Home
http://www.faz.net/-gt3-6k2lk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Alte Synagoge in Essen Ein Superman mit Davidstern

17.07.2010 ·  Nun ist das Haus nicht länger verwaist oder von unverständigen Stiefeltern adoptiert: In Essen wird die zentral gelegene Alte Synagoge nach zweijährigem Umbau glanzvoll zum Haus jüdischer Kultur umgewidmet.

Von Andreas Rossmann
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

„Alte Synagoge“ steht noch auf den Hinweisschildern. So schnell wie das Baudezernat, das sie in knapp zwei Jahren in ein „Haus jüdischer Kultur“ umgestaltet hat, arbeitet das Straßenverkehrsamt in Essen nicht. Jeder in der Stadt kennt das Gebäude, vierzigtausend Autos rollen täglich vorbei. Die alte Verbindung zu Münster und evangelischer Marktkirche ist abgeschnitten durch den Verkehr; die altkatholische Friedenskirche grenzt an den gleichen, mit dem Jahrhundertbrunnen besetzten Platz.

Selbst das 106 Meter hohe Rathaus, das die Synagoge seit 1979 überragt, kann sie nicht in den Schatten stellen. Zu imposant erhebt sich der mit Muschelkalk verkleidete Werksteinbau, der mit seinen gedrungenen Formen und der 34 Meter hohen Kuppel den Eindruck einer Trutzburg erweckt. Die damals größte und für viele schönste Synagoge in Deutschland sollte „Mittelpunkt für einen Teil der Stadt“ sein: Selbstverständnis, Zukunftsoptimismus und Integrationswille der Jüdischen Gemeinde, die an dem von der Industrialisierung beschleunigten Wachstum der Stadt entscheidenden Anteil hatte, fanden darin ihren Ausdruck. Gebaut für die Ewigkeit, weder Nationalsozialisten noch der Zweite Weltkrieg konnten sie zerstören.

Der Bau als Gesamtkunstwerk

Wer das Haus, das zuletzt als Gedenkstätte diente, heute wieder betritt, reibt sich die Augen. Was für ein Raumerlebnis - hell, tief und einladend! Eingebaute Zwischenwände und Verwaltungsräume wurden herausgenommen, Lampen und Leuchten entfernt, die Fenster freigestellt, alle vier Treppenhäuser in den Ecken geöffnet. Apricot-Töne wärmen Wände und Böden, das Innere der Kuppel enthebt sich in Fliederblau. Das bunte Mosaik über dem offenen Toraschrein mit dem hebräischen Schriftzug „Wisse, vor wem Du stehst“ funkelt in der Sonne. Das Haus ist profaniert, doch seine synagogale Struktur wieder emotional erfahrbar. Für die Jüdische Gemeinde, die in Essen vor dem Zweiten Weltkrieg 4700 und heute etwa 750 Mitglieder hat, wäre es zu groß. Schon 1959 hat sie an der Ruhrallee eine neue Synagoge errichtet.

„Neue Synagoge“ hieß auch das Haus, das am 25. September 1913 eingeweiht wurde und den Vorgängerbau von 1869 ablöste. Edmund Körner (1874 bis 1940), ein christlicher Architekt, der von 1911 bis 1913 Entwurfsleiter im Essener Hochbauamt war, hatte den Wettbewerb gewonnen, dann aber in engem Zusammenwirken mit dem Rabbiner einen anderen Entwurf umgesetzt: Sein Monumentalbau wollte zwischen Tradition und Moderne, Abendland und Orient vermitteln und konnte, so ein zeitgenössischer Kommentar, „nicht mehr ausschließlich eine Angelegenheit der Gemeinde sein“. Die gestalterischen Elemente stehen im Zeichen des Jugendstils, das reiche bildliche und plastische Ausstattungsprogramm erhebt den Bau zum Gesamtkunstwerk. Die Steigerung vom Vorhof über die Vorhalle in das religiöse Zentrum, den kreisrunden Versammlungsraum, war von außen abzulesen.

Ein Stück Schuld-, Scham- und Verdrängungsgeschichte

Schon im Februar 1932 hat es einen Anschlag der Nationalsozialisten auf die Synagoge gegeben. Äußerlich unbeschadet übersteht sie die Pogromnacht, im Innern aber wird ein Brand gelegt, Fenster und Ausstattung werden verwüstet. Während des Krieges wird im Keller ein Luftschutzbunker eingerichtet, nur der Vorhof wird beschädigt und später abgerissen. Danach steht die Synagoge lange leer, als steinerner Zeuge des Terrors. Vorschläge der Jüdischen Gemeinde, das Gebäude für kulturelle Zwecke zu nutzen, wie Stimmen aus Israel, eine Gedenkstätte einzurichten, finden wenig Gehör.

Was folgt, ist ein Stück Schuld-, Scham- und Verdrängungsgeschichte der jungen Bundesrepublik: 1960 kommt die Immobilie in den Besitz der Stadt, die ein Jahr später das „Haus Industrieform“ dort unterbringt, in dem formschönes Design - von der Tischlampe bis zur Toilettenschüssel - ausgestellt wird. Der Innenraum wird völlig entstellt, die Kuppel mit einer rechteckigen Decke abgehängt. Erst ein weiterer Brand, ausgelöst von einem Kurzschluss 1979, verhilft Überlegungen zum Durchbruch, das Haus in eine Gedenkstätte umzuwidmen: Am 9. November 1980 wird sie, innen weitgehend unverändert, mit der Dauerausstellung „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945“ eröffnet, die von der jüdischen Bevölkerung keine Notiz nimmt. 1988 kommt mit „Stationen jüdischen Lebens“ eine zweite Ausstellung dazu.

Eine Ahnung des Verlusts

Schon damals beginnt Edna Brocke, die kurz zuvor die Leitung übernommen hatte, eine Neukonzeption zu erarbeiten: „Ich möchte den Trauerflor über dem Haus lüften, den allein rückwärts gewandten Blick überwinden“, sagt die in Jerusalem geborene Judaistin, eine Nichte von Hannah Arendt: „Die vielfältige Existenzform des Judentums als ,Way of Life' und als lebendige Religionsgemeinschaft findet kaum Beachtung.“ Erst die Europäische Kulturhauptstadt Ruhr 2010 nimmt die letzte Hürde. Das Land Nordrhein-Westfalen trägt achtzig Prozent der Kosten von 7,8 Millionen Euro; für den Anteil der klammen Stadt springen vierzehn Stifter und Sponsoren ein. Ein kulturelles Zentrum mit Führungen, Lehrhäusern, Donnerstagsgesprächen, Filmen, Konzerten soll entstehen.

Die fünf Dauerausstellungen sind als Begleitprogramme angelegt: Auf der Orgelempore über dem Toraschrein wird die Geschichte des Hauses erzählt, in dem Seminarraum darunter „Quellen jüdischer Tradition“ gezeigt. Auf der Frauenempore steht zwischen Kochbüchern und Kinoplakaten, Tanz-Station und Bücherregal ein Multi-Touch-Screen, auf dem sich die Jüdischen Welten von neun Metropolen aufrufen lassen, in einer Vitrine liegen Kippot neben einem Superman-T-Shirt mit Davidstern und einer Baseballkappe mit dem Wappen von Israel. An den Seiten der Empore werden „Jüdische Feste“ illustriert, auf dem Mezzanin die Geschichte der Gemeinde dokumentiert. In der Fotogalerie hängt Marcel Reich-Ranicki zwischen Bar Refaeli und Ilja Richter.

Erstes Ausstellungsstück aber bleibt das Haus selbst, das nun nicht länger verwaist oder von unverständigen Stiefeltern adoptiert wird. Seine Größe und seine Geschichte, Pracht und Reichtum lassen erahnen, was der Verlust der jüdischen Kultur für eine Stadt wie Essen bedeutet hat. Wie sich der Bau mit seiner breiten Treppe zu dem neuen Vorplatz öffnet, kann er, wie einmal gedacht, zu einem „Mittelpunkt für einen Teil der Stadt“ werden.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

Jüngste Beiträge

Vorletzte Werte

Von Thomas Thiel

Die Welt hat eine neue Religion: „Kopinismus“ nennt sich der offiziell anerkannte Glaube an das Filesharing als höchsten Lebenssinn. Es geht aber nicht um letzte, sondern um strategische Werte. Mehr