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Internationale Reaktionen auf „Das Amt“ Der lange Schatten der Verbrecher-Mumien

29.10.2010 ·  Die Veröffentlichung der Studie „Das Amt“ ist international weithin beachtet worden. Unsere Korrespondenten berichten über die ersten Reaktionen auf die Erkenntnisse der Historikerkommission.

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Vereinigte Staaten

Eric Westervelt hat im National Public Radio die Studie eine „bestürzende Anklage gegen Deutschlands diplomatisches Corps der Kriegsjahre“ genannt. Die meisten amerikanischen Zeitungen berichten über die neuen Fakten. Vanessa Fuhrmans vom „Wall Street Journal“ aber betrachtet das Buch im Zusammenhang: Die Konfrontation mit der NS-Vergangenheit sei für Deutschland ein Prozess, in dem moralische Schuld immer weiteren Kreisen der Gesellschaft zugeschrieben wurde. Einen „wichtigen neuen Schritt“ sieht Jacob Heilbrunn in der Studie. Auf der Website des „National Interest“, der angesehenen Zeitschrift für Außenpolitik, schreibt er: „Heute stellt sich Deutschland seinen Nazi-Traditionen und gibt zu, dass eine ganze Nation in den Schmutz eines völkermörderischen Nationalismus gezogen wurde, in der Tat das aber auch bereitwillig unternahm.“ Fischer verdiene großes Lob dafür, dass er die Studie in Auftrag gab.

Heilbrunn verweist zudem auf die Rolle der Vereinigten Staaten: „Amerika half, den Übergang in die Bundesrepublik zu ebnen, indem es viele Nazis begnadigte. So ließ sich im Januar 1951 Hochkommissar John McCloy von Realpolitik leiten, als er den Wünschen von Bundeskanzler Adenauer nachkam und das Strafmaß für den Industriellen Alfried Krupp und mehrere Dutzend anderer Verbrecher reduzierte.“ Viel zitiert wird auch die Reaktion des „American Gathering of Holocaust Survivors and their Descendants“: Deutschland habe Licht auf ein Kapitel geworfen, das mehr als sechs Jahrzehnte lang von Geheimnissen überwuchert worden sei: „Frühere Versuche, das Auswärtige Amt und seine Diplomaten von den Verbrechen des Holocausts reinzuwaschen, sind nun widerlegt. Dieser Bericht erinnert daran, dass ein Querschnitt der deutschen Gesellschaft und ihrer Institutionen in den Holocaust und die Brutalität des Regimes verwickelt waren.“ (J.M.)

China

In China hat die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua über die Veröffentlichung der Historikerkommission zur nationalsozialistischen Verstrickung des Auswärtigen Amts berichtet. Holocaust-Überlebende werden mit dem anerkennenden Satz zitiert: „Deutschland hat einen ehrlichen und schmerzvollen Blick auf seine Vergangenheit geworfen.“ Viele Zeitungen haben die Meldung in abgewandelter Form meist unkommentiert übernommen. Die Tageszeitung „Guangzhou Ribao“ aus Kanton schrieb: „Wir loben die Ehrlichkeit, den Mut und die Intelligenz der Deutschen. Wir bewundern, wie sich ihr selbstkritischer Geist als roter Faden durch die Nachkriegsgeschichte zieht. Wenn ein Land die begangenen Fehler nicht zugeben will, wie könnte dieses Land dann den Respekt von anderen Ländern gewinnen?“ Die deutsche Vergangenheitsbewältigung wird in China oft gelobt und mit Kritik an Japan verbunden, das solche Ehrlichkeit vermissen lasse. (Si.)

Russland

Die russischen Medien berichten über die Studie verhalten. Unter der Schlagzeile „Verbrecher-Mumien“ schildert die Tageszeitung „Wremja nowostej“, wie Fischer die Historikerkommission einberief, nachdem er als Außenminister in seiner Behörde auf Nachrufe für ehemalige Mitarbeiter stieß, die ihre nationalsozialistische Vergangenheit vertuscht hatten. Die Befunde der Kommission hätten das politische Establishment Deutschlands erschüttert, schreibt „Wremja nowostej“. Sie druckt außerdem ein Interview mit dem Kommissionsleiter Eckhart Conze. Aus der „Prawda“ erfährt man, die deutschen Historiker streuten sich weiter Asche aufs Haupt, um für die Sünden der Väter zu büßen. Die liberalistischen Anwandlungen, die dem Außenministerium keine Ruhe gäben, könnten zum Verlust der Traditionen deutscher Diplomatie führen, resümiert das kommunistische Parteiblatt seinen ausführlichen Bericht. Zu den Organisationen, die im Sinn des Nürnberger Tribunals als verbrecherisch anzusehen seien, könne man, wenn nicht de jure, so de facto, nun auch das Außenministerium hinzuzählen. (kho)

Frankreich

Die französische Zeitung „Libération“ zeigt sich empört über „Das Amt“. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Rolle von Ernst Achenbach, der „rechten Hand von Otto Abetz“. Achenbach, der die Deportation von Juden aus Frankreich mitorganisiert hatte, habe den alliierten Richtern nach dem Krieg nicht nur glaubhaft gemacht, die deutsche Botschaft in Paris sei ein „Hort des Widerstandes“ gewesen. Er habe seinen späteren Posten als Abgeordneter des Bundestages auch genutzt, um zwischen 1971 und 1975 „ein deutsch-französisches Abkommen zur Verfolgung von Kriegsverbrechern zu verhindern“. Die Zeitung lobt Joschka Fischer, der, von ehemaligen Mitarbeitern des Amtes provoziert, sich entschieden habe, „in den Ameisenhaufen zu treten“. So, schreibt auch die in Genf erscheinende Zeitung „Le Temps“, habe ein neunhundert Seiten starkes Buch den Mythos des „deutschen Widerstandes“ zerstört. (lbo)

Österreich

In Österreich stellt der linksliberale „Standard“ die Arbeit der Historikerkommission nüchtern dar. Allerdings findet sich unter den Leserkommentaren im Internet die selbstkritische Einschätzung: „Der Umgang Deutschlands mit seiner Geschichte ist eine Wohltat im Vergleich mit dem Land der Kellernazis.“ In der Wiener „Presse“ kommentiert der österreichische Historiker Oliver Rathkolb gelassen: „In der Branche ist es nichts Neues.“ Österreichische Nationalsozialisten seien nach 1945 weniger im diplomatischen Dienst ihrer Heimat anzutreffen gewesen, weil sie in Berlin nach 1938 nicht erwünscht gewesen seien. Rathkolb erwähnt aber ohne Namensnennung junge österreichische „Balkanexperten“, die im Auswärtigen Amt unter den Nationalsozialisten eingestellt wurden und die „fast alle“ nach 1945 im diplomatischen Dienst Österreichs Karriere machten. Der Name des berühmtesten Diplomaten der Republik Österreichs taucht bisher in der Debatte freilich noch nicht auf: Kurt Waldheim. (dsch)

Tschechien

In Tschechien musste die Aufmerksamkeit für „Das Amt“ besonders groß sein, weil sich der Streit um die Nachrufpraxis am Fall des Juristen und Diplomaten Franz Nüßlein entzündet hatte, der in Prag für Hunderte Todesurteile mitverantwortlich war und nach 1945 auch sieben Jahre in der Tschechoslowakei inhaftiert wurde. An Nüßleins Fall und auch an die Hartnäckigkeit der Übersetzerin Marga Henseler, sich über die Ehrung des Schergen zu beschweren, erinnert die konservative Prager Zeitung „Lidové noviny“ in einem Aufsatz „Die Deutschen rechnen mit verbrecherischen Diplomaten ab“. Nüßlein habe trotz seiner Vorgeschichte im Außenministerium der Bundesrepublik Karriere machen können. Es sei „erste Mal, dass sich das deutsche Außenministerium überhaupt so detailliert mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzt“. (dsch)

Spanien

Die spanischen Medien betonen die Bedeutung der Studie. Die Online-Ausgabe von „El Mundo“ stellt über den ausführlichen Bericht ein Foto von Thomas Mann, das den Schriftsteller 1939 im amerikanischen Exil zeigt. Ernst von Weizsäcker, so der Beitrag, habe 1936 empfohlen, dem Autor die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen. Als Quelle dienten der Nachrichtenagentur EFE die Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Auch „ABC“ und „La Gaceta“ brachten in den Tagen vor der Präsentation des Buches Berichte über dessen Thesen. Zitiert werden Joschka Fischer mit seinen Äußerungen über die jahrzehntelange Beschönigung der Kollaboration des Auswärtigen Amtes mit der Vernichtungspolitik, der Historiker Eckart Conze sowie zeithistorische Dokumente - an herausgehobener Stelle jene von 1936, die die „Liquidierung von Juden“ als abrechnungsfähiges Dienstgeschäft enthüllt. „Die deutsche Diplomatie“, heißt es in „La Gaceta“ nach der Buchpräsentation, „sieht sich mit den Schatten ihrer Nazi-Vergangenheit konfrontiert.“ (P.I.)




Es berichten Jordan Mejias, New York; Mark Siemons, Peking; Kerstin Holm, Moskau; Dirk Schümer, Wien, und Paul Ingendaay, Madrid

Quelle: F.A.Z.
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