Home
http://www.faz.net/-gt3-15tof
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

NRW geizt mit Stiftungskapital Erst wird getönt, dann geknausert

04.03.2010 ·  Köln gibt fünf, das Land eine Million Euro: Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident hatte das eingestürzte Kölner Archiv zur „Chefsache“ erklärt. Doch nun lässt das Land die Kommune bei der Gründung der Stiftung „Stadtgedächtnis“ hängen.

Von Andreas Rossmann
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Zur „Chefsache“ hatte Jürgen Rüttgers das Kölner Stadtarchiv schon kurz nach dem Unglück erklärt. Denn die Bestände, so ließ er wissen, „sind europäische und internationale Kulturgüter“, die nie wieder gefährdet werden dürften. Dreihunderttausend Euro bewilligte das Land Nordrhein-Westfalen damals als „Soforthilfe“ und berief am 24. Juni 2009 eine „Expertenanhörung“ ins Wallraf-Richartz-Museum ein. Ganz in der Tradition von Johannes Rau, dem großen Kümmerer, den Rüttgers parteiübergreifend als Vorbild beansprucht. Wohlklingende Anschubmaßnahmen und Absichtserklärungen, die schon etwas her und inzwischen Schnee von gestern sind.

Denn wie ist die Situation heute? Als stünde in Nordrhein-Westfalen keine Landtagswahl ins Haus, als wäre das Archiv schon kein Thema mehr, mit dem sich nicht nur kultur-, sondern auch sicherheitspolitisch punkten ließe, übt sich der Landesvater in Knickrigkeiten und scheint nicht mehr viel davon wissen zu wollen. Gerade mal eine Million Euro, so erklärte er vorgestern, am Tag vor dem Jahresjubiläum des Einsturzes, werde das Land bereitstellen, „um die Rettung des bedrohten Kulturguts voranzutreiben“.

Rüttgers schiebt Probleme auf die lange Bank

So kann, gleichsam in letzter Minute, die Gründung der Stiftung „Stadtgedächtnis“, die der Kölner Kulturdezernent Georg Quander schon zwei Wochen nach der Katastrophe ins Auge gefasst hatte, doch noch am 5. März, zur Eröffnung der Archivausstellung im Berliner Gropius-Bau, verkündet werden. Eine Million Euro, wo die Stadt doch fünf Millionen gibt und sich einen ebenso hohen Betrag auch von Land und Bund versprochen hatte. Die aber hatten sich erst einmal öffentlich geziert und darauf bestanden, dass der jeweils andere den ersten Schritt tut, und so - von wegen „nationale Aufgabe“ - den Fortgang der Gründungsvorbereitungen unnötig hinausgezögert.

Aber auch Johannes Rau hat Probleme gern auf die lange Bank geschoben, und Rüttgers zeigt sich auch auf diesem Gebiet als gelehriger Adoptivneffe. Nun also eine Million, wo die Kosten für die Wiederherstellung des Schriftguts doch auf 300 bis 350 Millionen Euro veranschlagt werden.

Schon vor der Gründung im Zwielicht

Was das Zustandekommen der Stiftung darüber hinaus blockiert hat, war der Argwohn des Landes, der Kölner Kämmerer könne die Versicherungssumme in Höhe von 61,5 Millionen Euro einsetzen, um akute Haushaltslöcher zu stopfen. Statt diesem Verdacht nachzugehen und ihn leise auszuräumen, hat ihn Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff an die große Glocke gehängt und die Stiftung so schon vor ihrer Gründung ins Zwielicht gebracht. Da ist nichts dran, sagt der Sprecher der Stadt Köln dazu, erklärt aber auch, dass die gesamte Versicherungssumme, „ja sogar etwas mehr“ die Ende Dezember überwiesen wurde, noch im letzten Jahr, und das aus haushaltstechnischen Gründen, ausgegeben wurde - für Maßnahmen zur Sicherung des Archivguts.

Das klingt als Verwendungszweck denkbar allgemein und kann weit mehr umfassen als Restaurierungsarbeiten im engeren Sinn. Dass die Mittel damit verloren wären, heißt das indes nicht. Doch muss die Stadt sie wieder in den Haushalt einstellen.

Es hätte ein Vorzeigeprojekt werden können

So ist das Signal, das von der Stiftung an die Öffentlichkeit und mögliche Zustifter ausgehen soll, schon geschwächt, noch bevor sie gegründet wurde. Als selbständige Stiftung bürgerlichen Rechts soll sie verfasst sein, um weitgehend unabhängig und flexibler, als die Stadt das könnte, agieren und etwa auch Zeitverträge mit Mitarbeitern abschließen zu können, die in einem Restaurierungszentrum in Sachsen sitzen. Die größte Chance aber hat Ministerpräsident Rüttgers vertan: Denn das Kölner Archiv hätte wie kein anderes Vorhaben im Land sein anfangs vollmundig propagiertes Engagement für den Substanzerhalt - von Gebäuden, Kunstwerken und Schriftgut - beglaubigen und sogar zum Vorzeigeprojekt einer nachhaltigen Kulturpolitik werden können.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

Jüngste Beiträge

Vorletzte Werte

Von Thomas Thiel

Die Welt hat eine neue Religion: „Kopinismus“ nennt sich der offiziell anerkannte Glaube an das Filesharing als höchsten Lebenssinn. Es geht aber nicht um letzte, sondern um strategische Werte. Mehr