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Skandale in Hollywood Mad Max auf der Reue-Couch

16.02.2007 ·  Mel Gibson, Naomi Campbell und die anderen: Sich nach Fehltritten nur zu entschuldigen, reicht in Hollywood nicht mehr. Echte Stars inszenieren ihre Reue öffentlich - samt Selbsteinlieferung in die Therapieklinik.

Von Nina Rehfeld, Phoenix
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Was waren das noch für Zeiten, als Hollywoods Superstars heimlich durch die Hintertür in die Betty-Ford-Klinik verschwanden, um sich von ihren Süchten und Manien befreien zu lassen und nach einigen Wochen ein triumphales Comeback zu feiern. Heute findet die Rekonvaleszenz in aller Öffentlichkeit statt, und längst geht es nicht mehr nur um Alkoholsucht oder Kokainabhängigkeit, Bulimie oder Fresslust. Inzwischen sind es die Dellen im Charakter, die der Heilung bedürfen, und ganz wie die Schönheitschirurgie mit einem Pölsterchen am Bauch oder dem Höcker auf der Nase verfährt, so gelten inzwischen auch Persönlichkeitsschwächen als umstandslos reparabel: Verhaltenstherapie ist der letzte Schrei in Hollywood. „Entschuldigung zu sagen ist nur noch für die B-Sternchen gut genug“, befand das Online-Magazin Salon.com nüchtern in einer Kolumne.

Wenn heute Supermodel Naomi Campbell während eines ihrer Wutausbrüche ihr Mobiltelefon nach der Haushälterin wirft, wird sie, wie kürzlich geschehen, zu einem Kurs in „Anger Management“ verurteilt. Darüber freut sich vor allem die Presse, die dann so böse titeln kann wie neulich eine Chicagoer Zeitung: „Campbell in der Stadt, niemand verletzt“. Dabei war das Skandälchen vor allem ein Fauxpas in Sachen Timing. Denn wer in Hollywood seinen Ruf retten möchte, der kommt nach einem Nervenzusammenbruch der richterlichen Anordnung zuvor, streut lauthals Asche auf sein Haupt und begibt sich eilig in eine psychologische Behandlung, die die charakterliche Güte und Vorbildlichkeit wiederherstellt.

Die Skandale häufen sich

Zwar ist es nach wie vor nicht üblich, dass sich die Superstars in öffentlichen Handgemengen oder Beschimpfungen von der Bühne herab Blößen geben. Doch in einem Zeitalter, in dem auch die Putzfrau aus Guadalajara weiß, dass ein Klatschmagazin für eine brüskierende Geschichte vierstellige Summen bezahlt, in dem Handykameras allgegenwärtig sind und Videowebsites wie „Youtube“ genüsslich Fehltritte als Endlos-Videoschleife bereitstellen, sind Superstars auch in halböffentlichen und privaten Situationen nicht mehr sicher, wenn sie die Beherrschung verlieren. Und so häufen sich die Skandale und ihre Wiedergutmachung zum Trend.

Als Mel Gibson im vergangenen Herbst bei einer Trunkenheitsfahrt erwischt wurde und die Juden für sämtliche Kriege dieser Welt verantwortlich machte, steckte ein Mitarbeiter der zuständigen Polizeistation einer Internetseite Gibsons Polizeifoto und Einzelheiten des Polizeiberichts. Im Nu war überall im Wortlaut nachzulesen, was sich zu später Stunde auf den Highways in Malibu zugetragen hatte. Hollywood schwor, niemals wieder mit Gibson arbeiten zu wollen, einige Kollegen veröffentlichten gar ganzseitige Distanzierungsgelöbnisse.

Tiefe dunkle Wut

Gibson publizierte im Gegenzug gleich mehrere wortreich-zerknirschte Entschuldigungen und gelobte eine Therapie. „Ich bin dabei zu verstehen, wo diese niederträchtigen Worte herkamen“, erklärte er, „und ich bitte die jüdische Gemeinde, die ich so beleidigt habe, mir auf meinem Weg der Genesung behilflich zu sein.“ Schließlich übte er sich zwei Monate nach dem Ereignis bei einem peinlichen Fernsehauftritt in Selbstzerfleischung: Schwitzend und hochnervös bekannte er im Studio der Moderatorin Diane Sawyer, von einer „tiefen dunklen Wut“ gepeinigt zu werden. Und siehe da: Hollywood nimmt ihn wieder auf. Gibsons Film „Apocalypto“, dessen Veröffentlichung man noch im Herbst in Frage gestellt hatte, war für den Golden Globe als bester nichtenglischsprachiger Film nominiert und konkurriert nun um drei Oscars.

Seither werden sogenannte Meltdowns, wie sie seit den Kindestagen Hollywoods Ruhm und Glamour begleiten und die Klatschsucht der Promimagazine befeuern, von den Beteiligten nicht länger totgeschwiegen oder mit großer Geste überspielt: Man begibt sich in eine große Fernsehtalkshow, senkt reuig den Kopf und sucht sich einen Therapeuten. Zugegeben, es ist in diesen Zeiten nicht ungefährlich, in Hollywood ausfällig zu werden. Selbsternannte Anstandswächter wie die einflussreiche „American Family Association“ halten die öffentliche Moral (unter anderem mit Boykottdrohungen gegen Werbekonzerne und Fernsehsender) in einem so festen Griff, dass die amerikanische Medienaufsichtsbehörde FCC kürzlich das Wörtchen „shit“ im Fernsehen verbot und die Strafgebühren für Anstößigkeiten verzehnfachte. Doch in Hollywood steht mehr auf dem Spiel als die verletzten Gefühle von religiösen, ethnischen und anderen Gruppen. Es geht vor allem um die Pflege eines reinen Images, das in einer milliardenschweren Industrie viel Geld und bisweilen sogar die Existenz wert ist.

Ausgeflippt auf der Bühne

Als vor wenigen Wochen der Komiker Michael Richards, besser bekannt als der elektrifizierte Kramer aus der Comedyserie „Seinfeld“, bei einem Auftritt in der berühmten „Laugh Factory“ in Los Angeles von Zwischenrufern gestört wurde, flippte er aus und bedachte die Störer, die offenbar Afroamerikaner waren, mit jeder nur erdenklichen Abfälligkeit, darunter auch das niedrigste aller Unworte, „Nigger“. Dank der im Saal anwesenden Kamerahandys konnte man schon am nächsten Tag einen Mitschnitt der Entgleisung im Internet sehen.

Für Richards, dessen erfolgreiche Fernsehtage vorbei sind und der sich nun auf den Stand-up-Bühnen des Landes verdingt, ging es weniger um sein Image als um seine Existenz. Und so versuchte er einige Tage später bei David Letterman eine Entschuldigung. Anschließend leistete er im Rahmen einer Büßertour bei prominenten Schwarzen wie Jesse Jackson und Al Sharpton Abbitte. Und die amerikanische Öffentlichkeit lehnte sich mit einem zufriedenen Seufzer zurück. Die Amerikaner glauben in ihrem grenzenlosen Optimismus fest daran, dass sich jede Schwierigkeit mit der gebotenen Entschlossenheit hinwegmanagen lässt - selbst die Launen und Unverschämtheiten aufgeblasener Egos. Dass deren demonstrative Zerknirschtheit nur eine weitere Selbstbeweihräucherung darstellt, scheint niemand zu bemerken.

Ein notwendiger Schritt

Zuletzt sah sich Isiah Washington, Star von Amerikas derzeit erfolgreichster Serie „Grey's Anatomy“, gezwungen, den Canossagang anzutreten. Er hatte seinen Serien-Kollegen T.R. Knight bei einem Streit auf dem Set als „Schwuchtel“ bezeichnet. Washington hatte den Vorfall zunächst überspielt und kürzlich bei einer Pressekonferenz der Golden-Globe-Verleihung sogar abgestritten. Erst als empörte Fans seine Entlassung aus der Serie forderten und Washingtons Arbeitgeber ABC sich geneigt zeigte, den Forderungen nachzukommen, gab der Schauspieler nach. Er traf sich zu einer öffentlichen Entschuldigung mit Vertretern von Homosexuellenverbänden und checkte schließlich in ein nicht näher bezeichnetes „Zentrum für psychologische Evaluierung“ ein.

„Ich habe mich in Behandlung begeben“, ließ er vor wenigen Tagen mitteilen. „Ich betrachte dies als einen notwendigen Schritt, um zu verstehen, warum ich getan habe, was ich tat, und um sicherzustellen, dass dies nie wieder passiert.“ Washington hatte übrigens erst vor wenigen Wochen seinen langjährigen Agenten gefeuert und zwei professionelle Imageretter engagiert.

Quelle: F.A.Z., 17.02.2007, Nr. 41 / Seite Z4
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