19.02.2011 · Der 1955 geborene ungarische Regisseur Béla Tarr hat angekündigt, „A torinói ló“, das Pferd aus Turin, werde sein letzter Film sein. Er drehte ihn in Schwarzweiß. Herausgekommen ist ein kunstvolles Kino-Exerzitium, das durchzustehen allerdings starke Nerven braucht.
Von Verena LuekenBéla Tarr hat angekündigt, dies sei sein letzter Film. „A torinói ló“, das Pferd aus Turin, heißt er, und der Titel, so wird uns zu Schwarzfilm am Anfang erzählt, bezieht sich auf die berühmte Geschichte, dass Nietzsche in Turin ein von seinem Kutscher gepeinigtes Pferd plötzlich umarmt habe, bevor er unmittelbar danach vollends der Demenz anheimfiel. Von Nietzsche wissen wir einiges. Aber wer kennt schon das Pferd?
Wer jetzt erwartet, Béla Tarr stelle uns tatsächlich die Geschichte dieses Pferdes vor, hat sich getäuscht. Denn die witzige Idee ist nur der Vorwand für eine der strengen schwarzweißen Filmexerzitien, die wir von dem Ungar gewohnt sind. Konsequent sind seine Filme in ihrer absoluten Kargheit, und konsequent ist es (wenn es dabei bleibt), dieses Werk von vierzehn Filmen, das den Fünf-Minuten-Film „Prológus“ umfasst wie auch Tarrs berümtesten, den 435-Minuten-Film „Sátántangó“, auf diese Weise abzuschließen.
Ein Ackergaul zieht einen hölzernen Kutschwagen durch den Sturm. Der Kutscher peitscht auf den Gaul ein, der Wind zerrt an den Zügeln, die Räder holpern über gefrorenem Schlamm, dazu spielt die wie immer von Mihály Vig komponierte minimalistische Musik, die mit dem lautstarken Wind zusammen die Ohren strapaziert.
So geht das eine ganze Weile, das Pferd wird müde, der Kutscher peitscht heftiger, trotzdem geht es immer langsamer voran. Irgendwann kommen sie an - an einem einfachen Hof mit einem dunklen Stall für das Pferd, einer Scheune für den Wagen, einem Brunnen und einem Zimmer für den Kutscher und seine Tochter (János Derzsi und Erika Bók).
Sechs Tage verbringen wir mit den beiden, den immer selben Routinen des Ausziehens, Hinlegens, Anziehens, Hustens, Wasserholens, Kartoffelkochens, Essens, Vom-Fenster-ins-Weite-Starrens, und der Effekt von Realzeit, den Tarr immer anstrebt, funktioniert. Vom dritten Tag an ist aus der anfänglichen Ungeduld das Gefühl geworden, es könnte immer so weitergehen.
Allerdings erlaubt sich Tarr auch zwei narrative Explosionen. Es kommt Besuch! Ein Nachbar, der unendlich geschwollen vom Untergang redet, holt sich Schnaps ab. Und eine Gruppe Zigeuner schaut vorbei, sie wollen Wasser und werden verjagt. Am nächsten Tag ist der Brunnen leer.
Es ist eine Stimmungsfrage, wie man das durchhält und wie sehr einem die Kärglichkeit des Lebens, dem wir beiwohnen, auf die Nerven fällt. Großes Filmemachen, nah am Leben selbst und gleichzeitig vollkommen künstlich, ist es allemal.