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Wessis in Sachsen Geht doch rüber!

03.08.2009 ·  Die Entvölkerung in Ostdeutschland macht Schlagzeilen. Wir sind den umgekehrten Weg gegangen. Warum es glücklich machen kann, zu Menschen zu ziehen, die einmal auf den Kopf und wieder zurück gestellt wurden.

Von Andreas Platthaus und Tobias Rüther
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Den Frauen hinterher: Die Entvölkerung in Ostdeutschland macht Schlagzeilen. Wir sind den umgekehrten Weg gegangen. Warum es glücklich machen kann, zu Menschen zu ziehen, die einmal auf den Kopf und wieder zurück gestellt wurden.

Was für ein Land
Von Andreas Platthaus

Das wird eine Liebeserklärung. An ein Stück Land, das es für mich vor 1989 gar nicht gab. Oder nur so, wie Staaten in Geschichtsbüchern vorkommen - als abstraktes Wissen, aber ohne jede Anschaulichkeit, geschweige denn Sympathie. Ich besaß keine Verwandtschaft in der DDR, in der Schule hatte es die anderswo übliche Berlin-Reise mit dem obligatorischen Ausflug in den Ostteil der Stadt nicht gegeben, und warum sollte ich privat in ein Land fahren, das mich nur unter strengen Kontrollen und gegen Zwangsumtauschgebühr dulden wollte? Ich komme aus einer Stadt, die so westlich liegt, wie es die Bundesrepublik ermöglicht, und nach Belgien oder Holland zu fahren war dort Alltag. Grenzen? Wer so etwas aufrechthielt, brauchte auf meinen Besuch nicht zu rechnen.

Anfang der neunziger Jahre verschlug mich die Liebe in den Südwesten der Republik, noch weiter weg von Ostdeutschland. Aber Liebe ernährt die Menschen nicht. Und sie reicht auch nicht notwendig hin, um ein unglückliches Berufsleben auszugleichen. Meine Freundin arbeitete in Stuttgart als Staatsanwältin. Das ist Pflichtstation für Juristen, die vom Land Baden-Württemberg eingestellt werden. Doch Martina ist mit Leib und Seele Richterin. Zum Jahresbeginn 1993 stand in den fünf ostdeutschen Bundesländern die große Gerichtsreform bevor: Die alten Strukturen wurden zugunsten des in Westdeutschland geltenden Systems der vierstufigen Gerichtsbarkeit abgeschafft. Es gab aber nur wenige Juristen aus der DDR, die nach 1989 in den Staatsdienst übernommen wurden. Also suchte man dringend nach erfahrenen Kräften aus dem Westen. Und Baden-Württemberg war gemeinsam mit Bayern Aufbaupartnerland im Freistaat Sachsen.

Es war alles anders

Gemeinsam mit drei weiteren Kollegen von der Staatsanwaltschaft bewarb sich Martina auf freie Stellen als Vorsitzende Richter in Sachsen. „Sind Sie planmäßig?“ Das war die einzige Frage, die damals aus dem Justizministerium in Dresden kam, man suchte Juristen jenseits der Probezeit. Das war die Staatsanwältin aus Stuttgart. Landgericht Bautzen - so lautete das Angebot. Also fuhren wir kurz danach, im Herbst 1992, an einem strahlenden Tag von Tübingen los, um uns Bautzen anzusehen. Über die Stadt glaubte man einiges zu wissen, gerade als Jurist.

Es war alles anders. Bautzen liegt wie eine Krone auf einem steilen Felsen, und das „gelbe Elend“, der ehemalige Stasi-Knast, war weitgehend unsichtbar. Die Stadt bietet schönstes Mittelalter, doch das tut Tübingen auch, und Bautzen ist kleiner. Der Weg von Schwaben, wo ich noch einige Zeit studieren würde, hierher war lang, denn die Autobahn hörte hinter Dresden auf, und auch vorher war es nicht gerade eine Spazierfahrt über die alten Transitstrecken, die an vielen Stellen noch nicht erneuert waren. Mit dem Zug brauchte man damals mehr als neun Stunden, und auch mit dem Flugzeug wäre man angesichts des Weges zum Dresdner Flughafen nicht viel kürzer, dafür aber teurer unterwegs gewesen. Zu viele Einschränkungen für eine Fernbeziehung. Martina sagte dem Ministerium in Dresden ab. Bautzen liege leider zu ungünstig.

Sachsen aber brauchte Richter. So kam einige Tage später ein Anruf: Ganz überraschend sei eine Stelle am Landgericht Leipzig frei geworden. Die könne man anbieten. Leipzig bedeutete mindestens drei Stunden weniger Fahrt, egal, welches Verkehrsmittel man wählte. Und es ist die weitaus größere Stadt. Martina sagte zu.

Beim Garnevalsglub Grünau

So ging sie am 1. Januar 1993 nach Leipzig und zog nach ein paar Tagen Untermiete, wie sie in der DDR zu Messezeiten üblich gewesen war, in eine möblierte Einraumwohnung im Plattenbauviertel Grünau. Renovierte Häuser im Stadtzentrum gab es kaum, und sie waren sogar im Vergleich mit Stuttgart oder Tübingen sündhaft teuer. Im Plattenbau wiesen die Türen derart breite Spalten auf, dass man aus dem Treppenhaus alles hören konnte, und im Wohnzimmer war seitlich an der Schrankwand kopfüber eine Dreiliterflasche Asbach Uralt mit Kneipenspender angebracht, die bereits bis auf ein Viertel geleert war. Zurückgebliebenen Flugblättern konnten wir entnehmen, dass hier zuvor der GGG sein Domizil hatte - der „Garnevalsglub Grünau“.

Ich wohnte weiterhin mitten in Tübingen. Martina hielt es keine zwei Monate in der Platte aus, dann zog sie in eine leere, gerade renovierte Altbauwohnung im Osten der Stadt um - der einzigen im Haus. Von hier aus erkundeten wir an den Wochenenden Leipzig und Umgebung. Ich kaufte dort meine ersten sächsischen Brötchen und ergötzte mich an der Entschuldigung der Bäckersfrau, die seien leider noch knusprig. Labbriges Brot war sonst die Regel. Und dann diese Sucht nach Konsum: Als wir uns in Zwenkau nach dem Weg zu einer Bauhaus-Villa erkundigten, schickte man uns in den örtlichen Baumarkt. Sachsen erschien mir wie ein fremdes Ferienland, in dem ich mich allerdings fließend verständigen konnte.

Die besten Gespräche

1995 zog ich endlich nach. Seitdem betrachte ich mich als Leipziger, auch wenn wir vier Jahre lang in Dresden lebten, wohin Martina versetzt worden war und ich niemals schöner gewohnt habe als dort. Unter uns, in einem ehemaligen Beamtenhaus der Vorkriegszeit, lebte ein Physiker, der in der DDR auf den Parteieintritt verzichtet hatte - und damit auch auf die Karriere. Nach der Wende wurde er endlich Professor, für die paar Jahre, die ihm bis zur Emeritierung noch blieben. Im Gespräch mit ihm lernten wir die feinen Abstufungen der Anpassung im Sozialismus kennen, und sein Zorn auf die Wendehälse und Heuchler war auch ein Dutzend Jahre nach den Ereignissen ungebrochen. Was für ein Land, das solche Menschen hat.

Seit 2005 sind wir wieder in Leipzig, auch wenn ich unter der Woche in Frankfurt am Main arbeite. Aus Sachsen möchte ich, der ich als bloßes Anhängsel dort angekommen bin, nicht mehr weg, denn die Widersprüchlichkeit der Jahre seit 1989 macht das Leben täglich zum Abenteuer aus Selbstbefragung und Fremdeinschätzung. Ich bin nie als Wessi abqualifiziert worden, und ich halte mich mit Vorwürfen zurück. So entstehen Gespräche - die besten, die man sich wünschen kann.

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Eine sachliche Romanze
Von Tobias Rüther

Die Sache ist nicht so einfach. Lauter falsche Anfänge fallen mir ein. Zum Beispiel wollte ich erst schreiben, wie sehr es mich geärgert hat, dass die Bahn auf ihrer ICE-Strecke zwischen Hamburg und Berlin Kuchen und Zeitungen und Getränke verschenkte, weil es auf den baufälligen Gleisen zu massiven Verspätungen kam. Monatelang war ich andererseits zwischen Dresden und Frankfurt am Main gependelt, in abgewrackten Ersatzzügen, weil kein ICE mehr fuhr, die mussten gewartet werden, und nie hatte es Kuchen umsonst gegeben, dafür Verspätungen, unberechenbare Anschlüsse, entnervte Schaffner, noch entnervtere Fahrgäste, randvolle Waggons, Gerüche, Elend. Aha, dachte ich, der eine Zug bringt eben Westler vom Westen in den Westen (Berlin hält sich ja dafür), in dem anderen sitzen nur Ossis, die in den Westen zum Arbeiten müssen und irgendwann auch wieder zurück. Aber ich will mich nicht beschweren. Es wäre ja noch schöner, wenn man von West nach Ost zieht und sich als Erstes ein Klischee einfängt: das des Jammerossis.

Und schon wieder ein falscher Anfang; und gleich noch dazu meine Nachbarn beleidigt. West und Ost, das ist immer noch schweres Gelände. Vorsichtshalber gebe ich daher „Westler im Osten“ bei Google ein und werde sofort zurückgefragt: „Meinten Sie Wrestler im Osten?“ Selbst Google geht also offenbar davon aus, dass es im Osten vor allem Menschen gibt, die mit sich ringen.

Die Stadt ist jung

Dabei ist das hier eine glückliche Geschichte. Als ich meiner Freundin hinterher nach Dresden zog, war der Mauerfall fast zwanzig Jahre vorbei. Und dort, wo ich heute wohne, ist die Stadt so jung, dass die meisten, die dort auch wohnen, zu klein waren, um sich noch an Honecker zu erinnern. Was sie von der DDR wissen, haben ihnen ihre Eltern und Großeltern erzählt. Mit meiner Friseurin unterhalte ich mich über Mario Barth und die Vorteile von Studi-VZ gegenüber Facebook, nicht über die Stasi und Karl-Heinz Kurras (und auch nicht darüber, warum sie wie ungefähr jede andere Frau im Osten ihre Haare gefärbt hat, jedenfalls kommt mir das so vor).

Die Jugendlichkeit der Dresdner Neustadt täuscht, denn auch Sachsen gehen die Leute aus, weswegen meine Anmeldung auf dem Bürgeramt so überschwänglich war, dass ich mich nicht gewundert hätte, wenn eine Blaskapelle um die Ecke und der damalige Oberbürgermeister persönlich gekommen wären, um mich zu begrüßen. Aber als ich das nächste Mal zum Amt musste, merkte ich: Die sind hier immer so. Mein Bürgerbüro hat jeden Tag von neun bis achtzehn Uhr geöffnet, nicht wie im Westen montags und donnerstags von sieben bis zwölf, dienstags gar nicht und mittwochs für die Buchstaben Q - Z eine Viertelstunde lang am Nachmittag, aber nur in Schaltjahren.

„Wir mussten sofort alles können“

Die Schriftstellerin Monika Maron erzählt in ihrem neuen, tollen Reportagebuch „Bitterfelder Bogen“ über einen ostdeutschen Banker, der unbedingt Sparkassenvorstand in einer Kleinstadt werden wollte, hundertmal abgelehnt wurde und sich dann einfach erfolgreich selbständig machte. Der Mann ist Skatspieler, bei seinen Partien mit Kollegen aus Westdeutschland habe er gemerkt, dass die am liebsten mit einem deutschen Blatt und nicht wie er mit einem französischen spielten. „Und weil das Spielen mit den deutschen Karten zu einem Chaos geriet“, schreibt Monika Maron, „sei er, aus Kulanz und problemlos, auf die französischen umgestiegen, weil er eben beides konnte. Können Sie sich das Chaos vorstellen, wenn die Ossis die Wessis übernommen hätten? Keine Anpassungsfähigkeit, nur eingefahrene Bahnen, sagt er; wir mussten sofort alles können.“

Mich rührt diese Passage, ich habe sie wieder und wieder gelesen, denn sie macht mich ein bisschen stolz auf etwas, das ich gar nicht getan habe. Ich bin ja nur zugezogen zu Leuten, die einmal auf den Kopf und wieder zurück gestellt worden sind und sofort alles können mussten. Aber man kann nicht in die Mentalität anderer Leute einziehen, sie sich zulegen wie andere Leute einen Stock oder einen Hut (würde Erich Kästner sagen, ein neuer Nachbar von mir). Ein Renegat will ich genauso wenig sein. Natürlich weiß ich, dass es nicht überall geklappt hat mit dem Umschwung, oft genug wurde ein Absturz daraus, aber mich ärgert, wenn Kritik im Osten oft als Phänomen aus dem Westen verstanden wird, wenn es für das Wohlbefinden unentbehrlich scheint, dass Politiker auf der Scholle geboren und nicht importiert wurden, wenn man über den schlechten Fußball von Energie Cottbus hinwegsehen soll, weil es für das Klima wichtig ist, dass wenigstens ein Verein aus dem Osten in der Bundesliga spielt.

Wie schön das hier ist

Aber ich habe diese schwindligen Jahre nach 1989 auch nicht miterlebt, als die Treuhand - Monika Maron schreibt noch einmal davon - Betriebe lieber dubiosen Unternehmern aus dem Westen anvertraute als den einstigen Angestellten aus dem Osten, die sich zusammentaten, weil sie den Laden ja kannten; als ein Banker sich hundertmal bei den kleinsten Sparkassen bewerben musste und nie genommen wurde, weil er aus dem Osten stammt. Ich bin erst gekommen, als sich alles wieder gesetzt hatte, doch ich fahre mit dem Zug - jetzt ist es wieder ein ICE - zweimal die Woche zwischen Bad Hersfeld und Dresden-Neustadt an genügend Industrieruinen vorbei, um zu ahnen, wie viel hier kaputt war und -ging. Seit die Krise da ist, denke ich: Jedenfalls ist die eine Hälfte des Landes vorbereitet, wenn die Gewissheiten gehen, um der anderen Hälfte mit dieser Erfahrung beizustehen. Oft denke ich aber einfach nur: Wie schön das hier ist. Thüringen im Indian Summer, die Weinberge danach, das weite Land und die Parks, letztes Jahr in Bad Kösen.

Dann steige ich am Bahnhof Neustadt aus und merke wieder einmal, wie wenig Dresden auf Fußgänger eingestellt ist. Ich ärgere mich über die fehlenden Ampeln und Trampelpfade, und das ganz ohne Ostwestkonflikt. Eher wie ein Einheimischer. Man müsste mal eine Eingabe machen. Die Leute wissen hier ja, wie man anfängt. Auch, wenn die Sache nicht so einfach ist.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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