18.02.2011 · Mit der Schließung des Zoo Palastes im vergangenen Jahr hat die Berlinale ihre Seele verloren. Das „Haus der Kulturen der Welt“ ist nun als Ersatz-Spielstätte angetreten. Es hat zwar die freundlichsten Mitarbeiter des Festivals, der Kinozauber aber fehlt.
Von Andreas PlatthausEs ist das Jahr eins nach der Schließung des Zoo Palastes, jenes West-Berliner Großkinos, in dem die Berlinale bis 1999 ihr Zentrum hatte und das auch seitdem eine feste Spielstätte des Festivals gewesen ist. Nun wird das 1956 errichtete Haus umgebaut, und niemand weiß, ob der hinreißend große Saal mit seinen 1074 Plätzen jemals wieder die Berlinale beherbergen wird. Ja, man weiß nicht einmal genau, wie das denkmalgeschützte Kino nach der Neugestaltung aussehen soll, die Zahl der Zuschauerplätze im großen Saal wird auf jeden Fall reduziert, und die gerafften Stoffmassen rund um eine der letzten Cinemascope-Leinwände im Lande werden wir wohl auch nie wieder sehen – geschweige denn die Leinwand selbst.
Der riesige Würfel nahe beim Bahnhof Zoo ist bei diesem Festival nur noch ein schweres Stück Erinnerungslast, wenn man vom Potsdamer Platz in den alten Westen eilt, um dort das Delphi-Kino aufzusuchen, die letzte in diesem Teil der Stadt verbliebene traditionelle Festivalleinwand. Doch zugleich ist in diesem Jahr auch eine Filmfestspiellegende zurückgekehrt: die Kongresshalle im Tiergarten, die heute als Haus der Kulturen der Welt firmiert. Errichtet wurde sie im selben Jahr wie der Zoo Palast, und in den fünfziger und sechziger Jahren haben auch hier etliche Galapremieren der Berlinale stattgefunden. In ihrem achthundert Plätze umfassenden großen Saal und einem deutlich kleineren unattraktiven Kino im Untergeschoss hat nun die Kinder- und Jugendfilmsektion „Generation“ ihren neuen Mittelpunkt gefunden, nachdem sie bislang im Zoopalast residieren durfte.
Ein Meisterwerk im halbleeren Saal
halbleerer Doch dieser Umzug ist ihr nicht gut bekommen. Die bislang einzige Abendvorstellung des Generation-Programms füllte den großen Saal zwar bis zum Bersten, aber es waren nahezu ausschließlich Erwachsene, die hier „Under the Hawthorne Tree“, den neuen, fabelhaft gelungenen Film des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou, sehen wollten. Die Vor- und Nachmittagsvorstellungen, zu denen die Berliner Schulen traditionell ganze Klassen entsenden, sind dagegen schlechter besetzt.
Bei einem Meisterwerk wie Mohammad Ali Talebis „Wind und Nebel“, der bereits dritten Arbeit des iranischen Regisseurs, die seit 1995 ihren Weg ins Berlinale-Kinderprogramm fand, war der Saal halb leer. Die Lage des Hauses der Kulturen der Welt abseits aller U- und S-Bahn-Haltestellen rächt sich sichtbar, und auch wenn die Mitarbeiter hier die freundlichsten der ganzen Berlinale sind, so bieten weder großer noch kleiner Saal jenen klassischen Kinozauber, der, sobald im Zoo Palast das Licht ausging und sich der Vorhang aufrollte, in einem kollektiven Aufjauchzen der Kinderstimmen kulminierte. Das Festival hat ein Stück seiner Seele verloren – und zwar ausgerechnet jenes, das die jüngsten Zuschauer jahrelang beeindrucken und ans Kinoerlebnis heranführen konnte.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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