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Schauspielerinnen Die Spielwütigen: Deutschlands neue Kinostars

12.01.2007 ·  Das deutsche Kino lebt: Neue Regisseure finden aufregende Bilder für die Gegenwart. Und dazu gibt es junge Schauspielerinnen, die bald als Stars des neuen deutschen Kinos gelten werden. Wir stellen die drei vielversprechendsten vor.

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Keine Ideen, keine Haltung, onkeliger Humor, die immergleichen Darsteller - der deutsche Film sah lange ziemlich furchtbar aus. Doch jetzt drängen neue Regisseure in die Kinos und finden aufregende Bilder für die Gegenwart.

Und dazu gibt es junge Schauspielerinnen, die bald als Stars des neuen deutschen Kinos gelten werden. Vor dem Bayerischen Filmpreis und der Berlinale haben wir die drei vielversprechendsten von ihnen getroffen.

Die Sanfte: Rike Schmid

Von Andreas Kilb

Sie lächelt, als läge ein Rudel Löwen zwischen den Tischen des Cafés, bereit, sich auf sie zu stürzen, wenn ihr ein winziger Fehler unterläuft, ein Schulterzucken, ein ängstlicher Blick. Aber es passiert nichts. Sie hat sich im Griff. Während sie spricht, zittert ihre Stimme unmerklich, wie bei einer Prüfung, die sie bestehen wird. Rike Schmid hat das Gesicht, von dem Mädchen träumen, wenn sie in Märchenbüchern von Prinzessinnen lesen, blonde Haare, grüne Augen, helle Haut. Wenn die Prinzessinnenträume vorbei sind, wollen die Mädchen zum Film.

Rike Schmid, die auf der Schulbühne Beckett und Dario Fo gespielt hat, ist zum Fernsehen gegangen. Dort, in der Märchenwelt der ZDF-Serie „Der Fürst und das Mädchen“, ist sie ein Star. Vom Kino, dem deutschen, kann sie nach fünf Filmauftritten noch träumen. „Auf ein Roadmovie hätte ich jetzt Lust.“ Sie will sich zwischen den Bildern bewegen, die falsche Sicherheit des Bildschirms hinter sich lassen, um anzukommen: bei sich selbst.

Rike Schmid ist siebenundzwanzig. Mit siebzehn ging sie zu Castings für Werbespots, mit zwanzig bekam sie eine Hauptrolle als rebellischer Teenager in der Fernsehserie „Aus gutem Haus“, mit zweiundzwanzig wurde sie zur Partnerin Maximilian Schells in „Der Fürst und das Mädchen“. Seither hat sie in zwei Dutzend Episoden die junge Waise Ursula gespielt, die sich der alte Fürst als Gattin in sein Schloss holt, wo sie ihm Kinder gebiert und sich gegen die Intrigen der übrigen Familienmitglieder behauptet.

Am 17. Januar wird die erste Folge der neuen Staffel ausgestrahlt: „Schatten über dem Glück“. Ein Mädchentraum. Ein Albtraum. In den Jahren am Set der Serie, sagt Rike Schmid, sei sie erwachsen geworden, diszipliniert, professionell. „Ich komme immer pünktlich, ich kann immer meinen Text, und ich mache mir wahnsinnig viele Gedanken.“ Vor fünf Jahren hat sie in Berlin ein Studium begonnen - Soziologie, Psychologie, historische Anthropologie: „Ich habe mich beim Beobachten immer sicherer gefühlt als beim Spielen.“ Ein Glück im Schatten des Vorlesungssaals. Das Thema ihrer Diplomarbeit: „Identität“. Mehr verrät sie nicht.

Nach ihren Auftritten neben Schell bekam Rike Schmid zahllose Rollenangebote, alle nach demselben Muster. Sie hat sie abgelehnt. Sie möchte raus aus dem Prinzessinnentraum und sich entdecken, im Kino, durch das Kino. Ihre erste Filmrolle, die rätselhafte, schweigsame Petronella in Martin Gypkens' Ensemblefilm „Wir“, war ein Versprechen: Traumbild, Seelentrösterin, Vestalin und Backfisch zugleich.

In Uwe Jansons Verfilmung von Brechts Drama „Baal“ hat sie die Emilie gespielt, die an dem Kraftkerl Baal zerbricht - aber so, als wäre der Schmerz ihr bester Freund: „Ich wollte, dass sie auch im Untergang eine gewisse Größe hat.“ In Marcus Rosenmüllers Bobfahrerfilm „Schwere Jungs“, demnächst im Kino, ist sie die Ehefrau eines der Helden.

Neulich, beim Filmfestival in Tokio, wo sie mit Jutta Brückners Film „Hitlerkantate“ gastierte, hat sie ein irritierendes Erlebnis gehabt: „Ich stieg aus einer Luxuslimousine, und eine Menschenmenge stürzte sich auf mich. Kameras, Blitzlichter, Geschrei, und ich hab' immer nur gedacht: Lächeln-Schreiten-Schreiten! Ich ging eine Treppe hoch, oben wurde eine Tür geöffnet, und plötzlich stand ich allein in einem dunklen Korridor.“ Es ist die Geschichte aller Filmstars, in Kurzform. Rike Schmid weiß, dass es keine wirklichen Stars im deutschen Kino gibt, keine Deneuve, keine Julia Roberts. Aber es gibt die Liga der großen Schauspielerinnen, Martina Gedeck, Hannelore Elsner, Franka Potente, und zu ihnen will auch Rike Schmid gehören, irgendwann.

Irgendwann! Noch hat die einstige Prinzessin viel an sich auszusetzen: „Meine Hüften sind zu breit, meine Brüste zu klein.“ Zerstückelt, in Einzelteilen, sagt sie, sehe sie sich selbst beim Blick in den Spiegel. Und: „Meine Kostümbildnerin hat gesagt, du ziehst dich an, als wolltest du dich verstecken.“

Sie verbirgt ihre Hände in den Ärmeln ihrer weiten Bluse, während sie spricht. Gerade hat sie die Agentur gewechselt, sich von der Serie verabschiedet, die alte Haut abgestreift. „Für 2007 habe ich keine Pläne.“ Sie rafft ihren Schal. „Ich bin eigentlich sehr scheu.“ Die Löwen springen auf, brüllen. Zu spät. Sie ist fort, ganz plötzlich, wie weggezaubert.

Die Mutige: Hannah Herzsprung

Von Julia Encke

Wenn Hannah Herzsprung neben Monica Bleibtreu am Klavier sitzt, in Chris Kraus' Film „4 Minuten“; wenn sie, mal widerspenstig, mal zärtlich und immer in stiller Gewaltbereitschaft, die Anweisungen der alten Klavierlehrerin befolgt - dann hat man tatsächlich das Gefühl, schon lange kein so schönes Liebespaar gesehen zu haben im deutschen Kino.

Sie sind natürlich nicht wirklich ein Paar. Eher sind sie „partners in crime“: Monica Bleibtreu eine gouvernantenhafte Dame mit altmodischer Brille, die in einem Frauengefängnis Klavierunterricht gibt; Hannah Herzsprung eine der Insassinnen dieses Gefängnisses, die im brutalen Kampf mit sich selbst aufhört, ihr musikalisches Talent zu leugnen, und so wieder Kontakt aufnimmt mit dem Leben.

„4 Minuten“ ist ein Film über die Begegnung dieser Frauen, die sich beide Härte antrainiert haben, um ihrer Vergangenheit zu entkommen. In der Begegnung bricht diese Härte auf. Es ist Hannah Herzsprungs erste große Rolle. „Jenny, die junge Frau, die ich da spiele, ist tatsächlich sehr, sehr weit von mir weg“, erzählt die Fünfundzwanzigjährige. „Also war ich beim Kickboxen und bin schon vor den Dreharbeiten in das Spreewald-Gefängnis in Luckau gefahren, wo wir dann gedreht haben, um mich an die Atmosphäre zu gewöhnen und um zu begreifen, wie man sich dort fühlt. Manche Szenen, die mir im Drehbuch irgendwie übertrieben vorkamen - wenn Jenny mit einem Mal gegen eine Fensterscheibe läuft oder wenn sie wie aus dem Nichts mit der Faust in den Spiegel schlägt -, leuchteten mir dort sofort ein.“

Hannah Herzsprung sitzt im Café Einstein und freut sich, dass ihre Haare inzwischen wieder halblang nachgewachsen sind. Abrasiert hat sie sie nicht für Chris Kraus' „4 Minuten“, sondern für den Film „Das wahre Leben“ von Alain Gsponer, den sie im Anschluss gedreht hat und der Ende Februar in die Kinos kommt.

Für die beiden Filme und für Fernsehrollen hat sie ihr Kommunikationswissenschaftsstudium in Wien abgebrochen, musste ihrem Vater, Bernd Herzsprung, der ja auch Schauspieler ist, aber versprechen, dass sie trotzdem eines Tages zu Ende studiert, und sie ist nach Berlin gezogen.

„Wollen Sie sehen, was mein Vater mir gerade geschrieben hat?“ Sie klappt ihr Portemonnaie auf, in dem ein blaues Post-it klebt: „Du kannst reinen Gewissens sagen, dass Du Dein Studium für diese Riesenchance unterbrochen hast (und vorhast weiterzustudieren). Love Dad.“ Sie lacht. „Meine Eltern fanden das eigentlich keine so gute Idee, dass ich auch Schauspielerin werden wollte. Natürlich haben sie sich mir aber auch nicht in den Weg gestellt. Als ich zehn war, haben wir unser Haus in der Nähe von Holzkirchen für Dreharbeiten vermietet und währenddessen dort weiter gewohnt. Und in diesem Film, der dort gedreht wurde, gab es ein Mädchen in meinem Alter, das die Hauptrolle gespielt hat. Ich weiß gar nicht mehr, welcher Film das war. Aber das Mädchen hat mich ungeheuer beeindruckt, also wollte ich unbedingt auch Schauspielerin werden.“

Mit vierzehn spielt sie die Mimi in „Aus heiterem Himmel“, der schön-chaotischen Familienserie vom Starnberger See. Sie machte ihr Abitur auf einem Internat in England, arbeitete als Produktionsassistentin bei der Bully-Parade, war eine der Hauptdarstellerinnen in „18 - Allein unter Mädchen“, und immer wieder spielte sie an der Seite großer deutscher Schauspieler: Senta Berger, Herbert Knaup und jetzt: Monica Bleibtreu. Der Film „4 Minuten“, der am 1. Februar in die Kinos kommt, hat unter anderem den Hauptpreis beim Filmfestival in Schanghai bekommen.

Luc Besson sei da der Vorsitzende der Jury gewesen, sagt sie und spricht mit viel Glanz in den Augen von „Léon - der Profi“, der einer ihrer ersten Lieblingsfilme gewesen sei, vor allem wegen Natalie Portman, die so alt sei wie sie. Nichts an Hannah Herzsprung erinnert im Gespräch an die Härte und Gewaltbereitschaft der Jenny in Chris Kraus' Film. Sie spielt am allerwenigsten sich selbst. Und wie sie da - ein bisschen verträumt, sehr anmutig und trotzdem energisch - vor einem sitzt, traut man ihr alles zu, auch die großen deutschen Film- und Fernsehpreise. Hannah Herzsprung gehört zum Besten, was dem deutschen Kino in letzter Zeit passiert ist.

Die Rebellische: Sandra Hüller

Von Melanie Mühl

Es gibt eine Szene in dem großartigen Film „Requiem“ von Hans-Christian Schmid, die so verstörend ist, dass sie einen lange Zeit nicht mehr loslässt. Man sieht eine zutiefst verwirrte Sandra Hüller auf der Wohnzimmercouch ihrer Eltern kauern, die Mutter flößt ihr behutsam Suppe ein, während der Pfarrer in Lauerstellung an der Türe lehnt. Völlig unvermittelt spuckt die junge Frau, die, wie alle glauben, vom Teufel besessen ist, ihrer Mutter die Suppe direkt ins Gesicht. In einem schwäbischen Haushalt eine Todsünde. Dann springt sie auf, tobt und brüllt, als stünde ihr Leben auf dem Spiel. Ihr Gesicht wird zur Fratze, und wie sie einen ansieht, mit aufgerissenen, angsterfüllten Augen wie ein krankes Tier, weiß man, dass es tatsächlich um eine Welt geht, die plötzlich unerreichbar geworden ist.

Für ihre Rolle eines zu Tode exorzierten Mädchens aus der schwäbischen Provinz wurde Sandra Hüller bei der Berlinale 2006 als beste Hauptdarstellerin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung trug sie ein schwarzes Kleid und roten Lippenstift, und sämtliche Kameras waren auf die Schauspielerin gerichtetet, als sie stolz und überglücklich ihre Trophäe küsste. Man freute sich und sah in ihr das Sensationstalent an der Schwelle zur Berühmtheit. Ein Mädchen, das die Glitzerwelt entdeckte.

Und weil es ein so rührendes Kinomärchen war, vergaß man einfach, dass Sandra Hüller schon seit Jahren im Geschäft ist. Dass sie nach dem Abitur ihre thüringische Heimat verließ und von Friedrichroda nach Berlin zog, um an der Hochschule Ernst Busch Schauspielerei zu studieren. Dass sie in Jena und Leipzig und Basel auf der Theaterbühne stand und einen Erfolg nach dem nächsten feierte, als sei dies die normalste Sache der Welt.

Sie spielte Kleists Käthchen, Goethes Gretchen und Shakespeares Julia, Frauengestalten, die an der Liebe und an sich selbst zerbrechen. Die von etwas träumen, das sich niemals erfüllen wird. Dieses Schema möchte sie nicht mehr erfüllen. „Irgendwann“, sagt sie, „hat sich das Bild von mir mit meinen Rollen vermischt.“

Im vergangenen Jahr hat Sandra Hüller Basel gegen Berlin eingetauscht. Sie habe auch das Großstädtische vermisst, dieses Gefühl, es könne jeden Moment irgendetwas Bedeutendes passieren. Etwas, das einen überrascht, irritiert. Stattdessen spiegele sich das Gemütliche und Vorhersehbare in den Gesichtern der Menschen, die sich ihre Welt so überschaubar eingerichtet haben, als handelte es sich um ein perfekt sortiertes Möbelhaus. „Als Künstler muss man sich an der Umgebung reiben.“ In Basel war das nicht mehr möglich.

Schüchterner, sagt sie, sei sie geworden seit ihrem großen Erfolg, und wahrscheinlich rührt daher ihre ungeheure Angst, missverstanden zu werden. Bei Sätzen, die ihr wichtig sind, weil sie tiefer blicken lassen, als ihr selbst vielleicht lieb ist, vergewissert sie sich stets, ob man denn auch wirklich verstanden habe, was sie meine. Dann sieht sie einen mit ihren hellen Augen eindringlich an und hebt ihre Brauen. Sie kämpft noch mit ihrer Rolle in der Öffentlichkeit. „Vor zwei, drei Jahren hätte ich noch für alle das lächelnde Mädchen gespielt. Aber warum muss ich plötzlich geschminkt und gestylt sein, wenn ich irgendwo sitze?“

Wer glaubt, Sätze wie diese bewiesen, dass Sandra Hüller eine Rebellin ist, irrt. Sie weiß nur, wohin sie will, sie bezieht Position. Wie die junge Mutter, die sie in Maria Speths Film „Madonnen“ spielt, der in diesem Jahr in die Kinos kommt und bei der Berlinale im Februar Premiere feiert. Eine Rolle, die ihre Sehnsucht nach einer Heldin stillt? „Auf gewisse Weise ist Rita eine Heldin, auch wenn sie meist verantwortungslos ist.“ Immer wieder würfelt die Kriminalität ihr Leben durcheinander, sie muss ins Gefängnis und ihre Tochter in die Hände ihrer Mutter geben. Es gibt einen Moment in ihrem Leben, in dem sie einen Neuanfang versucht und scheitert. „Ist sie nun frei oder nicht? Sie passt in kein Schema, sie ist Mutter, Frau, Geliebte. Opfer ist sie aber nicht.“

Im März kann man Sandra Hüller wieder auf der Bühne sehen, an den München Kammerspielen, wo sie als Prinzessin Natalie von Oranien in dem Stück „Prinz Friedrich von Homburg“ auftritt. Eine mutige Frau, die innig liebt, erwachsen und unbedingt, und die keine Sekunde davor zurückscheut, für andere durchs Feuer zu gehen. Die Rolle dürfte ihr gefallen.

Quelle: F.A.Z. vom 13. Januar 2007
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