Das Buch „Das Amt“, der Bericht der Historikerkommission über die Rolle des Auswärtigen Amts im Dritten Reich, hat viel Zustimmung erfahren. Die Kritik beschränkt sich großenteils auf die Rolle von Marga Henseler und die Präsentation der Reisekostenabrechnung von Franz Rademacher. Die Erwartungen an das Buch sind unterschiedlich: Während die einen durchgängig Neues erwarten, liegt bei anderen der historische Neuigkeitskern des Bandes in der Tatsache, dass dieses bestürzende Resümee eine geschichtspolitische Linie zieht, hinter die man nicht mehr zurückfallen kann. Gleichzeitig vergeht kein Tag, an dem nicht ehemalige und heutige Diplomaten eine Art Gegenexpertise einfordern. Im Untergrund der öffentlichen Debatte findet ein reger Wechsel von Noten und Gerüchten statt, der sich im Kern an dem Satz des Kommissionsmitglieds Eckart Conze festmacht, das Auswärtige Amt sei eine „verbrecherische Organisation“ gewesen.
Doch hinter dieser Auseinandersetzung steckt eine wesentliche Frage. Kann man über das Dritte Reich urteilen, ohne den Lebenshorizont der Handelnden in den Blick zu nehmen? Der Historiker Daniel Koerfer, hervorgetreten durch Studien zu Ludwig Erhard und zum Sport unter dem Hakenkreuz, ist ein profilierter Kenner Nachkriegsdeutschlands und seiner Eliten. Er formuliert hier die erste substantielle Kritik am „Amt“. Wir halten es für geboten, der Debatte weiterhin großen Raum zu geben, damit dieses Werk wirklich das wird, was es zu werden verspricht: ein Anfang.
Frank Schirrmacher: Wir sind seit Wochen im Gespräch über das Buch „Das Amt“. Wie vorauszusehen, scheiden sich die Geister: Kann man über das Auswärtige Amt im Dritten Reich institutionell erzählen, oder benötigen wir zum wirklichen Verständnis der Vorgänge die Geschichte Einzelner? Ist „Das Amt“ ein ungerechtes oder ein gerechtes Buch?
Daniel Koerfer: Es ist ein merkwürdiges Buch. Es bietet uns Ausschnitte, Einblicke in die Tätigkeit einer Behörde. Aber es zeigt uns keine Menschen in ihren psychologischen Verstrickungen. Stattdessen lesen wir Auszüge aus Personalakten, biographische Daten, die unverknüpft und ohne Ausdeutung daherkommen. Dem Buch fehlt eine Tiefendimension. Zugleich ist es nicht - wie Tacitus einst verlangte - „sine ira et studio“ geschrieben, also ohne Zorn und Vorliebe, sondern mit einem hämischen, süffisanten Unterton nahezu allen handelnden und auftretenden Akteuren gegenüber, bis in die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein.
Was bringt es dem Historiker?
Für die Zeit des Dritten Reichs vertieft es das, was in den Studien von Christopher Browning - der im Grunde aber zeigt, wie man es macht, der sich von dieser Studie doch deutlich und vorteilhaft abhebt -, von Hans-Jürgen Döscher und jüngst auch von Sebastian Weitkamp ausgeleuchtet worden ist: die starke Verstrickung von weiten Teilen des AA in die Durchführung des Völkermordes. Der Lackmustest für das Verhalten im Dritten Reich, für die Geschichte des Dritten Reichs ist im Buch fast ausschließlich diese eine Thematik.
Was fehlt?
Alles andere, die ganze Diplomatiegeschichte, der Umgang mit dem Bolschewismus, die heftigen Spannungen mit dem polnischen Nachbarn, die 3,5 Millionen toten sowjetischen Kriegsgefangenen - zu alledem kein Wort. Aber auch das Thema des Antisemitismus hat auffallende Lücken.
Ich hingegen bestehe darauf, dass wir durch „Das Amt“ die institutionelle Mittäterschaft neu fassen können. Denken Sie nur an die Information, dass der Attachéjahrgang 1938 als Ausbildungsbestandteil das Konzentrationslager Dachau besuchte.
Für die Frage der am Ende europaweiten Verstrickung des Amtes in die NS-Rassenpolitik bietet das Buch eine Fülle von Beispielen und unterlegt sie zugleich mit einer These. Die These lautet, dass das zunehmend an Bedeutung verlierende Amt in Hitlers Reich sich durch besonders „vorauseilende“ Zuarbeit auf diesem „Kernfeld“ des Regimes sozusagen eine neue Existenzberechtigung zu sichern versuchte, während nach dem Krieg die Beteiligten davon nichts mehr wissen wollten, im Gegenteil das AA zum Hort des Widerstands stilisierten und in Seilschaften mehr oder minder erfolgreich wieder/weiter im AA der Bundesrepublik Karriere machen konnten.
Ist das so falsch?
Diese Darstellung enthält durchaus einige Elemente der historischen Wahrheit. Aber wenn ich mir vorstelle, dass zukünftige Attachés des AA - wie die Außenminister Fischer, Steinmeier und Westerwelle in einmaliger Einmütigkeit gefordert haben - aus und mit diesem Buch die Geschichte ihrer Profession im Dritten Reich kennenlernen sollen, wird mir angst und bang. Denn so seltsam es klingen mag: Das Dritte Reich kommt in dem Buch „nur“ in einer Art Scherenschnitt vor. Die nicht ganz belanglose Frage nach Handlungsspielräumen in einer Diktatur wird an keiner Stelle gestellt. Wie, in welchem Rahmen war Resistenz, vielleicht sogar Widerstand möglich? Ab wann, bei welchem Wissens- und Kenntnisstand war er unumgänglich? Was ist dem Einzelnen - verheiratet, mittleres Alter, Kinder, kein Privatvermögen vorhanden für den Rückzug ins Privatleben - an solchem Widerstand möglich? Bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens? Zum Preis der Folter von Frau und Verwandten? Ferner: Inwieweit lässt sich das „Sand-ins-Getriebe-Streuen“ aus den Akten einer Diktatur wirklich „herausfiltern“?
Genau das sagt Richard von Weizsäcker in unserem Interview. Die Frage ist aber doch, ob individuelle Handlungsspielräume für eine gleichsam staatliche Historikerkommission so entscheidend sein können. Hier geht es doch eher um die Metamorphose eines ganzen Amtes. Der Schrecken darüber, wie leicht man schuldig werden konnte, steht buchstäblich auf einem anderen Blatt.
Müssen wir uns als Historiker nicht aber zuerst mit diesen Fragen auseinandersetzen, bevor wir zu Wertungen gelangen? Diese Fragen werden im Buch an keiner Stelle gestellt. Es wird von allen unterschiedlichen Autoren früh und nachhaltig gewertet. Mir will scheinen, als ob es nicht nur die Gnade, sondern auch die Arroganz der späten Geburt gibt, im Kreis der jungen Zuarbeiter und Co-Autoren. Sie machen, will mir scheinen, den „Goldhagen-Fehler“, übertragen unsere Zeit auf die damaligen Verhältnisse - ein, zwei, drei machtvolle Demonstrationen gegen die SS und der braune Spuk ist vorbei, wer das damals nicht gemacht hat, hat moralisch versagt. Weil im AA die selbsternannte Elite des Landes versammelt war, hat sie ganz besonders versagt. Wirklich moralisch gesiegt haben erst die „68er“, die diesen Spuk erstmals angegriffen und beiseitegefegt haben.
Das lese ich anders. Ich habe hier ansatzweise verstanden, wie es geschehen kann, dass eine irrwitzige Ideologie zur Staatsräson werden konnte - also zum nicht mehr befragten Bestandteil behördlichen Handelns auch außerhalb des Reichssicherheitshauptamts und der SS.
Aber meine Kritik geht noch weiter. Der biologistisch aufgeladene, von Multiplikatoren wie Pfarrern, Journalisten, Lehrern „subkutan eingeimpfte“ Rassenwahn ist Teil der staatlichen Politik geworden. Er wird auch, siehe Haffner, von der übergroßen Mehrheit der Deutschen geteilt. Alle Behörden des Reiches sind ab 1933 dieser Politik verpflichtet. Das kommt in dem Buch aber gar nicht vor. Da wirkt es so, als ob allein das AA auf diesem Felde Hitler, der SS und dem neu errichteten Reichssicherheitshauptamt (RSHA) besonders servil „zugearbeitet“ hat. Das ist in seiner Undifferenziertheit schon ziemlich ahistorisch.
Es ist ein Buch über das Auswärtige Amt, und ich verstehe es eher als die Beschreibung eines Rädchens im Getriebe des Staates. Wie hätte denn eine differenziertere Darstellung aussehen müssen?
Zunächst einmal hätte der prozesshafte Gang der Entwicklung erklärt werden müssen. Ausgrenzung, Austreibung, Auslöschung sind die drei Eskalationsstufen. Parteibasis und -führung, später dann die SS-Kommandos vor Ort und die zentralen Instanzen treiben den Prozess mit jeweils unterschiedlicher Intensität voran. Zunächst Boykott und Berufsverbot, dann Drängen zur - vom Regime gewollten - Emigration bei fast völliger ökonomischer Ausplünderung durch die Reichsfluchtsteuer etc., es folgt die Phase der Apartheid, des Herausdrängens aus dem öffentlichen Raum, kein Auto, kein Telefon, kein Theater-, Kinobesuch, kein Kanarienvogel mehr. Am Ende Deportation, physische Vernichtung. Klemperer hat die Etappen bedrückend klar notiert. Und von Anfang an hat das AA - wie die anderen Behörden und Körperschaften im Reich auch - diesen Prozess begleitet. Das tun etwa auch die Sportverbände, die im Gefolge des Aprilboykotts 1933 wie das AA beschwichtigende Stellungnahmen an ausländische Vereine verschickt haben und unverzüglich den Arierparagraphen einführen, der Juden die Mitgliedschaft verbietet. Aber 1933 beginnt sich das Tor nach Auschwitz allenfalls spaltbreit zu öffnen.
Sagen wir so: Man hatte sich 1933 vielleicht noch einreden können, dass die tatsächliche Vernichtung der Juden lediglich Rhetorik einer rassistischen Partei gewesen sein mag. Aber im „Amt“ steht ja auch, dass Weizsäcker bereits 1938 davon spricht, die Juden müssten auswandern, sonst gingen sie ihrer Vernichtung entgegen. Wann hätte man merken können, was bevorstand?
Nicht viele waren so hellsichtig. Bis Ende 1938 hatte etwa die Hälfte der rund 500.000 deutschen Juden das Land verlassen - vor allem die Jüngeren, Jugendlichen. Durch die Eroberungen im Krieg fielen den Deutschen aber nun plötzlich im Ausland Millionen Menschen in die Hände, die als „Gefahr für einen gesunden Volkskörper“ stigmatisiert und verfolgt wurden. Ohne dieses „Ausland“ wäre das AA mit dem Völker- und Massenmord des Dritten Reiches kaum in Berührung gekommen.
Einer Ihrer Haupteinwände ist die Darstellung der Beteiligung des Auswärtigen Amtes an den Massenmorden. Sie werfen, wenn ich das recht sehe, dem Buch vor, dass es das AA gleichsam zum Verursacher macht.
Im Buch wird eigentlich fast überall eine kurze Handlungskette abgebildet: Eichmann vom RSHA fragt Botschafter Abetz in Paris, ob gegen die Deportation von französischen Juden Einwände bestünden. Das Amt antwortet, aus der Feder von Weizsäckers, „kein Einspruch“ - und die Deportationszüge rollen nach Auschwitz
Ja, und was ist daran nun falsch oder irreführend?
Die „Arbeitsteiligkeit“ fehlt. Im AA saßen immer unwichtiger werdende Bürokraten. Überall in Europa sind die französischen oder sonstigen Behörden beteiligt, die Gemeindeämter, die Listen der Juden zusammenstellen für die deutsche Besatzungsmacht, dann die Gendarmerie, die Juden für die Deutschen verhaftet und abliefert, Gerichtsvollzieher, Anwälte, Gutachter für die Vermögensschätzungen, Meldeämter etc. Beteiligt ist die Reichsbahn, sind die Zugführer, die wissen, welche Fracht sie transportieren, besonders, wenn Züge stundenlang in praller Sonne stehen. Die Schreie und das Stöhnen der Geschundenen konnte niemand überhören. Und dann kommt der Zug in die Vernichtungslager, und an der Rampe stehen Ärzte.
Im „Amt“ wird dem Leser suggeriert: Es kommt ein Brief aus dem RSHA mit der Anfrage, seid ihr damit einverstanden? Keine Einwände der Diplomaten, also folgt die Deportation in den Tod. Das Dritte Reich war aber viel schrecklicher, als es uns hier begegnet - weil viel mehr Menschen an viel mehr Orten beteiligt waren, nicht „nur“ RSHA und AA.
Ich lese das anders, vielleicht zu literarisch. Ich sage: Wer im Dritten Reich seine Unterschrift unter ein Dokument setzt, das „keine Einwände“ gegen die Deportation von Juden formuliert, ist moralisch und historisch nicht mehr zu retten. Und es ist ganz gleich, ob sein Einwand etwas bewirkt hätte oder nicht. Es gibt solche absoluten Momente - und das zu sagen darf man sich auch nicht scheuen, wenn man sich klarmacht, das einen vielleicht nur die Gnade der späten Geburt vor ähnlicher Verstrickung rettet. Wenn Sie die individuellen Fälle so hervorheben, denken Sie an all diejenigen, die dergleichen niemals unterschrieben hätten. Natürlich kann man nicht bestreiten, dass Dokumente wie dieses die Mittäterschaft des AA am Holocaust belegen.
Das wäre töricht. Die ist nicht zu bestreiten. Aber das Amt war für die Durchführung des Massenmordens unwichtiger, als uns die Autoren glauben machen wollen. Ein Gedankenexperiment: Das AA wird 1940 oder 1941 komplett in einem Ufo entführt. Glauben Sie, dass der Völkermord stattgefunden hätte oder nicht? Die Antwort kann leider nur lauten: „Ja, selbstverständlich.“ Jetzt das gleiche Experiment andersherum: Zu unser aller Glück hat das Ufo 1940 Himmler, Heydrich, Kaltenbrunner, Gestapo-Müller, Eichmann und das gesamte RSHA mitgenommen. Da wäre die Durchführung des Mordens schon viel schwerer möglich gewesen. Wenn auch Hitler „mitgeflogen“ wäre, wäre dieses Morden vermutlich ganz ausgeblieben. Denn sein biologistischer Rassenwahn hat die moralische Kernschmelze in Gang gesetzt und hält den ganzen Mordapparat in Betrieb.
Das „Experiment“ ist interessant. Aber Sie sagen mit Recht: Wenn ich Hitler wegstreiche, hätte es keine Vernichtung gegeben. Die Frage ist doch, wer sie ihm ermöglichte, sowohl direkt, wie das RSHA, oder vermittelt, wie das AA. Was sagt uns das Experiment darüber hinaus?
Es zeigt, dass den Autoren die doch kluge, für das Verständnis des Dritten Reiches hilfreiche Unterscheidung von Ernst Fraenkel nicht mehr geläufig ist. Er nannte das Dritte Reich einen „dual state“, einen Doppelstaat. Partiell war es ein Rechtsstaat geblieben, ein „Normenstaat“, in dem das BGB von 1900 galt, Scheidungen, Verträge, alles lief wie gehabt. Aber im Kernbereich des Regimes galt dieser Schutz der „Normen“ nicht mehr. An seine Stelle trat der „Maßnahmenstaat“, der per Einzelfallentscheidung über Leben und Tod entschied. Zentraler Ort des Maßnahmenstaates war das KZ. Kein Anwalt, kein Richter, kein Verteidiger, ja nicht einmal ein Polizist hatte dort etwas verloren ab 1934/35. Hauptvollzugsorgan des Maßnahmenstaates war die SS mit Himmler an der Spitze.
Warum ist das für unser Thema wichtig?
Weil eben, anders als im Buch auf Seite 185 behauptet wird - übrigens ohne jeden Quellenbeleg -, Hitler die Ermordung der europäischen Juden nicht in einer Unterredung mit Ribbentrop „besiegelte“. Weil die Spitze des AA eben nicht „an der Entscheidung über die Endlösung direkt beteiligt“ war, weil es schlichtweg Unsinn ist, dass dem AA zu diesem Zeitpunkt die „Initiative zur Lösung der Judenfrage auf europäischer Ebene“ untergeschoben wird. Der Verantwortliche für die „Endlösung der Judenfrage“ wurde bereits 1939 offiziell von Hitler bestimmt und hat sich diese Kompetenz wenige Wochen zuvor im Sommer 1941 abermals von Hermann Göring schriftlich bestätigen lassen: Reinhard Heydrich und mit ihm die SS. Es ist Heydrich, der sich auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 als der „vom Führer mit der Endlösung der Judenfrage Beauftragte“ den Beamten vorstellt und sie zur Mitarbeit unter seiner Regie auffordert - wobei allen Beteiligten klar war, dass es sich nicht mehr um Deportationen, sondern um millionenfachen Massenmord handelte.
Welche Rolle spielte das AA auf der Wannseekonferenz?
Laut Protokoll jedenfalls keine wesentliche. Vertreten war es durch Unterstaatssekretär Martin Luther, der über das Büro Ribbentrop ins AA gekommen war und die Rassenpolitik in den entscheidenden Referaten des Amtes koordinierte, also ziemlich präzise wusste, worum es ging. Die Wannseekonferenz war allerdings eine „Koordinierungskonferenz“ auf Staatssekretärsebene, keine „Entscheidungskonferenz“. Die Entscheidung zum Massenmorden war bei Hitler und Himmler schon im Herbst 1941 gefallen. Das Morden war längst im Gange. Bei der Umsetzung dieser „Politik“ waren die unterschiedlichsten Behörden und Instanzen beteiligt, und keineswegs in erster Linie aus dem Auswärtigen Amt.
Akzeptieren Sie meine Einschätzung, das es gleichsam absolute Momente gibt? Also sage ich: Wer immer an der Wannseekonferenz beteiligt war, ist wesentlich am Holocaust beteiligt?
Beteiligt sicher. Aber „wesentlich“? Hier ging es um Umsetzung von Entscheidungen, die anderweitig längst getroffen waren.
Ein wichtiger Einwand von Ihnen lautet, der Filter der Historikerkommission sei zu grob eingestellt?
Das kann man so sagen. Das zeigt sich auch bei der Behandlung des schwierigen Themas Resistenz oder Widerstand. Da gibt es das Kapitelchen zu Kolbe, einem der wertvollsten Informanten für die Alliierten, der im AA der Nachkriegszeit ebenso wenig gewürdigt wurde wie mein Großvater Gerhart Feine, der im Zusammenwirken mit dem schweizerischen Geschäftsträger Carl Lutz Tausenden von ungarischen Juden 1944 in Budapest das Leben gerettet hat, als dort das Sonderkommando von Eichmann die letzte große massenmörderische Menschenjagd im Krieg begann. Feine weigerte sich damals auch, seiner 17-jährigen Tochter ein Klavier zu kaufen oder zu mieten, obwohl in der Stadt plötzlich eine Fülle von Klavieren zu haben waren - weil diese fast nur aus dem Besitz von deportierten Juden stammen konnten.
Mein Großvater meinte über seinen Vorgesetzten in Budapest, den Gesandten Eduard Veesenmayer, der nach dem Krieg zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, aber von McCloy schon 1951 begnadigt wurde, der sei zwar ein 150-prozentiger Nationalsozialist gewesen, aber darin völlig klar und eindeutig. Das sei für den Umgang erträglicher gewesen als die vielen anderen im diplomatischen Dienst, die sich bedeckt hielten, von denen man nie genau wusste, wo sie standen. Im Buch fehlen solche wichtigen Zwischentöne und Nuancen.
Wir wollen uns hier den Raum für solche versunkenen Akte des Widerstands nehmen.
Da ist die Geschichte des AA-Beamten Klingenfuß. Er wird in die mit der Durchführung der „Endlösung“ am engsten befasste Abteilung Deutschland III versetzt, weil ihn der dort federführende Franz Rademacher aus der gemeinsamen Zeit in Montevideo kennt und anfordert. Deutschland III ist ganz nah an der ethischen Kernschmelze des RSHA. Klingenfuß will - so Browning - wissen, was mit den deportierten Juden wirklich geschieht. Klingenfuß will ein KZ besichtigen - Theresienstadt. Rademacher sagt ihm, dass dies ein privilegiertes Lager sei und er nicht den richtigen Eindruck von der Lage der Juden bekomme. Also verzichtet Klingenfuß - aber ihm war jetzt bewusst, „dass er Teil einer genozidalen Politik geworden war, auch wenn er nicht genau über die Gaskammern Bescheid weiß“.
Im Oktober 1942 ging Klingenfuß zum Personalchef und bat um Entlassung aus dem Judenreferat. Er sagte nicht, warum, nur, dass es ihm nicht zusage. Im Dezember 1942 wurde er nach Bern versetzt. Im Buch ist diese bemerkenswerte Episode nicht enthalten.
Dann gibt es den Fall der sechs jüdischen ungarischen Schüler der deutschen Schule in Budapest, die im Frühjahr 1941 darum bitten, an der deutschen Schule trotz der zunehmenden Rassenpolitik des ungarischen Verbündeten das Abitur ablegen zu dürfen.
In der Tat eine bemerkenswerte „kleine“ Geschichte aus dem Umfeld des Leiters der kulturpolitischen Abteilung im AA, von Twardowski, der uns im Buch als williger Vollstrecker begegnet, der fast zeitgleich zu unserer Geschichte den im Buch auftauchenden Vermerk diktiert: „Umsiedlung Volksdeutscher bearbeitet federführend AA Kult B spez. im Benehmen mit Reichsführer-SS Himmler und Vertreter Volksgruppe.“ Nimmt man nur diese Aktenpassagen aus dem Buch, ist Twardowski durch seinen Kooperationswillen mit der SS schwer belastet.
Am 14. März 1941 hat er aber dem deutschen Gesandten in Budapest antworten lassen: „Wenn dieser Bericht mit der Anfrage der ungarischen jüdischen Schüler in den Geschäftsgang des Auswärtigen Amtes gelangt, so ist damit das Schicksal der 6 jüdischen Schüler der dortigen Deutschen Schule wahrscheinlich besiegelt, d. h. es würde deren sofortige Entlassung verlangt und sie würden die Reifeprüfung nicht mehr ablegen können. Der Bericht ist auch deshalb nicht geeignet, der zuständigen Abteilung Deutschland vorgelegt zu werden, weil in ihm ausdrücklich hervorgehoben wird, dass die 37 anderen jüdischen Schüler dann freiwillig ausscheiden. Der einzige Grund, der vielleicht einigen Eindruck bei der Abteilung Deutschland machen würde, ist der, dass die Maßnahme der Verweisung der sechs jüdischen Abiturienten als ,deutsche Härte' propagandistisch ausgeschlachtet werden würde.“
Von Twardowski empfiehlt, diese Schüler stillschweigend zum Abitur zu führen. „Hoffentlich wird durch die vorgeschlagene Lösung die Angelegenheit sich erledigen lassen!“ Das Ausrufezeichen gehört zur Quelle. Sie relativiert die Kernthese der Historikerkommission, zwischen der Deutschland-Abteilung und dem restlichen Amt habe es bezüglich der Umsetzung des Rassenwahns allenfalls graduelle Unterschiede gegeben.
Diese Geschichte ist berührend. Aber aus einem anderen Grund. Denn vermutlich sind auch diese Schüler später ermordet worden. Es war ein kleiner Widerstandsakt in einem grausamen Geschehen.
Ich bin überzeugt, dass es viel mehr solcher „widerständigen“ Akte gegeben hat. Die Liste der von staatlichen Henkern in den Kriegsjahren Ermordeten aus dem AA ist lang, kein anderes ziviles Ressort hat so viele Tote zu beklagen. Namen wie Albrecht Graf von Bernstorff, Eduard Brücklmeier, Herbert Gollnow, Hans Bernd von Haeften, Ulrich von Hassell, Otto Kiep, Richard Kuenzer, Hans Litter, Rudolf von Scheliha, Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, Dr. Herbert Mumm von Schwarzenstein oder Adam von Trott zu Solz - die Liste von Verhafteten ist noch weit länger - belegen die bewundernswerte Bereitschaft dieser Männer, mit dem Einsatz und Opfer des eigenen Lebens gegen die Hitler-Diktatur aufzustehen.
Es ist nicht wirklich nachzuvollziehen, weshalb die Kommission nicht stärker die positive Vorbildfunktion dieser Taten betont, sondern den Widerstand im Grunde eher kurz und stiefmütterlich-skeptisch abhandelt. Gerhart Feine und Fritz Kolbe waren für das AA weit weniger bedeutsam als etwa Hans Bernd von Haeften, dessen im Rückblick in ihrem Mut, ihrer Zivilcourage kaum mehr fassliche Bemerkung vor Freislers Volksgerichtshof, der „Führer sei für ihn die Verkörperung des Bösen in Deutschland“, in der Spitze des Regimes jedenfalls einschlug wie eine Bombe. Im Goebbels-Tagebuch taucht sie mehrfach auf.
Wir kommen zu einer durchaus seltsamen „Leer-Stelle“ im Buch. Es fehlt die Spiegelung des Amtes in den Augen der Spitzenrepräsentanten des Regimes. Das AA wurde verachtet. Und weil es verachtet wurde, suchte es sich nach 1939 womöglich besonders anzubiedern. Das ändert nichts an der Verachtung. Mir ist aufgefallen, dass wir das AA nicht aus der Perspektive der Staatsspitze sehen.
Das ist tatsächlich verblüffend. Als Historiker will ich doch wissen, wie sah Hitler, wie sah das Regime das AA? Von Hitler wissen wir, dass er zwei Berufsgruppen besonders gehasst und verachtet hat: Juristen und Diplomaten. Für ihn sind sie Bedenkenträger, Bremser, sie sind nur für eine vorsichtige Entfaltung deutscher Machtansprüche. Gewiss, es gibt die im Buch dargestellte partielle Interessenidentität mit Hitler, aber den großen Rasse- und Lebensraumkrieg will die Mehrzahl der diplomatischen Elite nicht.
Solange Hitler die Diplomaten als Camouflage benötigt, benutzt er sie, mit Kriegsbeginn wird Diplomatie immer unwichtiger. Trotz der Kooperation bei der „Endlösung“ wird das AA, anders als uns das Buch glauben machen will, nicht zu einem integralen, von der Regimespitze geschätzten Bestandteil des Dritten Reiches, wie schon ein oberflächlicher Blick in die Goebbels-Tagebücher des Jahres 1944 beweist. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass Goebbels ein Rivale des AA war, sind die Notizen aufschlussreich.
Es sei nur eine Stelle von vielen zitiert, am 8. Juli 1944, wo es heißt: „Vor dem Volksgerichtshof hat ein Prozess gegen Mitglieder des Auswärtigen Amtes stattgefunden und zwar wegen Defaitismus und Landesverrat. Es sind dabei zwei Todesurteile ergangen, und zwar gegen sehr hohe Angehörige unserer auswärtigen Politik. Es ist geradezu skandalös, dass so etwas noch vorkommen kann. Das Auswärtige Amt ist nur an der Oberfläche reformiert worden - das Gros seiner Beamtenschaft könnte noch ebenso gut unter Stresemann Außenpolitik machen.“
Gibt es weitere nennenswerte „Innenansichten“ aus dem Dritten Reich zum AA?
Es gibt das Schreiben von Wilhelm Bohle, dem Leiter der mit dem AA konkurrierenden Auslandsorganisation (AO) der NSDAP an Heinrich Himmler vom 23. September 1944. Dort teilt er mit: „Eine Durchsicht des jetzigen Standes der höheren Beamten unseres Auswärtigen Dienstes ergibt folgendes Bild: evangelisch 506 / röm.katholisch 119 / gottgläubig 64 / deutschgläubig 1. Bei den Gottgläubigen handelt es sich zum überwiegenden Teil um die jungen Beamten, die aus Partei oder Hitlerjugend stammen und in den letzten Jahren übernommen wurden.
Die konfessionellen Bindungen unserer diplomatischen und konsularischen Beamten haben nach meinen Erfahrungen seit der Machtergreifung sehr wesentlich zu der inneren Ablehnung des nationalsozialistischen Staates beigetragen. Es ist auch unbestreitbar, dass diese Bindungen gerade bei den Auslandsbeamten in einem besonderen Maße dazu führen, ihre Krisenfestigkeit stark zu schwächen. Dass solche Beamte entweder gar nicht oder nur mit halbem Herzen der feindlichen Propaganda über die angebliche Knebelung der Kirchen in Deutschland entgegen getreten sind, liegt auf der Hand. Heil Hitler!“ Für eine restlose Durchdringung des Amtes im Sinne der NS-Ideologie spricht es nicht.
Ich glaube nicht, dass das Buch das so behauptet. Ich glaube eher, die Ideologie war ein Karrierevehikel.
Das zweite Quellenstück, das vielleicht informativste, hier wohl erstmals publizierte - ein Fundstück aus dem Russischen Staatlichen Militärarchiv in Moskau - ist ein als „Geheime Reichssache“ gestempeltes „Gutachten“ des RSHA über „Negative Tendenzen im auswärtigen Dienst des deutschen Reiches“ aus dem Herbst 1944, das sich auf durchaus differenzierte Weise mit dem AA auseinandersetzt. Seine Kernpassagen lauten:
„Nach Ausbruch des jetzigen Krieges erfolgte durch die Erweiterung des Aufgabenkreises des AA., das den Monopolanspruch auf auswärtige Politik und Propaganda durchsetzte, eine Personalinflation, die die Bürgschaften für die Zuverlässigkeit des deutschen Diplomaten verwässerte. Aus diesen Zwiespältigkeiten entstand eine Atmosphäre, die es in der Stunde der Gefahr schwachen Köpfen und Charakteren erleichterte, ihre ,Hände in Unschuld zu waschen' und ihr Leben in Sicherheit zu bringen, anstatt dem Reich die Treue und dem Führer den Eid zu halten. Der erschreckende Umfang, den die Meldungen über Hoch- und Landesverrat, Wehrdienstverweigerung, Desertion und Heimtücke bei Angehörigen des Auswärtigen Dienstes in den letzten Monaten angenommen haben und die maßgebliche Beteiligung von Vertretern des diplomatischen Dienstes, gerade auch solchen der ,alten Schule', am Putsch des 20. 7., drängen zwangsläufig die Frage auf, ob es sich hier nur um eine zufällige Häufung von Einzelerscheinungen handelt, die man im 5. oder 6. Kriegsjahr ruhig als mit einer kriminalistischen Erfassung als erledigt ansehen könnte, oder ob diese Dinge einen ernsten staatsgefährdenden Charakter tragen als Auffassung einer dem Nationalsozialismus entgegenstehenden Grundhaltung und einer ,eigenwilligen' Auffassung vom Beruf des Diplomaten . . . Dass trotz alledem in der Personalpolitik des AA bisher kein entscheidender Wandel eingetreten ist, zwingt zu der Schlussfolgerung, dass auch in der Zentrale nicht jener kämpferische und verantwortungsbewusste nationalsozialistische Geist vorherrscht, der gerade bei einer der wichtigsten Reichsdienststellen unerlässlich ist . . . Wenn solche schlappen, halt- und energielosen Diplomaten von den die Personalpolitik des AA verantwortenden Männern noch nicht ausgemerzt worden sind, so ist das ein untrügliches Symptom dafür, dass die Nationalsozialisten im AA sich noch nicht im erforderlichen Maße haben durchsetzen können und dass - alles in allem - die Personalpolitik im AA im Jahre 1944 noch nicht diejenigen politischen Konsequenzen gezogen hat, die in anderen Reichsressorts bereits 10 Jahre früher durchgesetzt worden sind . . .“
Dieses Gutachten, das im weiteren bemängelt, dass die „Zahl der Nationalsozialisten im AA zahlenmäßig noch zu gering ist“, steht gänzlich verquer zu den „Forschungsergebnissen“ der Kommission, ebenso wie die Notizen von Goebbels und Bohle. Was für Conze & Co. eine „Verbrecherhöhle“ gewesen ist, war für den SD, für das RSHA eine Versammlung von ziemlich unsicheren Kantonisten. Das Gutachten bietet Indizien für etwas, was die Historikerkommission als apologetische Nachkriegs-Legende des AA abgetan hat - dass nicht nur mit der Übernahme der 60, 70 Leute aus dem Büro Ribbentrop, sondern vor allem mit der Neueinstellung junger, engagierter Nationalsozialisten 1937/38 versucht worden ist, den Charakter des Amtes zu modifizieren.
Mit Ribbentrop, nicht mit Neurath beginnt die starke Vernetzung und partielle Verschmelzung mit Himmler, mit der SS, ab Herbst 1939 dann mit dem RSHA. Das Gutachten belegt, was die Kommission nicht wahrhaben will: Es gab nationalsozialistisch aufgeladene Seiteneinsteiger, die den Charakter des Amtes verändert haben. Auch die Balkanbotschafter aus der SA und Leute wie Stahlecker oder Six vom SD werden von den Autoren einfach dem AA zugeschlagen. Das trifft so nicht zu, ist mir jedenfalls viel zu undifferenziert.
Aber als Historiker ist Ihnen doch bekannt, dass die Zweifel an der nationalsozialistischen Ideologiefestigkeit seit den Rückschlägen im Kriege fast alle Institutionen des Reichs treffen. Am Ende ist dann sogar auch die SS untreu, und der letzte Nationalsozialist ist, nach den Worten Joachim Fests, Adolf Hitler selbst. Ich lese das „Amt“ nicht so, als würden die Autoren das Personal der Wilhelmstraße zu genuinen Nationalsozialisten erklären. Mir scheint: gerade nicht. Und das macht es ja so brisant. Kritik am Auswärtigen Amt durch Hitler sagt doch allenfalls etwas über fehlende letzte Radikalität. Am Ende trifft dieses Urteil alle - und dennoch sind die Verbrechen geschehen.
Ich begegne im Buch fast ausschließlich „willigen Vollstreckern“ im Sinne Goldhagens mit Ernst von Weizsäcker an der Spitze.
Der Prozess gegen ihn ist das Scharnier zum Verständnis der Nachkriegsgeschichte.
Der Chefankläger Robert Kempner war von Beginn an überzeugt: „Das Auswärtige Amt war eine Mörderhöhle.“ Im Grunde knüpft die Kommission an diese Haltung, an diese Einschätzung an, was für mich doch seltsam anmutet, denn wir haben inzwischen ein etwas differenzierteres Bild des Geschehens. Allerdings ist Weizsäcker eine tragische Figur. Er steht für die Selbstüberschätzungen und Fehlurteile des deutschen Bürgertums gegenüber Hitler. Hitler ließ sich nicht lenken und „zähmen“.
Spätestens 1940 war Weizsäcker umfassend gescheitert. In diesem Frühjahr 1940 notiert sein nach dem 20. Juli hingerichteter Freund Ulrich von Hassell, der ihn ja durchaus kritisch beurteilt, Weizsäckers Lage sei „in jeder Hinsicht abscheulich; im Grunde hat er nichts zu sagen, wird aber mit verantwortlich gemacht“. Ein wichtiges Zitat zur Bewertung der AA-Spitze hinter Ribbentrop. Leider sucht man es im Buch vergebens. Die Verteidigung durch Hellmut Becker und Richard von Weizsäcker hat im „Wilhelmstraßenprozess“ an das Zitat angeknüpft und den römischen Rechtsgrundsatz „culpa caret qui scit prohibere non potest“ („Schuldlos ist, wer weiß, was er nicht verhindern kann“) in den Mittelpunkt ihrer Strategie gerückt.
Hellmut Becker, Ihr Patenonkel, „historischer Zufall“ . . .
Also, noch ein Wort zu Hellmut Becker. Der war damals ein ganz junger, unerfahrener Anwalt, aber ein enger Freund der Familie Weizsäcker aus Berliner Tagen. Sein Vater war der preußische Kultusminister C. H. Becker. Er hat in der Tat das ganze umfassende Netzwerk der beiden Familien in Deutschland mobilisiert, um Weizsäcker zu verteidigen. Hätte er das als Verteidiger nicht tun sollen? Auf die Verbindungen seines Mandanten ins Amt verzichten? Die große Verschwörungstheorie, den Willen zur langfristigen Legendenbildung, die die Autoren des Buches daran knüpfen, sehe ich nicht.
Es ging um Leben und Tod, nicht um die weitere Nachkriegszeit. Wenn damals bekannt geworden wäre, dass Weizsäcker 1941/42 die Einsatzgruppenberichte kannte, dass er also wusste, dass hinter der Front Massenmord in großem Stile betrieben wurde, wäre er vermutlich hingerichtet worden. Aber gerade der Fall Weizsäcker ist ein Lehrbeispiel für den Umgang mit Verstrickten im Dritten Reich - die Kommission hat wenig Gefühl für Nuancierungen.
Reden wir über den „Fall Nüßlein“.
Der Fall schien und scheint ziemlich klar - ein furchtbarer Jurist, tief verstrickt im Stabe Heydrichs. Doch der Fall ist bei näherer Betrachtung überhaupt nicht klar. Nüßlein ist 1909 geboren worden, 1937 in die NSDAP eingetreten, er ist katholisch und besucht, was negativ vermerkt wird, Gottesdienste, auch in Prag. Aber er ist ehrgeizig und wird nach dem deutschen Einmarsch als Jurist der Protektoratsverwaltung zugeordnet. Im Krieg ist seine Abteilung auch für Gnadengesuche zuständig. Einen förmlichen Rechtsweg für Gnadengesuche gibt es nicht. Häufig werden Todesurteile des Volksgerichtshofs innerhalb von Stunden vollstreckt. In Prag wurde bisweilen die Entscheidung über Gnadengesuche gar nicht abgewartet. Es gab ja keinen Rechtsanspruch, keinen „Rechtsweg“.
In jedem Fall hat Nüßlein einige der abgewiesenen Gnadengesuche weitergeleitet. Er hat aber - was bislang völlig unbekannt ist - zugleich auch Begnadigungen befürwortet. Dies geht aus dem Urteil des tschechischen Volksgerichtshofs aus dem Jahr 1948 hervor. Das Urteil ist ganz erstaunlich - und das stärkste Argument, das Nüßlein zu seinen Gunsten anführen kann, denn es hat mit allen deutschen Persilscheinen und Weißwaschungen der Nachkriegszeit nichts zu tun. Das Gericht spricht ihn frei von jeglicher SS- und SD-Mitgliedschaft, aber es verurteilt ihn zu zwanzig Jahren Arbeitslager - das ist in der Stalin-Ära fast ein Freispruch -, weil „zwar der Angeklagte erfolgreich wegen einer Begnadigung von Verwandten dieser Zeugen (S., K. und P., D. K.) eingetreten ist, aber im Hinblick darauf, dass die Urteile des deutschen Sondergerichtes in Prag mehrere hundert Personen tschechischer Nationalität zum Tode verurteilten . . ., ist das Gericht der Ansicht, dass das Unrecht, welches der Angeklagte durch seine Mitbeteiligung an der Tätigkeit dieses deutschen Sondergerichts verursachte, bei weitem die Guttaten überwiegt, die er in den oben angeführten und von den Zeugen bestätigten Fällen erwies“.
Von „Guttaten“ Nüßleins hat die Welt bis heute noch nie gehört. Offenbar hat man im AA und in der Kommission das Urteil aus der Personalakte nie ganz gelesen. Es stammt aus einer Zeit, da das antideutsche Ressentiment in der Tschechoslowakei dominiert. Das Urteil lässt eine Bemerkung des schweizerischen Botschafters Huber, der von 1939 bis 1945 in Prag stationiert war und mit Nüßlein zu tun gehabt hatte, durchaus plausibel erscheinen - er bezeichnete 1958 Nüßleins Tätigkeit als „Oase des Rechtsempfindens in der sonst so rechtlosen Atmosphäre des Protektorats“.
Und hier treffen wieder unsere beiden Welten aufeinander. Ich finde Ihre Darstellung erhellend. Aber wenn über einen Beamten der Bundesrepublik Deutschland eine Expertise von Reinhard Heydrich vorliegt, wonach er ein überzeugter Nationalsozialist sei und unbedingt zu befördern, dann sage ich: So jemand braucht keinen ehrenden Nachruf von Seiten des Staates, jedenfalls keinen, worin das unterschlagen wird. Es ging nicht darum, ihn zu verdammen, es ging nicht darum, ihn zu bestrafen. Es ging nur darum, ihn nicht unter Auslassung zu würdigen.
Da muss ich widersprechen. Jemand, der sich in einem diktatorischen Regime erfolgreich für Begnadigungen einsetzt, ist jemand, der nicht alles „abnickt“. Als mörderischen NS-Juristen können wir Nüßlein nach alledem nicht betrachten. Joschka Fischer und Marga Henseler irren, wenn sie ihn als einen Todesjuristen bezeichnen, „verantwortlich für Hunderte von Todesurteilen“, wie Fischer anlässlich der Übergabe des Buches noch einmal öffentlich ausgerufen hat. Wäre er das gewesen, wäre Nüßlein in Prag 1948 gehängt worden.
Kommen wir zur Nachkriegszeit, gut der Hälfte des Buches.
Für noch problematischer als den ersten über das Dritte Reich halte ich diesen zweiten Teil. Kein Zweifel: Auch deutsche Diplomaten haben sich nach dem Untergang des NS-Regimes untereinander abgesprochen, sogar einem Teil belasteter „Weggefährten“ ins neue Amt geholfen. Das ist aber nicht so verblüffend und erstaunlich, wie es uns im Buch verkauft wird. Das ist in allen Behörden nach 1945 so gewesen, übrigens nach 1990 auch im Bereich der ehemaligen DDR bei SED, MfS, Staatsapparat.
Welche Kriterien sind zur Bewertung anzulegen?
Man darf es sich nicht so leicht machen wie bisweilen im Buch - dort heißt es etwa über Franz Krapf, von 1940 bis 1945 als Legationssekretär in der Wirtschaftsabteilung in Tokio tätig, nach dem Krieg ein „Karrierediplomat der Bundesrepublik“, Botschafter wiederum in Tokio und beim Nato-Rat in Brüssel: „Über Krapfs Tätigkeit in Japan war wenig bekannt, aber soviel ist klar, selbst im fernen Asien waren deutsche Diplomaten mit der Endlösung der Judenfrage befasst.“ Solche Unterstellungen gehen zu weit. Auch die Behauptung „Krapf war ein SD-Spitzel“ bleibt im Buch unbelegt. Ohne handfeste Beweise sind solche schwerwiegenden Anschuldigungen mehr als problematisch. Da mit seinem Tod die durch Joschka Fischer geänderte Nachrufpraxis überhaupt erst auffiel, ist es bemerkenswert, dass im Buch keinerlei neues Material vorlegt wird, sondern lediglich die bereits bei Döscher erwähnten, vagen Verdächtigung transportiert werden.
Ich finde dass das Buch sehr deutlich zeigt, dass es nach 1945 keine ideologische Kontinuität gab. Ich halte das geradezu für seine Essenz. Es geht nur darum, sich gegenseitig zu schützen oder zu retten, aber nicht darum, den Nationalsozialismus wiederauferstehen zu lassen. Sie lesen das aber anders. Im Gegenteil: Ich finde, man kann die Nachkriegsleistung jetzt sogar noch mehr würdigen.
Das Buch zeichnet ein anderes Bild. Es unterstellt im Kern den an der AA-Nachkriegsentwicklung Beteiligten, sie seien nicht wirklich in der Bundesrepublik angekommen. Das ist nachgerade infam. Es unterschlägt und beschmutzt die Lebensleistung von Männern, die dem Land über Jahrzehnte hinweg loyal gedient haben. So wie Erwin Wickert, dem Helmut Schmidt zum Abschied in einem seiner seltenen Handschreiben dafür sehr freundschaftlich dankt. Das neue AA in Bonn war nicht mehr das AA Hitlers und Ribbentrops. Das AA in der Bundesrepublik war das AA d e r Bundesrepublik.
. . . und damit wären wir bei der auch hier historischen Rolle von Willy Brandt. Versöhnung in einem existentiellen Sinn war wohl nur ihm möglich.
Brandt, der von 1966 bis 1969 das AA leitete, kommt in dem Buch schlecht weg, ebenso Egon Bahr. Der unterschwellige Vorwurf der Autoren lautet: Beide hätten nicht Remedur geschaffen, hätten das belastete, kontaminierte Personal nicht ersetzt. Auch diese Beurteilung ist ahistorisch.
. . . ich glaube, Sie machen die Autoren hier naiver, als sie sind. Genau das steht ja auch in dem Buch.
Brandt war kein Narr und nicht so „blind“, wie er uns hier präsentiert wird. Anknüpfend an Kurt Schumacher sagte Brandt 1976: „Die große innenpolitische Leistung Adenauers lag darin, Abstand zu schaffen zu dem, was vorher war, Zeit zu gewinnen für den neuen Staat: durch bewussten Opportunismus, durch das bewusste Nicht-so-harte-Maßstäbe-Anlegen an diejenigen, die im Dritten Reich engagiert gewesen waren; er war dabei in diesem Fall gar nicht so weit von Kurt Schumacher entfernt. Man konnte ein Volk nicht mitten durchspalten und es so über die Runden der Ereignisse jener zwölf Jahre bringen wollen . . . Damit hat er ein großes Stück Stabilität in den ,Laden' gebracht. Das war dann doch sehr positiv.“ Von einer solchen Sicht der Dinge sind die Autoren des Buches allesamt Lichtjahre entfernt.
Wie ging Ihr Großvater als Stresemann-Vertrauter mit dem Neubeginn um?
Wie die Geschichte meines Großvaters Feine im Buch behandelt wird, ist symptomatisch für diese Art von - ich möchte fast schon sagen - „Tendenzliteratur“. Er kommt nur kurz im Dritten Reich als einer der wenigen positiven „Helden“ vor. Was fehlt, ist sein Weg in der Nachkriegszeit. Er wird Landgerichtspräsident in seiner Heimatstadt Bremen, wird Mitglied des Verfassungskonvents von Herrenchiemsee, ist also einer der kleinen Gründerväter dieser Republik. Als das „neue“ AA 1950/51 aufgebaut wird, bekommt er sofort eine Anfrage, ob er zurückkommen möchte ins Amt. In das ja offenbar noch tief braune Amt, die - so Conze - „Verbrecherhöhle“? Er zögert keine Sekunde, sagt zu, kehrt zurück. 1959 starb er auf Posten in Kopenhagen. Dieser Teil der Geschichte fehlt im Buch. Er hätte nicht „gepasst“ ins düstere Bild des Nachkriegsamtes.
Sehr erhellend ist die Rolle von Rolf Friedemann Pauls, dem ersten deutschen Botschafter in Israel.
Er war Ritterkreuzträger und Regimekritiker zugleich - für politisch korrekt Denkende nur schwer nachvollziehbar. Aber auch dieser Widerspruch prägte das Leben im Dritten Reich. Er hatte an der Ostfront gekämpft, war dort schwer verwundet worden. Seine Ernennung und Entsendung löste in einem Teil der Medien in Israel einen Sturm der Empörung aus. Am Ende dieser Passage steht dann ein kleiner Satz: Wie man hört, soll seine Mission dennoch ein Erfolg gewesen sein. Pauls' Verdiensten um die deutsch-israelische Aussöhnung wird eine solche Darstellung nicht gerecht. Dass der Held des Sechstagekrieges, Mosche Dajan, Pauls als einzigen westlichen Gast zur Hochzeit seiner Tochter einladen sollte, verschweigen die Autoren.
Ist es Verschweigen oder ist es nicht eher eine bewusste Entscheidung: die Geschichte einer Institution, nicht die Geschichte von Individuen. Immerhin haben vier sehr renommierte Autoren diese Studie verfasst, keiner von ihnen ist als 68er bekannt.
Die Geschichte von Institutionen ist doch immer die Geschichte der Menschen, die in ihnen handeln und deren Wirken „wir“ verstehen und erklärt bekommen wollen. Das „Amt“ ist aber kein Buch der Erklärung und kein Buch der Versöhnung. Es ist kein Buch der anteilnehmenden, sorgfältigen Ermittlung, sondern der pauschalisierenden Wertung, die fast durchweg dominiert. Es ist - ich muss es so offen aussprechen - ein Buch der Rache.
Und die Kommission hat sich dafür instrumentalisieren lassen. Joschka Fischer hat bei der Vorstellung des Bandes in der Berliner Kongresshalle fast triumphierend gesagt: „Jetzt haben die Herren den Nachruf bekommen, den sie verdienten.“ Ja, muss man hinzufügen, wenn nur dieses Buch übrigbliebe für alle Zeiten als einziges Buch über das deutsche Auswärtige Amt im zwanzigsten Jahrhundert, sie wären tatsächlich vernichtet für alle Zeiten.
Dann kehrt das antike Rom zurück. Es kannte als Höchststrafe, als Strafe über den Tod hinaus, eine besondere Waffe - die Damnatio memoriae, die Löschung des Namens und Wirkens einer Person über den Tod hinweg. Gelöscht soll werden das Bild all jener, die in der braunen Zeit an den Schreibtischen saßen und als Rädchen mitwirkten und mittaten an der Maschinerie des Rassenwahns und Rassenmordes. Aber auch das Bild jener, die versuchten, gegenzusteuern. Das ist das große Subthema des Buches - die Auslöschung von Biographien über den Tod hinaus. Keine Nachrufe mehr, es könnten Verbrecher darunter sein.
Daniel Koerfer...
Uwe Wagner (view)
- 29.11.2010, 13:57 Uhr
Scham ist angesagt
Frank Sperling (Auch-Ein-Buerger)
- 29.11.2010, 14:43 Uhr
bestelltes Gutachten?
Zeh Haans (sonderhai)
- 29.11.2010, 15:17 Uhr
Dem Historiker kann ich gut beipflichten.....
wolf haupricht (emilgilels)
- 29.11.2010, 16:04 Uhr
Seit Albertus Magnus weiss man, wie man einer Analyse eine Tiefendimension
Jörg de Joop (Staffelberg)
- 29.11.2010, 17:03 Uhr