25.11.2006 · Ein Mann trainiert für seinen nächsten Urlaub: Charles Simonyi, Autor von Computerprogrammen wie Word und Excel, erfüllt sich einen langgehegten Traum und fliegt ins All. Für die F.A.Z. beschreibt Simonyi seine Vorbereitungen.
Von Charles SimonyiVor einigen Tagen habe ich mir einen interessanten Vortrag angehört. Der junge Forscher, ein Raumfahrtmediziner, erklärte sehr ausführlich, welche medizinischen Probleme bei der Raumfahrt auftreten und wie man ihnen begegnen kann. Ich war überrascht, wie beträchtlich diese Probleme sind. Sie reichen von der „Raumkrankheit“, einem komplexen Unwohlsein, das durch die Verwirrung der Gleichgewichtsorgane in der Schwerelosigkeit ausgelöst wird, über den Verlust von Wasser in den ersten Tagen, in denen der Körper herauszufinden versucht, was er braucht und was er nicht braucht, bis hin zu Muskel- und Knochenschwund. Wegen der ungewohnten Körperhaltung leiden Astronauten unter Rückenschmerzen, und da mehr Blut sich im Kopf sammelt, ist ihr Gesicht aufgedunsen.
Gut siebzig Prozent der Astronauten leiden unter einem oder mehreren Symptomen dieser Art. Durch Übungen vor Antritt der Fahrt können sie sich dagegen wappnen, etwa indem sie beim Schlafen eine Position einnehmen, in der ihr Kopf etwas tiefer liegt als der Körper. Das Training auf einem rotierenden Sitz dient gleichfalls diesem Zweck. Auch im Weltraum können sie sich durch körperliche Übungen fit halten, zum Beispiel in einer Tretmühle oder mit Expandern. Außerdem gibt es Medikamente. Nach dem Flug erfolgt eine Rehabilitation, hauptsächlich durch Ruhe und leichte körperliche Übungen.
Eine Röhre mit Sitzbank
Ich war der einzige Zuhörer dieses Vortrags. Er war Teil meines Trainingsprogramms für einen Flug ins All, den ich im April kommenden Jahres unternehmen werde. Ich bin ein privater Teilnehmer dieses Flugs, also ein Weltraumtourist, wie man gelegentlich sagt. Ich hörte mir den Vortrag aufmerksam an, denn wahrscheinlich werde ich die darin beschriebenen Symptome schon bald am eigenen Leibe erfahren.
Am Tag nach dem Vortrag besuchte ich die Fabrik, in der das Sojus-Raumschiff gebaut wird, mit dem ich ins All fliegen werde. In schwarzes Tuch gehüllt, erhebt sich das imposante Raumschiff vier Stockwerke hoch. Ein grünes Gerüst umgibt es wie eine Bastion. Wir steigen auf das Gerüst hinauf, um durch eine kleine Luke in das „Wohnzimmer“ des Raumschiffs zu klettern. Der erste Eindruck erinnert eindeutig an Jules Verne. Wir sind in einer Röhre mit Sitzbank. Über der Bank befindet sich ein Klapptisch, auf dem man ein einfaches Essen einnehmen oder ein paar Notizen machen kann. Neben dem hochgeklappten Tisch sehe ich ein wunderschönes altmodisches Messingmanometer, auf dem der Luftdruck abzulesen ist: 760 mm. Das werden wir später brauchen, um ständig prüfen zu können, ob die Druckverhältnisse im Raumschiff noch in Ordnung sind. An der Decke zwei einfache Lampen und ein Ventilator. An den Wänden diverse Gurte zur Befestigung von Ladung wie in einem alten Schrankkoffer.
Nicht der Platz zählt, sondern das Ziel
Mein Kommandant Oleg Kotow, Flugingenieur Fjodor Jurtschikchin und ich machen eine „Sitzprobe“, das heißt, wir prüfen, ob wir in die Landekapsel passen, die sich unter dem „Wohnzimmer“ befindet und über eine Luke im Boden erreicht werden kann. In Raumanzügen klettern wir nacheinander vorsichtig durch die Luke hinunter, um die brandneue Einrichtung, die dünnen Rohre und Instrumente nicht zu beschädigen. Da Oleg in der Mitte sitzt, steigt er als letzter ein und hilft mir, die sechs Sitzgurte zu schließen und die vier weiteren Verbindungen herzustellen. Wenn alles an Ort und Stelle ist, werden die Sitze durch einen hydraulischen Kolben etwa dreißig Zentimeter angehoben. Er soll bei der Rückkehr den Aufschlag auf den Boden ein wenig dämpfen.
Haben Sie schon einmal ein altes Segelschiff gesehen, zum Beispiel die „Wasa“ in Stockholm? Mir kam dabei immer in den Sinn, wie eng die Mannschaft in diesen Schiffen zusammengepfercht war. Falls Sie einmal in einem Museum eine Sojus-Landekapsel sehen, werden Sie bestimmt dasselbe denken. Sie ist sehr eng. Wenn die Sitze in die Landeposition gebracht sind, bleiben angesichts der sich nach innen öffnenden Luke und der an den Wänden angebrachten Überlebensausrüstung nur ein paar Zentimeter übrig. Ich freue mich, berichten zu können, daß wir gut in die Kapsel paßten. Und ich beginne auch, die Seeleute des Mittelalters besser zu verstehen. Nicht der Platz zählt, sondern das Ziel.
Das große Ausrufezeichen Rakete
Das Training gibt mir das Gefühl, wieder in der Schule zu sein, dreißig Jahre nach dem Abschluß meines Studiums. Die Ausbildung besteht aus vier Fächern: Raumflugtheorie, Raumflugpraxis, Russisch und körperliches Training. Alle vier Fächer machen mir großen Spaß. In gewisser Weise setze ich damit Aktivitäten fort, die ich als Hobby oder in meinem Beruf bereits betrieben habe. Jetzt betreibe ich sie sehr intensiv und mit großartigen Lehrern. Statt des Universitätsabschlusses wartet auf mich am Ende des Projekts wie ein großes Ausrufungszeichen die Rakete.
Systemtheorie ist mein bestes Fach. Hier geht es darum, aus zerbrechlichen und gefährlichen Teilen etwas Zuverlässiges und Sicheres zusammenzubauen. Die Russen sind Meister in dieser Kunst, zum Teil, weil sie gegenüber ihren amerikanischen Kollegen beträchtliche Handikaps zu tragen hatten: einen Mangel an Ressourcen, einen Mangel an zuverlässigen Zulieferern und viele andere Probleme. Ich bin sehr darauf erpicht, ihre Art zu denken kennenzulernen. Stellen Sie sich vor, was man mit solchen unter Handikaps perfektionierten Techniken erreichen könnte, wenn man sie mit den unbegrenzten Möglichkeiten verbände, über die wir in Silicon Valley verfügen.
Die Schwerkraft verlangt das Gewicht zurück
Raumflugpraxis - in Simulatoren - macht großen Spaß, ist aber auch sehr nützlich. Ich bin Jetpilot und trainiere jedes Jahr vier Tage in Flugsimulatoren. Dort kann ich Notsituationen simulieren, die ich hoffentlich im Flugzeug oder im Raumschiff niemals erleben werde. Aber ich kann mich damit vertraut machen, so daß ich keine Angst mehr davor habe. Die Erfahrung der Schwerelosigkeit kann man sich heute schon über kommerzielle Angebote verschaffen (zum Beispiel nogravity.com), und das zum Preis eines Flugtickets der ersten Klasse. Ich habe es einmal zusammen mit Freunden ausprobiert, und es hat großen Spaß gemacht. Bei einem Flug dieser Art erlebt man den Zustand der Schwerelosigkeit ein Dutzend Mal jeweils etwa zwanzig Sekunden lang.
Wir befinden uns in einem Teil des Flugzeugs, in dem es weder Fenster noch Sitze gibt und die Wände wie auch Boden und Decke gepolstert sind. Das Flugzeug geht in den Sturzflug über, oder, genauer gesagt, seine Flugbahn beschreibt eine Parabel, und während des Sturzflugs erleben wir die Schwerelosigkeit. Natürlich können wir den Sturzflug nicht lange fortsetzen. Nach etwa zwanzig Sekunden und noch in sicherer Höhe fängt der Pilot das Flugzeug ab und geht wieder in den Steigflug über. Bei dieser Richtungsänderung fühlen wir uns schwerer als normal. Es ist, als verlangte die Schwerkraft den Gewichtsverlust zurück, den wir uns während des Sturzflugs ausgeliehen hatten.
Ich liebe die Unterschiede
Der Russischkurs gefällt mir ebenfalls sehr, weil ich gerne Fremdsprachen lerne. Ich liebe die Unterschiede, und besonderen Spaß habe ich am Aufspüren von Verbindungen. Manche alten russischen Worte sind sehr lustig. So bedeutet „Perukmaker“ nicht etwa „Perückenmacher“, sondern „Friseur“. Ein weiteres Beispiel wäre „Stangenzirkul“ - aber das können Sie selbst nachschauen.
Das neuere Russisch ist dagegen prosaischer. „Sportsmen“ bedeutet „Sportler“ und „sportsmenka“ entsprechend „Sportlerin“. Ich muß eine Menge technischer Ausdrücke lernen und auch Alltagsrussisch, um mich mit den Menschen in meiner Umgebung verständigen zu können. Als Ingenieur fällt mir die technische Sprache erheblich leichter. Die zahlreichen Abkürzungen aus dem Bereich der Raumfahrt unterscheiden sich nicht sonderlich von den Abkürzungen, die Piloten oder Software-Entwickler benutzen.
Das körperliche Training war mir aus gesundheitlichen Gründen schon immer wichtig, doch hier betreibe ich es noch intensiver, mit Ärzten, die meine Leistungsfähigkeit prüfen, und Trainern, die dafür sorgen, daß ich mein Potential auch ausschöpfen kann. Die Sporteinrichtungen in Star City sind ausgezeichnet. Neben den üblichen Übungsgeräten steht auch ein olympiataugliches Schwimmbecken zur Verfügung. Im Umkleideraum findet man immer noch den Spind, den Juri Gagarin, der erste Mensch im All, benutzte. Hinter einer Glasscheibe sieht man seine Schuhe und seinen Tennisschläger. Für die nächsten Monate habe auch ich die Ehre, dort über einen mit meinem Namen gekennzeichneten Spind zu verfügen.
Das Raumfahrtprogramm braucht Unterstützung
Auch die Umgebung dient der Kräftigung. Jeden Morgen fahre ich mit dem Mountainbike zum Unterricht, manchmal durch frischgefallenen Schnee. Wenn erst der wirkliche russische Winter begonnen hat, werden wir drei ein Überlebenstraining absolvieren, bei dem wir einen Unterstand bauen und Feuer machen müssen, um den Elementen zu trotzen, bis die Rettungsmannschaft eintrifft. Da ich ein recht komfortables Leben gewöhnt bin, wird das etwas Neues für mich sein. Ich sehe in diesem Training einen sehr speziellen technischen Lehrstoff, auf den ich sehr neugierig bin.
Es stört mich nicht, wenn man mich einen Weltalltouristen nennt, denn das ist durchaus eine treffende Bezeichnung. Weite Teile des Weltkulturerbes werden durch den Tourismus erhalten. Das Pergamon-Museum in Berlin oder der Tempel im sizilianischen Segesta könnten nicht überleben, wenn nur die Schulkinder der Umgebung sie besuchten. Auch das Raumfahrtprogramm braucht Unterstützung, und die Russen sind - mit Hilfe der privaten amerikanischen Firma Space Adventures - sehr innovativ und unternehmerisch bei dem Versuch, den Tourismus als Einkommensquelle zu erschließen. Natürlich ist das Ticket für einen Flug ins All heute noch außerordentlich teuer, doch es gibt Menschen, die bereit sind, diese Preise zu zahlen. Ich werde der fünfte sein, der solch einen Flug unternimmt. Reisen ins All werden jedoch nicht billiger und der Weltraum wird nicht zugänglicher werden, wenn wir diese ersten kleinen Schritte nicht unternehmen. Wenn ich sehe, welche außergewöhnlichen Leistungen die Techniker und Ingenieure hier mit sehr bescheidenen Mitteln vollbringen, habe ich das Gefühl, mein Geld am richtigen Ort und für die richtige Sache auszugeben.
Die Erde als kleines blaues Sternchen
Aber warum sollte irgend jemand durch den Weltraum reisen? Diese grundlegende Frage ist nicht leicht zu beantworten, wie es auch nicht leicht ist, Fragen nach anderen Zielen und Bestrebungen der Menschheit zu beantworten. Dazu gibt es Schriftsteller, Künstler oder politische und geistige Führer.
Und wie steht es mit den Wissenschaftlern? Sie haben wie alle Menschen ihre beruflichen und ihre privaten Ansichten. In ihren privaten Ansichten unterscheiden sie sich nicht von Ihnen und mir. Über manches wissen sie sehr viel, und für andere Dinge besitzen sie nur wenig Gespür. Verschiedene Menschen haben verschiedene Ansichten. Doch in ihren beruflichen Meinungen sind fast alle Wissenschaftler der Ansicht, daß der bemannte Raumflug nicht den richtigen Weg zur Erweiterung der Wissenschaft darstellt. Natürlich ist er der richtige Weg zur Fortentwicklung der schönen Wissenschaft des bemannten Raumflugs, aber das ist eine zirkuläre Argumentation.
Unbemannte Raumsonden sind besser geeignet, zum Saturn oder Pluto zu fliegen oder den Mars zu umkreisen, um wissenschaftliche Messungen vorzunehmen. Haben Sie die Bilder gesehen, die die Raumsonde Cassini von der sonnenbeleuchteten Rückseite des Saturns geschossen hat? Zwischen den Ringen hindurch kann man sogar die Erde als kleines blaues Sternchen erkennen. Oder die Infrarotaufnahme des Andromedanebels, auf der zu erkennen ist, daß eine kleinere Galaxie mit ihm kollidiert? Jede Woche erhalten wir inzwischen von Raumsonden atemberaubende Bilder, die wir alle im Internet bewundern können. Die wissenschaftliche Erforschung des Weltraums verdient unsere Unterstützung und sollte nicht gegen den bemannten Raumflug ausgespielt werden. Aber wir dürfen uns auch nicht der Illusion hingeben, der bemannte Raumflug ließe sich durch benennbare praktische Entdeckungen rechtfertigen, auf die wir mit Sicherheit zählen dürften, denn solche Hoffnungen könnten sehr leicht enttäuscht werden.
Keine Bibliothek in der Raumstation
Was nun die Schriftsteller angeht, so fiel mir auf, daß es in der Raumstation keine Bibliothek gibt. Sie ist angefüllt mit Tonnen technischer Ausrüstungen, die fast den Korridor versperren, aber das ist ein anderes Thema. Ein Vorzug meines Status als Tourist wird darin liegen, daß ich Bücher mitnehmen darf. Ich werde Heinleins „Der Mond ist eine herbe Geliebte“ in englischer Sprache und Goethes „Faust“ im Original wie auch in der sehr zugänglichen und mit Erläuterungen versehenen englischen Übersetzung von Walter Kaufmann zur Raumstation ISS mitnehmen. Ich werde sie dort lassen, damit auch andere Besatzungen sie lesen können. Aber werden sie Zeit zum Lesen haben? Sie sollten sie sich nehmen.
Niemand bestreitet die Notwendigkeit des Schlafs und der übrigen alltäglichen Funktionen einschließlich der sportlichen Betätigung. Warum also diese Bücher? Ich wollte schon immer mehr im „Faust“ lesen, fand aber nie die Zeit dazu. Und „Faust“ scheint mir die rechte Gestalt zu sein, über die man im All nachdenken sollte. Heinleins Roman war vor langer Zeit eines meiner Lieblingsbücher, und es wird interessant sein, es in einem ganz anderen Kontext erneut zu lesen - neu in der Zeit wie auch im Raum. In Gedanken an den ersten Satz - „In der Lunaja Prawda habe ich gelesen, daß der Stadtrat von Luna City ein neues Gesetz zur Besteuerung von Lebensmittelhändlern verabschiedet hat“ - muß ich jetzt schon lächeln.
Aufregend und abenteuerlich
Da Raumflüge immer noch so selten sind, fühle ich mich verpflichtet, meine Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu teilen, und zwar über eine Website (charlesinspace.com), auf der Besucher sich Bilder anschauen, im Blog lesen und auch Fragen stellen können. Vor allem möchte ich damit Kinder ansprechen, denn sie haben eine sehr positive Einstellung zum Weltraum. Der Weltraum hat etwas Aufregendes und Abenteuerliches, er bietet seltsame und lustige Situationen, also alle Elemente des Märchens. Aber genau so sollte die Wissenschaft für Kinder sein, und es fällt nicht schwer, diese Verbindung herzustellen.
Das Leben auf der Erde hat sich in seiner Evolution den dort herrschenden Bedingungen angepaßt. Unser Körper warnt uns vor dem Weltraum. Viele biologische Prozesse zur Kontrolle des Blutkreislaufs und des Zellwachstums hängen offenbar von der Schwerkraft ab. Kein Wunder also, daß wir im Weltraum krank werden. Unser Körper scheint zu sagen: „Bleib zu Hause!“ Aber unser Verstand - und unser Herz sagen uns: „Suche!“ Und auch: „Hoffe!“ Das ist der Impuls, der mich treibt. Ich kann einen kleinen Schritt machen. Ich kann die zivile Raumfahrt voranbringen. Ich kann die Forschung auf der Raumstation unterstützen. Und ich kann meine Erfahrungen teilen.
Das wird die Risiken aufwiegen, von denen der Raumfahrtmediziner mir erzählt hat.
Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff