19.02.2011 · Verblasst scheint die Leidenschaft für ein Kino, das die Welt bewegen könnte. Ein Zeichen setzen gegen die Unterdrückung im Iran - das wollte die Berlinale in diesem Jahr. Aber warum war die Stimmung dann so uninspiriert, desinteressiert und unberührt?
Von Verena LuekenDie Berlinale im Zeichen Irans - so sollte es sein in diesem Jahr. Symbolische Gesten gab es reichlich, auch einige iranische Filme und eine Podiumsdiskussion, die Farbe Grün war sehr präsent, und hier und da hing ein Porträtfoto Jafar Panahis. Das ist der Filmemacher und Berlinale-Juror, der in Teheran darauf wartet, ob der Urteilsspruch, der ihn und seinen Kollegen Mohammad Rasoulof für sechs Jahre ins Gefängnis bringen wird und ihm für zwanzig Jahre Reise-, Rede- und Berufsverbot auferlegt, vom Berufungsgericht abgemildert oder gar aufgehoben werden wird. Angesichts der augenblicklichen Lage in Iran ist das eine Hoffnung auf das ganz Unwahrscheinliche.
Was bedeutet es, wenn ein Festival Zeichen setzen will? An wen richten sich die? An die iranische Regierung? Anzunehmen, sie kämen dort an oder entfalteten gar Wirkung, wäre lächerlich. Worum also kann es sonst gehen, wenn die Berlinale auf aktuelle Ereignisse Bezug nehmen und sich einsetzen will für die Freiheit der Kunst und der Rede, wie es selbstverständlich sein sollte für ein internationales Kulturereignis, zu dem an die viertausend Berichterstatter aus aller Welt anreisen?
Und warum war trotz der Solidaritätsadressen und trotz des bewegenden Augenblicks bei der Eröffnung, als Isabella Rossellini einen Brief Panahis vorlas, die Stimmung so, wie wir es seit Jahren gewohnt sind - uninspiriert, desinteressiert, unberührt?
Lauwarmes Programm voller gutgemeinter Filme
Der Anspruch, einzugreifen mit den Mitteln der Kunst, kann sich eben ohne Kunst nicht erfüllen. Wohl aber ohne Ideologie. Der iranische Regisseur Rafi Pitts, der im Exil lebt, hat die Bedeutung des Kinos für die Jugend in Iran (und das gilt auch für die der arabischen Länder) hervorgehoben. Und zwar die Bedeutung des Weltkinos, wie es sich in Berlin präsentieren sollte. Denn trotz Zensur und dank des Internets ist das Kino dort eine unschätzbare Informationsquelle - darüber, wie Freiheit funktioniert, was die Mode macht, wie die Welt aussieht und wie viele Möglichkeiten es gibt, Sex zu haben.
Wenn die Berlinale ernst nähme, was Pitts so beiläufig sagte, und sich von den relevanten Themen auf die relevanten Filme konzentrieren würde, wäre schon eine Menge gewonnen. Nun liefen gar nicht wenige gute, allerdings kaum herausragende Filme. Aber es ergaben sich kaum Bezüge, die Filme kommentierten sich nicht gegenseitig, ihre Regisseure übrigens auch nicht. Alles lief ohne erkennbares Konzept nebeneinanderher, eine mehr als dreihundert Filme starke Ansammlung von Einzelnem. Als sei ein Festival nicht dazu da, Kulturen, Genres und Kunstformen zu vermischen, die Zuschauer zu provozieren, Urteile in Frage zu stellen und die Besucher miteinander ins Gespräch zu bringen.
Genau diese Überlegungen aber scheinen bei der Auswahl und der Zusammenstellung der Beiträge in den einzelnen Sektionen keine Rolle gespielt zu haben. Die Berlinale muss ihre Bedeutung als drittes großes A-Festival neben Cannes und Venedig anders behaupten als mit einem lauwarmen Programm voller gutgemeinter Filme zu wichtigen Themen wie der Blutrache in Albanien, Vergewaltigungen israelischer Soldaten, Straßenkrieg in einem ungenannten Land und so weiter. Gerade jetzt, angesichts der Umwälzungen in Arabien und im Zeichen Irans, hätten sich die Stärke der Berlinale und ihr Profil zeigen müssen. Aber das ist irgendwann verblasst. Und mit ihm, so scheint es, die Leidenschaft für ein Kino, das die Welt bewegen könnte.