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Gerichtsort Nürnberg Die Welt blickt noch einmal auf Saal 600

 ·  Zur Erinnerung an den Internationalen Militärgerichtshof, der hier 1945 bis 1946 tagte: An diesem Sonntag wird das „Memorium“ eröffnet, eine Dokumentationsausstellung im Gerichtsgebäude der Nürnberger Prozesse.

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Das Gebäude des Nürnberger Oberlandesgerichts an der Fürther Straße steht nun wieder im Zeichen der Flaggen der vier Alliierten: der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Frankreichs, der Sowjetunion. Das war seit 1946 nicht mehr der Fall. Damals blickte die ganze Welt auf die Stadt, den Bau und seinen Saal 600: Vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 tagte hier der Internationale Militärgerichtshof und urteilte über 23 Deutsche, die als Hauptkriegsverbrecher angeklagt waren. Gegen einen von ihnen, Martin Bormann, wurde in Abwesenheit verhandelt, die anderen saßen im Schwurgerichtssaal des 1916 eingeweihten Justizkomplexes.

Am kommenden Sonntag wird hier das neugestaltete Dokumentationszentrum „Memorium“ eröffnet - in Anwesenheit von Vertretern der vier Siegerstaaten. Und auch wenn sich auf den großen davor errichteten Bannern historisch korrekt die sowjetische Fahne findet, schickt Russland zur Eröffnungsfeier sogar seinen Außenminister Sergej Lawrow. Es wird vermutet, dass er dem Museum bislang unbekannte Dokumente aus dem Umfeld des Prozesses zur Verfügung stellen könnte.

Ein in der Rechtsgeschichte noch nie dagewesenes Verfahren

Nach Nürnberg war der am 18. Oktober 1945 in Berlin eröffnete Prozess umgezogen, weil die Amerikaner als Urheber der Idee zu diesem in der Rechtsgeschichte noch nie dagewesenen Verfahren auf einen Verhandlungsort in ihrer eigenen Besatzungszone drängten. Nürnberg bot sich an, praktisch wie symbolisch. Der riesige Komplex des Oberlandesgerichts war nur leicht beschädigt, ein Gefängnis befand sich nebenan, und die Stadt war international berüchtigt durch die Reichsparteitage der NSDAP und die hier verkündeten Rassengesetze. Nun sollte hier wieder Recht gesprochen werden, das den Namen verdiente. Und ein internationales dazu.

Während des ersten Prozesses, der von Todesurteilen bis Freisprüchen die ganze Bandbreite an möglichen Ergebnissen erbrachte, entzweiten sich die Amerikaner mit den Sowjets aber derart, dass die bis 1949 durchgeführten zwölf Nachfolgeverfahren gegen weitere 185 Angeklagte nur noch vor amerikanischen Militärgerichten stattfanden. Das vorletzte war der sogenannte Wilhelmstraßen-Prozess unter anderem gegen Angehörige des Auswärtigen Amtes. Von allen sogenannten Nürnberger Prozessen ist dieser ins Zentrum der historischen Debatte gerückt, weil die jüngst veröffentlichte Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ die Rolle des Diplomaten Ernst von Weizsäcker weitaus kritischer bewertet, als es das Gericht tat.

Ein großes Foto Weizsäckers, aber keine gesonderte Erörterung seiner Rolle

An diesem Prozess schieden sich aber auch schon vor der Buchveröffentlichung die Geister. In seinem Büro sitzt Stefan Franke, Präsident des Nürnberger Oberlandesgerichts und somit Hausherr der historischen Stätte wie des Memoriums (dessen Namen auf den ehemaligen Bundesbauminister Oscar Schneider zurückgeht, den geistigen Mentor der Einrichtung), und berichtet dem Besucher, dass man bei der Konzeption der neuen Dokumentation über die Darstellung des Wilhelmstraßen-Prozesses heftig debattiert habe: wie sehr nämlich Ernst von Weizsäcker in den Fokus gehöre. Später wird sich die entsprechende Tafel im Ausstellungsbereich als Kompromiss erweisen: ein großes Foto Weizsäckers, aber keine gesonderte Erörterung seiner Rolle. Bisweilen werden selbst bestens konzipierte historische Präsentationen von der Aktualität überrollt.

Noch wird im Schwurgerichtstrakt heftig gearbeitet, um tatsächlich zur feierlichen Eröffnung am Sonntagnachmittag alles fertigzubekommen. Fast fünf Millionen Euro haben sich Bund, Freistaat Bayern und Stadt die Sache kosten lassen. Siebenhundertfünfzig Quadratmeter wurden durch den Ausbau des zuvor nur teilweise genutzten Dachstuhls gewonnen.

Mit Blick auf die Nürnberger Burg

Dieser Platz ermöglichte eine einmalige Anbindung ans eigentliche Herz des Geschehens. Da Saal 600 heute noch vom Oberlandesgericht für Verhandlungen genutzt wird, kann man ihn nicht selbst als Museumsraum nutzen. Ist er frei, können die Besucher ihn besichtigen und außerdem von oben aus der Ausstellung im Dachgeschoss durch drei Fenster in den Saal hineinblicken - so wie es von der 1945 hier eigens eingebauten Zuschauertribüne möglich war, die längst wieder entfernt wurde. Bei Verhandlungen hat der Richter die Möglichkeit, die drei Luken verdunkeln zu lassen. Dann verschafft ein Modell den Besuchern Aufschluss über die Raumsituation.

Doch aus der Höhe des Dachgeschosses ergeben sich noch andere Blicke: auf das noch benutzte benachbarte Gefängnis etwa, dessen Trakt, in dem die Nürnberger Angeklagten einsaßen, aber ebenso abgerissen wurde wie die dort befindliche Hinrichtungsstätte für die zum Tode Verurteilten. Auf der anderen Seite der Ausstellung blickt man zur Nürnberger Burg, diesem Idealbild herrschaftlicher Dominanz über eine mittelalterlich-deutsche Stadt, das die Nationalsozialisten so besonders gereizt hat. In einer Ecke stehen auf leicht abschüssigem Podest zwei originale Angeklagtenbänke aus den Prozessen, die man für die Ausstattung des Memoriums aus dem Haus der Geschichte in Bonn und dem Deutschen Historischen Museum in Berlin zurückgeholt hat.

Hoffen auf eine UN-Akademie

Auf dem Boden im nächsten Bereich ist der Grundriss des Schwurgerichtssaals eingezeichnet, mit den Plätzen aller Beteiligten am Hauptkriegsverbrecherprozess. Mehr als dreihundert von ihnen bevölkerten seinerzeit den dampfenden Saal, der zusätzlich durch große Scheinwerfer erhitzt wurde, vor denen sich Angeklagte wie Hermann Göring mit Sonnenbrillen schützten.

Die Präsentation setzt auf Sachlichkeit: Hohe Stellwände bieten Texte, Fotos und Schemata zu den Voraussetzungen der Prozesse, deren Abläufen und Folgen fürs internationale Recht. Denn Nürnberg hofft auf die Ansiedlung einer entsprechenden UN-Akademie - von hier führte schließlich der Weg zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Der Deutsche Bundestag unterstützt diese Akademie-Idee. Würde sie umgesetzt, wäre Nürnberg wieder Mittelpunkt der Welt, zumindest der juristischen.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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