28.09.2007 · Richard Sherman schrieb mit seinem Bruder Robert viele der berühmtesten Lieder aus den Filmen von Walt Disney. Andreas Platthaus traf den 79-Jährigen anlässlich der DVD-Neuausgabe des „Dschungelbuchs“ in der Hamburger Speicherstadt zum Gespräch.
Von Andreas PlatthausRichard Sherman schrieb zusammen mit seinem Bruder Robert viele der berühmtesten Lieder aus den Filmen von Walt Disney. Andreas Platthaus traf den immer noch quicklebendigen Neunundsiebzigjährigen anlässlich der DVD-Neuausgabe des „Dschungelbuchs“ in der Hamburger Speicherstadt zum Gespräch.
Was ist Ihr liebster Disney-Film, Mr. Sherman?
„Das Dschungelbuch“, und das sage ich nicht nur, weil wir uns aus diesem Anlass hier treffen. An keinem anderen Trickfilm hat je eine solch hochkarätige Crew mitgearbeitet. Ich gehörte damals als junger Mann mit dazu, und natürlich wusste ich, dass ich es mit sehr talentierten Trickzeichnern zu tun hatte. Aber dass es die Besten waren, die es jemals gegeben hat, dass sie teilweise schon dreißig Jahre zuvor an „Schneewittchen und die Sieben Zwerge“ oder „Pinocchio“ mitgearbeitet hatten, das ist mir erst später klargeworden. Heute bin ich einer der Letzten, der noch von diesen Genies erzählen kann. Und vom größten Genie von allen: Walt Disney.
Wie sind Sie mit ihm in Kontakt gekommen?
Mein Bruder Robert und ich arbeiteten in den späten fünfziger Jahren als Songwriter, und einer unserer Hits war ein Rock’n’Roll-Song: „Tall Paul“. Er wurde von Annette Funicello gesungen, einem damals sechzehnjährigen Mädchen, das mit der Fernsehsendung „Mickey Mouse Club“ als „Disney-Mouseketeer“ bekannt geworden war. Für sie schrieben wir auch solch famose Titel wie „Pineapple Princess“ und „Jo-Jo the Dog Faced Boy“. Walt Disney war sehr stolz auf Annettes Karriere und verfolgte sie genau. Als er dann für „The Parent Trap“, einen Disney-Film nach Erich Kästners „Doppeltem Lottchen“, ein paar Lieder benötigte, erkundigte er sich, wer Annettes Komponisten waren, und so kamen wir zusammen. Der Rest ist Geschichte: Eines Tages händigte Walt Disney uns ein Buch aus und sagte: „Lesen Sie das, und erzählen Sie mir, wie Sie es finden.“ Mehr sagte er nicht. Wir dachten uns ein paar Lieder dazu aus, und als wir sie Disney vorgespielt hatten, fragte er uns, ob wir fest für ihn arbeiten wollten. Als wir begeistert einwilligten, sagte er: „Dann nennt mich fortan nicht mehr länger Mr. Disney, sondern Walt.“
Und um welches Buch handelte es sich?
Um „Mary Poppins“. Für die Musik zur Disney-Verfilmung haben wir dann 1965 zwei Oscars gewonnen.
Wie geht es Ihrem Bruder Robert? Früher sind Sie doch nur gemeinsam aufgetreten.
Er ist mittlerweile ein bisschen wacklig – kein Wunder im Alter von zweiundachtzig –, aber geistig ist er noch vollkommen fit. Vor fünf Jahren ist er nach London gezogen, während ich in Los Angeles geblieben bin. In letzter Zeit sind einige unserer Filmlieder zur Grundlage von Musicals gemacht worden, zum Beispiel „Chitty Chitty Bang Bang“ oder „Mary Poppins“. Deshalb hatten wir viel zu tun, und wir haben noch einiges gemeinsam vor. Aber Sie wissen ja: Von all den Schiffen, die man auf die Reise schickt, kommen die wenigsten an. Deshalb will ich über unsere Pläne nicht sprechen. Aber es werden noch einige Schiffe vom Stapel gelassen.
Bei den Sherman-Brothers gelten Sie als der Komponist, Robert als der Texter.
Das läuft so: Zunächst müssen uns drei Dinge klar sein. Erstens: Warum wird das Lied überhaupt geschrieben? Zweitens: Für welche Figur entsteht es? Und drittens: Welche Stimmung soll es erzeugen? Wenn wir uns darüber verständigt haben, setze ich mich ans Klavier und gebe ein paar musikalische Ideen vor. Dann kommt Robert dazu und trägt ein paar Verse bei. So spielen wir uns die Bälle zu – hin und her. Wenn dann etwas besonders gut funktioniert, tritt plötzlich Totenstille ein. Und dann brüllen wir: „Das passt!“ Erst wenn wir beide uns einig waren, haben wir Walt Disney etwas vorgespielt. Oder eben unseren heutigen Produzenten.
Was unterschied Walt Disney von anderen Leuten, für die Sie gearbeitet haben?
Walt war der größte Geschichtenerzähler des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts. Er führte uns bei den Besprechungen jede einzelne Pose der verschiedenen Figuren vor. Wir waren alle wie hypnotisiert davon. Beim ersten Treffen der Mitwirkenden am „Dschungelbuch“ verbot er uns, das Buch zu lesen, und spielte uns stattdessen seine Version davon vor. Er war die Seele der ganzen Produktion. Keiner von uns hätte sich vorstellen können, dass er vor der Fertigstellung sterben würde.
Stimmt es, dass er kurz vor seinem Tod im Dezember 1966 noch einmal ins Studio gekommen ist?
Ja. Man hatte bei ihm vollkommen überraschend Krebs diagnostiziert, und er kam nach seiner ersten Operation, bei der ihm ein Lungenflügel entfernt wurde, tatsächlich noch einmal zu uns. Als Robert und ich ihm im Foyer des Studios begegneten, sah er sehr schlecht aus, bleich und schmal, nicht mehr so robust wie früher. Wir sahen ihm an, wie ernst es um ihn stand. Und er verhielt sich auch anders als zuvor. Normalerweise bekam man von Walt niemals ein direktes Lob; er konnte die Leistungen seiner Mitarbeiter vor anderen in den höchsten Tönen preisen, aber ihnen selbst sagte er bestenfalls: „Das wird funktionieren.“ Aber diesmal rief er: „Jungs, macht so gut weiter wie bisher.“ Und er winkte uns noch einmal zu, als er weiterging. Das war meine letzte Begegnung mit Walt Disney.
Wann hatten Sie die Arbeit am „Dschungelbuch“ begonnen?
Das muss im Jahr zuvor gewesen sein, im Winter 1965. Wir wussten damals nicht, dass der Film schon lange in Arbeit gewesen war und dass eine erste Version existierte, die Walt aber nicht überzeugt hatte. Deshalb übernahm er nach langer Zeit noch einmal selbst die Produktionsleitung bei einem Film und riss das Steuer komplett herum. Denn die erste Version hatte sich noch ganz am düsteren Ton des Kipling-Originals orientiert.
Wie weit waren diese Vorarbeiten bereits gediehen?
Der Film stand unmittelbar vor Beginn der Animation. Der extrem begabte Drehbuchschreiber Bill Peet, den Robert und ich schon von unserer Arbeit an „Merlin und Mim“ her kannten, hatte die Story abgeschlossen, und auch die Musik war vollständig fertig. Unser Kollege Terry Gilkyson hatte mehrere Lieder geschrieben, aber Walt hat keines davon gefallen – bis auf eines, das es dann auch bis in „Dschungelbuch“ geschafft hat: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“. Das ist heute bisweilen Anlass für peinliche Situationen, wenn jemand hört, dass ich die Lieder für „Dschungelbuch“ geschrieben habe, und er mir dann sagt: „Toll, mein Lieblingslied ist ,Probier’s mal mit Gemütlichkeit‘.“
Wie haben Peet und Gilkyson damals auf Walt Disneys Eingreifen reagiert?
Gilkyson wurde durch die Oscar-Nominierung für sein Lied versöhnt und hat später auch noch für die „Aristocats“ einen Song geschrieben. Bill Peet aber war tief getroffen: Walt war zu beschäftigt gewesen, um sich in der Frühphase um „Dschungelbuch“ zu kümmern, und er gab Peet, der zuvor mit „101 Dalmatinern“ einen Riesenerfolg geschrieben hatte, zunächst freie Hand. Als Walt dann die Ergebnisse ablehnte, hat Peet sofort gekündigt. Deshalb rief Walt die Creme seines Studios, ein rundes Dutzend Mitarbeiter, darunter auch wir, zu jenem Treffen zusammen, auf dem er dann seine Version des „Dschungelbuchs“ vorstellte. Als Motto gab er aus: „Ihr müsst Spaß an der Sache haben.“
Was halten Sie von der ersten Version?
Gut, dass Sie mich das gerade heute fragen, denn ich war eben in der Hamburger Kunsthalle. Dort habe ich erstmals genau verstanden, was damals passiert ist. In der Kunsthalle habe ich zwei Altmeister-Bilder gesehen, die dieselbe Szene zeigen – aber in jeweils vollkommen anderem Stil. Es hat mich begeistert, wie durch die individuelle Betrachtungsweise eines Künstlers unsere Sicht auf ein Geschehen bestimmt werden kann: dieselbe Geschichte, aber unterschiedlich erzählt. Genau so verhält es sich auch mit Peets und Walt Disneys Versionen von „Dschungelbuch“ oder mit Gilkysons und unserer Musik dazu.
Wie lief die Arbeit am „Dschungelbuch“ nach dem Neuanfang ab? Ihre Lieder mussten ja auch erst einmal fertig werden, bevor die Animation beginnen konnte.
Die wichtigsten Beteiligten trafen sich regelmäßig alle zwei Monate bei Walt, und jeder stellte seine Ideen vor. Daraus wurde dann die endgültige Fassung entwickelt. Es war also nicht so, dass wir fertige Lieder mitbrachten, sondern wir stellten verschiedene Melodien zu einer Szene vor, und jeder neue Vorschlag war willkommen. So hielten es alle Beteiligten. Diese Diskussionen waren das Schönste an der Arbeit. Walt hat sie manchmal noch dadurch angefeuert, dass er sagte, man solle einmal alle Ideen zusammenwerfen. Das waren dann regelrechte Jam-Sessions, bis er schließlich die letzte Entscheidung traf. Doch noch bei den Aufnahmen unserer Lieder wurden bisweilen Texte verändert, weil die Sprecher spontane Einfälle hatten. Der musikalische Auftritt von King Louis, dem König der Affen, etwa orientiert sich am Stil des Trompeters und Sängers Louis Prima, der ihm die Stimme lieh. Und als der Komiker Phil Harris, der den Bären Balu sprach, in den Scat-Gesang von Prima einfiel und seinen Part frei improvisierte, haben wir uns im Aufnahmestudio vor Lachen kaum noch halten können. Dieses Duett musste man einfach so lassen. Prima und Harris haben viele Jahre später unabhängig voneinander gesagt, dass sie den Figuren aus dem „Dschungelbuch“ ihre Unsterblichkeit verdanken. Und das stimmt. Hier sitzen wir vierzig Jahre später, und jedes Kind wächst immer noch mit diesen Stimmen auf. Und so wird es auch bleiben.
Einiges im „Dschungelbuch“ ist rätselhaft: Die vier singenden Geier zum Beispiel haben Frisuren wie die „Beatles“, aber sie singen im Stil eines Barbershop-Quartetts.
Wir dachten, eine Hommage an die „Beatles“ würde das Publikum amüsieren, und Robert und ich hatten auch schon ein Lied im passenden Stil komponiert. Dann sollten die „Beatles“ gefragt werden, ob sie es für uns singen würden, doch ihr Manager hat abgelehnt. Und Walt meinte ohnehin, dass man in ein paar Jahren den Witz nicht mehr verstünde. Das war einer seiner wenigen Irrtümer, aber deshalb haben wir die zeitlose Form des Barbershop-Quartetts gewählt.
Warum hat man Sie nicht auch gebeten, die Lieder für die Fortsetzung des „Dschungelbuchs“, die das Disney-Studio 2003 herausgebracht hat, zu schreiben?
Ich wünschte, Sie hätten damals das Studio geleitet! Für „Tiggers großes Abenteuer“ hatte man uns ein paar Jahre zuvor noch engagiert. Ich weiß nicht, weshalb es ausgerechnet bei „Dschungelbuch 2“ nicht geschehen ist.
Allerdings hatten Sie da schon lange bei Disney aufgehört. Warum eigentlich?
Naja, Walt war gestorben. Wir waren seine Lieblinge gewesen und hatten deshalb immer viel zu tun – nicht nur für Filme, sondern auch für die Disney-Fernsehsendungen und die Vergnügungsparks. Wir arbeiteten teilweise an fünf Sachen gleichzeitig. Unsere letzten Aufträge, für die Lieder in „Aristocats“ und „Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“, hatte Walt uns noch persönlich erteilt. Als der Boss dann tot war, klingelte das Telefon nicht mehr. Wenig später lief unser Vertrag aus, und wir haben andere Angebote angenommen. Aber niemand hat je so sehr in Liedern gedacht wie Walt.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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