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Kulturhauptstadt Ruhr Und dann noch das Wetter

08.01.2010 ·  Baupläne wurden verschoben, Eröffnungen werden vertagt, Großprojekte beerdigt, und die Krönung des Auftritts von Essen und Umgebung gehört eigentlich gar nicht zum Programm: Eine kleine Mängelliste der Kulturhauptstadt Ruhr.

Von Andreas Rossmann
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Seit zehn Jahren schmiedet Bochum Pläne für ein Konzerthaus. Nicht um zwischen Dortmund und Essen, die 2002 und 2004 Konzerthaus (1550 Plätze) und Philharmonie (1900 Plätze) eröffneten, die Konkurrenz anzuheizen, sondern um den Symphonikern endlich eine Spielstätte zu bieten. Das Orchester konzertiert im Audimax der Ruhr-Universität, wo, wenn der Pianist spielt, die Streicher nicht zu hören sind, ist im Schauspielhaus oder auch in der Jahrhunderthalle zu Gast - Stadtnomaden im Frack, die sich in den fünfzehn Jahren, da Steven Sloane sie leitet, zu einem ersten Klangkörper verfeinert haben.

Das eigene Haus als Anerkennung. Und als Gewinn für die Stadt, die mit dem eleganten Entwurf des Kölner Architekten Thomas van den Valentyn gleich gegenüber dem Bermuda-Dreieck das Viktoriaquartier beleben könnte. Von den Baukosten in Höhe von dreißig Millionen kann die klamme Kommune zwar nur die Hälfte übernehmen, doch über die Jahre hat das Projekt so viel Zuspruch gewonnen, dass die Rechnung aufzugehen schien. Der ortsansässige Lottokönig Faber stiftete fünf Millionen, Sparkasse und Stadtwerke legten je eine Million Euro drauf, Benefizkonzerte und -aufführungen brachten eine Spendierlawine ins Rollen. Im Kulturhauptstadtjahr sollte die Theaterstadt Bochum auch Musikstadt werden.

Doch daraus wird nichts. Die Bezirksregierung in Arnsberg verweigert die Genehmigung, denn die Kommune hat keinen gesicherten Haushalt. Mit neunhunderttausend Euro im Jahr würde das Projekt, so der Finanzierungsplan, zu Buche schlagen, „das sind gerade mal neun Promille unseres Konsolidierungsbetrags oder 0,9 Promille des Gesamthaushalts“, rechnet Kulturdezernent Michael Townsend vor, der nun auf Hilfe vom Land hofft. In Bochum ist die Enttäuschung groß und die Kulturhauptstadt um eine Bereicherung ärmer, ohne dass sie das zu verantworten hätte.

„Betreten verboten - Baustelle“

Anders ist das mit der „zweiten Stadt“, dem noch größeren Traum eines Besucherbergwerks, der vor einem halben Jahr sang- und klanglos begraben wurde. Tausend Meter unter Schacht XII der Zeche Zollverein den Raum „Unter Tage“ zu thematisieren schien das kühnste Projekt der Kulturhauptstadt; wie kein anderes hätte es die heroischen Leistungen des Ruhrgebiets vermitteln können. Doch die Investitionen und technischen Auflagen wären immens gewesen, und so hätte es mindestens zehn Jahre laufen müssen. Dass sich kein Betreiber fand, kann daher nicht überraschen. Nur, warum wird das nicht geklärt, bevor eine derart aufwendige Attraktion herausposaunt wird?

Eine andere Absage betrifft wieder Bochum, wo die Kosten für den „Platz des europäischen Versprechens“, den Jochen Gerz mit Basaltplatten vor der Christuskirche anlegen möchte, aus dem Ruder laufen. Eröffnet werden sollte er zwar erst zu Silvester, doch nun wird allenfalls ein Langzeitprojekt daraus. Auch mit anderen „Hochpunkten“ des Programms ist erst zum Jahresende zu rechnen: So mit der Aufstockung des Museums Küppersmühle in Duisburg oder der Besetzung des Turms der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen durch eine Herkules-Statue von Markus Lüpertz. Die Eröffnung des Dortmunder „U“ ist, bis auf einen kleinen Teil, von Mai auf Oktober verschoben, und an der Tür des Besucherzentrums, das im Deutschen Bergbaumuseum in Bochum entsteht, wird noch bis März „Betreten verboten - Baustelle“ hängen. Selbst Festakt und Eröffnungsfest am Samstag zittern inzwischen: der von den Metereologen angekündigte Schneesturm könnte das Open-Air-Event auf Sonntag blasen. Doch „das wäre“, so Fritz Pleitgen, „der Plan X für den äußersten Notfall“.

Ähnlich lange wie Bochum auf ein Konzerthaus hofft Essen auf eine Schönheitskur des Hauptbahnhofs, mit der es ohne Kulturhauptstadttitel und Infrastrukturmittel des Landes wohl nichts geworden wäre. Zum 16. Januar und damit fast rechtzeitig soll das meiste fertig sein, eine Baustelle aber wird die „Visitenkarte der Stadt“ bis Sommer bleiben. Fast in Sichtweite wird ein Sprinter am 30. Januar pünktlich ankommen: Innerhalb von zweieinhalb Jahren hat David Chipperfield das Museum Folkwang, indem er den „Neubau“ von 1983 durch eine Erweiterung des Altbaus von 1960 ersetzt hat, geradezu neu erfunden. Dieses Geschenk der Krupp-Stiftung an die Stadt Essen geht zwar nicht auf das Konto der Kulturhauptstadt, kann ihr aber, wie es aussieht, die Krone aufsetzen.

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Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

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