Home
http://www.faz.net/-gt2-6k2j7
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vatikan-Bibliothek Lesen heißt, die Zeit stillstehen zu lassen

05.07.2010 ·  Wir machen das nicht wie bei Google: Im September wird die Vatikanische Bibliothek nach dreijähriger Umbauzeit wieder geöffnet. Eine Baustellenbegehung mit dem Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche.

Von Hannes Hintermeier
Artikel Bilder (10) Slideshow Lesermeinungen (0)

Noch sieht es nicht so aus, als würde hier am 20. September die große Stille anbrechen. Das Rascheln der Blätter, das leise Quietschen von Gummisohlen auf Marmor - eine ferne Vorstellung. Noch dröhnt das Pressluftgehämmer hinter dem bretterverschalten Eingang im Erdgeschoss, wummert es in den steinernen Eingeweiden einer Palasthöhle. Wie immer, wenn Bauarbeiter ihrem Geschäft nachgehen, formen sie die Gegenwart nach ihren Bedürfnissen um. Fast möchte man rufen: Ruhe, meine Herren, hier lagert das Erbe des Abendlandes!

Die Büchertrutzburg wird seit dem 14. Juli 2007 umgebaut. Eine der wertvollsten Sammlungen der Welt macht einfach Pause; ihre Schätze werden bewahrt, aber die Forschung ruht. Die Bibliothek führt, gemessen am Interesse der Welt, ein Schattendasein, ist doch das benachbarte Geheimarchiv wesentlich magnetischer für Phantasien aller Art. Das Archiv ist der ideale Nistplatz für Verschwörungstheoretiker und Dan-Brown-Verehrer. Dabei bezieht sich das Wort „geheim“ nur auf den Umstand, dass es ein päpstliches Privatarchiv ist, das lange Zeit nicht frei zugänglich war - und heute den Wissenschaftlern offen steht, die ein begründetes Forschungsinteresse nachweisen können. Die Bibliothek dagegen war immer der Ausweis päpstlicher Sammelleidenschaft. Schon im achten Jahrhundert gab es einen Bibliothekar; die heutige Sammlung verdankt sich Papst Nikolaus V., der 1447 den Grundstock legte. Heute umfasst sie zwei Millionen Bücher und Manuskripte, darunter 150 000 Handschriften, mehr als achttausend Inkunabeln, 300 000 Münzen und Medaillen.

Was sind drei Jahre im Angesicht der Ewigkeit?

Geleitet wird sie traditionell von einem Mitglied der Kurie. Dieses empfängt in einem Besuchszimmer, die Fensterflügel weit geöffnet, kühle Morgenluft strömt herein, der Baulärm dringt gedämpft herauf. Raffaele Kardinal Farina ist ein schmaler, feingliedriger Mann, dessen dunkle Augen Humor und Güte verströmen. Der sechsundsiebzigjährige Professor für Geschichte spricht leise, aber nicht ohne Leidenschaft. Er stammt aus Benevento in Kampanien. Sein Weg an die Spitze des ehrwürdigen Institutes schien nicht vorgezeichnet. Der Rektor der Päpstlichen Universität der Salesianer wurde 1997 von Johannes Paul II. zum Präfekten der Vatikanischen Bibliothek ernannt. 2006 weihte ihn Papst Benedikt XVI. zum Bischof, nur ein Jahr später wurde er zum Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche ernannt und in das Kardinalskollegium aufgenommen.

Und das kam so: Auf einer langen Bahnfahrt zu einem deutschen Wohltäter nach Salzburg habe ihn der aus Venezuela stammende Kardinal Castillo Lara erst dazu überredet, ein Konzept für die Neuausrichtung der Bibliothek zu schreiben. Als das erledigt war, habe er ihn aufgefordert, gleich auch das Amt anzutreten, erzählt Farina. Er folgte auf den schillernden Kardinal Jean-Louis Tauran, der mit seiner eigentümlichen Praxis der Lizenzvergabe der Bibliothek ein kompliziertes Rechte-Erbe hinterließ - und wegbefördert wurde. Gleich der Anfang von Farinas Amtszeit war überschattet von der Notwendigkeit, vierzig Angestellte zu entlassen. Der Neue hat nicht nur diese unangenehme Aufgabe gemeistert, gleich danach kam die Schließung der Biblioteca Apostolica Vaticana (BAV) - nicht des Geheimarchivs - für drei Jahre. Der Schritt hat etwas Italienisch-Bastaartiges: Was sind drei Jahre im Angesicht der Ewigkeit?

Gebaut wird mit Spendengeldern von Großunternehmen

Bis Ende September soll alles fertig sein. „Muss!“, sagt Kardinal Farina entschieden, während er entlang der mit Folie abgeklebten Regalwände des Lesesaals geht. Gefeiert wird die Wiedereröffnung nicht. „Wir sperren einfach auf, die Leute warten ja schon darauf.“ Statt eines Festaktes wird es im November ein Symposion geben; Benedikt XVI. soll nach Möglichkeit auch vorbeischauen. Nachdem dieser vor seiner Wahl zum Papst davon geträumt hatte, hier seinen Ruhestand forschend und schreibend zu verbringen, stehen die Chancen dafür nicht schlecht, glaubt der Kardinal.

Zwei große Lifte wurden eingebaut, um die Verkehrsströme der Bibliotheksnutzer aus den Lesesälen abzuleiten. Die gesamten Baukosten beziffert Farina auf rund sechs Millionen Euro, eigentlich eine verschwindend geringe Summe in Anbetracht der zu erledigenden Aufgaben. Vieles wird nach wie vor gespendet, zum Ruhme Gottes, der Ehre der Kirche oder dem eigenen Geschäft zuliebe. Denn in Italien spielt Sponsoring eine viel größere Rolle als in Deutschland. Den Außenlift etwa hat die Firma Italcementi spendiert. Er verbindet die Werkstätten mit den Labors, den Lesesaal mit den Handschriftendepots. Den Betonestrich habe der Bauchemieriese Mapei umsonst geliefert (der sich in den neunziger Jahren ein Profi-Radsport-Team leistete).

Die meisten Dokumente können nur Spezialisten lesen

Aber Sponsoring im Vatikan sei eben eine gute Werbung, obendrein steuerlich interessant. Die Kolonnaden am Petersplatz verunzieren derzeit riesige Werbebanner. Ästhetisch oder nicht, die Debatte rührt die Vatikaner nicht - beim Einsammeln von Spenden darf man nicht geschmäcklerisch sein: Nach Fertigstellung verschwindet die Werbung wieder.

Wie aber gestaltet die BAV die nächsten Schritte im digitalen Zeitalter? „Die Digitalisate müssen so perfekt wie möglich sein“, sagt der Kardinal. Auch in dieser Frage musste man weit ausgreifen, um mit der japanischen Firma Toppan einen adäquaten Partner zu finden. „Wir waren eine der ersten Bibliotheken, die ein elektronisches Archiv hatten“, sagt Raffaele Farina. „Natürlich brechen wir auf, aber wir machen das nicht wie bei Google.“ Das ganze Wissen der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen, davon hält der Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche nichts. Aber weniger, weil er Inhalte zurückhalten will, sondern weil er seine Bestände kennt: Originale würden grundsätzlich nur in digitalen Kopien nach außen gegeben. Auch wenn dereinst alle Bestände digitalisiert sein sollten - noch eine Utopie -, würden sie nur auf Anfrage zur Verfügung gestellt. „Alles ins Netz zu stellen ergäbe keinen Sinn. Die meisten Dokumente sind ohnehin nur für eine Handvoll von Experten interessant beziehungsweise überhaupt lesbar.“

Nur ein Drittel der Nutzer ist katholisch

So setzt man im Vatikan auf eine vermeintlich gestrige Technologie: Mikrofiche. „Wer weiß heute, wie lange Digitalisate wirklich überleben? Die Geschichte hat gezeigt, dass gescannte Bilder bei jeder Übermittlung Farbkraft einbüßen.“ Die Zusammenarbeit mit einem amerikanischen Großkonzern habe ihn eines Besseren belehrt: Vor gut zehn Jahren habe man 60 000 Miniaturen abgefilmt; geblieben davon sei so gut wie nichts. Deshalb nun der Schwenk auf eine eher konventionelle Technologie - und die Kooperation mit einer israelischen Firma, die auf Militärtechnologie spezialisiert ist. „Es ist nicht so, dass hier die Anbieter Schlange stehen, im Gegenteil: Wir mussten lange suchen, bis wir den richtigen Partner gefunden haben. Jetzt haben wir erst einmal vierzig Jahre Karenzzeit gewonnen“, sagt der Kardinal merklich erleichtert.

Er selbst - ein flotter E-Mail-Schreiber - habe sich nie Berührungsängste mit der digitalen Welt gestattet, sondern sei „absolut fasziniert“ von deren Möglichkeiten. Aber man müsse eben beide Welten beherrschen. Das werde auch an der hauseigenen Bibliotheksschule vermittelt, die an der Via della Conciliazione liegt. Vier Dutzend, zumeist aus Italien stammende Studenten werden dort ausgebildet. Die Bibliothek sei zwar keine genuin religiöse Einrichtung, von ihren rund fünfzehnhundert regelmäßigen Nutzern sei nur ein Drittel katholisch.

Das typisch Katholische ist die Verbindung von Glauben und Kunst

Auch sei bei den Bibliotheksschülern kein Nachweis erforderlich, dass sie einer Glaubensgemeinschaft angehörten. Aber das erledige sich manchmal von selbst: Der Weg von der Conciliazione über den Petersplatz, durch das Tor von St. Anna hinein in die Vatikanstadt und in die Bibliothekssäle habe eine mystische Ausstrahlung auf die Eleven, erzählt Farina. Wenn sie dann erst innerhalb der dicken Bibliotheksmauern angekommen seien, seien schon viele gläubig geworden: „Denn natürlich ist es etwas Besonderes, hier zu arbeiten.“

Auch deswegen, weil sich die Nähe zum Kirchenoberhaupt schon im Namen ausdrückt: Die Apostolische Bibliothek untersteht dem Papst, anders als das Geheimarchiv, das traditionell der Kurie vorbehalten war. Vatikantypisch klein ist der Wasserkopf: Geführt werden Bibliothek und Archiv mit ihren hundertachtzig Festangestellten plus fünfzig Teilzeitkräften von drei Geistlichen: dem Kardinalbibliothekar, dem Präfekten und einem amerikanischen Priester, der sich um rechtliche Belange kümmert. Der Rest sind Laien. Das typisch Katholische, sagt Farina, sei gerade hier gut sichtbar: Jene Mischung aus Glauben und Kunst, aus Religion und Kultur, die jahrhundertelang die Kirche geprägt habe. Deswegen liebe er Landstriche wie die Pfalz oder Bayern, wo dieses Erbe lebendig ist.

Vierzig Tage Quarantäne

Eintritt in den Bunker, durch drei Meter dicke Betonwände. Hier unten lagern Schätze, für die mancher Bibliophile einen Mord begehen würde. Der Präfekt, der Vizepräfekt, der Leiter der Handschriftenabteilung und eine seiner Mitarbeiterinnen schreiten wie bei einer Prozession hinter dem Kardinal ins Allerheiligste. Das präsentiert sich in stahlgrauer, klimatisierter Nüchternheit. Zwanzig Grad Celsius, fünfzig Prozent Luftfeuchtigkeit, ein hoffentlich immerwährendes Klima. In aufgeblähten durchsichtigen Plastiktüten lagern Neuzugänge, in Quarantäne sozusagen. Vierzig Tage müssen sie so liegen - wie Christus in der Wüste.

Die Sammlung zielte immer aufs große Ganze, alle facultates sollten vertreten sein. Sammlungsgründer Nikolaus V. ordnete an, auf allen Märkten des Ostens und des Westens die wichtigsten Bücher zu besorgen. Wenn sie nicht verkäuflich waren, ließ er auf eigene Kosten Kopien anfertigen. Als er 1455 starb, umfasste die Sammlung bereits 1200 Handschriften von erster Qualität, ein Drittel griechisch, zwei Drittel in lateinischer Sprache. Homer, Euklid, Cicero, Vergil, Dante - hier liegen jeweils die ältesten Exemplare. Der Codex Vaticanus, eine in Einzelblättern gesammelte Bibel aus dem frühen vierten Jahrhundert, besticht auch heute noch mit seinen makellosen griechischen Großbuchstaben, dreispaltig auf jeder Seite im Blocksatz angeordnet.

Fünfundachtzig Regalkilometer - und kein Ende in Sicht

Der Papyrus Bodmer ist hier einer der neuen alten Stars: Der amerikanische Mäzen Frank J. Hanna III. schenkte den in den letzten Jahrzehnten des zweiten Jahrhunderts geschriebenen Kodex 2007 Papst Benedikt. Sein Alter - nur anderthalb Jahrhunderte nach Entstehung der Evangelien - und sein Erhaltungszustand machen den Papyrus unschätzbar wertvoll. Von den ursprünglich zweiundsiebzig Blättern sind 1952 in Ägypten einundfünfzig Blätter (102 Seiten) bei Ausgrabungen gefunden worden: Das Lukas-Evangelium ist vollständig, das Johannes-Evangelium in Teilen erhalten. Im Bunker wandert man an Tausenden von ledernen Bücherrücken vorbei. Lautloses vatikanisches Zeitmaß. Das Sammeln aber kennt kein Ende. Zwar stehen hier unten auch geschlossene Bestände, Sammlungen, die komplett erworben oder geschenkt wurden, wie die „Biblioteca Reginense“ oder die „Biblioteca Urbinate“ des 1482 verstorbenen Herzogs von Urbino - von dem das Diktum überliefert ist, in seine Bibliothek kämen keine gedruckten Bücher.

Das unlösbare Problem der BAV sind die offenen Bestände, die permanent wachsen. Stand heute: fünfundachtzig Regalkilometer. Neben der Platzfrage steht die Sicherung der Bestände im Zentrum der Umbaumaßnahme. Der Bunker hat jetzt einen Notausgang, der Fußboden ist feuerfest, die Klimaanlage neu, das Kontrollsystem für die Luftfeuchtigkeit ebenso. Ein eigener Bunker beherbergt mit Sonderklima die Papyri. Das Zeitschriftendepot brauchte neue Regale. Und schließlich ist es dem Kardinal gelungen, den Salone Sistina als zweiten Lesesaal in die Bibliothek einzugliedern. Aber das alles sind immer nur Etappensiege einer Aufgabe, die ewig unvollendet bleiben muss.

Das Gefühl fürs Lesen nicht absterben lassen

Beharrungskräfte: Ob er an die Zukunft des Buches glaubt, muss man Kardinal Farina nicht fragen. Aber er weiß, worauf man wird achten müssen: „Es wird darauf ankommen, das Gefühl nicht absterben zu lassen, beim Lesen stünde die Zeit still.“ Im Herbst wird hier die Zeit in ihr altes Recht zurückkehren. Von den Wänden herab haben die Forscher stumme Aufseher: Im Zeitschriftenlesesaal hängen die Porträts der Vorgänger Kardinal Farinas im Bibliothekarsamt. Eines Tages wird auch sein Bild dort hängen. Fertig ist es schon.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Babelsberg, mon amour?

Von Andreas Kilb

Einhundert Jahre wird das Studio Babelsberg alt. Doch Rührung und echte Nostalgie wollen sich nicht einstellen. Babelsberg ist weder eine nationale Ikone noch ein Haus der Träume. Mehr