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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Joschka Fischer Das ist jetzt der Nachruf, den sie wollten

26.10.2010 ·  In seiner Zeit als Außenminister setzte Joschka Fischer eine Historikerkommission ein, um die Geschichte seines Hauses aufarbeiten zu lassen. Im Gespräch mit Frank Schirrmacher begründet er diesen Schritt und zeigt sich entsetzt über das Ergebnis.

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Wie ist es zur historischen Aufarbeitung gekommen? Sie haben diese Kommission durchgesetzt.

Marga Henseler war letztendlich der Auslösefaktor, vergessen Sie die alte Dame nicht. Sie hat einen Brief geschrieben, der das Ganze ins Rollen brachte. Und dieser Brief erreichte mich nicht. Marga Henseler war selber in Gestapo-Haft in Brüssel, muss Todesängste gehabt haben, wurde auch bedroht: „Du kommst nach Ravensbrück“, all diese Dinge. Und als sie den Nachruf auf Nüßlein las . . .

. . . der als Generalstaatsanwalt in Prag für 900 Todesurteile verantwortlich war . . .

. . . hat sie mir einen empörten Brief geschrieben. „Wie können Sie denn nur . . .“ Und: „Wissen Sie nicht, dass . . .“ Der kam nicht an, sondern wurde von der Bürokratie beantwortet.

Und wussten Sie, hätten Sie gewusst, wer Nüßlein ist? Zu dem Zeitpunkt?

Nein. Ich wusste ja nicht einmal, dass es diese Nachrufe gibt. Im Auswärtigen Amt sind fast 9.000 Leute in alle Welt zerstreut. Sie sind sehr viel enger aufeinander angewiesen als etwa die Mitarbeiter Ihrer Zeitung, weil man eine Lebensentscheidung getroffen hat. Das ist wie beim Militär. Weil eben der ganze familiäre Bereich davon erheblich beeinflusst wird und bisweilen auch darunter zu leiden hat. Und all diese Menschen haben natürlich ein Interesse daran, dass sie wissen: Wer wird befördert, wer ist gestorben . . . Das steht alles in diesem Blättchen. Nicht weiter bedeutungsvoll, aber für die Amtsangehörigen und die ehemaligen Amtsangehörigen ist das eine wichtige Informationsquelle.

Und dann starb dieser Nüßlein.

Von dessen Existenz ich weder wusste, noch kannte ich dessen Biographie, noch wusste ich um diese Anzeige und ihre Bedeutung für „die Mumien“, die Ehemaligen, wie sie amtsintern genannt werden. Und wenn ich zu denen gehört hätte, hätte ich denen geraten: Freunde, ihr schweigt besser! Dieses Gefecht auf die letzten Jahre könnt ihr nicht gewinnen angesichts der historischen Realitäten. Nun starb dieser Nüßlein, und Marga Henseler schrieb mir einen empörten Brief, der mich auf dem Umweg über den Bundeskanzler erreichte. Sie beschwerte sich bei Bundeskanzler Schröder zu Recht über mich, und der Bundeskanzler schrieb mir, ich möge die Sache doch mal überprüfen. Marga Henseler war sehr enttäuscht, sie schrieb, ausgerechnet von Joschka Fischer hätte sie nicht gedacht, dass er einem alten Nazi wie dem Nüßlein, mit Blut an den Händen, einen Nachruf gewährt. Ich war entsetzt. Ich fiel aus allen Wolken. Aber natürlich hatte ich sofort im Kopf: Im nächsten Jahr ist 2005, wir gehen auf den sechzigsten Jahrestag zu. Meine Überlegung war, dass sich die Bundesrepublik Deutschland, die Bundesregierung eine mögliche Debatte um solche Nachrufe nicht erlauben kann.

Sie haben sich dann erkundigt, wer Nüßlein ist.

Na ja, das wurde bestätigt, Staatssekretär Scharioth hat in die Personalakte geschaut, und wir waren schockiert. Und dann haben wir beraten, meine Büroleiterin Helga Schmidt, Staatssekretär Scharioth und ich, mit dem Resultat: Wir können es uns nicht erlauben, dass die Bundesrepublik da am Ende eine internationale Debatte bekommt, angesichts des internationalen Vertrauens, das sich unser Land durch die Aufarbeitung der eigenen Geschichte erworben hat. Ich habe deshalb damals entschieden, um Schaden von der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden: Wer in der SA, der SS oder in der NSDAP war, kriegt halt keinen Nachruf mehr, Punkt. Nicht wissend, was ich damit auslösen sollte. Denn dann starb, wie es der dumme Zufall nun einmal so will, Franz Krapf, SS-Untersturmführer im SD-Hauptamt. Der hatte viele Freunde im Amt. Und dann fragten nach einigen Wochen offensichtlich irgendwelche Ehemaligen im Amt nach, wo denn der Nachruf bleibe. Die wurden über die neue Erlasslage informiert, und dann war die Empörung groß. Es erschien dann diese Anzeige für Krapf in der F.A.Z., und die sogenannte „Nachrufaffäre“ war am Rollen. Und natürlich besteht da ein Zusammenhang. Erwin Wickert hatte mich ja schon 2001 attackiert im Vorfeld der Feier des fünfzigsten Jahrestages der Neugründung des Auswärtigen Amtes. Ich war geschwächt durch die Visa-Affäre – das spielte eine große Rolle, sonst hätten sie das Haupt vermutlich gehoben, aber nicht so. Ich habe dann lange mit dem Personalrat geredet und bin denen dann noch einen Schritt entgegengegangen und hab gesagt: Okay, wir werden nur noch das Faktum des Todes melden. Es gibt ja einen legitimen Anspruch bei früheren Kollegen, zu wissen, wer ist gestorben. Das macht ja jedes Heimatblättchen. Das hat aber überhaupt nichts zu einer Lösung beigetragen, so dass ich gesagt habe: Okay, ihr wollt einen Nachruf, ihr kriegt ihn. Ich hab jetzt die Faxen dicke, und da liegt er nun, dieser Nachruf mit 900 Seiten vor uns. Ihr wollt es so, okay.

Und dann haben Sie mit Ihrer Büroleiterin und dem Staatssekretär beschlossen: Wir machen eine Historikerkommission.

Wir berufen eine hochrangige, ausgewogen und international besetzte Historikerkommission, offensichtlich ist das nötig. Also ich habe die ganze geschichtspolitische Dimension erst im Verlauf des Ganzen begriffen, ich kam mir lange vor wie im falschen Film.

Das zeigt übrigens, dass diese Leute dachten, sie hätten letztlich gesiegt. Anders kann man sich das nicht erklären.

Das war eine große Dummheit.

Ja, oder sie waren sich ihrer Sache völlig sicher. Das zeigt ja dieses Buch: dass diese Leute überhaupt kein Unrechtsbewusstsein hatten.

Ja, ich las den Bericht und war zunehmend immer mehr entsetzt. In den fünfziger und sechziger Jahren scheint ja diese „Zentrale Rechtsschutzstelle“ einer der größten Skandale gewesen zu sein.

Ja, genau.

Tatsächlich scheint es sich dabei um eine Täterschutzstelle gehandelt zu haben. Ich meine, die haben Listen angefertigt von in Frankreich, Holland und Belgien gesuchten Kriegsverbrechern, die in Deutschland waren. Und das wurde über das Rote Kreuz distribuiert, damit ja keiner dort hinfährt, wo er Verhaftung und Verurteilung zu befürchten hatte. Auch die Rolle des Archivs des AA in der Vergangenheit ist überaus dubios, um es mal milde zu formulieren. Das wusste ich auch nicht, dass das Archiv ein Instrument war, um sozusagen . . .

. . . eine Geschichtstendenz festzuschreiben.

Ja, oder respektive zu verhindern, dass etwas widerlegt wird.

Das ist ziemlich dramatisch.

Und deswegen bin ich der Meinung, dass man ernsthaft prüfen sollte, ob es nicht an der Zeit wäre, die Sonderrolle des AA-Archivs zu beenden und es dem Bundesarchiv zu überantworten, wie dies für alle Akten der Bundesregierung der Fall ist, verstehen Sie?

Es ist ja auch ein Archiv, in dem Sie nur das finden, was Sie suchen. Sie sind denen ausgeliefert.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Archiv sehr stark dazu beigetragen hat, ein gewisses Bild nach außen abzusichern.

Und zwar von Anfang an. Aber, um es mal ein bisschen metaphysischer zu sehen: Funktioniert so was eigentlich immer erst dann, wenn praktisch alle tot sind?

Ich glaube dies nicht. Man muss die Verhältnisse ändern. Zum Beispiel hängen in manchen Botschaften die deutschen Botschafter jener Jahre.

Aber nicht die von vor 1945?

Doch! Ich bin durch Zufall mal, weil irgendeine Veranstaltung im Weltsaal des AA stattgefunden hatte, rechts über die Hintertreppe auf den Weg zu meinem Büro ausgewichen. Der Weg führte mich durch die Protokollabteilung, und da hängen dann diese ganzen Protokollchefs. Ich denke: Das ist aber eine lange Reihe. Ich bleib stehen, studiere die Bilder mal näher – und da hing er! Ribbentrops Protokollchef. Ich habe mich damals ziemlich aufgeregt! Wo waren wir hier eigentlich? In meiner poltrigen Art habe ich gesagt, ich bin gerne bereit, auch alle Außenminister seit Bismarck aufzuhängen, allerdings nur unter der Bedingung, dass Ribbentrop am Strang dann da hängt.

Und das ist auch heute noch so?

Nein, das wurde dann abgestellt. Aber in manchen Botschaften ist es noch so, davon gehe ich fest aus.

Im Buch steht, dass zur Grundausbildung der Attachés des Jahrgangs 1938 gehört hat, eine psychiatrische Anstalt und das KZ Dachau zu besuchen. Das ist ja eine Form des Wissens, Mitwissens – da gibt es ja gar keine Diskussionen mehr.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Reichssicherheitshauptamt war so eng – das war der Satz in diesem Bericht, der mich am meisten schockiert hat –, dass die Grenzen fließend wurden. Das hat mich wirklich schockiert.

Und das betrifft nicht nur das sogenannte Judenreferat im Außenministerium.

Nein, im Gegenteil, ein Gutteil der Judenverfolgung in besetzten oder befreundeten Staaten schien damals sehr aktiv über das AA und die Botschaften und Konsulate gelaufen zu sein. Es gab welche, die weniger aktiv waren, andere mehr.

Das unglaublich gute Gewissen ist erschreckend. Dass da kein Moment war, in dem man sagte: Jetzt sollten wir ein bisschen kürzer treten, kleinere Brötchen backen.

Es war ja einer der Hauptpunkte des Amtes nach seiner Neugründung: den Lärmpegel über die braune Vergangenheit begrenzt zu halten. Das zieht sich ja da durch den ganzen Bericht hindurch.

Es hat Sie also nicht überrascht?

Das Ausmaß und viele Details haben mich überrascht. Zum Beispiel die zentrale Rechtsschutzstelle und die Rolle des Archivs, und wie einfach es war, einen Emigranten fertig zu machen und aus dem Amt zu drängen oder seine Wiedereinstellung zu verhindern. Das war wirklich eine Täter-Opfer-Verkehrung. Und das galt ja nicht nur im Auswärtigen Amt, das galt damals fast überall. Nun muss man auch sehen, dass die entscheidende Gründungsgeneration der Bundesrepublik Deutschland . . .

. . . die totale nationalsozialistische Erziehung erlebt hatte.

Das darf man ja nicht vergessen. In dem Alter ist man sehr formbar, und die Nazis wussten, wie man die packt. Aber die kamen völlig desillusioniert aus dem Krieg zurück. Die haben das Grauen in jüngsten Jahren erlebt. Und diese Generation der 45er hat in Westdeutschland unsere Demokratie aufgebaut. Eine historische Leistung, das sollte man nicht vergessen. Aber dann ging es halt los. Das Leben war noch lang, und man konnte nicht einfach zu sich selbst sagen: Was waren wir für Schweine? Es musste irgendwie rationalisiert werden. Und da begann das eben, dass die Biographien dann entsprechend gestrickt wurden.

Wenn diese Männer gesagt hätten: Wir haben eine unglaubliche Schuld, es tut uns leid, was ja die wenigsten gesagt haben – hätte Ihnen das als 68er gereicht damals?

Nein, wir waren damals in einem Abrechnungsmodus. Was auch seine Fragwürdigkeiten hatte, aber für mich war das ein Generationenkonflikt.

Sie kennen die Diplomatie und das Auswärtige Amt aus der Perspektive als zuständiger Minister. Wie kann man sich zum Beispiel den Typus Krapf vorstellen? Wenn der als Botschafter der Bundesrepublik in den sechziger und siebziger Jahren mit einem ausländischen Kollegen geredet hat, kann der doch gar nicht frei gewesen sein. Der muss doch gedacht haben: Der andere weiß von mir, was ich gemacht habe.

Ich glaube, diese Leute haben gedacht: Die Alliierten haben uns so akzeptiert, wie wir sind.

Es gibt Hinweise auf Mitarbeiter, lange vor Ihrer Zeit, die nur in arabischen Ländern eingesetzt werden konnten. War das tatsächlich so? Gab es da eine Gruppe?

Der Bericht der Historikerkommission geht darauf ausführlich ein.

Sie sagen, die Bürokratie hat Ihnen den Brief von Frau Henseler vorenthalten.

Schauen Sie, das läuft so: Der Minister bekommt nicht jeden Brief zu sehen. Ich vermute da keine Konspiration, man wird gedacht haben: Wir antworten höflich, aber damit müssen wir den Chef nicht belasten. Nur hat die alte Dame nicht lockergelassen. Das muss man ihr hoch anrechnen!

War Weizsäcker schuldig? Ist das einer, der verurteilt gehört?

Er ist im sogenannten Wilhelmsstraßenprozess verurteilt worden.

Die Eliten, die die Bundesrepublik moralisch repräsentierten, auch im Journalismus, waren sich in dieser Sache ganz einig. Das wiederholte sich dann auf noch schlimmere Weise im Fall Albert Speer. Aber wie erklären Sie sich das? Haben die gedacht: Wenn Weizsäcker bestraft wird, werden wir alle bestraft?

Er wurde ja bestraft. Er saß ja im Gefängnis, er war ja verurteilt. Aber der Wilhelmstraßenprozess fiel in die Endphase dessen, was damals in Deutschland als „Siegerjustiz“ bezeichnet wurde. Danach lief diese erste Phase der justiziellen Abrechnung mit dem Dritten Reich sozusagen aus, der Kalte Krieg begann zu wirken.

Aber warum ist zum Beispiel Rademacher nur zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden?

Kein Nazi-Richter wurde je verurteilt. Auch Rehse nicht, und der war Beisitzer von Freisler am Volksgerichtshof. Er starb im Gegensatz zu seinen Opfern friedlich im Bett. Als wir 1983 zum ersten Mal in den Bundestag kamen, galten Deserteure als Vaterlandsverräter, die Flüchtlinge im Stich gelassen hätten und verantwortlich für die vergewaltigten Frauen und die Bestialitäten der Roten Armee wären. Grotesk natürlich. Das hat eines langen, langen Wandels bedurft.

Wenn Sie diese Akten 1968 gelesen hätten . . .

. . . wäre ich in einen noch stärkeren Abrechnungsmodus verfallen.

Wir müssen also sagen: Es gab eine Kontinuität, aber sie war eben keine ideologische.

Nein. Man muss bei alledem sagen: Die Bundesrepublik Deutschland hat sich aus diesem Zwielicht erfolgreich herausgearbeitet.

Und zwar auch mit Hilfe dieser Eliten.

Gewiss. Aber auch mit einer harten Auseinandersetzung. Der Eichmann-Prozess hat dabei eine sehr große Rolle gespielt. Auch der große Auschwitz-Prozess in Frankfurt und die anderen, die auf ihn folgten. Dann ging es mit der Auseinandersetzung weiter, die die 68er begonnen haben. Im linksradikalen Terrorismus überschlugen sich dann Schuld und Abrechnung und verkehrten sich ins Gegenteil. Im Übrigen ist es interessant, dass der linksradikale Terrorismus der siebziger Jahre vor allem bei den ehemaligen Achsenmächten zu Hause war. In Japan gab es einen sehr brutalen linksradikalen Terrorismus, in Italien und in Deutschland.

Ist das noch niemandem aufgefallen?

Da muss es Konnotationen geben. Das kann nicht nur Zufall sein.

Wie hat eigentlich das Amt reagiert, als es erfuhr, dass Sie die Kommission einsetzten?

Zustimmend! Es gab ja damals eine heftige Kontroverse.

Die Mumien müssen schockiert gewesen sein, als sie davon erfuhren.

Ich glaube, sie haben das nicht so richtig überschaut. Als wir die Kommission zusammenstellten, gab es folgende Punkte: Erstens, der Qualitätsstandard: nur international renommierte und anerkannte Zeitgeschichtler, die sich mit der Sache beschäftigt haben. Zweitens: nationale und internationale Wissenschaftler. Und drittens: Positionsausgewogenheit. Wir wollten Konservative, zentristische, aber auch eher linke Historiker zusammenführen.

Kann man theoretisch sagen: Der Bericht ist so kurz, weil die Kommission nicht weiß, was noch da ist? Sie hat immer nur dort Akten abgefragt, wo sie wusste, dass es etwas geben muss.

Neue Fälle sind nicht aufgetaucht, aber das war auch nicht die Erwartung. Es ging darum zu klären, was sich tatsächlich während der Nazizeit und danach zugetragen hatte.

Und jetzt ist klar: Das Auswärtige Amt war tatsächlich integraler Bestandteil des nationalsozialistischen Systems. Die Eliten existierten weiter, die Emigranten spielten keine Rolle. Auch in der Gruppe 47 war ja kein einziger Emigrant. Diese Gruppe hat mehrheitlich, das haben sie ja auch zugegeben, zwei, drei Jahre vorher noch an den Endsieg geglaubt. So waren sie halt sozialisiert. Es kommt auch immer aufs Alter an, bei Böll ist es etwas anderes als bei Grass. Aber kommen wir noch mal auf den Fall Nüßlein.

Er war zuvor kein Amtsangehöriger, sondern in Prag bei Heydrich für Begnadigungssachen zuständig. Und deshalb auch für die Bestätigung von Todesurteilen.

Da fragt man sich, das mag jetzt romantisch und sentimental klingen: Wie lebten diese Leute, auch Filbinger zum Beispiel, danach weiter?

Es gab Rechtfertigungsmuster, und wenn die millionenfach auftraten - quasi für eine ganze Generation -, dann wirkte das ganz offensichtlich. Hitlers Generäle schrieben ihre Memoiren, und ihre Rechtfertigung lautete: Die SS waren Verbrecher gewesen, die Wehrmacht aber ist sauber geblieben.

Nehmen Sie den Fall Speer.

Speer wusste Bescheid.

Er war aktiv. Joachim Fest hat auch aus Selbstverteidigung gesagt: Er hat uns alle betrogen.

Er ist ihm aber auch völlig auf den Leim gegangen.

Ja, aber die beiden haben natürlich ein Geschäft gemacht. Viele Dokumente sind auch nicht bekannt gewesen. Es ist jetzt ein Brief seines Bruders aus den sechziger Jahren aufgetaucht. Und da schreibt ihm der Bruder, er war Priester: „Erinnerst du dich daran, wie ich zu dir sagte: Was ihr mit den Juden in den Steinbrüchen macht, ist unglaublich. Und darauf hast du in deinem unnachahmlichen Mannheimerisch gesagt: Was willst du denn? Die haben doch auch schon bei den alten Ägyptern Steine und Ziegel gestrichen.“ Ich finde diese Generationenfrage aber auch interessant. Der Attaché des Jahrgangs 1938 war damals 24 Jahre alt.

Und sah sich als Elite und wurde auch so gesehen. Man entnimmt den Akten auch, dass das Reichssicherheitshauptamt keineswegs in der Position war, Befehle zu erteilen, sondern sehr darum bemüht war, immer Einverständnis einzuholen. Es saßen eben nicht nur ein paar schlimme Buben im Auswärtigen Amt, und sonst spielt es keine Rolle.

Aber was sagen Sie jetzt zu Ihrer eigenen Generation? Jetzt kann man das Bild ja so sehen: Da ist Joschka Fischer 1968 in Frankfurt - und Jahrzehnte später ist er der Auslöser für diese Enthüllungen. Was bedeutet das für Sie?

Für mich bedeutet es zuerst und vor allem, dass sie den Nachruf bekommen, den sie verdient haben. Das wollten sie, und das bekommen sie jetzt. Ich habe mir Mühe gegeben, dass es nicht so weit kommt, nicht in dem Sinne, etwas zu verhindern, aber ich war eigentlich naiv, gutmeinend, nach der Devise: Die Aufarbeitung unserer eigenen Geschichte hat unser Land großartig gemacht, das haben wir hinter uns. Aber das war offensichtlich ein Irrtum!

Da gab es eine Gruppe uralter Männer, im Grunde wie in der untergehenden Sowjetunion, die es noch mal wissen wollte, die noch mal einen letzten Kampf um Deutungshoheit führen wollte.

Und es war wieder - das habe ich relativ spät erst begriffen - die 68er-Konstellation . . .

. . . die provoziert hat . . .

. . . zwischen Vätern und Söhnen. Ich scheine diese Leute einfach in einem Maße provoziert zu haben, ohne es zu wissen, durch meine bloße Biographie.

Der Steinewerfer.

Ich habe damals gesagt: Hätten Sie es mal beim Steinewerfen bewenden lassen, dann wären viele Menschen am Leben geblieben und unserem Land wäre eine Tragödie erspart worden.

Es ist auch psychosozial faszinierend. Die haben es ja auf eine Stufe gestellt oder sogar gesagt: Sie sind eigentlich schlimmer. Ich sehe darin eine kulturelle Zäsur sondergleichen. Es wird Jahre dauern, bis wir die ganze Konstellation richtig verstanden haben.

Es ist ja nicht nur das Auswärtige Amt gewesen. Auch im Wirtschaftsministerium gab es viele oder im Innen- oder Justizministerium.

Wobei das Auswärtige Amt schon das interessanteste sein wird.

Ja, sie wollten dort immer die Elite sein.

Ganz genau.

Offensichtlich waren sie es auch in diesem Fall.

Und sie haben nach dem Kriegsausbruch 1939 verzweifelt nach einer neuen Aufgabe gesucht.

Und diese Aufgabe war dann eben zu weiten Teilen die Judenvernichtung.

Mir war das überhaupt nicht klar.

Mir auch nicht. Ich dachte, es seien Mitwisser, Mitläufer gewesen, aber nicht selber Akteure.

So ein bisschen wie Frühstücksdirektoren. Oder wie in „Casablanca“, da sitzt dann einer so in irgendeiner Botschaft. Conze sagt, wenn man in Asien, in Portugal und Spanien nachschaut, wird man noch vieles finden. Wenn man 1941 als junger Mann an den Endsieg geglaubt hat und dann plötzlich so verstrickt ist - das kriegt man ja nicht aus dem Kopf heraus.

Es waren ja nicht nur die zwölf Jahre Nazizeit. Deutschland war damals ein militaristisch-autoritär strukturiertes Gemeinwesen gewesen. Das kann man mit der Bundesrepublik von heute gar nicht vergleichen. Die ganze Erziehung war mehr Kadettenanstalt. Autorität und Autoritätsgläubigkeit spielten eine ganz andere Rolle. Man fragt sich zum Beispiel, warum sich viele mit ihrem Eid auf diesen Verbrecher so schwer getan haben. Man muss keine höhere theologische Ausbildung haben, um zu wissen, dass man einem Verbrecher gegenüber sogar lügen, heucheln und weiß der Teufel was darf, man darf ihn sogar umbringen. Aber dieser Eid - meine Güte! Selbst die Leute vom 20. Juli haben darüber mit sich gerungen und diskutiert.

Aber sie wurden dann ja auch noch jahrzehntelang diskreditiert, bis sie überhaupt anerkannt wurden.

Oh ja! Das ist neueren Datums.

Wie ist denn Ihre Erfahrung: Halten sich Diplomaten für etwas ganz Besonderes, weil sie das Staatsoberhaupt vertreten?

Wenn ich noch mal die Chance hätte, etwas anders zu machen, dann wäre das eine grundsätzliche Reform der Diplomatenausbildung.

Es gab bei Kinkel einen Staatssekretär, der sprach immer nur von „meinem Minister“.

Ich glaube, da lesen Sie zu viel hinein. Staatssekretäre sprechen ohne jeden Hintergedanken von „ihrem Minister“.

Ist das wirklich so, dass sie den Minister verachteten?

Nein, die Minister kommen und gehen, aber das Amt verwaltet sich selbst. Aber ich muss auch eine Lanze für den Dienst brechen. Ich könnte diesen Dienst nicht machen. Ich würde die persönliche Belastung nicht auf mich nehmen wollen. Es ist eine Lebensentscheidung. Die Familie schlägt nie Wurzeln. Es hat immer so ein bisschen Weltraumcharakter, die Isolierung in den Botschaften und Generalkonsulaten draußen. Manche Dienstangehörige erkranken in den Tropen, brennen persönlich aus. Die Familien haben es bisweilen sehr schwer. Es gibt durchaus handfeste Gründe für ein gewisses Kastendenken und auch die Auslandszulage im auswärtigen Dienst.

Glauben Sie, dass das Amt die Veröffentlichung jetzt so hinnimmt?

Man wird sagen: Hier stimmt was nicht, dort stimmt was nicht, dann wird es hin und her gehen, aber am Ende bleibt da in Gestalt des Berichts ein riesiger Block zurück. Ein Findling, der in der Gegend herumliegt, nicht weg zu bekommen ist und gewaltig stören wird. Das wird der Maßstab sein.

Das Gespräch führte Frank Schirrmacher.

Quelle: F.A.Z.
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