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Auswärtiges Amt Zwei Minister im Fernduell

30.10.2010 ·  Noch ein Zusammenprall der Kulturen: Fischer, Westerwelle und die Vergangenheit des Auswärtigen Amtes. Zu seinen Amtszeiten als Außenminister setzte Joschka Fischer die Historienkommission ein.

Von Majid Sattar
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Vermutlich war es genau diese Szene, die Guido Westerwelle sich ersparen wollte: Joseph Fischer steht mit zerknittertem Gesicht am Pult des „Hauses der Kulturen“ in Berlin und knarzt ins Mikrofon: „Der heutige Tag ist für mich kein normaler Tag. Er berührt mich tief.“ Es ist der Tag, an dem die noch von ihm als Außenminister eingesetzte Historikerkommission ihre Studie über das Amt und seine Vergangenheit vorlegt, die er schon vor einer Woche in aller Bescheidenheit als Schlusspunkt seines Kampfes in der „68er-Konstellation“ zwischen Vätern und Söhnen, zwischen den „Mumien“ des Auswärtigen Amtes und ihm, präsentierte, mit einem Triumphschrei: „Ihr wolltet einen Nachruf? Da liegt er nun!“

Das Auswärtige Amt und der Verlag hatten ursprünglich erwogen, neben der Übergabe des Werkes im Amt auf neutralem Boden noch eine Diskussion mit den beteiligten Ministern und den vier Historikern zu veranstalten. Dass es anders, nämlich nur zu einem Fernduell um die Vergangenheitspolitik des Amtes kam, mag daran gelegen haben, dass der Jüngere um das rhetorische und selbstdarstellerische Talent des Älteren weiß. „Frank“, wie „Joschka“ seinen Nachfolger Steinmeier ansprach, beschränkt sich an diesem Abend auf eine kurze Rede und nimmt an der folgenden Diskussion nicht mehr teil. Der Abend gehört, wie zu erwarten war, Fischer.

Der fragte mit gespielter Verwunderung, warum die Vergangenheit des Amtes immer noch nicht eine historische, sondern weiter eine politische sei. Er selbst hatte freilich als Konsequenz aus der Studie gefordert, die „insulare Lage“ des Politischen Archivs des Amtes zu beenden und dieses „Herrschaftsinstrument“, das den Mythos vom sauberen Amt verteidigt habe, ins Bundesarchiv einzugemeinden. Fischers Parteifreundin Claudia Roth warf dem amtierenden Außenminister wegen dessen Korrekturen an der Nachrufpraxis „vorauseilenden Korpsgeist-Gehorsam“ vor.

Überarbeitung der Erinnerungskultur

Westerwelle hatte die Signale gehört und eine Rede in der lichtdurchfluteten Bibliothek am Werderschen Markt gehalten, die selbst frühere Mitarbeiter Fischers loben sollten. Westerwelle dankte dem seinerseits nicht anwesenden Fischer und übernahm ohne Abstriche das Resümee der Forscher, wonach die personelle Kontinuität nach 1951 ein Selbstbild des Amtes als „Hort des Widerstandes“ geschaffen habe, in dem später freilich in NS-Verbrechen verstrickte Diplomaten einen sicheren Hafen fanden, Widerständler und Verfolgte aber auf eine unüberwindbare Mauer stießen. Als Konsequenz kündigte er eine grundlegende Überarbeitung der Erinnerungskultur an: Von der Arbeit des Archivs über die Auswahl der Bilder in den Ahnengalerien bis hin zu den Nachrufen, die einst der Stein waren, der die ganze Sache ins Rollen gebracht hatte.

Fischer war auf diese Weise wenige Stunden vor seinem Auftritt im „Haus der Kulturen“ der Wind aus den Segeln genommen worden. Selbst die Nachrufpraxis konnte nicht mehr als Beleg dienen für den unterstellten Wiedereinzug eines revisionistischen Geistes ins Amt. Zwar hatte Westerwelle schon im Februar Fischers Erlass aus dem Jahr 2003, verstorbene Diplomaten, die Mitglieder der NSDAP gewesen waren, nicht mehr mit einem Nachruf in der Behördenpostille „internAA“ zu würdigen, aufgehoben und übergangsweise eine Einzelfallprüfung verfügt. Am Donnerstag stellte er klar: „Nazis werden nicht geehrt“ - wohl aber solche Diplomaten, die Parteigenossen waren, sich aber später für den Widerstand entschieden.

91 jährige wurde zum Stolperstein

Fischer blieb es, seine Überraschung zu schildern: wie er bei Amtsantritt 1998 habe feststellen müssen, dass die Nachkriegszeit noch nicht aufgehört habe, und wie „naiv“ er in die Auseinandersetzung mit den „Mumien“ hineingestolpert sei. Später holte er kurz zu einem anderen Erzählstrang aus, den er dann nicht vollendete, wohl weil ihm bewusst wurde, dass dieser im Widerspruch zum ersten stand: Wie Willy Brandt 1966 sei auch er auf Vorbehalte im Amt gestoßen, weshalb er in Personaldingen anfangs vorsichtig habe agieren müssen.

Der Stolperstein, der sein vorsichtiges Agieren beendete, war eine heute 91 Jahre alte frühere Mitarbeiterin des Amtes namens Marga Henseler, ohne deren insistierende Beschwerde gegen den ehrenden Nachruf auf den NS-belasteten früheren Generalkonsul Franz Nüßlein es die Historikerkommission und das fast 900 Seiten umfassende Werk nicht gegeben hätte. Und womöglich auch weil diese Dame in Fischer nun „den größten Mann in dieser Geschichte“ sieht, sagt dieser: „Es werden so viele Leute geehrt in Deutschland, da könnte der Bundespräsident doch auch mal diese . . .“ Die Zustimmung der Mitdiskutanten ist ihm da so sicher wie der Beifall des Publikums. Für Fischer scheinen unbestreitbar verdienstvolle Menschen indes unantastbar: Er empört sich über den Autor eines Artikels dieser Zeitung, in dem - gestützt auf eine Quelle ihrer Personalakte - darauf verwiesen wurde, dass Nüßlein ihr einst ein Empfehlungsschreiben verfasst hatte, und sieht diesen selektiven Quellenzugang als Beleg für fortwirkende „Weißwaschversuche“ durch das Amtsarchiv: „Damit muss Schluss sein.“

Im Amt ging es am Freitag indes weiter. Im Europasaal versammelten sich die Diplomaten abseits der Öffentlichkeit, um mit den Historikern zu diskutieren, junge Attachés genauso wie einige „Mumien“. Die eingeladene Frau Henseler war, wie es hieß, terminlich verhindert. Ein pensionierter Botschafter echauffierte sich über die Beschreibung des Amtes als „verbrecherische Organisation“, Mitarbeiter des Politischen Archivs äußerten ihre Verwunderung über die Kritik der Historiker an ihrer Arbeit. Nach anfänglichen Problemen sei ihnen doch Zugang gewährt worden, der allerdings kaum genutzt worden sei. Es war womöglich kein Zufall, dass Westerwelle am Donnerstag gesagt hatte, die Forscher hätten bisher geheime Akten einsehen „können“. Er sagte nämlich auch: Die Forschung sei mit der Studie „längst nicht zu Ende“.

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Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

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