30.04.2010 · Eine Manifestation der aktuellen Weltordnung: Die an diesem Freitag feierliche eröffnete Expo in Schanghai ist das Idealbild dessen, was sich die chinesische Regierung unter einem harmonischen Kulturdialog vorstellt.
Von Mark Siemons, PekingFür den Westen sind Weltausstellungen eine peinliche Kindheitserinnerung. Ja, so waren wir einmal, daraus sind wir entstanden: aus diesem Fortschrittsoptimismus, dieser Technikgläubigkeit, diesem Nationalismus, diesem kämpferischen Geist, sich die Erde untertan zu machen. Von alldem wollen wenigstens die meinungsbildenden Schichten der Alten Welt heute nichts mehr wissen, und während man von den Privilegien lebt, die rauhe Eroberungszeiten den westlichen Ländern im globalen Maßstab erworben haben, sucht man sich die dazugehörende Ideologie und das Pathos tunlichst vom Leib zu halten.
Dadurch haben die Weltausstellungen enorm an Bedeutung verloren. Man setzt sie zwar fort - mehr als ein Spektakel und als ein Mittel zur Absatzförderung mehr -, aber kulturell stehen sie für nichts mehr. Jede der letzten Weltausstellungen versuchte sich darin zu überbieten, die ursprüngliche Fortschrittsemphase durch die Betonung von ökologischer Nachhaltigkeit gleichsam durchzustreichen. Doch auch das besänftigte die Kritiker nicht.
Die Schau findet in einem Entwicklungsland statt
Diesmal aber findet die Expo zum ersten Mal nicht in einem jener Industriestaaten statt, die ihre müde Ironie im Angesicht des Ereignisses kaum verbergen können. Sondern, worauf der Veranstalter China in keiner offiziellen Erklärung hinzuweisen vergisst, in einem Entwicklungsland. Man mag das angesichts der gesamtchinesischen Wirtschaftsdaten in Frage stellen, doch kein Zweifel kann daran bestehen, dass dieses Land zu großen Teilen immer noch zu arm ist, als dass sein Hunger nach ökonomischem Wachstum, technischem Fortschritt und nationaler Stärke auch nur entfernt gestillt wäre. Jene in einem Teil der Erde als gestrig eingeschätzten Haltungen sind also im bevölkerungsreichsten und zugleich mächtiger werdenden Land der Erde noch keineswegs verfemt. Diese Ungleichzeitigkeit wird im Westen, der seine eigenen Rhythmen für die Rhythmen der ganzen Welt zu halten gewohnt ist, bisweilen unterschätzt.
Die chinesische Weltausstellung bringt ihre eigene Welt gleich mit. Laut jetzigen Schätzungen werden 65 Millionen der erwarteten siebzig Millionen Besucher, die diese Expo zur größten aller Zeiten machen sollen, aus China selbst kommen. Sie werden nicht zu dem großen Heer der Armen gehören, die sich die Eintrittspreise schwerlich leisten könnten, aber viele von ihnen werden aus einem Hinterland stammen, das nach wie vor weit entfernt von jener westlich geprägten „global community“ ist, der die Welt wie selbstverständlich offensteht. Für diese Besucher dürfte die Expo tatsächlich ein Schaufenster der Welt sein - und eine weitere Etappe jener „Öffnung“ Chinas, wie sie die Kommunistische Partei seit dreißig Jahren für sich in Anspruch nimmt.
China als Sponsor der nichtwestlichen Welt
Die Art der Weltdarstellung, wie sie auf Expos üblich ist, kommt dieser Partei sehr entgegen. Da präsentieren sich keine Gesellschaften mit ihren unberechenbaren politischen und kulturellen Kämpfen, sondern Staatsregierungen, unter besonderer Berücksichtigung ihrer wirtschaftlichen Interessen. So ist die Expo gewissermaßen das Idealbild dessen, was sich die chinesische Regierung unter einem harmonischen Kulturdialog vorstellt. Außer Staaten, Städten und Konzernen mitsamt deren symbolischen Abstraktionen ist kein Akteur vorgesehen. So werden sich auf dieser Expo vor allem Manifestationen der aktuellen Weltordnung besichtigen lassen. Erstmals nehmen fast alle Staaten der Welt teil - notfalls gesponsert durch China, das sich in den letzten Jahren vermehrt als inoffizieller Sprecher der nichtwestlichen Welt in Szene setzt.
Expo Shanghai
Mark Shen (Markshen1985)
- 30.04.2010, 19:22 Uhr