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Dokumentarfilm über Chodorkowskij Zwei Angeklagte von Weltruf

18.02.2011 ·  Die Berlinale zeigt zwei hervorragende Dokumentarfilme: Einen über den spanischen Richter Baltasar Garzón, der die Grenzen der Justiz testete, den anderen über den inhaftierten russischen Oligarchen Michail Chodorkowskij, der sich mit seinem Präsidenten anlegte.

Von Andreas Platthaus
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Nichts lenkt ab. Zwei Männer sitzen sich an einem Tisch gegenüber, darauf zwei Wassergläser. Die Kamera wechselt nur selten die Position; in Schwarzweiß filmt sie das Gespräch, und würden die Gläser nicht bisweilen leerer, ohne dass man die Männer trinken sähe, könnte man einen Dokumentarfilm vermuten, der eine anderthalbstündige Unterhaltung vollständig wiedergibt. Doch was wir sehen, wurde aus insgesamt sechs Stunden Gesprächsmaterial zusammengestellt, das am 18. Dezember 2010 aufgenommen wurde, also vor nicht einmal zwei Monaten. Es ist der aktuellste Film der diesjährigen Berlinale, so frisch, dass er nicht einmal mehr im Festivalkatalog Berücksichtigung gefunden hat.

Vor der Kamera sitzen Baltasar Garzón und Manuel Rivas, der eine ein weltberühmter Richter, der andere ein prominenter spanischer Publizist. Hinter der Kamera sitzt Isabel Coixet, die bekannte spanische Regisseurin, die bisher mit ihren Spielfilmen Aufsehen erregt hat. Für ihr Dokumentarfilmdebüt hat sie sich Garzón als Gegenstand ausgesucht: Seit vergangenem Frühjahr wird gegen den spanischen Untersuchungsrichter, der 1998 dafür sorgte, dass der ehemalige chilenische Diktator Augusto Pinochet in London festgenommen wurde, im eigenen Land ermittelt, wegen Rechtsbeugung und Vorteilnahme (Gerechtigkeit für Baltasar Garzón ). Seit einem halben Jahr ist Garzón von seinem Posten am Zentralen Strafgerichtshof in Madrid suspendiert, und die politische Rechte feiert das als den tiefen Sturz eines arroganten Juristen. Die spanische Linke dagegen verteidigt den Ruf von Garzón, der zuletzt vor allem die Aufklärung der Verbrechen unter Franco betrieb. Coixet zählt zur Linken.

„Escuchando al juez Garzón“ heißt ihre Dokumentation - hören Sie den Richter Garzón. Doch der wollte zunächst gar nichts von sich hören lassen. Seit seiner Suspendierung arbeitet er in Brüssel, und erst Anfang Dezember willigte er ein, einen einzigen Tag lang vor der Kamera Rede und Antwort zu stehen. Daraus resultieren die strenge Form des Films und seine technischen Mängel wie gelegentliche Überbelichtungen und Unschärfen. Isabel Coixet hat sie belassen, weil es keine Möglichkeit zum Nachdrehen gab. Die schlichte Form bewirkt zudem, dass nichts von dem ablenkt, was Garzón sagt.

Kargheit und Fülle

Coixets Film ist nur das erste Dokumentardebüt an diesem Nachmittag im Berliner Kino International. Direkt danach folgt das zweite, kaum weniger aktuelle. Cyril Tuschi aus Berlin, auch er bislang nur als Spielfilmregisseur hervorgetreten, hat eine Dokumentation über den in Sibirien inhaftierten russischen Milliardär Michail Chodorkowskij erstellt. „Khodorkovsky“ ist ästhetisch das genaue Gegenteil von Coixets Werk: überbordend in der Fülle der Formen bis hin zu animierten Szenen von Geschehnissen, zu denen es keine Originalaufnahmen gibt; rasant geschnitten, farbig und aus 180 Stunden Material zusammengestellt; das Resultat von fünf Jahren Recherche und Aufnahmen.

Tuschi hat hundert Interviews geführt, von denen nur dreißig ihren Weg in den Film fanden. Die übrigen will er nach und nach als Minifilme auf der Homepage zu seinem Film (www.khodorkovsky-film) zugänglich machen.

Anschlag auf einen Film

Das Internet ist auch für Coixet von Bedeutung, denn während ausländische Fernsehanstalten schon Interesse an ihrem Garzón-Gespräch bekundet haben, gibt es noch keine Anfrage aus Spanien. Also wird die Regisseurin den Film gegen eine Gebühr von knapp zwei Euro im Netz bereitstellen. „Spanien braucht Leute wie Baltasar Garzón“, erklärt sie nach der Premiere.

Ob Russland Leute wie Michail Chodorkowskij braucht, lässt Tuschis Film offen. Der deutsche Regisseur sieht sich als unparteiisch; seine ursprüngliche Idee war ein Spielfilm über den Kampf zwischen dem Oligarchen und Wladimir Putin, doch wie er zugibt: „Die Wirklichkeit wäre meiner Phantasie immer voraus gewesen.“ Also begann er mit seiner Dokumentation, die durch die Verurteilung Chodorkowskijs am 30. Dezember 2010 zu sechs weiteren Jahren Haft höchste Brisanz bekam. Und man kann es auch als gute Reklame ansehen, dass Tuschi in den letzten Wochen gleich zweimal Computer gestohlen wurden, auf denen er an seinem Film arbeitete. Trotzdem wurde das fast zweistündige Werk rechtzeitig zur Berlinale fertig.

Plädoyer für Rechtsstaatlichkeit

Im Zuge des jüngsten Prozesses gegen Chodorkowskij bekam Tuschi das einzige Filminterview mit dem Angeklagten seit dessen erster Verurteilung vor mittlerweile acht Jahren genehmigt. Da steht Chodorkowskij in einem Glaskäfig im Gerichtssaal und beantwortet knapp und präzise die Fragen. Warum er 2003 trotz der ihm bewussten Gefahr, verhaftet zu werden, in Russland geblieben sei? „Ich hatte damals noch naive Vorstellungen von der Justiz.“ Das hätte auch Garzón sagen können, nur dass er ihr selbst angehört, weshalb er von den Tricks seiner Gegner weniger überrascht ist als von deren Dreistigkeit.

Was Isabel Coixet explizit angestrebt hat - ein Heldenporträt -, ist in „Khodorkovsky“ dem Regisseur unter der Hand so geraten. Aus seiner Bewunderung für die charakterlichen Eigenschaften Chodorkowskijs macht Tuschi keinen Hehl. Über die Vergangenheit des Oligarchen aber will er nicht urteilen. Dessen gegenwärtige Bedeutung für die russische Opposition, das macht der Film deutlich, kann dagegen kaum überschätzt werden. Fünf seiner russischen Protagonisten hatte Tuschi denn auch in Berlin mit auf dem Podium; vier weitere fehlten, weil sie nicht riskieren wollten, dass in Berlin die internationalen Haftbefehle gegen sie vollstreckt würden.

Was den deutschen und den spanischen Dokumentarfilm an diesem Tag verbindet, das ist das vehemente Plädoyer für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Es ist das stärkste politische Signal, das die Berlinale in diesem Jahrgang ausgesendet hat.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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