer“ (1961) und „Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin“ (1965) gegen Bonns Führungseliten geritten wurden. Das „Braunbuch“ wies Nüßlein als „faschistischen Blutjuristen“ aus, der angeblich „an der Ermordung von über 900 tschechoslowakischen Patrioten beteiligt“ und ein „Bormann-Heydrich-Günstling“ gewesen sei.
Große Archivbestände
Auf dem Höhepunkt der Nachrufaffäre meinte AA-Staatssekretär Klaus Scharioth im Frühjahr 2005, dass die von vielen Pensionären vorgeschlagene Einzelfallprüfung und damit eine mögliche Rückkehr zum „ehrenden Andenken“ nicht möglich sei und anhand der im Politischen Archiv des AA vorhandenen Personalakten nicht geleistet werden könne.
Dies stieß auf Befremden, weil das Außen-Ressort neben großen Archivbeständen über einen „Historischen Dienst“ verfügt, der seit 1995 das Diplomatenlexikon über die Zeit von 1871 bis 1945 erstellt. Warum sich das Personalreferat des AA bei der Vorbereitung des Nachrufs auf Nüßlein für „internAA“ nicht dieses hauseigenen Sachverstands bediente, bleibt bis heute ein Rätsel.
Jedenfalls lässt die Vita des Diplomaten-Kollegen Nüßlein den früheren Botschafter und Autor zeithistorischer Bücher Heinz Schneppen nicht mehr los. Schneppen hatte Anfang 2005 mit einem Leserbrief an die F.A.Z. die Nachrufdebatte angestoßen, weil er in „internAA“ eine Todesanzeige für Krapf vermisst hatte. Anders habe es sich beim „ehrenden Andenken“ an Nüßlein verhalten: „Hatte da nicht Joschka Fischer recht? Hat der Fall nicht gezeigt, dass 1955 das Amt keine Bedenken hatte, einen schwer belasteten Juristen, Staatsanwalt in Prag während des Krieges, verantwortlich für an die neunhundert Bluturteile, in das Auswärtige Amt einzuberufen?“
Und er erinnert an die Stimmung unter den Ruheständlern vor fünf Jahren: „Für uns alle ging es, ahnungslos, wie wir waren, um eine Causa Krapf, bis mir ,Der Spiegel' sagte, dass der Nachruf auf Nüßlein für den Minister zum ,Erweckungserlebnis' geworden sei. Ich habe wie die meisten für die Reaktion des Ministers im konkreten Fall Verständnis gehabt, aber die Ausweitung des Nachrufverbots erga omnes für unangemessen und unanständig gehalten.“
„Wurde Fischer vom Amt schlecht unterrichtet?“
Schneppen durfte die im Politischen Archiv des AA lagernde Personalakte Nüßleins einsehen. „Dann erlebte ich eine große Überraschung. Alles war ganz anders gewesen, als man uns erzählt, als man im Bundestag ex cathedra verkündet hatte ... Nüßlein war zwar in Prag gewesen, in der Verwaltung beim Reichsprotektor, aber er war dort weder als Anklagevertreter noch als Richter tätig gewesen.“ Dies ergebe sich aus dem Kölner Ermittlungsverfahren, das im Juni 1961 eingestellt worden sei, „da sich keine Anhaltspunkte für eine gerichtlich strafbare und verfolgbare Handlung des Beschuldigten ergeben hätten.“ Außerdem wertete Schneppen den Bericht der amtsinternen Untersuchung aus: „im Dezember 1961 gleichfalls mit negativem Ergebnis abgeschlossen“. Dennoch erhob der Süddeutsche Rundfunk am 15. März 1965 in einer Fernsehsendung schwere Vorwürfe gegen Nüßlein.
Drei Tage später erklärte der AA-Sprecher Jörg Kastl im Auftrag von Bundesminister Gerhard Schröder (CDU), dass Nüßlein weder als Anklagevertreter noch als Richter in Prag, sondern als Referent im Deutschen Staatsministerium tätig gewesen sei. Ermittlungsverfahren gegen ihn seien längst eingestellt. Alsbald entschuldigte sich SDR-Intendant Hans Bausch: „Es tut mir leid, dass in der Sendung Behauptungen aufgestellt worden sind, die Sie zu widerlegen fähig sind.“
Warum gab Außenminister Fischer 2005 Erklärungen zu Nüßlein ab, die weder der Aktenlage noch dem Votum eines Vorgängers entsprachen? „Wurde Fischer vom Amt schlecht unterrichtet, hat die Personalabteilung schlecht recherchiert? Wer hat versagt? Der Minister oder seine Mitarbeiter? Letzteres scheint mir der Fall. Sicher war nicht Absicht am Werk. Grobe Fahrlässigkeit und Dummheit reichen als Erklärung völlig aus“, resümiert Heinz Schneppen.
Nicht ausgewertet wurden bisher Prozessunterlagen und andere Dokumente im Staatsarchiv in Prag; Nüßlein verbüßte bis 1955 eine Haftstrafe in der Tschechoslowakei. Dafür ist im AA nun von einem hübschen Quellenfund die Rede, einem Amtsmirakel: Marga Henseler, deren Beschwerde über Nüßlein zum Kurswechsel im amtlichen Totengedenken führte, soll vor ihrer Anstellung im AA ausgerechnet Nüßlein um ein Empfehlungsschreiben gebeten und dies auch bekommen haben. Warum dies 2005 übersehen wurde, kann vielleicht das „hausinterne Diskussionsforum für aktive und ehemalige Mitglieder des Auswärtigen Amts“ ergründen, das die vier Autoren des am Donnerstag vorzustellenden Buches „Das Amt und die Vergangenheit“ am Tag danach im Europasaal des AA anbieten.
Zierde für die FAZ
Stefan Köppl (quidestveritas)
- 26.10.2010, 17:32 Uhr
Zierde für die FAZ -Recherche wäre schon schön
Axel Eick (ernstson)
- 27.10.2010, 14:14 Uhr
Nebelwerfer
Cornelia Pasing (luhamnn)
- 28.10.2010, 00:28 Uhr
Rainer Blasius Jahrgang 1952, Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.
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