10.02.2011 · Woran liegt es, dass das deutsche Kino so reich ist an Talenten und Könnern? Und so arm an guten Filmen? Kurz vor der Berlinale haben wir mit denen gesprochen, die es wissen sollten. Und die das womöglich ändern können.
Von Peter Körte, Claudius Seidl, Harald StaunRichtlinien für Lesermeinungen
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Sie zitieren eine Freundin: "Wenn ich durchs Programm schalte und einen Film sehe, wo ein deutscher Schauspieler ein Wort Deutsch spricht, schalte ich sofort um."
Seit Jahren geht es mir genau so! Denn da ist ätzende (aber immer tiefschürfende) Langeweile garantiert. Es sei denn, es handelt sich gelegentlich, zu nachtschlafender Zeit, mal um die xte Wiederholung eines ganz alten Films.
Das Ärgerlich an der Misere ist, dass ich dafür (wofür?) bezahlen muss. Wenn ich nicht ins Kino gehe, muss ich natürlich auch nicht bezahlen. Aber für unseren Staatsfunk werde ich gezwungen zu bezahlen, was ich nicht nutze. Und das mit höchstrichterlichem Segen!
...nicht Geschichten von Menschen, mit denen man sich identifizieren möchte, werden gezeigt - und Film funktioniert eben auch über Identifikation. Der Zuschauer will da abgeholt werden, wo er gerade ist, nicht wo er sein soll. Wer sind häufig die Protagonisten im deutschen Kino? Alleinerziehende (mit oder ohne Migrationshintergrund), Sozialhilfeempfänger, Behinderte, Schwule und Lesben, oft in trostlosem Ambiente, häufig ein ja, etwas unappetitliches Milieu aus klischeehaften Opfern der Gesellschaft, die von bösen (holzschnittartigen) Kapitalisten, Männern, Nazis usw. drangsaliert werden. Das macht wenig (auch visuell) Freude beim Gucken. Das kann mal spannend sein, aber wenn ein Charakter schon von vorn herein kaum mehr etwas zu verlieren hat und die Rollen von vornherein klar verteilt sind, guckt man ihm bei dem Fall ins Bodenlosen auch nur ungern zu.
Was haben die meisten Filmemacher und vor allem die Redakteure und Förderer für ein Bild von Deutschland? Was für ein Bild wollen sie vermitteln? In einigen Jahrzehnten wird man diese Filme vielleicht noch mal sehen und sagen: Mein Gott, war Deutschland trostlos, bestehend aus Randgruppen, kaum Durchschnittsmenschen, die Gefühle haben und etwas zu verlieren.
"E" und "U" und Filmförderung verhindern gute Filme
„Es gibt zu viele nicht zu Ende entwickelte Drehbücher, es gibt zu wenige wirklich gute Autoren.“
Dieser Satz aus dem Essay ist meiner Meinung nach der entscheidende. Die Frage stellt sich dann aber, warum ist das so? Die wichtigste Antwort ist: In Deutschland existiert immer noch diese seltsame, naserümpfende Unterscheidung zwischen "E" und "U", das heißt, alles, was als tiefschürfender "Ernst" des Lebens daherkommt, muss gut sein im Gegensatz zur seichten, nachlässigen "Unterhaltung". Während man in den USA schon in der Highschool "Creative Writing" ohne diese lächerliche Unterscheidung lernen kann, ist das bei uns verpönt. Kein "guter" Schriftsteller bei uns schreibt U-nterhaltung, niemand lernt, wie schwierig zu schreiben die ist.
Dass es diesen Unterschied nicht gibt, hat wohl am besten der geniale Billy Wilder mit seinen hinreißenden Filmen gezeigt, in den U und E eine Einheit sind. Er hat aber zumeist in Amerika gedreht - und da sind wir beim zweiten Punkt. Dort gibt es keine staatliche Subventionierung, bei uns "Filmförderung" genannt. Leider wirkt die sich aber nichts weniger als fördernd aus, da immer gezahlt wird, auch bei den schlimmsten Flops, die niemand sehen will (in unseren Theatern ist das übrigens genau so).
solange man aus staatlichen Subventionen plus Geldern aus Zwangsgebühren für unser Staatsfernsehen einen Film auf die Beine stellen kann - brauch man sich über mangelnde Qualität überhaupt nicht zu wundern. Ein Film der nicht zum Erfolg verdammt ist, bleibt meistens nur eine seichte Auftragsarbeit.
In den USA ist auch nur jeder x-te Film ein Erfolg, aber deren Erfolgsquote dürfte Lichtjahre höher liegen. Konkurrenz belebt das Geschäft, aber nicht in einem durch exorbitante Staatseingriffe verzerrten Markt.
Erich von Stroheim, Friedrich Wilhelm Murnau, Ernst Lubitsch, Michael Curtiz, Fritz Lang, Edgar Ulmer, Douglas Sirk und Billy Wilder. Der Produzent Erich Pommer von der Ufa, Marlene Dietrich, Peter Lorre. Karl Freund, Joe May und Robert Siodmak. Nicht alle entkamen: Kurt Gerron wurde im KZ ermordet. Dieser Aderlass an Talenten wirkt bis heute nach. Da gab es mal Momente als Werner Herzog, R.W. Fassbinder, Volker Schlöndorf u. A. einen Hoffnungsschimmer darstellten. Unvergessen "Fitzcarraldo" und "Das Rätsel des Kaspar Hauser". Aber seitdem? In Fernsehen läuft ein "Prime Suspect" oder "Cracker" Kreise um einen "Tatort". Wo sind die "Monty Python's" aus Deutschland? Was ist "Im Angesicht des Verbrechens" im Angesicht von "The Sopranos"? Was ist "Der Untergang" im Vergleich zu "Band of Brothers"?
Es ist ein Gefühlsproblem!
Groß Denken und groß Fühlen, das ist mir in der Branche nur selten übern Weg gelaufen.
“Reich“ an Talenten und Könnern ist es eben nicht - das aktuelle Personal zum deutschen Kino (vor allem hinter der Kamera)!
Und wer auch nur einige der üblichen Regie-Produktion-Förderung-“Papnasen“ kennt, der weiß vor allem, daß man sich nach einem Gespräch schon freuen kann, wenn beim Gegenüber der Unterschied zwischen Ouvertüre und Konfitüre geläufig ist.
Brilliante Ideen gibt es, muß es geben (Gesetz der großen Zahl), auch wenn es (nur) Zufälle sind. Aber ich zweifle daran, daß in den Förderanstalten Menschen sitzen, die diese Talente erkennen können.
Es ist da ein bißchen wie im Fußball - Edin Dzeko wurde von Energie Cottbus abgelehnt - “ungenügent“. Ronaldo vom VfB.
Will sagen: Alle Zutaten sind da, nur die, die bestimmen wer kochen darf - die sind das Problem!
ist der Begriff auf den man die Problematik getrost reduzieren kann. Hollywood als Gegenstück brauch man nicht glorifizieren. Von 50 Filmen ist dort auch nur eine einzige Perle dabei. Die restlichen 49 sind zwar Mist, aber haben natürlich trotzdem 200 Mio. Dollar gekostet. Dennoch kann man von den Amerikanern einiges lernen. Risikobereitschaft, zum Beispiel. Aber vor allem wie man für ein internationales Publikum produziert.
Ausgerechnet in einer der globalisiertesten Volkswirtschaften der Welt, weigert sich die Filmindustrie vehement etwas anderes als "deutsche Filme" für ein deutsches Publik zu produzieren. Und ein "deutscher Film" behandelt nun mal immer die gleichen ausgelutschten Themen: Drittes Reich, DDR, Beziehungsprobleme irgendwelcher Berliner Paare und in den letzten Jahren zunehmend die Verfilmungen klassischer deutscher Literatur. Letztere könnten im Bildungsbürgertum einen Sturm der Begeisterung entfachen, wären sie nicht einfach nur grottenschlecht umgesetzt und nur dazu gedacht ein paar Deutschlehrer mit ihren Schülern ins Kino zu locken.
Kurzum: Die heimische Filmindustrie will gar nicht aus ihrer "deutschen Nische" heraus, weil sie dort soliden Gewinn macht. Nicht viel, aber dafür ohne Konkurrenz.
In den meisten deutschen Filmen geht es um nichts mehr: Liebe, Leidenschaft, Eifersucht, Rache, Ehre etc. alle klassischen, emotionalen Zutaten für eine gute Geschichte sind fast Tabu - ja sie sollen es sein, denn die Fördergremien und TV-Anstalten nutzen die Stories oft als Umerziehungsinstrument für den Zuschauer, alles immer schön politisch korrekt und für den paritätisch besetzten Fernsehrat bekömmlich. Da besteht die Fallhöhe eines Protagonisten häufig gerade mal darin, dass ihn seine Ehefrau beim Fremgehen erwischt oder die erfolgreiche Anwältin muss ihr Penthouse verlassen. Aber dann? Na und? Dann ist er der böse Mann, aber er lernt, übt Selbstkritik, das Paar wird zu Freunden, nebenbei wird die Patchworkfamilie propagiert bzw. die Anwältin freundet sich im Sozialghetto mit Migranten an und erkennt, dass ihr Penthouse ohnehin überflüssig war - alles easy. Es werden - meist visuell spröde - oft Abbildungen der pc-Wirklichkeit, so wie sie sein soll, nicht Welten gezeigt, die der Zuschauer eben nicht kennt. Denn Kino kam mal vom Jahrmarkt und soll das Publikum sich wundern lassen, nicht erziehen oder moralisch belehren. Das deutsche Kino ächzt mittlerweile unter den Worten "Haltung" und "Sozialkritik" und geht daran kaputt.
Ich denke, das große Problem liegt darin, dass deutsche Intelektuelle oder die, die sich dafür halten, es leider nie geschafft haben politischen Anspruch, ästhetischen Anspruch und Hnadwerk voneinander zu trennen. Wir haben es nie geschafft, eine Film- oder auch Fernsehproduktion aufzuabuen, die es z.B. mit der in UK aufnehmen konnte. Und wenn dann mal jemand daherkommt, der wie Bernd Eichinger auf internationalem Niveau mitspielen kann und will, dann muss er sich dafür von vielen anfeinden lassen. Eichingers Filme waren nicht nur kommerziell erfolgreicher als die der meisten "Autorenfilmer", sie waren handwerklich und ästhetisch oft um vieles besser. Was nutzt mit denn die schönste und engagierteste Aussage, wenn ich den zuschauer langweile. Es hat ja sicher seinen grund, dass sich international keiner für die 95% der deutschen Filme interessiert, die den provinziellen Muff der Alt-Achtunsechziger perpetuieren.
scheint das Schlüsselwort zu sein, oder um Petzold zu zitieren: "„Da existiert kaum ein Standpunkt zur Wirklichkeit, da ist keine Lebenserfahrung...
"Filmemacher interessierten sich „nur noch für die eigenen, gut eingerichteten Räume, aber nicht mehr für den Rest der Gesellschaft“".
Dieser "Rest" scheint für Autoren, Produzenten und Regisseure allerdings auch "terra incognita" zu sein, wir bekommen dementsprechend entweder Luxusmenschen mit Luxusproblemen oder Nazikitsch auf Niveau des Mittelstufengeschichtsunterrichts bzw. vergammelten RAF-Käse serviert. Garniert wird das ganz hin und wieder mit "sozialkritischen" Werken zur Unterschicht, die aber nie Subjekt des Films ist sondern stets ausschließlich Objekt der Verhältnisse bleibt, die in vielen Details auch noch falsch dargestellt werden.
Es sind die Themen saturierter alter Säcke, die hin und wieder in sozial machen - SPD-Kino gewissermaßen.
"Ich will keine Filme sehen in denen zum tausendsten Mal ein Auto über eine Rheinbrücke fährt" hat Harald Schmidt einmal zur Studienjahreseröffnung an der Filmakademie Baden-Württemberg gesagt.
"Wenn ich durchs Programm schalte und einen Film sehe, wo ein deutscher Schauspieler ein Wort Deutsch spricht, schalte ich sofort um." habe ich neulich von einer Wirtschaftsstudentin gehört.
"In den USA werden Filme als Kunst gemacht und als Produkt verkauft, in Deutschland werden Filme als Produkt gemacht und als Kunst verkauft" hat Christoph Waltz einmal in einem Interview gesagt.
Warum ist das so? Alle im Artikel genannten Gründe sind richtig. Sie treten in eine komplexe Wechselbeziehung die es gerade jungen aber auch erfahrenen Filmemachern schwer macht, mutig und kreativ zu sein, weil es die Anpassung ist, die belohnt wird.
Die Angst und das Geld sind die wichtigsten Grundpfeiler der cineastischen Gegenwartskultur in Deutschland. In einem Land, in dem es den meisten Menschen finanziell recht gut geht, ist es als Filmdebütant ein Spagat von Hartz IV zu Leben oder Kellnern zu gehen, um zwei Jahre lang ein Drehbuch zu Ende zu entwickeln. Aber nur hier liegt unsere wahre Freiheit.
Zu oft wird dieser Spagat weder gesehen noch belohnt.
Interessant dazu auch die messerscharfe Analyse, die Frank Sauerland in den hinteren Kapiteln seines Buchs "Hollywood für Sparfüchse" vornimmt: Er beschreibt, wie Autoren, Regisseure, Produzenten sich im System biegen (lassen), wie Gremien die Kanten von Drehbüchern schleifen. Er erzählt von den Kontakt- und Kaufbörsen in Cannes, wo deutsche und europäische Filme mit den Amerikanerin konkurrieren, angeboten werden wie auf dem Wochenmarkt Tomaten. In Cannes finden nicht nur die Filmfestspiele, sondern auch unbekanntere, für Filme und TV-Formate wichtigere Einkaufsmessen statt. Frank Sauerlands Schlussfolgerungen, die deutsche Filmschaffende aus der Lage ziehen sollten, sind etwas anders, als die von Körte, Seidl und Staun. Beide Sichtweisen ergänzen sich aber zu einer Gesamtschau der Szenerie.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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Harald Staun Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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