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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Ruhr feiert Dort, wo man nicht dem Schein erliegt

10.01.2010 ·  Der angekündigte Schneesturm zwang das Revier nicht in die Knie: Die Europäische Kulturhauptstadt Ruhr wird in Essen planmäßig eröffnet, auch wenn die Tänzer auf der glatten Bühne nicht die großen Sprünge wagen. Nur Grönemeyer hüpft zur neuen Hymne.

Von Andreas Rossmann
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„0°“ blinkt die Anzeige beim Optiker an der Haltestelle Ernestinenstraße in Essen-Stoppenberg am Samstagnachmittag um 13.46 Uhr. Na, das geht ja noch. Doch der Schnee wirbelt. Das Tief Daisy streift die Europäische Kulturhauptstadt Ruhr 2010 nur, als Gänseblümchen aber will es nicht wahrgenommen werden, eher wie eine große reife Pusteblume. Zwei Stationen weiter auf der „KulturLinie 107“, wie die Straßenbahn zur Zeche Zollverein nun heißt, sind Räumfahrzeuge im Einsatz, Salz wird gestreut, Polizei weist den Luxuslimousinen die privilegierte Zufahrt, und die Shuttle-Busse zur Kokerei, wo der Festakt der Eröffnung, Wind und Wetter trotzend (siehe Rutsch, Party! - Das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas), im Freien steigt, wagen kaum mehr als Schritttempo.

Fritz Pleitgen trägt keine Pelzmütze. Wir sind ja nicht in Sibirien. „Hier bin ich, kommen Sie“, ruft er dem Bundespräsidenten zu, als der die von zwei Zuschauertribünen zum Rechteck ergänzte Spielstätte vor den Koksbatterien betritt und Frau Holle ihm die Sicht trübt. Da haben die Titelträger des Jahres 2009, Vilnius und Linz, schon den Staffelstab übergeben, die Partner Istanbul und Pécs Dreieinigkeit bekundet. „So was habe ich noch nie erlebt“, weicht Horst Köhler von seinem Redemanuskript ab und stimmt ein in den Mut zur Improvisation: „Es könnte gar nicht besser sein.“ Die Ansprachen bleiben kurz und klingen, wie sie Dankesliturgie, Streicheleinheiten für die geschundene Region, Malocherstolz und – die Europäische Kulturhauptstadt als Signal – Zukunftsversprechen verbinden, fast so, als hätte derselbe Ghostwriter sie verfasst. Am meisten überrascht, dass der Präsident der EU-Kommission mit ganz passablen Deutsch- und nicht ganz so passablen Detailkenntnissen aufwartet: „Und Fußball wird hier auch gespielt, habe ich gehört“, mimt er den Halbinformierten. Dabei war José Manuel Barroso schon sieben Jahre alt, als der BVB 09 am 4. Dezember 1963, damals noch im Stadion Rote Erde, Benfica Lissabon mit fünf zu null nach Hause schickte.

Weil man nur aufs Sein was gibt

Es war richtig, vor Wind und Wetter nicht einzuknicken. Denn die Industriekulisse der Kokerei mit ihren Stahlgerüsten und -galerien ist für die Show, die Gil Mehmert mit Studenten der Folkwang-Hochschule inszeniert hat, schon die halbe Miete, und auch Daisy spendet, indem sie kräftig nachpudert, ästhetischen Mehrgewinn. Wie von der Perkussions-Band „Stomp“ inspiriert, fängt es an, Fässer, Stahlrohre und Eisenreste, auch Feuer und Flammen bringen den alten Ruhrpott schräg und scheppernd zum Klingen. Nichts Gelecktes, Prätentiöses oder gar Pompöses hat die Aufführung, auch wenn ihre Zeitreise, die so jung, rhythmisch, schroff und „brut“ begonnen hat, mit der Annäherung an die Gegenwart musicalglatter und mainstreamiger wird. Dass die fulminanten Tänzer witterungsbedingt keine ganz große Sprünge wagen können, sollte nicht metaphorisch verstanden werden; dass ihre immer noch hochfliegenden Einlagen von Besenschiebern und Salzstreuern vorgesichert werden müssen, aber setzt eine Ruhrgebiets-Devise ins Bild: Erst kommt die Arbeit, dann die Kultur.

Der Aufforderung zum Mitmachen können sich die Zuschauer von vornherein nicht entziehen: Wartet auf jedem Schalensitz doch ein Survival-Kit, bestehend aus Decke, Hintern- und Handwärmer sowie einem Regencape, das blockweise die Farbe ändert, um das Publikum das Logo der Kulturhauptstadt buchstäblich nachsitzen zu lassen. So stärkt das Wetter wie einst die Maloche das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Um 16.14 Uhr ist es dann so weit. Herbert Grönemeyer hüpft aus der Rostkulisse und führt, begleitet von den Bochumer Symphonikern und einem Kinderchor, seine heiß erwartete Ruhr-Hymne auf. Na ja – das Zeug zum Ohrwurm wie der Song „Bochum“, der über das Spiel mit den Klischees deren Um- und Neubewertung betreibt, hat die Auftragsarbeit kaum, dafür menschelt es in „Komm zur Ruhr“ zu viel, und das von Anfang an: „Wie ein rauhes Wort dich trägt, weil dich hier kein Schaum erschlägt / Wo man nicht dem Schein erliegt, weil man nur auf Sein was gibt.“

Ernestinenstraße: „- 1°“

So setzt das Lied, lyrisch hochtrabend, auch die ZDF-Gala vom Freitagabend aus dem Musiktheater im Revier fort, die sich so einfältig wie vielstimmig in dem Evergreen erging, dass es die liebenswerten, bodenständigen, solidarischen und ganz wunderbaren Menschen sind, die das Ruhrgebiet einzigartig machen – ein seit mindestens vierzig Jahren gepflegter Gemeinplatz, den ständig wiederaufzuwärmen eher als Trostpflaster denn als Treibriemen für die Metropolenwerdung dient. Wobei es ein Desiderat im Programm der Kulturhauptstadt ist, die Paradoxie dieses Talkshow-Topos einmal kritisch zu beleuchten, wird er doch gerade von Stars und Sternchen kultiviert, die im nächsten Atemzug ausplaudern, dass sie mittlerweile in L.A., London, Berlin oder auch nur in Bergisch Gladbach wohnen.

Es passt schließlich zum „Bitte-alle-Mitmachen“-Aufruf der Kulturhauptstadt Ruhr, dass genau in dem Moment, da der offizielle Festakt für die geladenen Gäste ausklingt, das Schneetreiben auströpfelt. Das große „Kulturfest“, für das sich das Gelände anschließend öffnet, bringt, so die Veranstalter, etwa hunderttausend und damit sehr viel mehr Menschen auf die Beine, als die Zeche Zollverein in ihrem „ersten Leben“ je gesehen haben dürfte. Als größte, modernste und produktivste Schachtanlage am 1. Februar 1932 in Betrieb und zu Weihnachten 1986 vom Netz genommen, hatte sie die Arbeitsabläufe weitgehend automatisiert, und so steht ihre Ernennung zum Weltkulturerbe 2001 und ihre behutsame Umwandlung in ein Kultur- und Kunstzentrum stellvertretend für den Wandel des alten Kohlenpotts. Das Ruhrgebiet ist, daran lässt die Eröffnung der Kulturhauptstadt keinen Zweifel, auf dem Weg und lässt sich von Wind und Wetter nicht bremsen. Um 19.41 Uhr blinkt die Anzeige beim Optiker an der Haltestelle Ernestinenstraße: „– 1°“.

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Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

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