09.01.2010 · Kaltstart: Die Europäische Kulturhauptstadt Ruhr beginnt ihren riesigen Veranstaltungsreigen an diesem Samstag auf Zeche Zollverein. Das Jahr 2010 bietet in Essen und zweiundfünfzig weiteren Städten zweitausendfünfhundert Veranstaltungen.
Von Andreas RossmannAlle reden vom Wetter. Auch die Europäische Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Aber erst seit ein paar Tagen, seit vorhergesagt wird, dass zum Auftakt heute der Schneesturm „Daisy“ toben und Festakt und Kulturfest hinwegfegen könnte. Ein Kaltstart, das fehlte noch. Jörg Kachelmann in den Aufsichtsrat oder ins Kuratorium der Ruhr 2010 zu berufen wäre sicher zu teuer gekommen, vor allem aber ist er einfach noch zu jung dafür. Nur, warum hatte, wo hier so viel Lebenserfahrung und - auch historischer - Sachverstand zum Ruhrgebiet versammelt sind, niemand daran gedacht, dass es Anfang Januar in diesen Breitengraden bitter kalt werden kann, als damals aus finanziellen Gründen die Eröffnung von der Schalke-Arena mit ihrem schützenden Schiebedach vor die monumentale Industriekulisse der Kokerei Zollverein in Essen verlegt wurde?
Aber vielleicht hat Petrus ja noch ein Einsehen, oder, eher möglich, es wird an jeden Besucher, schöne Überraschung, als Morgengabe neben dem angesagten „Überlebenspaket“, bestehend aus Wolldecke, Regencape und Handwärmern, auch eine der urigen Fritz-Pleitgen-Pelzmützen verteilt, wie wir sie von seinen Sibirienreportagen aus dem Fernsehen kennen. In den Wirtschaftswunderjahren, als es noch der Motor der Bundesrepublik war, wurde das Ruhrgebiet, zumindest von Bayern aus, auch als „Ruß-Land“ geschmäht, mit langem „u“. Der in Duisburg als Sohn eines Kruppianers geborene Pleitgen, der in Moskau Korrespondent war und heute der Ruhr 2010 GmbH als Geschäftsführer vorsteht, muss wissen, was es mit diesem Teekessel auf sich hat.
Variante eines Arbeitsethos, das den alten Kohlenpott auszeichnet
Früher, als die tausend Feuer noch brannten, die hundert Zechen noch liefen, war Wetter für das Ruhrgebiet kein Thema. Es war einfach da. Und der blaue Himmel eine Fiktion, die erst Willy Brandt 1961 dialektisch auf die Tagesordnung setzte. Als ob es darauf ankäme! Da gab es ganz andere Sorgen. Und so ist, wenn Pleitgen sich jetzt in Galgenhumor übt („Wir zittern für eine gute Sache“), proletarische Ratschläge gibt („Sie können auch einen Flachmann mitbringen“) und eiserne Ausdauer bekundet „Warm anziehen. Das wird durchgezogen“), das von einer ganz wunderbaren Ironie. Bestätigt es doch Vorstellungen des Ruhrgebiets, mit denen die Kulturhauptstadt gerade aufräumen möchte: Hier leben Menschen, die hartgesotten sind, die sich dem Wetter stellen, wie sie sich der Arbeit gestellt haben, die Mühsale und Entbehrungen auf sich nehmen und dabei nicht mit der Wimper zucken. Geradlinig und ohne zu klagen. Jedenfalls, Felix Magath hat das kapiert, keine Weicheier.
Auch das ist Ausdruck oder Variante eines Arbeitsethos, das den alten Kohlenpott auszeichnet, dessen Fortsetzung in die postindustrielle Zeit. So erweist sich die Prägekraft des Reviers als stärker als jene wahrhaben möchten, die wie Pleitgen „endlich vom völlig veralteten Image des Ruhrgebiets loskommen wollen“.
Unter sechzehn Grad wird eigentlich nicht mehr musiziert
Die Künstler sind da eher zimperlich. „Wir wollen zeigen, dass wir das Feuer in uns haben“, gibt sich zwar auch Gil Mehmert, der Regisseur des Festaktes, durchhaltebereit, und die Tänzer, die in den Spagat springen müssen, „kommen nicht in Glitzerhöschen, sondern mit Outdoorklamotten und warmer Unterwäsche“ auf die von Heizstrahlern erwärmte Bühne. Doch so furchtlos wie Pleitgen ist Mehmert nicht: „Hoffentlich nur kein Schneetreiben.“ Auch die fünfundfünfzig Symphoniker, die Herbert Grönemeyers Hymne „Komm zur Ruhr“ uranstimmen, lassen aus Solidarität fünfe gerade sein: Mindestens sechzehn Grad schreibt die Vereinbarung zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern vor, doch dauere der Auftritt, so ihre Sprecherin, ja nur acht Minuten.
Um das Programm zu studieren, müssen die Fellhandschuhe ausgezogen werden. 224 Seiten ist es dick und dabei noch gar nicht komplett, allein der schematische Überblick reicht einmal um die Plakatsäule. Zweiundfünfzig Städte plus Essen, der Bannerträger, gehören dem Regionalverband Ruhr an, und so darf jede von ihnen eine Woche lang den „Local Hero“ geben und sich im Mittelpunkt fühlen, vom römischen Xanten bis nach Fröndenberg mit Sicht aufs Sauerland. Bis in viele Stadtviertel hinein verzweigt sich das Programm, aber auch weit hinaus in Partnerstädte zwischen Buffalo und Büyükçekmece, Montreux-sur-Mer und Modi'in, Newtonabbey und Nishnij Nowgorod: Hundert „Twin-Projekte“ sind vereinbart, in denen sich Jugendliche, Off-Gruppen, Kunst- und Kulturvereine austauschen.
Es fehlt an Selbstbestimmung wie an Selbstbewusstsein
Diese heterogene, polyzentrische Stadtlandschaft, der die Schwerindustrie tiefe Wunden geschlagen und viele Narben hinterlassen hat, soll nun „Metropole Ruhr“ heißen. Die neue Sprachregelung ist vermessen, präpotent und historisch abwegig, dafür fehlt es der Region an zentralen Funktionen wie an Urbanität; schon der öffentliche Personennahverkehr spottet dem Anspruch. Zerschnitten von den Regierungsbezirken Arnsberg, Düsseldorf und Münster, fehlt es dem Revier an Selbstbestimmung wie an Selbstbewusstsein. Noch der Drang zum Superlativ kündet davon: Dreihundert Projekte und zweitausendfünfhundert Veranstaltungen werden annonciert. Schwer, sich da zurecht- oder auch nur einen roten Faden zu finden.
Am Anfang steht der „Mythos Ruhr“. Mit Kohle und Stahl, Arbeitsmigration und Unternehmergeist, Fußball und Taubenzucht. Aber es gibt auch eine Geschichte vor der Industrialisierung, neben deren Hinterlassenschaften Burgen und Schlösser, Kirchen und Klöster stehen, Inseln eines Mittelalters, von dessen Kleinkriegen und Machtkämpfen, Fehden und Morden, Raubrittern, Edelmännern und Stiftsdamen die Ausstellung „AufRuhr 1225“ im Archäologiemuseum Herne erzählen wird. Dabei ist auch die Industrie längst Gegenstand der Bodendenkmalpflege. Ihre Wiege liegt in der St.-Antony-Hütte in Oberhausen-Osterfeld, wo 1758 erstmals Roheisen aus dem Hochofen floss und nun ein industriearchäologischer Park eröffnet wird. Auch wo überall Fördertürme standen, soll noch einmal plastisch werden: Gelbe Ballons werden mindestens vierhundert „Schacht-Zeichen“ setzen und, als hätte die sich in Heißluft aufgelöst, zehn Tage lang die alte Industrielandschaft markieren.
Bilder, die um die Welt gehen sollen
Das Ruhrgebiet ist früh zum Kulturgebiet geworden. Doch die Kunst wurde nicht von Fürsten und weniger von Bürgern, sondern von Unternehmern ermöglicht; Namen wie Grillo oder Osthaus künden noch davon. Und es hat große Künstler hervorgebracht, die heute Museen benennen: Wilhelm Lehmbruck, Josef Albers, Emil Schumacher. Erstmals arbeiten die zwanzig Kunstmuseen nun zusammen - auch dafür, erstaunlich und bezeichnend, bedurfte es der Kulturhauptstadt. Und wenn Grzegorz Jarzyna, Péter Nádas, Emine Sevgi Özdamar, Christoph Ransmayr, Roland Schimmelpfennig und Enda Walsh beauftragt werden, Homers „Odyssee“ für das Ruhrgebiet neu zu erzählen, damit die sechs Theater die Stücke zur szenischen Reise verknüpfen, dann wirkt das wie auf dem Reißbrett des Dramaturgen entworfen. Das Musikleben umspannt ein Menschenleben: von „Jedem Kind ein Instrument“ bis zum „Henze-Projekt“, in dem mehr als vierzig Partner für eine Hommage an den Komponisten eine Stafette bilden, die von Januar bis Dezember läuft.
Mitsingen kann jeder. Am 5. Juni wird das Ruhrgebiet „ganztägig“ zur „!Sing City“, bis am Abend aus vielen tausend Kehlen auf Schalke mehr als nur „Tor!“ erklingt. Und Mitmachen ist ohnehin Pflicht. Ein Zug zur Party, zum Volksfest und Marktschreierischen ist kennzeichnend: „Veni creator spiritus“ - die sechs Orchester und die Chöre des Reviers werden am 12. September, auf den Tag genau hundert Jahre nach der Münchner Uraufführung, Mahlers Achte Sinfonie (mit Lorin Maazel am Pult) im Landschaftspark Duisburg-Nord aufführen: Nicht nur hier ist die Zahl von 1600 Mitwirkenden rekordverdächtig. Und am 18. Juli sollen auf der A 40, dem „Ruhrschnell-“ oder öfter „Ruhrschleichweg“, in der einen Richtung alle Räder stillstehen und, noch ein Superlativ, die längste Tafel der Welt aufgebaut werden: Zwanzigtausend Tische auf sechzig Kilometern, und auf der Gegenrichtung herrscht für alles, was ohne Motor auskommt, freie Fahrt. Bilder, die um die Welt gehen sollen.
Entscheidende Antworten
Denn um eine neue Wahrnehmung des Ruhrgebiets geht es vor allem: „Kultur durch Wandel, Wandel durch Kultur“ lautet das Motto, dessen Erfinder, der Kunstsammler und Mäzen Karl Ernst Osthaus (1874 bis 1921), schon kaum mehr genannt wird. In seiner Heimatstadt Hagen hatte der Bankierssohn 1902 mit dem Museum Folkwang das erste Museum für zeitgenössische Kunst gegründet, das, von Emil Nolde als „Himmelszeichen im Westen Deutschland“ begrüßt, die Erben nach seinem frühen Tod an die Stadt Essen verkauften. Auf die Fragment gebliebene Vision, die Osthaus zur Verbesserung der Lebendbedingungen im „kunstverlassenen Industriebezirk“ im Zeichen des Jugendstils entworfen hat, hatte sich schon die Internationale Bauausstellung Emscher Park bezogen, ein regionales Strukturprogramm, das von 1989 bis 2000 den Hinterhof des Reviers auf Vordermann brachte.
Ohne diese Vorleistung würde es sicher keine Kulturhauptstadt Ruhr geben, und so nimmt sich diese die IBA auch zum Vorbild: Die Landmarken setzen zehn Jahre weiter, wie der achterbahnflotte „Tiger & Turtle/Magic Mountain“ vorführt, andere Zeichen. Doch der Stolz auf die Region, den die IBA entwickelte, wird geleugnet und verraten, wenn Industriedenkmäler, die für sich sprechen, mit vermeintlichen Glanzlichtern versehen werden: So soll dem Museum Küppersmühle in Duisburg ein Erweiterungsquader, den ein Firmenlogo verunziert, dem Turm der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen eine achtzehn Meter hohe Herkules-Statue von Markus Lüpertz, einem Hochofen in Dortmund-Hörde eine Banane von Thomas Baumgärtel aufgesetzt werden.
Neue Bilder des Ruhrgebiets, Bilder eines neuen Ruhrgebiets? Die doppelte Frage wird das Europäische Kulturhauptstadtjahr 2010 durchziehen: Die Antworten sind entscheidend für die Zukunft der Region.